Komplexes Gehirn, einfach erklÀrt
âViele Menschen fragen sich, warum wir so denken, wie wir denken, oder wie wir etwas fĂŒhlen oder warum wir uns so und nicht anders verhalten. Das sind schöne und gleichzeitig sehr schwierige Fragen. Die Antworten erforschen wir in den kognitiven Neurowissenschaften: Wir versuchen zu verstehen, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir denken, uns erinnern oder etwas fĂŒhlenâ, sagt Pavlos Topalidis. Der Neurowissenschaftler hat sich auf einen Teil dieses groĂen und relativ neuen Forschungsfelds spezialisiert, nĂ€mlich die Schlafforschung. Im Schlaflabor des Zentrums fĂŒr Kognitive Neurowissenschaften der UniversitĂ€t Salzburg (CCNS) sowie an der Christian-Doppler-Klinik forscht er zu SchlafqualitĂ€t, zu deren Messung und zu ZusammenhĂ€ngen zwischen Schlaf und Erkrankungen wie Epilepsie.
Wie erklĂ€rt man neurowissenschaftliche Forschung der Ăffentlichkeit?
ZusĂ€tzlich ist es Topalidis ein Anliegen, Lai:innen die Neurowissenschaften verstĂ€ndlich zu erklĂ€ren, ihre Fragen zu beantworten, zu zeigen, wie Forschung funktioniert, und auf diese Weise junge Menschen möglicherweise fĂŒr ein Studium zu begeistern. Seine Initiative war der Auslöser fĂŒr das vom Wissenschaftsfonds FWF im Förderprogramm âWissenschaftskommunikationâ ermöglichte Projekt âFrom Brain to Mindâ: Das Projekt basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen eines FWF-Doktoratsprogramms. Dieses mehr als zehnjĂ€hrige Ausbildungsprogramm an der UniversitĂ€t Salzburg fand unter der Leitung von Manuel Schabus, Professor fĂŒr Kognition und Bewusstsein sowie GrĂŒnder des Schlaflabors, statt. Studierende konnten zu verschiedenen kognitiven neurowissenschaftlichen Prozessen wie Sprache, Lesen, Bewusstsein, Verhalten oder Depression forschen. Einer von ihnen war Topalidis: âDas war ein riesiges gefördertes Projekt und ich wollte die umfangreichen Forschungsergebnisse der Ăffentlichkeit nĂ€herbringen.â
Vom Gehirn zum Verstand
Medienformate und Zielgruppen
Die erste Entscheidung betraf die Werkzeuge der Wissenschaftskommunikation, berichtet der Neurowissenschaftler: âWenn man eine Veranstaltung macht, findet die einmal statt, einige Menschen nehmen teil und dann sind die Inhalte nicht mehr verfĂŒgbar.â Daher hat sich das Team in Salzburg fĂŒr Onlinekommunikation mit Audios und Videos entschieden, weil diese im Web fĂŒr alle Interessierten lange verfĂŒgbar sind und auĂerdem verhĂ€ltnismĂ€Ăig geringe Kosten verursachen.
Als nĂ€chster Schritt wurden Zielgruppen und Medienformate definiert: Mit einem Dokumentationsfilm sollten die Neurowissenschaften einem breiten Publikum leicht verstĂ€ndlich erklĂ€rt werden. âWir wollen damit auch Schulen adressieren, um junge Menschen fĂŒr Forschung zu interessierenâ, so Topalidis.
Auf die Filmproduktion folgten vertiefende Podcasts, um in einzelne Forschungsbereiche einzutauchen und durch persönliches Storytelling eine komplexe Materie lebendig zu gestalten.
FĂŒr das dritte Format waren kurze Video-Clips geplant, in denen Fachpublikationen von Wissenschaftler:innen erklĂ€rt werden. Aufgrund der Erfahrungen wurde jedoch der Entschluss gefasst, dieses Format nicht umzusetzen, erklĂ€rt Topalidis: âIn der wissenschaftlichen Welt werden publizierte Paper in der Community diskutiert und wir wollten diese Grenze öffnen. Unsere Idee war, dass Forschende einzelne Publikationen in einem kurzen Video erklĂ€ren. Wir stellten fest, dass einigenur schwer dazu zu bewegen waren. Vielleicht sind wir damit zu frĂŒh dran, denn ich sehe schon den Trend, dass Forschende interessiert sind, ihre Arbeit der Ăffentlichkeit verstĂ€ndlich zu prĂ€sentieren.â
Mit Storytelling Interesse wecken
Das Wissenschaftskommunikationsprojekt ist noch im Laufen, doch einiges wurde bereits umgesetzt. Der Dokumentationsfilm ĂŒber kognitive Neurowissenschaften richtet sich an Interessierte aller Altersgruppen und setzt kein Wissen voraus. Er wird etwa 30 Minuten dauern und steht kurz vor der Fertigstellung â der Filmstart ist fĂŒr April geplant.
