Planet Erde auf einer ausgetrockneten Wiese, aus der oberen Hälfte der Kugel kommen dicke Rauchschwaden heraus
Die wachsende Klimakrise spiegelt sich auch in der Literatur wider. Viel Endzeitstimmung und kaum Utopien sind in den Erzählungen zu finden, wie ein Forschungsprojekt aufzeigt. © Marco Verch, CC BY 2.0

Rund 20 Zentimeter: So hoch könnte der Meeresspiegel in einem moderaten Emissionsszenario bis 2050 jedes Jahr ansteigen. Diese Projektion basiert auf einem Klimamodell, einem Computerprogramm, das Veränderungen im Klimasystem auf Basis von mathematischen Gleichungen berechnet. Sie zeigt, wie sich unsere physische Umwelt verändern könnte.

Doch lässt sich auch modellieren, wie wir Menschen uns die Zukunft auf einem erhitzten Planeten vorstellen – beispielsweise auf Basis von Theaterstücken, Instagram-Postings, Lehrmaterialien oder Romanen? Und falls ja: Wie sehen diese Visionen aus? Diesen Fragen gehen neun österreichische, deutsche und britische Forschende aus den Literatur- und Kulturwissenschaften, der Soziologie, Linguistik und Fachdidaktik sowie der Wissenschafts- und Technikforschung in dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschungsprojekt „Just Futures? Approaching Cultural Climate Models“ nach. Geleitet wird es vom Umweltgeisteswissenschaftler David Higgins von der Universität Leeds und der Literaturwissenschaftlerin und Anglistin Julia Hoydis von der Universität Graz.

Wie wir uns die Zukunft vorstellen

Wie manifestiert sich die Klimakrise in Literatur und Kultur? In einem Team internationaler Forschender zeichnet die Literaturwissenschaftlerin Julia Hoydis nach, wie sich Klimageschichten von Science-Fiction in der fernen Zukunft unweigerlich und vermehrt in zeitgenössischer Literatur wiederfinden. 

Was sind kulturelle Modelle?

Die Forschenden wollen zeigen, wie in unterschiedlichen Textformaten und Medien Klimazukünfte entworfen werden und wie diese aussehen. „Erzählungen darüber, wie es mit der Menschheit und der Klimakrise weitergehen kann und wird, greifen auf wissenschaftliche Fakten und Daten zurück“, erklärt Projektleiterin Hoydis. „Aber sie funktionieren natürlich anders.“

Und sie decken andere Aspekte ab. Während etwa mathematische Modelle abstrakt aufzeigen, wie rasant Gletschereis in einem Erwärmungsszenario schmilzt, holen Essays oder Theaterstücke die Menschen bei ihren Emotionen ab. Sie können beispielsweise behandeln, welche Sorgen Einheimische in gefährdeten Gebieten umtreiben oder welche Werte und Traditionen mit der Schmelze und ihrer Reaktion darauf vermittelt werden. Außerdem wirkt Fiktion unmittelbarer. Zukunftsvisionen sind uns im Theatersessel, mit einem Roman oder einem Social-Media-Feed vor der Nase näher als beim Betrachten naturwissenschaftlicher Graphen.

Alles andere als heiter

Doch wie stellen sich Autor:innen und Dramaturg:innen die Zukunft vor? Um das herauszufinden, analysierten David Higgins und Julia Hoydis mehrere Dutzend britische Texte aus dem vergangenen Jahrzehnt: vorrangig Theaterstücke, Romane, autobiografische Essays und Texte aus Lehrbüchern. Mit der literaturwissenschaftlichen Methode des „close reading“ interpretierten sie unter anderem ihre sprachlichen und rhetorischen Mittel. „Wir suchen nach wiederkehrenden Motiven und Themen, etwa ob es einen Fokus auf bestimmte Akteure oder Charaktere gibt“, erläutert die Forscherin.

Der Klimawandel ist der Literatur nicht neu. Seit den 2010er-Jahren beschreibt der Begriff „Climate-Fiction“ Texte, in denen er vorkommt. Viele der damals verfassten Geschichten waren allerdings Science-Fiction, spielten also in einer spekulativen, fernen Zukunft.

Stapel von sechs Büchern auf einem Tisch mit kleiner Pflanze im Hintergrund
Shortlist der nominierten Bücher des „Climate Fiction Prize“ 2026. Der Literaturpreis wurde erstmals 2024 vergeben. © Climate fiction prize

Wenn Science-Fiction real wird

Heute hingegen manifestiert sich auch in den Theaterstücken und Romanen, die Hoydis analysiert, wie stark die Klimakrise seitdem eskalierte und wie sehr sie bereits Teil unseres Alltags ist. Inzwischen platzieren Schriftsteller:innen und Theatermacher:innen ihre Klimageschichten in einer vagen nahen Zukunft, im Jetzt oder gar in der nahen Vergangenheit. „Es ist schlicht schwer, zeitgenössische Literatur zu schreiben, die sich nicht mit der Realität wie heißen Sommern beschäftigt“, sagt Julia Hoydis. Der Roman „Und dann verschwand die Zeit“ der britischen Autorin Jesse Greengrass aus dem Jahr 2021 beispielsweise erzählt von einer Umweltforscherin, die in einem von ihr konzipierten, sturmsicheren Haus auf einer Anhöhe an der britischen Küste Zuflucht vor der Klimakatastrophe sucht.

