Interview & Meinung

Vermitteln, wie Wissenschaft funktioniert

Beate Langholf verantwortet die Ausstellungsprojekte bei Wissenschaft im Dialog. Corona habe gezeigt, wie wichtig es ist, nicht nur wissenschaftliche Inhalte zu vermitteln, sondern auch die Prozesse dahinter, sagt sie. Quelle: privat

Seit 2013 unterstützt der FWF Forschende, ihr Wissen und ihre Erkenntnisse für Jung und Alt zugänglich zu machen. Soeben wurden neue Projekte bewilligt. Was zeichnet gute Wissenschaftskommunikation aus?

Beate Langholf: Das eine Erfolgsrezept dafür gibt es nicht. Aber es gibt Kriterien, an denen man sich orientieren kann. Dazu zählt, sich über seine Zielgruppe im Klaren zu sein und seine Ziele vorab festzulegen. Die erste Frage, die man sich daher stellen sollte, lautet: Was will ich an wen vermitteln? Das ist die Voraussetzung dafür, dass am Ende die Zielerreichung auch überprüft werden kann. Ein weiterer Erfolgsfaktor kann sein, sich innovative Formate zu überlegen. Solche, die man etwa bei einem bestimmten oder schwierigen Thema nicht erwartet. Das können zum Beispiel schauspielerische Interventionen sein, um Ereignisse in ein anderes Licht zu rücken. Damit können auch Leute erreicht werden, die sich eher nicht für Forschung interessieren.

Neue Zielgruppen zu gewinnen gelingt übrigens auch gut, indem man Projekte an Orten umsetzt, die nicht mit wissenschaftlichen Themen assoziiert werden, wie ein Varieté oder ein Biergarten. Und natürlich können Partizipation und Interaktion wesentliche Faktoren für erfolgreiche Wissenschaftskommunikation sein. Man kann etwa bereits in der Planungsphase seine Zielgruppe miteinbeziehen.

Gibt es Themen, die sich besonders gut für Wissenschaftskommunikation eignen, und andere weniger?

Langholf: Da würden manche vielleicht mit Ja antworten, ich finde allerdings, dass man das nicht so allgemein behaupten kann. Es ist richtig, dass es bei den klassischen breitenwirksamen Formaten wie den „Langen Nächten der Wissenschaften“ nach wie vor einen Schwerpunkt bei den Naturwissenschaften gibt. Die Forschenden in diesen Disziplinen können Experimente durchführen und Exponate bauen und so leichter Menschen für ihr Thema interessieren. Solche Hands-on-Umsetzungen sind bei den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht immer so einfach. Aber auch für diese Bereiche gibt es Tools wie etwa Spiele oder Umfragen, bei denen das Publikum selbst aktiv werden kann. Und gerade diese Disziplinen sind mit ihrer Arbeit oft nah am Alltag der Menschen dran.

Ist es besser, sich auf kleinere Zielgruppen zu konzentrieren?

Langholf: Die Evaluationsforschenden sind nicht sehr glücklich, wenn man sagt, man will die breite Öffentlichkeit erreichen. Also ja, man sollte das eingrenzen und den Fokus auf ausgewählte Zielgruppen legen. Wenn das Format auf eine Teilöffentlichkeit zugespitzt wird und das dann andere auch noch toll finden, umso besser. Und natürlich hilft es auch, wenn Projekte niedrigschwellig angesetzt sind, aber das kann man nicht immer leisten. 

Sie sind mit „Wissenschaft im Dialog“ in Deutschland sehr erfolgreich. Sie organisieren Schulprojekte, Ausstellungen und betreiben Online-Plattformen. In welche Richtung haben sich die Formate in den vergangenen Jahren entwickelt?

Langholf: Ursprünglich haben wir mit breitenwirksamen Projekten angefangen, wie Ausstellungen oder Festivals. Inzwischen hat sich das stark diversifiziert. Wir haben jetzt auch Formate, die sich an die Wissenschaftscommunity selbst richten und an die Personen, die in der Kommunikation tätig sind. Dafür haben wir das Portal Wissenschaftskommunikation.de eingerichtet. Das Portal dient zum Austausch von Erfahrungen, zur Inspiration und Information, zum Beispiel über neue Studien für alle, die sich mit der Vermittlung von wissenschaftlichen Inhalten beschäftigen.