Seit Dezember 2025 erscheint einmal wöchentlich der âBrain to Mindâ-Podcast, in dem Professor:innen und PhD-Studierende ErzĂ€hlungen von wissenschaftlichem Arbeiten mit privaten Aspekten verknĂŒpfen. So berichtet zum Beispiel eine Studentin ĂŒber ihre Forschung zu Schlafstörungen und die notwendige Work-Life-Balance in ihrer Arbeit. Ein Student forscht ĂŒber Essverhalten und erzĂ€hlt, wie er versucht, die Mechanismen herauszufinden, warum wir welche Speisen wĂ€hlen. âDie Podcasts sind bewusst sehr persönlich gehalten. Wir erzĂ€hlen Geschichten ĂŒber die Menschen hinter der Forschung, wie es ihnen dabei geht, was sie motiviert. Es sind die persönlichen Geschichten, die Vorbilder erzeugen und Wissenschaft interessant und greifbar machenâ, ist Wissenschaftsvermittler Topalidis ĂŒberzeugt.
Learnings fĂŒr Wissenschaftskommunikation
Bei der Umsetzung ergaben sich einige Herausforderungen, sagt Topalidis. âIch bin Neurowissenschaftler, habe aber kein Know-how in Wissenschaftskommunikation. So wie mir ergeht es auch anderen, die Forschungsergebnisse kommunizieren möchten.â Aus seinen Erfahrungen hat er folgende Tipps abgeleitet:
- Dem Projekt sollte eine feste Ansprechperson aus der Wissenschaftskommunikation zur VerfĂŒgung stehen. Zu Projektbeginn unterstĂŒtzt sie bei Fragen wie: Definition von Zielgruppen, Formatauswahl (wie man die Zielgruppen am besten anspricht) und Ăffentlichkeitsarbeit (wie man die Ergebnisse sichtbar macht, zum Beispiel wie man Schulen erreicht). Sie soll im Projektverlauf auch sicherstellen, dass die Inhalte von Nicht-Fachleuten verstanden werden.
- Ăffentlichkeitsarbeit ist nicht nur Thema eines Projekts, sondern eine kontinuierliche Aufgabe und Verantwortung der UniversitĂ€ten. Es wĂ€re wichtig, dass auch Mittel fĂŒr die Infrastrukturen vorhanden sind, um beispielsweise Podcasts oder Filme zu produzieren. Topalidis konnte fĂŒr die Produktion des Podcasts auf ein Studio der UniversitĂ€t Salzburg zurĂŒckgreifen, das auf Initiative von Lehrenden im Bereich Medien betrieben wird. FĂŒr die Produktion des Films wurde externe UnterstĂŒtzung geholt.
- Hilfreich sind auch Leitlinien und Regeln fĂŒr Ăffentlichkeitsarbeit, die in den meisten Kommunikationsabteilungen der UniversitĂ€ten dokumentiert sind. Etwa fĂŒr Filmaufnahmen zu Fragen wie: Darf bei Vorlesungen gefilmt werden, welche AntrĂ€ge mĂŒssen bei wem gestellt werden oder was ist in puncto Datenschutz zu beachten?
Wissenschaftskommunikation ist aus Sicht von Pavlos Topalidis eine zunehmend wichtige Aufgabe. Er selbst hat viel gelernt ĂŒber Ăffentlichkeitarbeit im wissenschaftlichen Kontext. Diese Erfahrungen möchte er nun mit anderen Forschungseinrichtungen teilen.
Das Projekt
Die Initiative âFrom Brain to Mindâ hat das Ziel, neue Wege fĂŒr eine verbesserte Wissenschaftskommunikation zu finden. Dabei geht es um kognitive Neurowissenschaften: Einem breiten Publikum sollen Fortschritte in der Forschung anschaulich und leicht zugĂ€nglich vermittelt werden. Zum einen kann damit der gesellschaftliche Nutzen von Forschung gezeigt werden, zum anderen möchte man das Interesse an MINT-FĂ€chern wecken, indem Forschende persönlich ĂŒber ihre Arbeit und Motivation sprechen.
Vom Gehirn zum Verstand (From Brain to Mind) wird finanziert durch das FWF-Förderprogramm fĂŒr âWissenschaftskommunikationâ und lĂ€uft noch bis Juli 2026.
Zur Person
Pavlos Topalidis promovierte an der UniversitĂ€t Salzburg im Bereich Schlafforschung. Nach seinem Bachelorabschluss in Psychologie spezialisierte er sich auf die kognitive Neurowissenschaft. Derzeit forscht er an der Christian-Doppler-Klinik und im Schlaflabor des Zentrums fĂŒr Kognitive Neurowissenschaft Salzburg (CCNS). Sein besonderes Interesse gilt der Quantifizierung des Schlafs sowie der Messung des Schlafs bei verschiedenen Patient:innengruppen mit Schlafstörungen, beispielsweise bei Epilepsiepatient:innen.
DarĂŒber hinaus ist Topalidis im Bereich Forschung und Entwicklung bei sleepÂČ engagiert, einem Spin-off der UniversitĂ€t Salzburg. Das Ziel ist, zuverlĂ€ssige Schlafanalysen mithilfe von Wearable-Technologien zu Hause zu ermöglichen, um Messungen ohne komplexe Laborinfrastrukturen durchfĂŒhren und so fĂŒr Betroffene erleichtern zu können.