Illegale MĂ€rkte im Darknet: Drogenerwerb per Mausklick
Die Festnahme von Venezuelas PrĂ€sident NicolĂĄs Maduro durch das US-MilitĂ€r lieĂ die Weltöffentlichkeit aufhorchen. US-PrĂ€sident Donald Trump wirft Maduro vor, in den internationalen Drogenhandel verwickelt zu sein. Drogenkonsum ist in den USA seit Jahrzehnten ein ernstes Gesundheitsproblem, das vor allem von synthetischen Opioiden wie Fentanyl geprĂ€gt wird und jĂ€hrlich mehr als hunderttausend Todesopfer fordert. Europa gilt nach den USA als der profitabelste Markt fĂŒr Drogen. Zuletzt ist hier der Konsum von Kokain stark angestiegen. Stabile Preise und höhere VerfĂŒgbarkeit machen die Droge besonders fĂŒr junge Menschen attraktiv.
Der US-Angriff auf Venezuela wird das Problem mit dem Drogenhandel jedoch nicht lösen. Es liegt in der Natur dieser MĂ€rkte, dass diese Netzwerke schnell auf verĂ€nderte Bedingungen reagieren, sagt Meropi Tzanetakis von der WirtschaftsuniversitĂ€t Wien. Die FWF-geförderte Soziologin hat sich auf illegale MĂ€rkte und DrogenkriminalitĂ€t spezialisiert. Sie erforscht, wie legale Ăkonomien, politische Systeme und die Gesellschaft mit dem illegalen Handel verflochten sind. Derzeit untersucht Tzanetakis, wie die Digitalisierung den Drogenmarkt verĂ€ndert hat.
Drogenhandel im Netz
Illegale DrogenmĂ€rkte haben sich durch die Digitalisierung stark verĂ€ndert. WĂ€hrend Regierungen weltweit jĂ€hrlich rund 100 Milliarden Euro fĂŒr ihre BekĂ€mpfung ausgeben, wachsen diese MĂ€rkte schneller als die Weltwirtschaft. Die Soziologin Meropi Tzanetakis untersucht die Dynamik dieser Entwicklung, indem sie wirtschaftliche, technologische und soziale Aspekte verbindet.
Frau Tzanetakis, wie erforscht man MĂ€rkte, die im Verborgenen agieren?
Ich betreibe einfach gesagt Feldforschung im Internet, das, was wir im Fachjargon digitale Ethnografie nennen. Auf diversen Plattformen beobachten wir, wie sich HÀndler:innen, KÀufer:innen und Plattformbetreiber:innen prÀsentieren, wie Interaktionen und Wettbewerb zwischen ihnen ablaufen.
Zudem können wir viele Daten ĂŒber Angebot und Nachfrage, Art der Drogen, Feedback und Preise mithilfe von Web-Scraping, einer Technik, mit der man groĂe Mengen an Daten von Webseiten ausliest, sammeln und analysieren. Damit lĂ€sst sich nachvollziehen, welche Handelsvolumina erzielt werden, in welche LĂ€nder verschifft wird, welche QualitĂ€ten die Drogen haben und ob die Konsumierenden zufrieden sind oder nicht. Ăber diese Marktdaten wird das sogenannte Dunkelfeld Drogen etwas besser zugĂ€nglich.
Wie kann man sich das vorstellen? Haben Sie Fake Accounts angelegt?
Das ist gar nicht notwendig, denn wir bewegen uns in mehr oder weniger öffentlichen digitalen RÀumen. Das Darknet ist nicht etwas per se Verbotenes, wie oft geglaubt wird. Wir wissen aus Untersuchungen, dass etwa 50 Prozent des Inhalts legal sind. Der Handel mit Drogen im verborgenen Teil des Internets liegt bei rund 4 Prozent. Das Schwierige ist also nicht so sehr, dass man Zugang zu illegalen OnlinemÀrkten findet. Schwierig wird es, wenn man tatsÀchlich mit Drogen handeln will.
Wie hat die Digitalisierung den Drogenhandel verÀndert?
Illegaler Drogenhandel macht sich die neuen digitalen Technologien zunutze, die auch den legalen Handel grundlegend verĂ€ndert haben. Indem er sich in das Netz verlagert hat, folgt er den Marktlogiken der Plattformökonomie, denn es ist ein lukratives GeschĂ€ft. Was sich damit verĂ€ndert hat, ist die Art der Kommunikation zwischen vermehrt jungen HĂ€ndler:innen und jĂŒngeren Konsumierenden. Ăber verschlĂŒsselte Messengerdienste, soziale Medien und digitale Zahlungssysteme wie KryptowĂ€hrungen organisieren HĂ€ndler:innen Verkauf und Bezahlung.
