Historiker Christian Promitzer mit einer Schnabelmaske aus dem 19. Jahrhundert.
Der Historiker Christian Promitzer untersuchte die BekĂ€mpfung von Infektionskrankheiten wie Pest, Cholera, Typhus und Pocken im Habsburgerreich des 19. Jahrhunderts und stieß dabei auf frĂŒhe Formen von Social Distancing und Fake News. Im Bild mit der Schnabelmaske, die zur Bildmetapher fĂŒr den „Schwarzen Tod“ in Europa wurde. © Sabine Hoffmann/FWF

HIV, SARS, Ebola und jetzt Corona: zahlreiche Epidemien haben in den vergangenen Jahrzehnten die Hoffnung, die Menschheit wĂŒrde mit dem technologischen Fortschritt diese Seuchen endlich ĂŒberwinden, als trĂŒgerisch entlarvt. Epidemien, die ganze Landstriche entvölkerten, hat es immer wieder gegeben. Allein der Spanischen Grippe fielen zwischen 1918 und 1920 bis zu 50 Millionen Menschen zum Opfer. Seit der Mensch sesshaft wurde, finden Krankheitserreger in der Zivilisation jene Brutherde, die sie zur Entfaltung brauchen. So auch jenes Bakterium, das Weltgeschichte schrieb: Yersinia pestis, das Pest-Bakterium.

Der „Schwarze Tod“

Die großen SeuchenzĂŒge der Pest durchliefen von der Bronzezeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ganze Kontinente. Nach Mitteleuropa kam der „Schwarze Tod“ 1347 – vermutlich auf Schiffen aus dem Vorderen Orient. Die Hafenstadt Caffa auf der Krim-Halbinsel, das heutige Feodosija in der Ukraine, war damals eine der wichtigsten Handelskolonien Genuas. Von dort breitete sich das Pest-Bakterium ĂŒber die Handelswege nach Europa aus und raffte zwischen 1347 und 1352 schĂ€tzungsweise ein Drittel der europĂ€ischen Bevölkerung dahin.

Entdeckung des Bakteriums

Woher die Pest kam, wussten die Menschen im Mittelalter noch nicht. Erst 1894 konnte der französische Arzt Alexandre Yersin nachweisen, dass es sich um eine bakterielle Infektion handelt, die vor allem durch Ratten und andere Nagetiere auf Flöhe und den Menschen ĂŒbertragen wurde.

Erste QuarantÀne in Venedig

Anfangs wurden Kranke ohne besondere Vorkehrungen in örtliche KrankenhĂ€user gebracht, spĂ€ter kennzeichnete man die HĂ€user Pestkranker mit einem Kreuz und Betroffene mussten in ZwangsunterkĂŒnfte außerhalb der Stadt ziehen. Zunehmend wurde klar, dass man die Ausbreitung durch Isolation der Kranken eindĂ€mmen konnte. Im spĂ€ten 14. Jahrhundert wurde auf einer venezianischen Insel die erste QuarantĂ€nestation errichtet. Da die Venezianer einen Zusammenhang zwischen Pest und Schiffsverkehr vermuteten, standen Reisende 40 Tage unter QuarantĂ€ne – aus dem italienischen Wort fĂŒr 40 „quaranta“ abgeleitet.

Rein, verdÀchtig, faul

Als Folge musste jeder Freihafen eine QuarantĂ€nestation haben, die der sogenannten „Venezianischen Ordnung der Lazarette“ folgte. Diese Ordnung sah drei Stufen vor: Traf ein Schiff ein, hatte es entweder ein reines, ein verdĂ€chtiges oder ein faules Patent. Faul, wenn es PestfĂ€lle an Bord gab und verdĂ€chtig, wenn es von einem Hafen kam, wo die Pest möglicherweise ausgebrochen war.

Keime – wissenschaftliche Theorie zur QuarantĂ€ne

Die wissenschaftliche Theorie zur Praxis der Isolation wurde erst im 16. Jahrhundert geliefert: Der italienische Arzt Girolamo Fracastoro stellte durch Beobachtung von InfektionskrankheitsverlĂ€ufen fest, dass die Ansteckung ĂŒber Keime erfolgen mĂŒsse, die sich an OberflĂ€chen und Kleidung heften. Die Maßnahmen dagegen: QuarantĂ€ne, Lagerung, LĂŒftung und RĂ€ucherung. Bis dahin glaubte man seit der Antike an KrankheitsĂŒbertragung ĂŒber faulige Prozesse in Luft und Wasser, sogenannte „Miasmen“.

