TrÀgt Stress zum Long-Covid-Risiko bei?
Die Coronapandemie ist fĂŒr die meisten von uns mittlerweile in weite Ferne gerĂŒckt. Nicht so fĂŒr jene, die an Langzeitfolgen einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus leiden: dem gefĂŒrchteten Long Covid.
Am 15. MĂ€rz möchte der Long Covid Awareness Day auf ihre Situation aufmerksam machen. Denn das vielschichtige, den Alltag der Betroffenen massiv beeintrĂ€chtigende Leiden wird nach wie vor nicht vollstĂ€ndig verstanden. Long Covid wird noch immer oft falsch oder gar nicht behandelt, die Symptomatik selbst von manchen Ărztinnen und Ărzten nicht ernst genommen oder missdeutet. Und: Bis heute fehlen spezialisierte Zentren, in denen Betroffenen adĂ€quat, mit einem Multi-Methoden-Ansatz, geholfen werden könnte.
Die Suche nach den Ursachen
Christian Fazekas weist gleich zu Beginn auf ein hĂ€ufiges MissverstĂ€ndnis hin. âEs ist sehr wichtig zu vermitteln und gesellschaftlich anzuerkennen, dass Long Covid keine psychische oder psychiatrische Erkrankung wie Depression istâ, betont der Mediziner. âWir sprechen hier von einem multifaktoriellen postinfektiösen Geschehen.â
Fazekas ist Experte fĂŒr biopsychosoziale Medizin an der Medizinischen UniversitĂ€t Graz, beschĂ€ftigt sich also mit einem umfassend verstandenen Konzept von Gesundheit und Krankheit. âDie Forschung zeigt immer deutlicher, wie viele Faktoren Einfluss darauf haben, ob, wie schwer oder wie lange wir erkrankenâ, erklĂ€rt der auch als Psychotherapeut tĂ€tige Arzt. âDas ist bei SARS-CoV-2 nicht anders als bei anderen Infektionskrankheiten.â
StressLoC-Studie
Warum bleiben bei manchen Menschen nach einer SARS-CoV-2-Infektion lang anhaltende Symptome bestehen? Als möglicher Risikofaktor fĂŒr Long Covid hat ein Forschungsteam in Graz chronischen Stress untersucht. DafĂŒr wurden Erwachsene mit bestĂ€tigter Coronainfektion ĂŒber sechs Monate begleitet.
Klinische Studie erhebt Daten zu Stress
In dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt âChronischer Stress als Risikofaktor fĂŒr Long Covidâ untersuchten Fazekas und sein Team, ob und wie stark belastender Stress im Fall einer Coronainfektion weiterwirkt. âEs ist gut dokumentiert, dass chronischer Stress biologische AblĂ€ufe im Körper negativ beeinflussen kannâ, erklĂ€rt er. So sind wir in Phasen starker Belastung oft auch krankheitsanfĂ€lliger. âUns hat interessiert, ob es auch eine Langzeitwirkung gibt.â
FĂŒr die StressLoC-Studie wurden zwischen Februar 2023 und Februar 2024 knapp 550 Erwachsene mit nachgewiesener und symptomatischer Coronainfektion in Graz per SMS zur Teilnahme eingeladen. Am Ende hatten die Forschenden 288 vollstĂ€ndige DatensĂ€tze: 211 Frauen und 77 MĂ€nner fĂŒllten jeweils ĂŒber ein halbes Jahr hinweg mehrfach Online-Fragebögen aus und kamen zweimal fĂŒr Bluttests und eine Haarprobe an die Klinik.
Neben allgemeinen Informationen zu Alter, Geschlecht, Ausbildung, Einkommen, LebensumstĂ€nden, Lebensstil etc. erhob Fazekasâ Team:
- subjektive Angaben ĂŒber den eigenen Gesundheitszustand, etwa die Zufriedenheit mit mentaler und körperlicher Gesundheit, SexualitĂ€t, Schlaf oder Sozialleben,
- Impfstatus, Vorerkrankungen, Medikamente,
- stark belastende Lebensereignisse im vorangegangenen Jahr,
- das subjektive Stressempfinden im Monat vor der Erkrankung mithilfe eines standardisierten Stresstests,
- Symptome, die erst seit der Coronaerkrankung bestanden und als belastend empfunden wurden (mehrmals wÀhrend sechs Monaten),
- das Stresshormon Cortisol in Haarproben.