Die selbstkritische Analyse und kontinuierliche Professionalisierung ist ein wichtiger Trend.

Beate Langholf

Das ist ein wichtiger Trend in unserem Feld, die selbstkritische Analyse und kontinuierliche Professionalisierung. Daher gibt es bei uns jetzt auch eine Impact Unit, in der Tools entwickelt werden, um Formate der Wissenschaftskommunikation gut zu evaluieren. Ziel ist es, dass Wissenschaftskommunikator:innen die Wirkung ihrer Projekte überprüfen können und so langfristig auch die Qualität der Maßnahmen steigt.

Wie wirkt sich Wissenschaftskommunikation auf die beteiligten Forschenden aus?

Langholf: Da kann ich nur von meinen Projekten sprechen. Ich sehe jedenfalls, dass es etwas mit den Menschen macht, wenn sie miteinander ins Gespräch kommen. Es regt auch die Wissenschaftler:innen an, gerade wenn sie mit Leuten reden, die keine Ahnung von ihrem Fachgebiet haben. Da kommen oft spannende Fragen und viele sind danach sehr motiviert. Wir haben zum Beispiel für ein Projekt über Genomchirurgie einen Wissenschaftler angefragt, der zuerst skeptisch war, ob unsere geplanten „Unterhausdebatten“ zu einem solch komplexen Thema funktionieren würden. Am Ende war er sehr angetan von dem Format, der Austausch mit den Besucher:innen war auch für ihn sehr spannend und gewinnbringend. Gute Erfahrungen dieser Art zu machen, kann für die Forschenden ein Türöffner sein, um in den Dialog mit der Bevölkerung zu kommen und neue Formate auszuprobieren.

Wie kann man die Forschenden unterstützen?

Langholf: Das ist ein wichtiger Punkt, denn sie brauchen die entsprechende Förderung und Unterstützung vor allem durch ihre Institutionen. Kommunikations- oder Citizen-Science-Projekte kosten natürlich auch Geld, das oft nicht zur Verfügung steht. Ebenso ist die Wertschätzung im Kolleg:innenkreis wesentlich sowie eine gute Begleitung durch die Kommunikationsabteilungen. Wir bemühen uns zudem, auch jene zu motivieren, die Wissenschaftsvermittlung nicht so häufig machen.

Seit zwei Jahren steht die Wissenschaft nun im Rampenlicht. Die Coronapandemie hat den Stellenwert von Forschung in den Fokus gerückt. Gleichzeitig haben viele Menschen nach wie vor wenig Vertrauen in sie. Das zeigen aktuelle Ergebnisse des Eurobarometers. Österreich (an vorletzter) und Deutschland (an letzter Stelle) schneiden im EU-Vergleich besonders schlecht ab. Welche Lehren müssen wir daraus ziehen?

Langholf: Der wissenschaftliche Diskurs ist in den vergangenen zwei Pandemiejahren natürlich in den Fokus gerückt. Für viele ist es immer noch schwierig, die wissenschaftlichen Prozesse zu verstehen, weil es nicht die eine Studie gibt, die die letztgültige „Wahrheit“ belegt, und das ist verwirrend. Mein Eindruck ist, dass das Verständnis von Forschung zwar teilweise besser geworden ist, aber es ist in jedem Fall noch ausbaufähig. Corona hat gezeigt, dass es immer wichtiger wird, nicht nur wissenschaftliche Inhalte zu vermitteln, sondern auch die Prozesse dahinter.

Die, die gar kein Vertrauen in die Forschung haben, sind im Moment sehr laut.

Beate Langholf

Für die Wissenschaftscommunity ist es normal, dass Methoden und Ergebnisse diskutiert werden, nach außen hin kann das wie Streit wirken. Wenn sich dann auch noch die Empfehlungen der Wissenschaft und die Entscheidungen der Politik widersprechen, dann verunsichert das. Tatsächlich ist in Deutschland das Vertrauen in die Wissenschaft wesentlich höher als das Vertrauen in die Politik. Laut den jüngsten Ergebnissen des Wissenschaftsbarometers haben mehr als 60 Prozent der deutschen Bevölkerung durchaus Vertrauen in die Forschung. Doch die, die das gar nicht haben, sind im Moment sehr laut.

Die Eurobarometer-Umfrage untermauert, dass vielen Menschen das Wissen darüber fehlt, wie Forschung funktioniert. Wo konkret muss man ansetzen, um das zu ändern?

Langholf: Das nächste Wissenschaftsjahr in Deutschland wird sich genau diesem Thema widmen: Wie funktioniert Forschung? Zum einen wird dabei mit einem partizipativen Ansatz der Frage nachgegangen, welche großen Forschungsthemen die Menschen wichtig finden. Zum anderen geht es auch darum zu zeigen, wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert. Im Forschungsalltag können sich Ergebnisse widersprechen, es kann zu Fehlern kommen oder Versuche laufen schief, das heißt aber nicht, dass Wissenschaft als solche nicht funktioniert. Gerade die Funktion des Korrektivs und das Berücksichtigen neuer Erkenntnisse sind ja integraler Bestandteil von Wissenschaft. Diese Prozesse darzustellen ist wichtig.

Und es hilft auch, wenn die Menschen hinter der Forschung sichtbar werden. Forschende sind „ganz normale Menschen“ und außerhalb ihres Fachgebiets in der Regel auch Lai:innen wie alle anderen. Schon seit einigen Jahren sind die Bestrebungen in der Wissenschaftskommunikation daher auf die Vermittlung der Prozesse ausgerichtet, ebenso wie auf den Austausch auf Augenhöhe. Man muss in Dialog mit den Menschen kommen und sie sollten sich einbringen können.

In Österreich wird seit Längerem darüber diskutiert, einen Teil der staatlichen Medienförderung in die Stärkung des Wissenschaftsjournalismus zu investieren. Welchen Stellenwert haben die Medien in der Wissenschaftskommunikation?

Langholf: Gerade weil Wissenschaft für die gesamte Gesellschaft wichtig ist, ist es für eine funktionierende Demokratie notwendig, dass speziell der Wissenschaftsjournalismus gut funktioniert. Dieser sollte nicht verwechselt werden mit der Wissenschaftskommunikation, die von wissenschaftlichen Institutionen ausgeht. Beides ist wichtig und sollte nicht in Konkurrenz treten. Darüber hinaus hat gerade auch die Pandemie gezeigt, dass es auch für Journalist:innen aus anderen Ressorts zunehmend wichtig ist, ein gewisses Verständnis für wissenschaftliche Arbeitsweisen zu haben.

Wie hat sich die Pandemie auf Ihre Tätigkeit und die Projekte ausgewirkt?

Langholf: Es war und ist eine schwierige Zeit, da weniger Veranstaltungen vor Ort stattfinden können. Aber das brachte auch kleine Innovationsschübe, denn es ist jetzt selbstverständlicher geworden, Projekte digital umzusetzen. Manches davon wird sicherlich auch nach Corona bleiben – zumindest teilweise. Wir wollten zum Beispiel im Wissenschaftsjahr Bioökonomie einen Fashion-Hackday organisieren. Live vor Ort war das nicht mehr möglich, also haben wir das Format auf digital umgestellt, verteilt auf mehrere Termine. Und das hat erstaunlich gut funktioniert. Der Großteil der Teilnehmenden blieb über den Zeitraum von mehreren Wochen dabei, auch wenn die Betreuung digital natürlich völlig anders aussieht als vor Ort.


Beate Langholf arbeitet bei Wissenschaft im Dialog (WiD), einer organisationsübergreifenden Initiative für Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Langholf konzipiert u. a. Formate zur Wissenschaftsvermittlung und ist für die Ausstellungsprojekte von WiD verantwortlich. Sie ist Mitglied der Jury des Förderprogramms „Wissenschaftskommunikation“ des Wissenschaftsfonds FWF.


Wissenschaftskommunikation fördern

Seit 2013 unterstützt der Wissenschaftsfonds FWF jährlich Forschende in der Umsetzung von innovativen Projekten zur Vermittlung von Grundlagenforschung an die Öffentlichkeit. Mit bis zu 50.000 Euro und einer Laufzeit von einem Jahr können FWF-geförderte Wissenschaftler:innen aller Disziplinen über das spezielle Förderprogramm „WissKomm“ ihre Kommunikationsaktivitäten ausbauen. „WissKomm“ ermöglicht Forschenden so gezielt, mit den Menschen in Dialog über Wissenschaft zu treten, ob in der Stadt, am Land, auf der Bühne, in der Schule oder im Internet.


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