MĂ€nnlicher Forscher transferiert mit der Spritze Zebrafisch-Embryos in eine Petrischale und positioniert sie im Wasser. Der Blick durch das Mikroskop zeigt zwei Fisch-Embryos.
Suyash Naik transferiert mit der Spritze Zebrafisch-Embryos in eine Petrischale und positioniert sie im Wasser. Der Blick durch das Mikroskop zeigt zwei Fisch-Embryos. © ISTA

Die Natur hat nicht nur vielfĂ€ltige biologische Mechanismen hervorgebracht, die die Grundlage fĂŒr höhere Lebewesen bilden. Sie hat auch Ă€ußerst solide Baustoffe geschaffen, die diese komplexen Gebilde zusammenhalten. Zu diesen unfassbar starken Strukturproteinen gehört Keratin. Es ist nicht nur dafĂŒr zustĂ€ndig, die Form von Zellen aufrechtzuerhalten, sondern dient auch als Baustoff fĂŒr Haare, NĂ€gel oder tierische Hörner. Keratin verleiht beispielsweise der menschlichen Haut jene Eigenschaften, die es ihr erlauben, geschmeidig auf Bewegungen zu reagieren – sei es bei der Gesichtsmimik oder einer einfachen Handbewegung.

Keratin bildet sich bei Wirbeltieren bereits in einer frĂŒhen embryonalen Phase – ein Zeichen dafĂŒr, wie fundamental die Rolle dieses biologischen Baustoffs ist. Die Forschungsgruppe des Biologen Carl-Philipp Heisenberg am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) in Klosterneuburg fokussiert auf VorgĂ€nge der Embryonalentwicklung. Im Projekt „Keratine in der epithelialen Gewebeausbreitung“, das der Wissenschaftsfonds FWF unterstĂŒtzt, wird die bisher noch wenig erforschte Rolle dieses Strukturelements am Beginn eines neuen Lebens entschlĂŒsselt.

In einer im Rahmen des Projekts entstandenen Studie, die vor Kurzem im renommierten Fachjournal Nature Communications veröffentlicht wurde, zeigen Erstautor Suyash Naik und seine Kolleg:innen, was passiert, wenn keine Keratine ausgebildet werden: Orientierung und Wanderung von Zellen sowie die KraftĂŒbertragung im Gewebe kommen zum Erliegen. Die geordnete Bewegung von ZellverbĂ€nden in der Phase der sogenannten Gastrulation – wenn Zellen beginnen, die Grundstrukturen des Körpers zu formen – ist nicht mehr möglich. Der Organismus stellt schließlich seine Entwicklung ein.

Zellbewegung im Embryo

Keratin macht Haare, NĂ€gel und Hörner besonders widerstandsfĂ€hig, auch in den Zellen spielt das Protein eine entscheidende Rolle. Es verleiht ihnen StabilitĂ€t und steuert ihre Bewegung wĂ€hrend der frĂŒhen Entwicklung. Eine neue Studie des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) zeigt: Ohne Keratin gerĂ€t bereits die Grundlage des Lebens aus dem Gleichgewicht.

Kleine Zebrafische in einem Wassertank eines Labors
Zebrafische sind als Wirbeltiere beliebte Modellorganismen in der Grundlagenforschung. © ISTA

Zebrafische im Fokus

FĂŒr dieses Experiment beobachteten die Forschenden Embryonen von Zebrafischen (Danio rerio), die zu den wichtigsten Modellorganismen in der Entwicklungsbiologie gehören. Als Wirbeltiere sind sie dem Menschen evolutionĂ€r nĂ€her als etwa Fruchtfliegen, bei denen kein Keratin ausgebildet wird. Die Embryonen der Zebrafische sind zudem transparent und entwickeln sich außerhalb des Mutterleibs – beste Voraussetzungen fĂŒr eine wissenschaftliche Untersuchung.

Im Fokus der Studie steht ein Vorgang, der in der Biologie als Epibolie bezeichnet wird. „Der Embryo sitzt ursprĂŒnglich nur als Zellballen auf einer riesigen NĂ€hrstoffquelle, die wie beim Ei Dotter genannt wird. Im Zuge der Epibolie breitet sich diese Zellschicht aus, um schließlich den gesamten Dotter zu umschließen“, erklĂ€rt Naik. „WĂ€hrend dieses Prozesses – das konnte die Heisenberg-Gruppe bereits frĂŒher zeigen – teilen sich die Zellen aber kaum. Das Gewebe wĂ€chst nicht durch eine Zunahme der Zahl der Zellen, sondern es wird gedehnt und unter großer mechanischer Spannung ĂŒber die NĂ€hrstoffblase gezogen.“

