Die Sprache einer Band
Der zentrale Begriff in Mark Holubs Forschungsprojekt ist jener der „Group Language“. Ein Begriff, der im deutschsprachigen Raum mitunter auf Verwirrung stößt, während er in der angloamerikanischen Jazzpraxis seit Langem geläufig ist. „Gruppensprache oder Group Language in improvisierter Musik bedeutet, dass ich in einer Band auf eine bestimmte Weise spiele und in einer anderen Band auf eine andere Weise“, sagt der Musiker. Jede Band entwickelt mit der Zeit eine eigene musikalische Identität. Sie erwächst aus der gemeinsamen Art, zuzuhören, zu reagieren und als Gruppe Entscheidungen zu treffen. Holub vergleicht dies mit Code-Switching: So wie Menschen in unterschiedlichen sozialen Kontexten unterschiedlich sprechen, verhalten sich auch Musiker:innen in verschiedenen Ensembles anders.
Dabei handelt es sich bei Group Language um eine Art „tacit knowledge“, also implizites Wissen, das nur schwer vollständig erklärbar ist. „Wir können nicht genau sagen: ,In dieser Band spielen wir so.‘ Trotzdem wissen wir es“, erklärt der Komponist. Doch wie entsteht diese Sprache? Weniger durch Regeln oder Partituren als durch gemeinsam verbrachte Zeit: Konzerte, Aufnahmen, Gespräche und auch gemeinsames Scheitern. „Es braucht Zeit, gemeinsam zu spielen. Das ist wahrscheinlich das Wichtigste“, erklärt Holub. Entscheidend sind dabei auch die sozialen Dynamiken abseits von Bühne und Proberaum.
Die Genre-Grenzen öffnen sich
Warum Holub den Begriff „Group Language“ heute für besonders relevant hält, hängt auch mit Veränderungen innerhalb der Jazz- und improvisierten Musik zusammen. Früher orientierten sich viele Musiker:innen stärker an stilistischen Traditionen. Heute verlaufen die Grenzen zwischen Genres deutlich offener. Jazz, Elektronik, Rock oder Metal fließen ineinander. Holub bezeichnet diesen Zustand als „trans-idiomatic“ – wenn die soziale Dynamik einer Gruppe wichtiger als stilistische Vorgaben wird. Eng damit verbunden ist für Holub der Begriff der „Echtzeitmusik“, den er der Bezeichnung improvisierter Musik eher vorzieht.
Der Fokus verschiebt sich auf den Moment der Entscheidung. Musik entsteht nicht aus vollständiger Planung, sondern aus unmittelbaren Reaktionen auf das, was gerade passiert. „Wenn ich in dieser Musik zu viel überlege, dann ist sie wahrscheinlich nicht so gut“, sagt Holub. Dabei verweist er auch auf historische Debatten innerhalb der Improvisationsmusik. Der Gitarrist Derek Bailey stand dem Konzept einer Gruppensprache kritisch gegenüber, weil er befürchtete, gemeinsame Geschichte könne die Spontaneität einschränken. Holub sieht darin keinen Widerspruch. Für ihn ist Geschichte eine Ressource: „Es ist vielleicht nicht so spontan wie bei einem ersten Treffen. Aber dafür können wir tiefer eintauchen.“
Zwischen Proberaum und Forschungslabor
Wenn Group Language tatsächlich eine der zentralen Kräfte hinter improvisierter Musik ist, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie lässt sich etwas erforschen, das meist intuitiv, unausgesprochen und im Moment entsteht? Das Forschungsdesign des dreijährigen Projekts, das soeben gestartet ist, steht bereits fest. Zwei Ensembles – eines unter Holubs Leitung, eines unter jener von Cath Roberts – arbeiten mit denselben Kompositionen. Beide schreiben jeweils ein Set aus einer oder mehreren Kompositionen von circa 45 Minuten, das von beiden Bands einstudiert wird – Roberts in London, Holub in Wien. Ziel ist nicht herauszufinden, welche Version am Ende „besser“ ist, sondern warum unterschiedliche Versionen entstehen.
Die Partituren werden für offene Instrumentierungen konzipiert, damit sie zwischen den Ensembles austauschbar bleiben. Nach der Kompositionsphase folgen getrennte Probenphasen, Studioaufnahmen und Fokusgruppen, in denen die musikalischen Entscheidungen reflektiert werden. Präsentiert werden die Ergebnisse bei vier Konzert-Symposien in Österreich und Großbritannien. Für Holub ist dabei besonders wichtig, Musik und akademische Forschung gleichwertig zu behandeln: „Ich hoffe, dass beides auf derselben Ebene stehen kann.“ Die Konzerte und Aufnahmen sollen nicht nur das Forschungsmaterial für wissenschaftliche Publikationen liefern, sondern selbst Teil des Erkenntnisprozesses sein. „Man muss die Artikel nicht lesen, um die Konzepte des Projekts zu verstehen – ebenso kann man den Ergebnissen über die Musik selbst begegnen“, betont Holub. Die Forschung soll diese Erfahrungswerte sichtbar machen und zwischen musikalischer Praxis und Theorie vermitteln.
Im Kern kreist das Projekt um die Frage, wie Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen und Arbeitsweisen einen gemeinsamen Nenner finden. Für Holub ist das nicht nur eine musikalische, sondern auch eine gesellschaftliche Frage. „Ich denke, es ist wichtig, nach einem Common Ground zu suchen. Denn ich glaube, dass es ihn immer gibt.“ Weil das Projekt noch ganz am Anfang steht, betont Holub zugleich, wie wichtig ihm Offenheit gegenüber den Ergebnissen ist. Der Prozess ist für ihn letztlich wichtiger als die Bestätigung einer bestimmten These. Oder, wie er sagt: „Vielleicht denke ich in zwei Wochen schon wieder anders darüber. Das ist ja das Spannende. Es kommen ständig neue Einflüsse dazu und es ist wichtig, offen zu bleiben.“
Zur Person
Mark Holub ist Schlagzeuger, Komponist, Bandleader und Forscher aus den USA, der seit vielen Jahren in Wien lebt. Bekannt wurde er vor allem als Gründer und Bandleader der Band Led Bib, die 2009 für den Mercury Music Prize nominiert wurde und den Peter Whittingham Jazz Award gewann. Neben Led Bib leitet Holub Projekte wie Anthropods und ist Mitglied zahlreicher Ensembles der europäischen Jazz- und Improvisationsszene. Holub promovierte in Creative Music Practice an der University of Edinburgh und forscht zu Bandleadership und Group Language im Jazz und in improvisierter Musik. Darüber hinaus arbeitet er als Komponist für Tanz und Theater. Das Forschungsprojekt „Was bauen die da drinnen?“ läuft bis 2029 und wird vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert.