Ein braun-weiß-gefleckte Kuh steht auf einer ausgetrockneten Almwiese
Ausgetrocknete Almweide in Spital am Pyhrn, Oberösterreich, aufgenommen am 4. August 2026. Die anhaltende Hitze und DĂŒrre setzen das gesamte Ökosystem unter Druck. © APA-Images/REUTERS/Lisa Leutner

Die Klimakrise hat sich im Hitzesommer 2026 in aller Deutlichkeit gezeigt – mit Folgen nicht nur fĂŒr Mensch und Tier. Die extreme Hitze hatte Trockenheit und DĂŒrre zur Folge. Sichtbar wurde das an BĂ€umen, BĂŒschen, Zier- und Nutzpflanzen und deren braun-bröseligen BlattrĂ€ndern, verdorrten Zweigen oder herbstlich anmutende VerfĂ€rbungen. Wassermangel allein reicht als ErklĂ€rung fĂŒr diese VerĂ€nderungen nicht aus. Das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt „Transpiration bei Hitze“ zeigt eindrucksvoll, dass es die Hitze selbst ist, die unseren Sauerstoffspenderinnen so merkbar zusetzt.

Das Forschungsteam der UniversitĂ€t Innsbruck untersuchte die Folgen hoher Temperaturen fĂŒr die BlĂ€tter selbst. Im Zentrum standen Fragen wie: Reagieren verschiedene Pflanzen, von Bodendeckern in den Hochalpen bis zu LaubbĂ€umen im Regenwald, unterschiedlich auf Hitze? Wie weit können sie sich an steigende Temperaturen anpassen? Ab welchen Grenzwerten kommt es zu irreversiblen SchĂ€den? Und welche Rolle spielt dabei die Wasserversorgung?

Das Projekt

Pflanzen haben im Laufe der Evolution zahlreiche Mechanismen entwickelt, um mit Ă€ußeren Stressfaktoren umzugehen. Im Forschungsprojekt ging es um die Frage, ab wann verschiedene Pflanzenarten, von BĂ€umen bis AlpenkrĂ€utern, Extremtemperaturen nicht mehr kompensieren können. 

Eine natĂŒrliche Klimaanlage

Das Team um den Botaniker und Projektleiter Gilbert Neuner interessierte vor allem die Dosis-Wirkung-Beziehung. „Pflanzen haben im Laufe der Evolution eine ganze Reihe von Strategien entwickelt, um bei extremen Temperaturen zu ĂŒberleben“, erklĂ€rt Neuner. In Regionen, in denen es sehr kalt wird, wachsen sie niedrig, klein und kompakt, um ihre Körpertemperatur zu erhöhen.

Hitze hingegen meistern Pflanzen durch einen ausgeklĂŒgelten KĂŒhlmechanismus. Ähnlich wie die menschliche Haut regulieren BlĂ€tter ihre Temperatur ĂŒber kleine Spaltöffnungen oder Stomata, ĂŒber die sie Wasser verdunsten. Diese Transpiration wirkt als natĂŒrliche Klimaanlage fĂŒr das Blatt. Und sie kĂŒhlt die Umgebung gleich um einige Grade mit ab: Das „Schwitzen“ der Pflanzen ist der Grund fĂŒr die fĂŒhlbar niedrigeren Temperaturen im Wald oder unter BĂ€umen im Vergleich zu baum- und strauchlosen Wiesen, AgrarflĂ€chen oder betonierten StĂ€dten.

Infrarotaufnahme von Alpen-Mohn (papaver alpinum): Die Pflanze ist deutlich kĂŒhler als der heiße Boden, ein senkrechter Stein in der oberen BildhĂ€lfte bringt zusĂ€tzliche KĂŒhlung.
Infrarotaufnahme von Alpen-Mohn (papaver alpinum): Die Pflanze ist deutlich kĂŒhler als der heiße Boden, ein senkrechter Stein in der oberen BildhĂ€lfte bringt zusĂ€tzliche KĂŒhlung. © JĂŒrgen Hacker

Wie heiß darf es werden?

Blatttemperaturen ĂŒber 50 Grad Celsius, wie sie an windgeschĂŒtzten SĂŒdhĂ€ngen in den Alpen oder in Baumwipfeln in den Tropen durchaus gemessen werden, können ĂŒber diese Verdunstung ausgeglichen werden. Aber bis zu welcher Umgebungstemperatur funktioniert das? „In der bisherigen Forschung wurde die Hitzetoleranz mit einem standardisierten Test bestimmt“, erklĂ€rt Neuner. Pflanzenproben werden 30 Minuten lang einer bestimmten Temperatur ausgesetzt und dann auf SchĂ€den untersucht.

