Alles nur ein Missverständnis?
Ein weiterer Fragenkomplex im Projekt setzt sich mit der Motivation für die Überimitation auseinander. Verstehen Hunde, dass sie Handlungen der Überimitation gar nicht ausführen müssten, um ihre Ziele zu erreichen? Oder unterliegen sie einem Missverständnis und wissen gar nicht, dass ihr Verhalten keinen funktionalen Nutzen bringt? Die Forschungsstrategie hier ist, Nachahmungsaufgaben zu finden, die nicht nur irrelevant sind, sondern den Tieren diese Irrelevanz gleichzeitig vor Augen führen. Der Mensch kann beispielsweise eine offensichtlich unnötige Geste vorzeigen, um ein Leckerli in einer Box zu erreichen – wird sie der Hund kopieren?
Schlussendlich wird noch die Frage untersucht, ob Überimitation nicht nur mit der Evolution und Domestikation, sondern auch mit der individuellen Entwicklung und Sozialisation der Tiere zusammenhängt. In den Experimenten wird einerseits mit Welpen gearbeitet, um ihr Verhalten mit erwachsenen Tieren zu vergleichen. Andererseits steht der Vergleich zwischen Hunden und Wölfen im Vordergrund. „Obwohl sie genetisch betrachtet eng verwandt sind, zeigen sich im Verhalten von Hunden und Wölfen enorme Unterschiede, die Aufschluss über die Entwicklung der Überimitation geben könnten“, sagt Dror. „Auch wenn die Arbeit mit den Wölfen herausfordernd ist, hoffen wir dennoch, belastbare Ergebnisse gewinnen zu können.“
Die erstaunlichen Fähigkeiten der Hunde-Genies
In ihrer Dissertation an der Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) in Budapest arbeitete Shany Dror bereits mit einer sehr raren Gruppe an Hunden, die besondere Fähigkeiten mitbringen: den sogenannten Giftet Word Learner Dogs, die beim Erlernen von Namen für Gegenstände extrem talentiert sind. Bekannt ist, dass sie etwa durch Interaktion mit ihren Eigentümer:innen Hunderte Objektbezeichnungen memorieren können. Nun konnte Dror mit Kolleg:innen an der ELTE in einer Publikation im Fachjournal Science eine viel beachtete neue Erkenntnis präsentieren. „Wir zeigen, dass diese Hunde neue Wörter auch dann lernen können, wenn sie dem Gespräch von zwei Personen zuhören“, erklärt Dror. „Und nicht nur das: Dieser Lernprozess war auch ebenso gut und effektiv wie jener durch direkte Interaktion.“
Die „begabten Wortlerner-Hunde“ legen damit erstaunlicherweise Fähigkeiten an den Tag, die mit denen von 18 Monate alten Kleinkindern vergleichbar sind. Doch die dahinterliegenden Mechanismen und kognitiven Fähigkeiten sind wahrscheinlich unterschiedlich, sagt Dror. „Ich denke, künftige Forschungen werden Unterschiede darin finden, in welchem Ausmaß Kinder und Hunde die Perspektive der Beteiligten einnehmen und die dahinterliegenden mentalen Prozesse verstehen können.“ Dennoch: Je besser Wissenschaftler:innen wie Dror das Verhalten und die kognitiven Fähigkeiten von Hunden ergründen, desto klarer wird, dass einst fix angenommene Grenzziehungen zwischen Mensch und Tier zunehmend ins Wanken geraten.
Über die Forschenden
Shany Dror ist Postdoc-Forscherin am Clever Dog Lab des Messerli-Forschungsinstituts für Mensch-Tier-Beziehung, einer interuniversitären Einrichtung der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni) sowie der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien. Ihr Doktorat absolvierte sie an der Abteilung für Verhaltensbiologie der Eötvös Loránd Universität (ELTE) in Budapest. Ihre Arbeit mit den raren Gifted Word Learner Dogs und die damit verbundenen, live im Netz übertragenen Experimente einer „Genius Dog Challenge“ erhielten bereits weltweite Medienaufmerksamkeit.
Ludwig Huber ist Professor für die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Tierethik und der Mensch-Tier-Beziehung, Leiter der Abteilung für Vergleichende Kognitionsforschung am Messerli Forschungsinstitut, zu dem auch das Clever Dog Lab gehört, und derzeit auch Leiter des übergeordneten Departments für interdisziplinäre Lebenswissenschaften an der Vetmeduni Wien. Seine Forschung fokussiert auf die Kognition von Tieren in einem breiten vergleichenden Ansatz. Das Projekt „Überimitation bei Hunden“ läuft von 2024 bis 2027 und wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit 449.000 Euro gefördert.