Die Schnabelmaske gehörte zu den Utensilien des frĂŒhneuzeitlichen Pestdoktors. Neben einem Schutzmantel aus gewachstem Stoff oder glattem Leder sowie Stulpenhandschuhen sollte die Schnabelmaske, deren Augenöffnungen mit Glas- oder Kristallscheiben versehen waren, den Pestdoktor vor Ansteckung schĂŒtzen. © Sabine Hoffmann/FWF

MilitÀrischer Kordon gegen die Pest

ZusĂ€tzlich zur QuarantĂ€ne fĂŒr den Schiffsverkehr gewann in der frĂŒhen Neuzeit der militĂ€rische Kordon zur Abriegelung eines pestverseuchten Gebietes auf dem Landweg an Bedeutung. „Ab dem 18. Jahrhundert wurden die Strukturen der MilitĂ€rgrenzen, die zwei Jahrhunderte zuvor als Abwehr gegen osmanische EinfĂ€lle errichtet wurden, zur Abwehr der Pest verwendet“, erzĂ€hlt Christian Promitzer. Der Historiker der UniversitĂ€t Graz untersuchte in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt die BekĂ€mpfung von Infektionskrankheiten wie Pest, Cholera, Pocken, Typhus, Malaria und Syphilis in SĂŒdosteuropa zwischen dem Wiener Kongress 1815 und dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Social Distancing im Habsburgerreich

Das grĂ¶ĂŸte QuarantĂ€negebĂ€ude lag in Semlin, dem heutigen Zemun, einem Stadtbezirk von Belgrad. Damals lag Semlin auf österreichischem Gebiet und bildete die Grenze zu Belgrad auf der osmanischen Seite. In der sogenannten „Kontumaz-Station“ von Semlin – vom italienischen „contumĂ cia“ fĂŒr QuarantĂ€ne abgeleitet - gab es neben GebĂ€uden, in denen Handelswaren zwischen dem Habsburgerreich und den Osmanen fĂŒr eine gewisse Isolationszeit eingelagert wurden, auch HĂŒtten, wo Menschen fĂŒr die Dauer der QuarantĂ€ne – gruppenmĂ€ĂŸig getrennt – untergebracht waren. „Sind sie am Hof spazieren gegangen, durften sie niemanden einer anderen Gruppe berĂŒhren, sonst hĂ€tte die Gruppe, die in der QuarantĂ€ne schon weiter war, wieder von vorne anfangen mĂŒssen“, erzĂ€hlt Promitzer von Social Distancing in dieser frĂŒhen Form. Auch MĂŒnzen, die zwischen osmanischen und österreichischen HĂ€ndlern wechselten, mussten fĂŒr eine gewisse Zeit zur Desinfektion in eine Essiglösung gelegt werden.

Viehschwemmen und Kontumazgabeln

Ein weiterer wichtiger Teil der QuarantĂ€nestation Semlin waren die sogenannten Viehschwemmen. Vor allem Schweine, die zwischen Österreich und dem Osmanischen Reich gehandelt wurden, mussten die Save beziehungsweise die Donau ĂŒberqueren. „Man hoffte, sie wĂŒrden durch die Schwemme im Wasser von Viehseuchen gereinigt“, erlĂ€utert der Experte. Auch die gesamte Post, die vom Osmanischen Reich ĂŒber den Landweg in die europĂ€ischen GroßmĂ€chte ging, passierte die QuarantĂ€nestation von Semlin und erfuhr eine besondere Behandlung: Die Briefe wurden aufgeschlitzt und gerĂ€uchert. Gehalten wurden sie dabei mit der sogenannten Kontumazgabel. „Noch heute kann man, wenn man sich die damalige Post anschaut, die Schlitze sehen, die diese Gabel verursacht hat“, erzĂ€hlt der Historiker.

Anfang des Jahres 1879 wurde bekannt, dass im russischen Astrachan in einigen Dörfern die Pest ausgebrochen war. Aus Angst, die Seuche könne sich bis nach Österreich ausbreiten, wurden die Grenzen zu Russland und zum Balkan abgeriegelt. Die in Wien erscheinende Satirezeitschrift „Kikeriki“ thematisierte die damalige große Pestangst. © ANNO Kikeriki 1879/ÖNB

Risikogruppe muslimische Pilger

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bildete die Balkanhalbinsel eine „Pufferzone“ zwischen der Österreich-Ungarischen Monarchie und dem Osmanischen Reich, das als BrutstĂ€tte fĂŒr verschiedene Seuchen galt. Als besondere Risikogruppe in der Verbreitung von Seuchen galten zudem muslimische Pilger. 1865 wurde die Cholera von Mekka-Pilgern, die an den heiligen StĂ€tten des Islam auf der arabischen Halbinsel Kontakt zu Muslimen aus infizierten Gebieten Indiens und SĂŒdostasiens hatten, aus Ägypten nach Konstantinopel eingeschleppt. „FĂŒr Österreich-Ungarn, das ab 1878 mit der vormals osmanischen Provinz Bosnien-Herzegowina einen betrĂ€chtlichen muslimischen Bevölkerungsanteil verwaltete, stellte die jĂ€hrliche Pilgerreise nach Mekka ein ernsthaftes sanitĂ€res Problem dar“, sagt Promitzer.

