Zebrafische im Fokus
FĂŒr dieses Experiment beobachteten die Forschenden Embryonen von Zebrafischen (Danio rerio), die zu den wichtigsten Modellorganismen in der Entwicklungsbiologie gehören. Als Wirbeltiere sind sie dem Menschen evolutionĂ€r nĂ€her als etwa Fruchtfliegen, bei denen kein Keratin ausgebildet wird. Die Embryonen der Zebrafische sind zudem transparent und entwickeln sich auĂerhalb des Mutterleibs â beste Voraussetzungen fĂŒr eine wissenschaftliche Untersuchung.
Im Fokus der Studie steht ein Vorgang, der in der Biologie als Epibolie bezeichnet wird. âDer Embryo sitzt ursprĂŒnglich nur als Zellballen auf einer riesigen NĂ€hrstoffquelle, die wie beim Ei Dotter genannt wird. Im Zuge der Epibolie breitet sich diese Zellschicht aus, um schlieĂlich den gesamten Dotter zu umschlieĂenâ, erklĂ€rt Naik. âWĂ€hrend dieses Prozesses â das konnte die Heisenberg-Gruppe bereits frĂŒher zeigen â teilen sich die Zellen aber kaum. Das Gewebe wĂ€chst nicht durch eine Zunahme der Zahl der Zellen, sondern es wird gedehnt und unter groĂer mechanischer Spannung ĂŒber die NĂ€hrstoffblase gezogen.â
Der gesamte Prozess wird von einer dĂŒnnen Gewebeschicht angetrieben, in der die embryonalen Zellen regelrecht verschmelzen â Zellkern und -flĂŒssigkeit verschiedener Zellen teilen sich einen Raum. Diese Schicht entwickelt eine enorme Zugkraft, die das dĂŒnne HĂ€utchen ĂŒber die DotteroberflĂ€che zieht. Gerade rechtzeitig entstehen auch die nötigen Strukturproteine: âDie Keratine werden in den Zellschichten des Zebrafisch-Embryos genau in jenem Moment gebildet, in dem das Gewebe beginnt, sich zu bewegenâ, betont der Biologe. âNach der Aktivierung des entsprechenden Gens werden extrem schnell verschiedene Keratintypen produziert.â
Keratin-Gene per âGenschereâ ausgeschaltet
Welche Rolle diese Keratine bei den embryonalen Gewebebewegungen der Epibolie spielen, war jedoch bisher unklar. Naik nutzte deshalb die als âGenschereâ bekannt gewordene Geneditierungsmethode CRISPR-Cas9, um die fĂŒr die Keratinproduktion verantwortlichen Gene auszuschalten â welche das genau sind, ist erst seit wenigen Jahren bekannt. Es konnte sich also kein Keratin-Netzwerk in den embryonalen Geweben bilden.
Das Ergebnis war, dass die Epibolie deutlich langsamer verlief. âDas wirkt widersprĂŒchlich. Man könnte meinen, dass ohne die starren Keratine der Ausdehnungsvorgang leichter und schneller vonstattengehtâ, sagt Naik. âDoch das Gegenteil ist der Fall. Die Zellen werden zwar tatsĂ€chlich geschmeidiger und flĂŒssiger. Doch Messungen zeigten, dass die ViskositĂ€t des Gewebes reduziert war. Es war weicher und verformbarer, aber schwerer zu ziehen.â
Bei der Suche nach dem Grund fĂŒr dieses widersprĂŒchliche Ergebnis zeigte sich, dass sich die Zellen in gesunden Embryonen in Zugrichtung ausrichteten. âBeim Ziehen eines Gummibands sieht man Dehnungsstreifen entlang der Zugrichtung. Ăhnlich verhĂ€lt es sich im Gewebeâ, veranschaulicht der Biologe. âDie Zellen richten ihre lĂ€ngste Achse in Zugrichtung aus. Ohne Keratin geht diese Neuausrichtung allerdings vollstĂ€ndig verloren. Die Zellen können keine KrĂ€fte mehr untereinander ĂŒbertragen.â
Ohne Keratin keine KraftĂŒbertragung
Was die fehlende KraftĂŒbertragung auf zellulĂ€rer Ebene bedeutet, haben die Forschenden in einem weiteren Experiment untersucht. âWir haben in einer Gruppe von Zellen jene in der Mitte entfernt. AnschlieĂend beobachteten wir, wie sich die Gewebebewegungen verĂ€ndern â ein Setting, das in viel kleinerem MaĂstab der Epibolie Ă€hnlich istâ, skizziert Naik. âDas Resultat war, dass bei vorhandenem Keratin auch weiter entferntes Gewebe auf den Zellverlust reagierte. Fehlt es, bewegten sich hingegen nur die Zellen am unmittelbaren Rand der Wunde.â
Diese Erkenntnisse zur KraftĂŒbertragung zwischen den Zellen könnten sich in Zukunft fĂŒr die Entwicklung medizinischer Anwendungen als relevant erweisen. Beispielsweise ist eine fehlerhafte Ausbildung von Keratinen ein Kennzeichen jener schweren genetischen Erkrankung, die zu sogenannter Schmetterlingshaut fĂŒhrt. Auch bei der Regulation der Wundheilung spielt Keratin eine zentrale Rolle. Hier könnte aufbauende Forschung zu neuen Therapeutika fĂŒhren, die etwa die Bildung einer neuen Hautdecke beschleunigt. Klar ist: Keratin ist viel mehr als ein passiver âFormgeberâ des Gewebes. Es bildet ein sensibles Netzwerk zur Interaktion und Kommunikation zwischen Zellen, dessen Bedeutung lĂ€ngst nicht abschlieĂend erfasst ist.
Ăber die Forschenden
Suyash Naik studierte am Indian Institute of Science Education Research in der Stadt Pune im westindischen Bundesstaat Maharashtra. Der Biologe war PhD-Student in der Heisenberg Group am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) in Klosterneuburg. Nun ist er Imaging Analyst in der Imaging & Optics Facility des ISTA.
Carl-Philipp Heisenberg war am Department of Anatomy and Developmental Biology des University College London und am Max-Planck-Institute of Molecular Cell Biology and Genetics in Deutschland tĂ€tig, bevor er 2010 als Professor ans ISTA berufen wurde. Seine Forschungsgruppe fokussiert hier auf die Morphogenese in der Embryonalentwicklung. Das von 2024 bis 2027 laufende Projekt âKeratine in der epithelialen Gewebeausbreitung" wird vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert.
Publikation
Keratins coordinate tissue spreading by balancing spreading forces with tissue material properties, in: Nature Communications 17, 2026