Diese Tests zeigen, dass fast alle Pflanzen auf der Erde Lufttemperaturen zwischen 44 und 55 Grad Celsius aushalten. „Das ist erstaunlich einheitlich und deckt sich mit den Maximaltemperaturen, die man in diesen Biomen misst“, weiß der Botaniker; nur Wasserpflanzen seien etwas temperaturempfindlicher, wĂ€hrend einzelne WĂŒstenpflanzen mehr aushielten. Allerdings wurde das „bestenfalls fĂŒr eine Mittagshitze“ getestet: 30 Minuten lang.

„Wir wollten herausfinden, was passiert, wenn wir diese Dosis verĂ€ndern, also die Dauer der Hitze verlĂ€ngern oder die Temperatur hinauffahren.“ DafĂŒr verwendeten die Forschenden unter anderem ein Differenz-Kalorimeter, mit dem sie BlĂ€tter aus dem Freiland im Labor kontrolliert aufheizen und dann unterschiedliche molekulare Prozesse im Blatt analysieren können. „Wir haben uns zum Beispiel angesehen, wann die BlĂ€tter ihre Stomata öffnen oder schließen oder wie sich die Wachsschicht auf den BlĂ€ttern durch Hitze verĂ€ndert.“ Auch weitere molekulare Prozesse in der Blattmembran wurden untersucht, etwa, wann Proteine zu denaturieren beginnen.

Je höher, desto schÀdlicher

Die Experimente zeigten eine klare und exponentielle Beziehung zwischen Dosis und Wirkung. „Ein Blatt hĂ€lt 45 Grad Lufttemperatur gut aus, wenn die Hitze nach einer halben Stunde wieder vorbei ist“, prĂ€zisiert Neuner. „Aber wenn sie vier Stunden andauert, sehen wir vergleichbare SchĂ€den schon bei 40 Grad. Und bei Extremtemperaturen ĂŒber 50 Grad Celsius reichen fĂŒr den gleichen Effekt wenige Minuten.“ Passend dazu trug eine Studie den Titel „Die Dosis macht das Gift“. Denn was in der Stadt derzeit ebenfalls gut zu sehen ist: Je lĂ€nger BlĂ€tter hohen Temperaturen ausgesetzt sind, umso weniger hitzetolerant sind sie. Und je höher die Temperaturen steigen, umso schneller kommt es zu schweren SchĂ€den.

 

Die GĂ€msheide links am Nordhang mit BlĂŒte, am SĂŒdhang mit hitzebdingten SchĂ€den an den BlĂ€ttern.
Die GĂ€msheide links am Nordhang mit BlĂŒte, am SĂŒdhang mit hitzebedingten SchĂ€den an den BlĂ€ttern. © Wikimedia, G. Neuner

Wachse, Fette, Proteine

Denn Hitze verĂ€ndert nicht nur die Transpiration, sondern die gesamte Blattphysiologie. Sie stĂ¶ĂŸt eine Kaskade an VerĂ€nderungen an. Manche davon kann die Pflanze wieder reparieren, wenn die Temperaturen sinken. Doch ab einer bestimmten Schwelle sind die SchĂ€den irreversibel. Was genau verursacht aber letztlich die SchĂ€den?

Als Erstes nahmen die Forschenden die Kutikula genauer unter die Lupe, eine dĂŒnne Wachsschicht auf BlĂ€ttern. „Beim Krautkopf sieht man die Kutikula sehr gut“, nennt Neuner ein Beispiel, „aber jedes Blatt hat eine Kutikula.“ Sie schĂŒtzt Pflanzen etwa vor dem Eindringen von Krankheitserregern, bietet einen mechanischen Schutz, hemmt Insektenfraß – und sie verhindert, dass das Blatt unkontrolliert viel Wasser verliert.

Pflanzen können die Zusammensetzung dieser Schutzschicht an starke Sonneneinstrahlung anpassen. „Zum Beispiel haben wir an der alpinen GĂ€msheide gesehen, einem immergrĂŒnen Bodendecker, dass sie an SĂŒdhĂ€ngen weniger Flavonoide in die Wachsschicht einbaut. Dadurch wird sie deutlich hitzestabiler als GĂ€msheide auf NordhĂ€ngen“, erzĂ€hlt Neuner. Ähnlich wie Bienenwachs, das bei Hitze schmilzt, geht es auch der Kutikula bei großer Hitze: „Je heißer es wird, umso löchriger wird sie. Der Wasserverlust des Blattes nimmt dadurch sehr stark zu.“

Deshalb vermuteten die Forscher:innen, dies wĂ€re der Grund fĂŒr die BlattschĂ€den. „Aber: Die Kutikula wird erst viel spĂ€ter durchlĂ€ssig, wenn das Blatt schon starke SchĂ€den aufweist“, berichtet Projektleiter Neuner. Auch Proteine und Fette in der Blattmembran verĂ€ndern sich bei sehr hohen Temperaturen. Proteine etwa denaturieren „wie Eiweiß, das beim Braten fest und weiß wird“. Aber auch das, zeigten die Analysen, passiert erst, nachdem das Blatt schon kaputt ist. „Offenbar beginnt der eigentliche Schadensprozess frĂŒher“, so Neuner, der seufzend bekennt: „Wir hĂ€tten das wirklich gerne geklĂ€rt. Aber die eigentliche Schadensursache ist nach wie vor offen.“
 

AnpassungsfÀhigkeit am Limit?

