Aus Stoff gewebte Kolonialgeschichte
Damast gehört in Vorarlberg zum vertrauten Alltag. Als Tischdecke, Bettwäsche oder Vorhang steht der Stoff für Häuslichkeit und Beständigkeit, vielleicht sogar für eine regionale Selbstverständlichkeit. Umso irritierender war die Erfahrung, die den Ausgangspunkt des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts „Fabricating Adjacency“ markierte: Anette Baldauf, Projektleiterin und selbst aus Vorarlberg, war gemeinsam mit Katharina Weingartner, Produzentin der Filmproduktionsfirma pooldoks in Dakar, auf der dortigen Biennale und dem Textilmarkt. Getzner und andere Textilfabriken kannte sie gut – als prägende Arbeitgeber ihrer Herkunftsregion.
In Dakar stieß sie unerwartet auf Firmenschilder eben jenes Unternehmens aus Bludenz, das seit mehr als 200 Jahren besteht. Eine Verbindung, die ihr bis dahin nie bewusst gewesen war. Die Künstlerin und Wissenschaftlerin der Akademie der bildenden Künste Wien begann nachzuforschen und stellte fest, dass Getzner-Stoffe seit den 1960er-Jahren in Länder wie Nigeria, Ghana oder Senegal exportiert werden. Wie Projektmitarbeiterin Janine Jembere beschreibt, war es eine „unerwartete Begegnung mit etwas Vertrautem an einem ganz anderen Ort“.
Koloniale Verflechtungen
Was zunächst wie ein irritierender Zufall wirkt, führt direkt in eine koloniale Geschichte, die bis heute kaum Teil des regionalen Selbstverständnisses ist. Stoffe sind nicht nur kulturelle Objekte, sondern Waren innerhalb globaler Handelskreisläufe. Leinen spielte darin im 18. und 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle: „Erst wurde Leinen im Bodenseeraum produziert und dann an der westafrikanischen Küste gegen versklavte Menschen eingetauscht. Von denen wiederum viele in die USA verschleppt wurden, um auf den Baumwollplantagen zu arbeiten. Die ‚billige‘ Baumwolle kam dann aus den USA nach Vorarlberg und bot die materielle Basis für die Industrialisierung“, erklärt Jembere.
Auch wenn Österreich keine formalen Kolonien besaß, waren österreichische und schweizerische Textilfabriken in diese ökonomischen Systeme eingebunden. Kolonialismus wirkte nicht nur über territoriale Herrschaft, sondern auch über Handel, Arbeitsteilung und Profit. Der Blick auf Damast und Leinen macht deutlich, wie tief diese Verflechtungen reichen, selbst bis hinein in das kleine Österreich.
Òwú. Fil. Faden. Thread.
Das künstlerische PEEK-Projekt arbeitet die verflochtene Geschichte von Textilien, Handel und kolonialen Erbschaften auf. Ein Quilt als zentrales Werk verbindet die Städte Vorarlbergs, Lagos, St. Gallen, Wien und Dakar.
Von Verantwortung und Adjacency
Der Blick auf die Geschichte von Leinen, Damast und die für den afrikanischen Markt produzierten Stickereien („African Lace“) führt unweigerlich nach Vorarlberg. Der Wohlstand der Region ist nicht nur das Ergebnis lokaler Industriegeschichte, sondern auch mit globalen Märkten wie Nigeria verknüpft. Unternehmen wie Getzner und Lustenauer Stickereien sind dort seit Jahrzehnten präsent – eine Tatsache, die im regionalen Bewusstsein kaum verankert ist.
Janine Jembere bringt diese Asymmetrie auf den Punkt: „Auf der einen Seite sind Betriebe wie Getzner sehr präsent in Nigeria oder im Senegal, und auf der anderen Seite ist diese Verbindung in Vorarlberg überhaupt nicht sichtbar.“ Diese Unsichtbarkeit ist zentral für die Frage nach Verantwortung. Durch den Export europäischer Stoffe werden lokale Textilproduktionen in Westafrika verdrängt, die Profite bleiben hier. Mit dem Begriff „Adjacency“ beschreibt Jembere dieses schwierige Verhältnis. Verantwortung entstehe dabei nicht erst durch Identifikation oder Schuld, sondern durch Nähe und das Benennen einer Beziehung. Vorarlberg erscheint so nicht länger als abgeschlossene Region, sondern als Teil eines globalen Gefüges.
