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Die postmoderne Familie: Nicht perfekt, aber schön?

Immer mehr heterosexuelle Frauen entscheiden sich für das Co-Parenting. Im Fokus stehen Kinderwunsch und Kindeswohl, ohne die hohen Ansprüche einer Liebesbeziehung. Quelle: Shelby Deeter/Unsplash

„Du hast einen Kinderwunsch? Bist womöglich Single, lesbisch oder schwul? Ob Co-Elternschaft, Regenbogenfamilie, Mehrelternschaft oder alleinerziehend: Gründe die Familie, die zu dir passt!“ Mit diesem Versprechen wirbt familyship.org ihre Mitglieder an. Die Plattform ermöglicht Familienplanung per Internet. Ein Trend, den es in den USA und Großbritannien schon länger gibt. Seit rund zehn Jahren wächst dieser Markt auch im deutschsprachigen Raum. Dort war familyship.org die erste Plattform dieser Art, die inzwischen 14.000 Nutzer:innen und 7.000 Mitglieder zählt. Wie beim Onlinedating legt man ein Profil an, knüpft Kontakte, lernt sich kennen. Man erfüllt sich den Kinderwunsch und das ohne Liebe und in der Regel ohne Sex. Der Kitt sind eine freundschaftliche Beziehung zwischen den Co-Eltern und das gemeinsame Kind.

Hat die traditionelle Familie, die Liebespartnerschaft zwischen Frau und Mann, aus der Kinder hervorgehen, nun endgültig ausgedient? In einer Gesellschaft, in der jede dritte Ehe geschieden wird und immer mehr Singles leben, erscheint Co-Parenting ein logisches Kind seiner Zeit zu sein, vielleicht gar das künftige Modell der postmodernen Familie? Dabei darf nicht vergessen werden, vielfältige Familiensysteme sind der geschichtliche Normalfall. „Das Leitbild der bürgerlichen Kernfamilie entstand erst spät, Ende des 18. Jahrhunderts, und hat auch das christlich-katholische maßgeblich beeinflusst“, erklärt die Moraltheologin Angelika Walser.

Motive und Werte von Co-Eltern

Gemeinsam mit der Dissertantin Bernadette Breunig untersucht Walser an der Universität Salzburg den Wandel der Familienleitbilder aus katholisch-ethischer Perspektive. Aktuell erforscht sie das am Beispiel von Co-Parenting. Noch gibt es kaum Studien dazu, was Co-Elternschaft mit den Kindern und Erwachsenen langfristig macht. Walser und Breunig wollen das ändern. In Interviews mit mehr als einem Dutzend Co-Eltern haben sie nach den Motiven und Wertvorstellungen der Elternpaare gefragt, die sich über family.org gefunden hatten.

Während das Co-Parenting anfangs vor allem für homosexuelle und queere Paare ein attraktives Modell darstellte, wird es inzwischen auch vermehrt für heterosexuelle Frauen interessant. Die Untersuchung zeigte, dass zwei Drittel der Mitglieder heterosexuelle Frauen sind. Viele von ihnen haben entweder keinen Partner oder einen, der ihren Kinderwunsch nicht erfüllt, und irgendwann tickt die biologische Uhr. Hinzu komme, berichtet Walser, dass Frauen gerechte Rollenverteilungen in der Fürsorge um das Kind wichtig seien und viele von ihnen diesbezüglich schlechte Erfahrungen gemacht haben. Das ist auch ein Grund, weshalb anonyme Samenspenden für die Frauen nicht infrage kommen. Der Wunsch, in einem guten freundschaftlichen Verhältnis beider biologischer Elternteile für die Kinder da zu sein, ist das Hauptmotiv für das Co-Parenting. Hinzu kommen dann oft noch die „sozialen Eltern“, etwa wenn homosexuelle Paare in einer Liebesbeziehung sind und Wunschkinder mit einem Co-Elternteil bekommen. Der Großteil der werdenden Co-Eltern ist übrigens akademisch gebildet und gut situiert, sie können und wollen sich Kinder leisten. – Nur eben ohne die Last einer Liebesbeziehung mit ihren hohen Ansprüchen.

Verantwortungsvoll oder egozentrisch?