„Man muss immer auch den Disziplinarcharakter von QuarantĂ€ne und die Stigmatisierung von Gruppen im Auge behalten.“ Christian Promitzer

QuarantĂ€ne als Disziplinierungsmaßnahme

Die nach Europa rĂŒckkehrenden Pilger wurden am Suezkanal festgehalten und auf der Sinai-Halbinsel in QuarantĂ€nestationen untergebracht. „Viele bosnische Pilger versuchten aus Angst, sie wĂŒrden dort von christlichen Ärzten umgebracht werden, in einer Karawane ĂŒber den Landweg nach Europa zurĂŒckzukehren“, erzĂ€hlt der Grazer Historiker aus einem Bericht eines damaligen österreichischen Konsuls. Ein Arzt, der vor Ort die SanitĂ€tsmaßnahmen zu ĂŒberwachen hatte, berichtet von rigiden Maßnahmen, denen die muslimischen Pilger ausgesetzt waren: So mussten sie sich etwa vor christlichen Ärzten nackt ausziehen, die dann medizinische Untersuchungen vornahmen. „Man muss immer auch den Disziplinarcharakter von QuarantĂ€ne und die Stigmatisierung von Gruppen im Auge behalten“, gibt Promitzer zu bedenken.

Zyklon B – gegen LĂ€use und Juden

Dieser Grundgedanke war es auch, der den Slawisten, Germanisten und Historiker zu seinem Forschungsgebiet der Epidemien in SĂŒdosteuropa brachte. Anstoß gab die wissenschaftliche Arbeit des britischen Medizinhistorikers Paul Weindling, der die Entwicklung des Gesundheitswesens in Deutschland und Österreich erforscht hat. Dabei stellte er fest, dass das nationalsozialistische Regime versuchte, die jĂŒdische Bevölkerung mit KleiderlĂ€usen gleichzusetzten, die Flecktyphus ĂŒbertrugen. Auch wurde Zyklon B, ein Insektenvernichtungsmittel zur Entlausung von GebĂ€uden und Kleidung, in Konzentrationslagern zur Vergasung von JĂŒdinnen und Juden eingesetzt. Promitzer konnte eine Ă€hnliche Übereinstimmung in Bulgarien feststellen: „Die muslimische Bevölkerung wurde als unhygienisch und verlaust angesehen und eine der ersten Disziplinierungsmaßnahmen war die Schur der Haare – gerade fĂŒr muslimische Frauen ein wahrer Affront“, nennt er ein Beispiel.

„Die Erkenntnisse aus der Cholerapandemie fĂŒhrten zur Verbesserung der MĂŒllbeseitigung, der Kanalisation und der Grundwasserversorgung.“ Christian Promitzer

ModernisierungsschĂŒbe durch Epidemien

Seit Ende 2019 ein neuartiges Virus in China auftauchte, dem man den Namen Sars-CoV-2 gab, ist die Wissenschaft gefragt, diesen Erreger zu verstehen und unter Hochdruck an neuen Medikamenten und Impfstoffen zu forschen. Auch frĂŒhere Epidemien trieben die Forschung voran: Man suchte nach Ursachen und diskutierte Maßnahmen. „Im 19. Jahrhundert hat eine Diskussion, die quer ĂŒber den europĂ€ischen Kontinent gefĂŒhrt wurde, ob die Pest wirklich eine bakterielle Krankheit sei oder nicht etwa doch durch Miasmen verbreitet wĂŒrde – was bedeutet hĂ€tte, dass man weniger auf QuarantĂ€ne und mehr auf Desinfektion setzten mĂŒsse – zu einer Hygienereform gefĂŒhrt“, nennt der Experte fĂŒr Medizingeschichte ein Beispiel.