Textilien als Träger von Geschichte
Textilien fungieren im Projekt somit nicht nur als Untersuchungsgegenstand, sondern als Träger von Geschichte. In ihnen bündeln sich Wissen, Arbeit sowie „persönliche, aber auch größere kulturelle Erinnerungen“, sagt Janine Jembere. Damast ist dafür ein zentrales Beispiel: Hier als Tischdecke oder Bettwäsche vertraut, dort als Kleidung Teil des Alltags. Der Stoff verbindet Ökonomie mit Biografie und globale Handelsstrukturen mit persönlichen Geschichten.
Diese Vielschichtigkeit spiegelt sich auch in den künstlerisch-forschenden Zugängen des Projekts und seines Teams wider. Sasha Huber arbeitet mit Leinen und historischen Abrechnungslisten, Anette Baldauf und Katharina Weingartner beschäftigen sich mit der Vorarlberger Kolonialgeschichte. Milou Gabriel rückt versklavte Kinder und Unsichtbarkeit in Erinnerungskulturen in den Fokus, Mariama Sow nimmt eine Damast-Tischdecke ihrer Großmutter als Ausgangspunkt für eine materialbasierte Auseinandersetzung mit „White Innocence“. Susanna Delali Nuwordu untersucht Musterbücher und Weben selbst als Wissensproduktion, während Janine Jembere die Forschungsgruppe als solche in den Blick nimmt. Diese Vielstimmigkeit ist kein Nebeneffekt, sondern eine Methode.
Arbeit mit dem Material
Die Forschung wird bewusst als körperliche Praxis verstanden. Archivarbeit – das Sichten von Dokumenten, Mustern und Vorlagen – ging Hand in Hand mit dem Nähen, Sticken oder Erlernen unterschiedlicher Textiltechniken. Wie Jembere beschreibt, ging es einerseits darum, „diese Methoden aus der Textilherstellung nicht nur intellektuell zu verstehen, sondern auch körperlich“ und so „wirklich ganz nah am Stoff zu bleiben“. Daraus entstand ein Quilt als zentraler Output und großes Gemeinschaftswerk, in dem Geschichten und Stoffe neu verwoben wurden. „Dadurch, dass alles gleichzeitig da ist, erlaubt der Quilt, Verbindungen nicht linear zu erfassen“, so Jembere.
In Vorarlberg, der Schweiz, Lagos und zuletzt in Dakar ausgestellt, weckte er nicht nur Interesse, sondern auch das Bewusstsein für bisher verborgene Zusammenhänge. Andererseits stand für das Forschungsteam im Umgang mit Archiven nicht Überschreibung, sondern Verschiebung im Vordergrund. „Es geht gar nicht darum, in Archive einzugreifen, sondern eher etwas dazuzustellen, auch wenn es im Widerspruch steht“, sagt Jembere. Widersprüche werden sichtbar gemacht, nicht aufgelöst. „Das Ziel ist nicht, dass Konflikte aufgelöst, sondern dass Unbequemlichkeiten und Widersprüche ausgehalten werden.“ Das Projekt, das auch gezielt den Dialog mit der Bevölkerung suchte, versteht sich so nicht als Abschluss, sondern als Impuls: Verantwortung soll über globale Handelswege hinweg gelebt und weitergetragen werden.
Filmdokumentation
Parallel zu diesem Forschungsprojekt realisierte die Produktionsfirma pooldoks gemeinsam mit zwei österreichischen und zwei nigerianischen Regisseurinnen den Dokumentarfilm „Stoff – ein Spitzengeschäft“ (2025). Der Film spannt den Bogen von den Schauplätzen in Nigeria über koloniale Geschichten bis zu den Textilfabriken in Vorarlberg.
Der Film ist mit 30. Jänner in den österreichischen Kinos angelaufen.
Zu den Personen
Anette Baldauf ist Professorin für Methodologie und Epistemologie sowie Co-Leiterin des künstlerischen Forschungsprogramms „PhD in Practice“ an der Akademie der bildenden Künste Wien. In ihrer künstlerischen Forschung beschäftigt sie sich mit transkulturellen Methodologien, Forschungsethik und den Spuren des Kolonialismus in Europa.
Janine Jembere ist Künstlerin, Forscherin und Kulturarbeiterin mit Sitz in Wien. In ihren performativen, installativen und vermittelnden Arbeiten beschäftigt sie sich mit verkörpertem Wissen, Wahrnehmung und Dissonanz sowie mit Fragen von Ableismus, Race und Gender.