Was bedeutet das fĂŒr unsere sich rasch erhitzende Welt? „Prognosen sind schwierig, weil es sehr eng mit der Wasserversorgung zusammenhĂ€ngt – bei uns und ĂŒberall auf der Welt“, so Neuner, der immer wieder ĂŒber die AnpassungsfĂ€higkeit von Pflanzen staunt. „Aber diese safety margin, die sichere Grenze, von der wir sprechen, ist in manchen Regionen nicht mehr besonders groß.“

Noch unpublizierte Ergebnisse aus den Tropen zeigen, dass es konkrete physiologische Grenzen geben dĂŒrfte. „Weil die Dosis-Wirkung-Beziehung so eindeutig ist, dachten wir, Tropenpflanzen hĂ€tten sich sicher an die höheren Temperaturen vor Ort angepasst“, erzĂ€hlt er von einer Forschungsreise nach Costa Rica. „Aber das ist nicht der Fall. Das hat uns wirklich ĂŒberrascht. Die BĂ€ume im Regenwald sind nicht wesentlich hitzetoleranter als die GĂ€msheide in den Alpen. Sie gleichen die Umgebungshitze nur ĂŒber eine besonders starke Transpiration aus.“ Bleibt der Regenwald-typische Regen aus, kann die Hitze fĂŒr die BĂ€ume kritisch werden.

TatsĂ€chlich haben sich die Trockenzeiten bereits merkbar verlĂ€ngert. In manchen RegenwĂ€ldern gab es in den vergangenen Jahren sogar erstmals DĂŒrren. Ob in Zukunft ausreichend Wasser verfĂŒgbar ist, wird also hier wie dort ĂŒber die Entwicklung der WĂ€lder entscheiden. Das stimmt nicht wahnsinnig optimistisch. Bei den rasch steigenden Temperaturen der Gegenwart brĂ€uchten die Pflanzen deutlich mehr Wasser als frĂŒher – nicht zum Wachsen, sondern fĂŒr die lebenswichtige Transpiration.

Doch vielerorts lassen Schnee und sanfte, kontinuierliche RegenfĂ€lle immer öfter auf sich warten. Weil die BlĂ€tter dann ihre Stomata schließen, um Wasser zu sparen, verlieren sie einerseits ihre natĂŒrliche KĂŒhlung und ĂŒberhitzen, was dem Blatt selbst und der Widerstandskraft der ganzen Pflanze schadet. Andererseits sinkt die Verdunstungsleistung der Pflanzen, wodurch es noch wĂ€rmer wird. Die Hitze entzieht zusĂ€tzlich auch Böden und der Luft die Feuchtigkeit, was die Trockenheit verschĂ€rft. So entsteht ein Teufelskreis des Verdorrens. Die Folgen sind bereits weltweit zu sehen.

Zur Person

Gilbert Neuner studierte Botanik an der UniversitĂ€t Innsbruck und ist dort seit 2001 UniversitĂ€tsprofessor. Als Leiter der Forschungsgruppe Stressphysiologie am Institut fĂŒr Botanik interessieren ihn die Mechanismen, die Pflanzen – vor allem Pflanzen im Alpenraum – gegen Ă€ußere Stressfaktoren wie Hitze, DĂŒrre, KĂ€lte, Eis und starke Sonneneinstrahlung entwickelt haben. Neuner ist auch stellvertretender Leiter des Doktoratskollegs „Alpine Biologie und Globaler Wandel“. Das Forschungsprojekt „Transpiration bei Hitze“ (2021–2025) wurde vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert.

Publikationen

When it gets too hot: Chronology of critical heat thresholds stomatal response, PS II dysfunction, tissue heat damage, molecular denaturation and increased cuticle conductance, in: Plant Stress, May 2026
Phenotypic Cuticle Plasticity at High Elevation: Is Microstructure and Microchemistry Related to Water Permeability?, in: Plant, Cell & Environment, 2026
A novel method for measuring heat injury in leaves provides insights into the sequence of processes of heat injury development, in: Plant Methods 2025