Cholera – MĂŒllbeseitigung und Kanalisation

Als im Jahr 1830/31 die erste Cholerapandemie ĂŒber Europa rollte, viele Todesopfer forderte und man merkte, dass dieser Krankheit mit QuarantĂ€ne nicht beizukommen war, begann man mit dem Mikroskop nach dem Erreger zu suchen. Vibrio Cholerae, das Bakterium wurde 1854 erstmals – von der Öffentlichkeit unbeachtet – vom italienischen Anatomen Filippo Pacini beschrieben. Ein Jahr spĂ€ter erkannte der britische Arzt John Snow, dass diese Krankheit ĂŒber verunreinigtes Trinkwasser ĂŒbertragen wird. „Diese Erkenntnisse fĂŒhrten in der Folge zur Verbesserung der MĂŒllbeseitigung, der Kanalisation und der Grundwasserversorgung in den StĂ€dten“, nennt der Grazer Historiker die Modernisierungsschritte, die durch die Erkenntnisse in der Erforschung der Cholera angestoßen wurden.

Fake News aus der Vergangenheit

So wie heute Falschnachrichten, Verschwörungstheorien und GerĂŒchte in sozialen Netzwerken kursieren, gab es auch frĂŒher Fake News: Dabei stand das Osmanische Reich als BrutstĂ€tte der Pest unter Generalverdacht. „Obwohl man Mitte des 19. Jahrhunderts die Gewissheit hatte, dass schon mehr als zehn Jahre keine Pest mehr im Osmanischen Reich aufgetreten ist, gab es immer wieder Falschmeldungen in den Zeitungen“, sagt der Historiker. In den 1850er-Jahren reiste eine in Wien ernannte Pestkommission von Ärzten nach Valona, dem heutigen VlorĂ« in SĂŒdalbanien, um PestgerĂŒchte zu ĂŒberprĂŒfen. Festgestellt konnte lediglich ein epidemischer Ausschlag werden.

„Erst ab der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts wurden Infektionen als Haupttodesursache von Zivilisationskrankheiten abgelöst.“ Christian Promitzer

Massenpanik

Anfang des Jahres 1879 schlug eine Zeitungsmeldung hohe Wellen als bekannt wurde, dass im russischen Astrachan in einigen Dörfern die Pest ausgebrochen war. Aus Angst, die Seuche könne sich bis nach Österreich ausbreiten, wurden die Grenzen zu Russland und zum Balkan abgeriegelt. Die damalige Massenpanik stellte sich jedoch als ĂŒbertrieben dar, da die Epidemie in ihrer Ursprungsregion bald erlosch. Diese Episode zeigt wohl auch, wie sehr sich die Angst vor dieser Krankheit in den Köpfen festgesetzt hat. Deutlich wird dieses Erbe auch an Redewendungen: Wenn jemand etwas „hasst wie die Pest“ oder „man jemandem die Pest an den Hals wĂŒnscht“.

Von Infektions- zu Zivilisationskrankheiten

Bei der Erforschung von Epidemien setzt sich der Grazer mit einem Thema auseinander, das den Alltag der Menschen ĂŒber Jahrtausende beeinflusst hat, waren doch Infektionskrankheiten lange Zeit die Haupttodesursache. „Die Menschen starben an Krankheiten wie Typhus, Fleckfieber, Cholera und der Pest. Erst ab der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts wurden Infektionen in den entwickelten LĂ€ndern als Haupttodesursache definitiv abgelöst von Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, weiß der Historiker. Doch taucht ein neues Virus auf, wie Ende 2019 mit Corona, sieht man, wie verletzbar auch unsere technisierte Zivilisation ist und wie stark der Alltag der Menschen plötzlich davon bestimmt sein kann: wenn sie in Isolation sind, Abstand halten und Gesichtsmaske tragen mĂŒssen. Und wer weiß, ob der „Babyelefant“ nicht als Maßeinheit in unseren Sprachgebrauch Einzug hĂ€lt.

Zur Person

Der Historiker Christian Promitzer ist Vertragsassistent an der UniversitĂ€t Graz. Seine Forschungsinteressen sind die Geschichte SĂŒdosteuropas, die Sozialgeschichte der Medizin, die ethnischen Beziehungen in SĂŒdosteuropa sowie die Geschichte von Slowenien und Bulgarien. In einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschungsprojekt untersuchte er die BekĂ€mpfung von Infektionskrankheiten und das Gesundheitswesen in SĂŒdosteuropa von Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs.  Weiters erforschte er mit Mitteln des FWF versteckte Minderheiten zwischen Zentraleuropa und dem Balkan. Der 58-JĂ€hrige studierte Slawistik, Germanistik und Geschichte an der UniversitĂ€t Graz und beherrscht die slawischen Sprachen des sĂŒdöstlichen Europas.