Dabei kann es auch zu Konflikten und Betrug kommen, genauso wie auf legalen Plattformen. Wenn etwa bestellte Ware nicht ankommt, sich verzögert oder die QualitĂ€t nicht zufriedenstellend ist. Da gibt es mehrere Möglichkeiten, damit umzugehen, denn natĂŒrlich wollen sich alle absichern: Plattformbetreiber:innen, VerkĂ€ufer:innen und Kund:innen. Im Endeffekt mĂŒssen die Systeme funktionieren. Wenn die Technologie nicht nutzerfreundlich ist, wird sie nicht verwendet. Das kennen wir auch aus unserem Alltag.
âDrogenhandel folgt den Marktlogiken der Plattformökonomie.â
Funktionieren digitale Drogenplattformen also Àhnlich wie Amazon oder eBay?
Drogenplattformen im Darknet sind durchaus vergleichbar mit kommerziellen, digitalen MĂ€rkten. Es gibt Bewertungssysteme, Marketing und Diskussionsforen. Das sind wesentliche Elemente des illegalen Onlinehandels, um Vertrauen zwischen Menschen aufzubauen, die sich vermutlich nie begegnen. Es wird selten ein Produkt verkauft, ohne eine Bewertung zu hinterlassen. Manche KĂ€ufe sind auch an Feedbacksysteme gebunden. Daran orientiert sich potenzielle Kundschaft.
Welche Rolle spielen Algorithmen und KĂŒnstliche Intelligenz?
Sie werden genutzt, um zum Beispiel Suchergebnisse zu optimieren oder zu bestimmen, welche Inhalte ĂŒberhaupt sichtbar werden. Was wir noch herausgefunden haben, ist die Sonderstellung von Plattformbetreiber:innen. Vergleichbar mit den groĂen Plattformen wie Google, Amazon oder Microsoft sammeln sie Nutzer- und Verhaltensdaten, um sie wirtschaftlich zu verwerten. Indem sie also den illegalen Status von Drogen kommerzialisieren, erzielen sie zusĂ€tzlich Mehrwert.
Die Vereinten Nationen sprechen von einem âdramatischen Anstiegâ des Konsums von Kokain in Europa. Sehen Sie hier eine Korrelation mit dem Wachstum von digitalen MĂ€rkten?
Man könnte meinen, dass hier ein Zusammenhang besteht. Denn die Digitalisierung ermöglicht, ohne zeitliche und örtliche BeschrĂ€nkung Drogen zu kaufen. Aber die Zahlen bestĂ€tigen das nicht. Was wir aber sehen, ist, dass es im Darknet eine Konzentration von DrogenmĂ€rkten in fĂŒnf LĂ€ndern weltweit gibt. Das sind die USA, GroĂbritannien, Australien, Deutschland und die Niederlande. Die Frage ist, warum nur in diesen reichen westlichen IndustrielĂ€ndern und nicht in LĂ€ndern des Globalen SĂŒdens?
âDrogenpolitik, die auf Kriminalisierung basiert, ist Teil des Problems. â
Warum konzentriert sich der Handel auf den Westen?
Drogenhandel ist ein lukratives GeschĂ€ft, aber es besteht eine Kluft zwischen den zahlungskrĂ€ftigen Kund:innen in den westlichen IndustrielĂ€ndern und der armen Bevölkerung in LĂ€ndern des Globalen SĂŒdens. Um ihr Lebenseinkommen zu sichern, sind dort die KleinbĂ€uer:innen bereit, Kokapflanzen anzubauen, wenn sie durch den Anbau von Kaffee nur ein Zehntel davon verdienen. Dadurch wird in den Anbaustaaten mehr Kokain produziert, das in hoher QualitĂ€t nach Europa verschifft wird. Wobei man zum Fall von Venezuela sagen muss, dass es ein Transitland ist und nicht einmal ein sehr relevantes. Die Forschung zeigt: Illegale MĂ€rkte sind sehr dynamisch und verlagern ihre GeschĂ€fte je nach Bedarf.
Wie reagiert die Politik auf die Entwicklungen im illegalen DrogengeschÀft?