Mehr ungĂŒnstige VerlĂ€ufe nach stressigen Zeiten
Die Auswertung zeigte deutliche Unterschiede zwischen Personen, die ohne Folgen gesund wurden, und jenen, die nach einem Monat noch immer Symptome hatten. Mehr als 70 Prozent der Studienteilnehmer:innen, insgesamt 210 Personen, litten an dieser FrĂŒhform von Long Covid (siehe NICE-Guidelines im Kasten). Noch nicht veröffentlichte Daten zeigen auĂerdem, dass fast die HĂ€lfte aus dieser Gruppe zwei Monate spĂ€ter â also drei Monate nach der Diagnose â Long Covid entwickelt hatte.
âUnter denen, die bei der ersten Befragung angegeben hatten, dass sie vor ihrer Erkrankung schon stark gestresst waren, war die Wahrscheinlichkeit fĂŒr so lang anhaltende Symptome deutlich höherâ, sagt Fazekas. Auch das GefĂŒhl, im Alltag ohne soziale UnterstĂŒtzung auskommen zu mĂŒssen, ein niedriges Einkommen und allgemein eine gröĂere Unsicherheit und Ăngstlichkeit erhöhten die AnfĂ€lligkeit fĂŒr Long Covid â ebenso wie die Anzahl schon bestehender gesundheitlicher Probleme.
Risikofaktor Pre-load
In ihrer Gesamtheit können solche Vorbelastungen den Gesundheitszustand einer Person â vor allem, wenn die Belastung ĂŒber lĂ€ngere Zeit anhĂ€lt â derart beeintrĂ€chtigen, dass der Körper mit der Infektion und ihren Folgen weniger gut umgehen kann. Ein biologischer Mechanismus ist beispielsweise die SchwĂ€chung des Immun- oder Nervensystems.
In einer Publikation zur Studie spricht das Team von der âPre-load-Hypotheseâ â und betont damit abermals das multifaktorielle Geschehen von Long Covid: Eine Pre-load oder Grundvorbelastung besteht aus der Wechselwirkung vieler kleiner oder gröĂerer Einzelbelastungen: aus biologischen, wie Vorerkrankungen oder ungesundem Lebensstil, sozialen, wie Ausgrenzung, familiĂ€ren Problemen, fehlender UnterstĂŒtzung durch das Umfeld oder finanziellen Problemen, sowie aus der individuellen psychischen Verfasstheit einer Person.
In der biopsychosozialen Medizin interessieren allerdings nicht nur Risikofaktoren. âWir wollen immer auch wissen: Was schĂŒtzt vor Erkrankung?â Ein Dissertant klopfte die Daten auf diese Frage hin ab. âDie Arbeit ist noch nicht veröffentlicht, aber was wir jetzt schon sagen können, ist, dass ein guter sozialer Support vor der Erkrankung an Long Covid schĂŒtzen kann.â
Biomarker aussagelos â im Unterschied zur Selbstbeobachtung
âInteressanterweise hat sich die subjektiv erzĂ€hlte Stressbelastung in den Haarproben nicht abgebildetâ, erzĂ€hlt Fazekas. Das hĂ€tten auch andere Studien gezeigt. âWir sehen zum wiederholten Mal, dass Long Covid ĂŒber Biomarker nicht erfassbar ist.â
Selbstbeobachtung hingegen sei ein guter PrĂ€diktor fĂŒr mögliche KrankheitsverlĂ€ufe. Daraus könnten auch Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. âWer sich von vornherein gestresst fĂŒhlt, wer eher Ă€ngstlich oder sorgenvoll ist, wer viele Vorerkrankungen hat, sollte sich unbedingt UnterstĂŒtzung suchen, damit eine schwere Infektion gut ausheilen kannâ, plĂ€diert Fazekas.