Der gesamte Prozess wird von einer dĂŒnnen Gewebeschicht angetrieben, in der die embryonalen Zellen regelrecht verschmelzen – Zellkern und -flĂŒssigkeit verschiedener Zellen teilen sich einen Raum. Diese Schicht entwickelt eine enorme Zugkraft, die das dĂŒnne HĂ€utchen ĂŒber die DotteroberflĂ€che zieht. Gerade rechtzeitig entstehen auch die nötigen Strukturproteine: „Die Keratine werden in den Zellschichten des Zebrafisch-Embryos genau in jenem Moment gebildet, in dem das Gewebe beginnt, sich zu bewegen“, betont der Biologe. „Nach der Aktivierung des entsprechenden Gens werden extrem schnell verschiedene Keratintypen produziert.“

Keratin-Gene per „Genschere“ ausgeschaltet

Welche Rolle diese Keratine bei den embryonalen Gewebebewegungen der Epibolie spielen, war jedoch bisher unklar. Naik nutzte deshalb die als „Genschere“ bekannt gewordene Geneditierungsmethode CRISPR-Cas9, um die fĂŒr die Keratinproduktion verantwortlichen Gene auszuschalten – welche das genau sind, ist erst seit wenigen Jahren bekannt. Es konnte sich also kein Keratin-Netzwerk in den embryonalen Geweben bilden.

Das Ergebnis war, dass die Epibolie deutlich langsamer verlief. „Das wirkt widersprĂŒchlich. Man könnte meinen, dass ohne die starren Keratine der Ausdehnungsvorgang leichter und schneller vonstattengeht“, sagt Naik. „Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Zellen werden zwar tatsĂ€chlich geschmeidiger und flĂŒssiger. Doch Messungen zeigten, dass die ViskositĂ€t des Gewebes reduziert war. Es war weicher und verformbarer, aber schwerer zu ziehen.“

Bei der Suche nach dem Grund fĂŒr dieses widersprĂŒchliche Ergebnis zeigte sich, dass sich die Zellen in gesunden Embryonen in Zugrichtung ausrichteten. „Beim Ziehen eines Gummibands sieht man Dehnungsstreifen entlang der Zugrichtung. Ähnlich verhĂ€lt es sich im Gewebe“, veranschaulicht der Biologe. „Die Zellen richten ihre lĂ€ngste Achse in Zugrichtung aus. Ohne Keratin geht diese Neuausrichtung allerdings vollstĂ€ndig verloren. Die Zellen können keine KrĂ€fte mehr untereinander ĂŒbertragen.“

Ohne Keratin keine KraftĂŒbertragung

Was die fehlende KraftĂŒbertragung auf zellulĂ€rer Ebene bedeutet, haben die Forschenden in einem weiteren Experiment untersucht. „Wir haben in einer Gruppe von Zellen jene in der Mitte entfernt. Anschließend beobachteten wir, wie sich die Gewebebewegungen verĂ€ndern – ein Setting, das in viel kleinerem Maßstab der Epibolie Ă€hnlich ist“, skizziert Naik. „Das Resultat war, dass bei vorhandenem Keratin auch weiter entferntes Gewebe auf den Zellverlust reagierte. Fehlt es, bewegten sich hingegen nur die Zellen am unmittelbaren Rand der Wunde.“

Diese Erkenntnisse zur KraftĂŒbertragung zwischen den Zellen könnten sich in Zukunft fĂŒr die Entwicklung medizinischer Anwendungen als relevant erweisen. Beispielsweise ist eine fehlerhafte Ausbildung von Keratinen ein Kennzeichen jener schweren genetischen Erkrankung, die zu sogenannter Schmetterlingshaut fĂŒhrt. Auch bei der Regulation der Wundheilung spielt Keratin eine zentrale Rolle. Hier könnte aufbauende Forschung zu neuen Therapeutika fĂŒhren, die etwa die Bildung einer neuen Hautdecke beschleunigt. Klar ist: Keratin ist viel mehr als ein passiver „Formgeber“ des Gewebes. Es bildet ein sensibles Netzwerk zur Interaktion und Kommunikation zwischen Zellen, dessen Bedeutung lĂ€ngst nicht abschließend erfasst ist.

Über die Forschenden

Suyash Naik studierte am Indian Institute of Science Education Research in der Stadt Pune im westindischen Bundesstaat Maharashtra. Der Biologe war PhD-Student in der Heisenberg Group am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) in Klosterneuburg. Nun ist er Imaging Analyst in der Imaging & Optics Facility des ISTA.

Carl-Philipp Heisenberg war am Department of Anatomy and Developmental Biology des University College London und am Max-Planck-Institute of Molecular Cell Biology and Genetics in Deutschland tĂ€tig, bevor er 2010 als Professor ans ISTA berufen wurde. Seine Forschungsgruppe fokussiert hier auf die Morphogenese in der Embryonalentwicklung. Das von 2024 bis 2027 laufende Projekt „Keratine in der epithelialen Gewebeausbreitung" wird vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert.

Publikation

Keratins coordinate tissue spreading by balancing spreading forces with tissue material properties, in: Nature Communications 17, 2026