Vor allem mit den herkömmlichen Methoden, man geht punktuell vor. Zum Beispiel konnten Container mit Kokain an den groĂen HĂ€fen erfolgreich beschlagnahmt werden, aber der Drogenhandel hat sich auf neue Routen und Orte verlagert. Statt weniger bekannter Wege gibt es jetzt unĂŒberschaubar viele. Die globale Lieferkette wird nicht unterbrochen, nur zerstreut, mit unbeabsichtigten Folgen.
Ăhnlich ist es im Darknet: SchlieĂt man Plattformen, weichen HĂ€ndler:innen auf andere aus â nach kurzer Zeit ist alles wieder wie zuvor und das Problem nicht gelöst, sondern verlagert. Das macht die MĂ€rkte resilient, dynamisch und schwer zu bekĂ€mpfen. Stattdessen mĂŒsste man am System und den Rahmenbedingungen ansetzen, aber das wird zu wenig gemacht. Es ist belegt, dass Drogenpolitik, die auf Kriminalisierung basiert, das Problem nicht löst, sondern ein Teil davon ist. Illegale Ăkonomien funktionieren nicht ohne legale Infrastrukturen.
Kann Ihre Forschung dazu beitragen, Gegenstrategien zu entwickeln?
In meinem aktuellen Projekt verfolge ich unterschiedliche Aspekte. Ein Teil untersucht die gesundheitlichen Folgen des Drogenkonsums und setzt auf Schadensminimierung, das ist ein sehr wichtiger Ansatz. Wir arbeiten hier auch mit der Info- und Beratungsstelle checkit! der Suchthilfe Wien zusammen. Da Konsumierende nie wissen, was in den Drogen steckt, kommt es durch Verunreinigungen und hohe Wirkstoffkonzentrationen leicht zu Ăberdosierungen und TodesfĂ€llen. Durch die Prohibition haben sich hochpotente synthetische Drogen wie Fentanyl und Nitazene verbreitet und in den USA zur Opioidkrise gefĂŒhrt. Das Ziel ist nicht primĂ€r, Konsum zu reduzieren, sondern TodesfĂ€lle und gesundheitliche SchĂ€den zu reduzieren.
Weiters untersuche ich in Kooperation mit der EuropĂ€ischen Drogenbehörde, welche Rolle Darknet-MĂ€rkte bei der Verbreitung dieser Stoffe spielen und welche LĂ€nder liefern. Afghanistan hat 2022 den Opiumanbau verboten, es lieferte bis dahin ĂŒber 90 Prozent der weltweiten Opioide. Das wird den Markt verĂ€ndern und es gibt BefĂŒrchtungen, dass eine Epidemie auf Europa zukommt, die bereits in den baltischen LĂ€ndern zu beobachten ist. Mit unserer Forschung können wir EntscheidungstrĂ€ger:innen wichtige Grundlagen fĂŒr PrĂ€vention und mögliche Interventionen liefern.
Zur Person
Meropi Tzanetakis forscht am Institut fĂŒr Soziologie und Empirische Sozialforschung der WirtschaftsuniversitĂ€t Wien. Derzeit leitet sie das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Elise-Richter-Projekt âEin soziotechnischer Rahmen fĂŒr digitale DrogenmĂ€rkteâ. Das Projekt baut auf ihrem FWF-Schrödinger-Stipendium an den UniversitĂ€ten in Essex, Oslo und Wien auf. Von 2022 bis 2025 war Tzanetakis Assistenzprofessorin fĂŒr Digitale Kriminologie an der University of Manchester.
Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf illegalen digitalen MĂ€rkten und deren Einbettung in Gesellschaft und Ăkonomie. Tzanetakis jĂŒngstes, gemeinsam mit Nigel South verfasstes Buch âDigital Transformations of Illicit Drug Marketsâ ist 2023 bei Emerald Publishing erschienen.
Drogenhandel weltweit
- Die Vereinten Nationen schÀtzen das Volumen des globalen illegalen Drogenhandels auf 500 Milliarden US-Dollar.
- Europa ist nach den USA der zweitgröĂte Markt fĂŒr Drogen.
- Der Konsum von Kokain in Europa hat sich in zwei Jahrzehnten vervierfacht.
- Kolumbien, Peru und Bolivien sind die HauptanbaulĂ€nder der Kokapflanze und damit fĂŒr ĂŒber 90 Prozent der Kokainproduktion verantwortlich.
- Die HÀlfte des Online-Drogenhandels wird von KleinhÀndler:innen abgewickelt, die restlichen 50 Prozent des Handelsumsatzes erwirken 5 Prozent der HÀndler:innen.