Ist diese Form von Co-Parenting eine neue, bessere Variante der Beziehungskultur im kleinsten sozialen Gefüge oder doch nur eine Zweckfreundschaft, die eigennützig auf das Projekt Kind fokussiert? Angelika Walser räumt eine anfängliche Skepsis ein, die sie bei der „Familie nach Wahl“ hatte. „Mittlerweile wissen wir aus den Interviews, dass das Verantwortungsbewusstsein bei den Paaren sehr groß ist. Auch ihr Umfeld ist in der Regel verlässlich und stabil und sie achten darauf, dass sie zugunsten der Kinder und ihrer Rechte agieren.“ Grundsätzlich ist beim Co-Parenting das Recht gewährleistet, dass Kinder ihre biologischen Eltern kennen. Das wird von den Paaren von Anfang an eingeplant, auch wenn die Beziehung auseinandergehen sollte. Doch genau hier sieht Walser eine mögliche Bruchstelle. „Die große Illusion der Co-Parents ist, sich alles untereinander auszumachen, ohne sich rechtlich abzusichern.“ Doch was ist, wenn ein Elternteil erkrankt oder in finanzielle Schwierigkeiten gerät und der Fürsorgepflicht nicht mehr nachkommen kann? Was, wenn ein Kind behindert ist? Walser empfiehlt den Website-Betreibenden, stärker auf Rechtsberatungen hinzuweisen, und den werdenden Eltern, sich vertraglich abzusichern. Eltern müssten Vorsorge tragen, um das jeweils schwächste Mitglied zu schützen. „Es läuft nicht immer alles nach Plan, nicht nur seitens der Kinder“, gibt die Moraltheologin zu bedenken.

Traditionelle Werte bleiben

Im Co-Parenting-Modell gibt es viele Überschneidungen mit den Wertvorstellungen in klassischen Familien, wie die Beschreibung einer Interviewten zeigt: „Nach außen hin sieht niemand, dass wir nicht eine ganz normale Familie sind.“ Auch die Moraltheologin sieht in dem „Modell liebevoller Beziehung“ ein tragfähiges Familiensystem neben anderen mit Verbindungen zur katholischen Tradition, wo Freundschaft und Liebe eng verzahnt sind. Walser ist es wichtig, einen Anstoß in der theologischen Ethik zu geben, die Pluralität der Familienformen im Wandel der Zeit anzuerkennen. Kleine Ansätze dazu habe sie zuletzt im Schreiben „Amoris laetitia“ von Papst Franziskus gefunden, der den Wert der Freundschaft in der Ehe hervorhebt, sagt sie. Aus ihrer Sicht würde es zugunsten der Partner:innen und Kinder Sinn machen, wenn das Modell der Co-Elternschaft künftig rechtlich reguliert wäre – so wie es in Deutschland gerade diskutiert wird. Walser und Breunig wollen jedenfalls weiterhin untersuchen, wie eine zeitgemäße Familienethik aussehen könnte, die Kindern Stabilität und Eltern Zufriedenheit gibt.   


Zur Person

Angelika Walser ist seit 2015 Universitätsprofessorin für katholische Moraltheologie und Spirituelle Theologie an der Universität Salzburg. Davor war sie u. a. an der Universität Wien tätig. Mit einem APART-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften  (ÖAW) forschte sie in Boston. Walsers Forschungsschwerpunkte sind Bioethik (v. a. Leihmutterschaft, Adoption, Egg-Freezing) sowie Beziehungsethik und feministische Theologie. Das Projekt „Kinderrechte in der Reproduktionstechnologie“ läuft noch bis 2024 und wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit 122.000 Euro gefördert. 2023 erscheint der Sammelband „Familie im Wandel“ mit Beiträgen aus dem Projekt.


Publikationen

Walser, A.: Zum Umgang mit dem unerfüllten Kinderwunsch aus theologisch-spiritueller Sicht. Eine persönliche Erkundung, in: Family Forum, 11, 321–331, 2022

Walser, A.: Egg Freezing und Co-Parenting – Maßnahmen zukünftiger Familienplanung aus theologisch-ethischer Sicht, in: Büchner C., & Giele N. (Hg.), Theologie von Frauen im Horizont des Genderdiskurses, 273–285, 2020

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