Zukunftsgeschichten vom Ende der Zeit

Viele der Stücke und Texte verhandeln literarisch Trauer-, Schuld- und Verlustgefühle. Auch Generationenkonflikte sind ein häufiges Thema. „Heiter sind sie alle nicht“, bringt es die Forscherin auf den Punkt. Besonders provokant und eindrücklich manifestiert sich das im Theaterstück „Das Tribunal“ der britischen Dramatikerin Dawn King aus dem Jahr 2022. Es spielt in der nahen Zukunft im klimatischen Kollaps, in der ein Tribunal aus zwölf Jugendlichen in einer Schule über das ehemalige klimaschädliche Verhalten von Erwachsenen urteilt. Bei Schuldspruch erwartet die Schuldigen die Exekution.

Auch Endzeiterzählungen fanden die Forschenden häufig. Viele schildern eine dystopische Zukunft, in der eine Handvoll Überlebende auf einem zerstörten Planeten oder fernab davon von Neuem beginnen müssen. „Ich suche noch nach den Utopien“, sagt Julia Hoydis nüchtern. In keinem der Texte, die sie analysierte, wird der Wandel hin zu einer klimaneutralen und gerechten Gesellschaft skizziert. Literatur könne auch zeigen, was deren Macher:innen über die menschliche Natur denken, erklärt die Wissenschaftlerin. Viele scheinen zu glauben, dass diese sich nicht grundlegend ändern könne.

Was die Literaturwissenschaftlerin allerdings überraschte, war der Genderaspekt vieler Erzählungen. In vielen Romanen und Theaterstücken kamen schwangere Frauen als einige der wenigen Überlebenden vor. Ihr ungeborenes Kind symbolisierte Hoffnung für die Zukunft der Menschheit. „Diese Erzählung“, so Hoydis, „ist dann doch sehr konservativ.“

Klimavisionen auf Insta

In einem anderen Arbeitspaket ergründeten der Wissenschafts- und Technikforscher Warren Peace und die Linguistin Carolin Schwegler, welche kulturellen Klimamodellierungen auf den Plattformen X (Twitter), Tiktok und Instagram kursieren. Sie analysierten rund 29.500 Kurzvideos, Postings und Begleittexte und machten so unter anderem eine neue klimabezogene Bildsprache auf Instagram sichtbar. User:innen binden mittlerweile vermehrt Texte in Bildern, Videos und Grafiken ein, erstellen Infografiken und Memes oder kombinieren Datenvisualisierungen mit persönlichen Geschichten. Mit Gegenüberstellungen und Swipe-Bildern kommunizieren sie die Schere zwischen Ist- und Soll-Zustand, etwa zwischen einem abgeholzten und einem wiederaufgeforsteten Regenwald-Abschnitt, und rufen zum Handeln auf.

Eine weitere Studie von Carolin Schwegler und dem Linguisten Jöran Landschoff beschrieb Aspekte mobilitätsbezogener Zukunftsvorstellungen auf der Plattform. User:innen, so machten die Forschenden sichtbar, äußern Kritik an den aktuellen Zuständen und entwerfen auch optimistische Zukunftsversionen. Etwa, indem sie inspiriert von der optimistischen, sozialen Bewegung des „Solarpunk“ Bilder von begrünten Städten mit ausgeklügelten öffentlichen Verkehrssystemen und Solarpaneelen an Haltestellen erstellen und teilen.

Von Listen, Literatur und Lösungen

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit förderte auch Parallelen zwischen Plattformen, Büchern und Theaterstücken zutage. Eine davon sind Listen. Instagram-Postings listen beispielsweise „10 Dinge, die du diesen Sommer noch machen musst, bevor es zu heiß wird“, während Romanfiguren Listen der Konserven, die sie in einem verlassenen Haus fanden, erstellen. Routinen und Auflistungen scheinen User:innen, Autor:innen und Dramaturg:innen zu helfen, mit der unsicheren Zukunft umzugehen, erläutert Julia Hoydis.

Lösungen beschreiben literarische Texte allerdings selten. „Literatur kann keinen Blueprint dafür liefern, wie wir die Welt retten können“, weiß die Literaturwissenschaftlerin. Aber sie kann Resonanzräume für Gefühle schaffen. Etwa für jenes der kognitiven Dissonanz. Es entsteht aus der Lücke dessen, was wir über die Folgen der Klimakrise wissen, und dem, was wir gegen sie unternehmen. „Lesen oder sehen wir Geschichten, die Zukunftsbeschreibungen der Klimakrise behandeln, haben wir weniger das Gefühl, die dunkle Realität werde vollkommen ignoriert“, ist Hoydis überzeugt.

Auch nach dem Ende dieses Jahres, wenn das Forschungsprojekt abgeschlossen sein wird, werden Social-Media-Postings, Theaterstücke und Texte rund um die Zukunft in der Klimakrise verfasst werden. Julia Hoydis will sich zukünftig noch tiefer den Klimageschichten über die ältere Generation widmen. „Denn diese ist stark von der Klimakrise betroffen“, sagt sie. „Im kulturellen Klimadiskurs kommt sie aber kaum vor.“

 Zur Person

Julia Hoydis ist Professorin für Englische Literaturwissenschaft vom 18. bis 21. Jahrhundert am Institut für Anglistik der Universität Graz. Sie studierte Philosophie, Medienwissenschaften und Englische Philologie an der Universität zu Köln und promovierte im Bereich der postkolonialen Studien. Julia Hoydis war Doktorandin und Lektorin an der University of Cambridge, Professorin an der Universität Klagenfurt und lehrte an den Universitäten Köln und Duisburg-Essen. Sie forscht unter anderem zu Klimanarrativen, Posthumanismus und neueren digitalen Erzählformen.

Publikationen

Narrating Resilience amidst Polycrisis: The Ordinary Magic of Realism and Routines in Contemporary British Climate Fiction 2026
Climate Fiction as Future-Making: Narrative and Cultural Modelling Beyond Representation 2025
Polystorying Mobility: Urbane Mobilität in multimodalen Zukunftsvorstellungen auf Instagram, in: OBST – Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, in Druck