Nach einer Erkrankung ist es ratsam, sich Zeit zu lassen. Also nicht zu glauben, dass alles gleich wieder so lĂ€uft wie vor der Erkrankung an SARS-CoV-2, egal ob beim Sport, im Alltag oder bei geistigen TĂ€tigkeiten. Das gilt besonders fĂŒr jene, die mehrere Wochen nach ihrer Infektion noch immer Symptome haben. âDas sind Vorboten fĂŒr ein mögliches Long Covid, also Warnzeichen, leiser zu treten und sich nicht zu ĂŒberfordernâ, betont der Mediziner. Denn âhat sich Long Covid erst einmal etabliert, erholen sich die Menschen nur noch schwerâ.
Hier sei auch die Politik gefordert, sagt Fazekas. Einerseits, um bewusstseinsbildende MaĂnahmen zu setzen, die zeigen, dass wir nicht nur unseren Blutdruck beeinflussen können â sondern auch Infektionskrankheiten und ihre Folgen. Andererseits, indem die dringend erforderlichen multidisziplinĂ€ren Zentren fĂŒr Betroffene eingerichtet werden, wo sie professionelle UnterstĂŒtzung erhalten.
Zur Person
Christian Fazekas ist Facharzt fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin mit Spezialisierung in Psychosomatischer Medizin sowie Psychotherapeut in Systemischer Therapie an der Medizinischen UniversitĂ€t Graz.
Unter anderem entwickelt er eigene biopsychosoziale Erhebungsinstrumente, die fĂŒr die Forschung und Behandlung eingesetzt werden können. Das klinische Projekt âChronischer Stress als Risikofaktor fĂŒr Long Covidâ lief von Februar 2023 bis Februar 2026 und wurde vom Wissenschaftsfonds FWF mit knapp 400.000 Euro gefördert.
Publikation
Perceived Chronic Stress prior to SARS-CoV-2 Infection Predicts Ongoing Symptomatic COVID-19: A Prospective Cohort Study, in: Psychotherapy and Psychosomatics 2025
Die 1000 Gesichter von Long Covid
- Unter dem Begriff Long Covid werden alle gesundheitlichen Langzeitfolgen zusammengefasst, die mehr als vier Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 anhalten oder neu entstehen. Die Guidelines des britischen National Institute for Health and Care Excellence (NICE), die auch in der Wissenschaft hĂ€ufig verwendet werden, gehen von einer FrĂŒhform aus, die sich erst nach drei Monaten zu Long Covid, oft auch Post Covid genannt, chronifizieren kann.
- Long Covid zĂ€hlt zu den Postakuten Infektionssyndromen (PAIS): oft schweren, chronischen Multisystemerkrankungen, die auch von anderen Krankheiten bekannt sind, vor allem von Infektionskrankheiten wie Influenza, Pfeifferschem DrĂŒsenfieber oder Dengue-Fieber.
- Die Symptome sind so vielfĂ€ltig und unterschiedlich wie die zugrunde liegenden â und noch nicht abschlieĂend geklĂ€rten â körperlichen Prozesse und Risikofaktoren.
- Besonders hĂ€ufig sind anhaltende ErschöpfungszustĂ€nde und Fatigue: eine starke EntkrĂ€ftung, die durch Ausruhen und Schlaf nicht besser wird. Von Post-Exertioneller Malaise (PEM) sprechen Fachleute, wenn selbst geringe körperliche Belastungen zeitverzögert zu einer massiven Symptomverschlechterung fĂŒhren.
- Halten PEM und Fatigue mehr als ein halbes Jahr lang an, hat sich eine Myalgische Enzephalopathie bzw. ein Chronisches Fatigue-Syndrom entwickelt (ME/CFS). Viele Erkrankte sind so schwer beeintrÀchtigt, dass sie das Bett kaum noch verlassen können.
- Vor allem ME/CFS bedarf einer spezifischen Behandlung, da sich bei falscher Vorgehensweise die Symptome stark verschlechtern.