Wenn Science-Fiction real wird
Heute hingegen manifestiert sich auch in den Theaterstücken und Romanen, die Hoydis analysiert, wie stark die Klimakrise seitdem eskalierte und wie sehr sie bereits Teil unseres Alltags ist. Inzwischen platzieren Schriftsteller:innen und Theatermacher:innen ihre Klimageschichten in einer vagen nahen Zukunft, im Jetzt oder gar in der nahen Vergangenheit. „Es ist schlicht schwer, zeitgenössische Literatur zu schreiben, die sich nicht mit der Realität wie heißen Sommern beschäftigt“, sagt Julia Hoydis. Der Roman „Und dann verschwand die Zeit“ der britischen Autorin Jesse Greengrass aus dem Jahr 2021 beispielsweise erzählt von einer Umweltforscherin, die in einem von ihr konzipierten, sturmsicheren Haus auf einer Anhöhe an der britischen Küste Zuflucht vor der Klimakatastrophe sucht.
Zukunftsgeschichten vom Ende der Zeit
Viele der Stücke und Texte verhandeln literarisch Trauer-, Schuld- und Verlustgefühle. Auch Generationenkonflikte sind ein häufiges Thema. „Heiter sind sie alle nicht“, bringt es die Forscherin auf den Punkt. Besonders provokant und eindrücklich manifestiert sich das im Theaterstück „Das Tribunal“ der britischen Dramatikerin Dawn King aus dem Jahr 2022. Es spielt in der nahen Zukunft im klimatischen Kollaps, in der ein Tribunal aus zwölf Jugendlichen in einer Schule über das ehemalige klimaschädliche Verhalten von Erwachsenen urteilt. Bei Schuldspruch erwartet die Schuldigen die Exekution.
Auch Endzeiterzählungen fanden die Forschenden häufig. Viele schildern eine dystopische Zukunft, in der eine Handvoll Überlebende auf einem zerstörten Planeten oder fernab davon von Neuem beginnen müssen. „Ich suche noch nach den Utopien“, sagt Julia Hoydis nüchtern. In keinem der Texte, die sie analysierte, wird der Wandel hin zu einer klimaneutralen und gerechten Gesellschaft skizziert. Literatur könne auch zeigen, was deren Macher:innen über die menschliche Natur denken, erklärt die Wissenschaftlerin. Viele scheinen zu glauben, dass diese sich nicht grundlegend ändern könne.
Was die Literaturwissenschaftlerin allerdings überraschte, war der Genderaspekt vieler Erzählungen. In vielen Romanen und Theaterstücken kamen schwangere Frauen als einige der wenigen Überlebenden vor. Ihr ungeborenes Kind symbolisierte Hoffnung für die Zukunft der Menschheit. „Diese Erzählung“, so Hoydis, „ist dann doch sehr konservativ.“
Klimavisionen auf Insta
In einem anderen Arbeitspaket ergründeten der Wissenschafts- und Technikforscher Warren Peace und die Linguistin Carolin Schwegler, welche kulturellen Klimamodellierungen auf den Plattformen X (Twitter), Tiktok und Instagram kursieren. Sie analysierten rund 29.500 Kurzvideos, Postings und Begleittexte und machten so unter anderem eine neue klimabezogene Bildsprache auf Instagram sichtbar. User:innen binden mittlerweile vermehrt Texte in Bildern, Videos und Grafiken ein, erstellen Infografiken und Memes oder kombinieren Datenvisualisierungen mit persönlichen Geschichten. Mit Gegenüberstellungen und Swipe-Bildern kommunizieren sie die Schere zwischen Ist- und Soll-Zustand, etwa zwischen einem abgeholzten und einem wiederaufgeforsteten Regenwald-Abschnitt, und rufen zum Handeln auf.
Eine weitere Studie von Carolin Schwegler und dem Linguisten Jöran Landschoff beschrieb Aspekte mobilitätsbezogener Zukunftsvorstellungen auf der Plattform. User:innen, so machten die Forschenden sichtbar, äußern Kritik an den aktuellen Zuständen und entwerfen auch optimistische Zukunftsversionen. Etwa, indem sie inspiriert von der optimistischen, sozialen Bewegung des „Solarpunk“ Bilder von begrünten Städten mit ausgeklügelten öffentlichen Verkehrssystemen und Solarpaneelen an Haltestellen erstellen und teilen.
Von Listen, Literatur und Lösungen
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit förderte auch Parallelen zwischen Plattformen, Büchern und Theaterstücken zutage. Eine davon sind Listen. Instagram-Postings listen beispielsweise „10 Dinge, die du diesen Sommer noch machen musst, bevor es zu heiß wird“, während Romanfiguren Listen der Konserven, die sie in einem verlassenen Haus fanden, erstellen. Routinen und Auflistungen scheinen User:innen, Autor:innen und Dramaturg:innen zu helfen, mit der unsicheren Zukunft umzugehen, erläutert Julia Hoydis.
Lösungen beschreiben literarische Texte allerdings selten. „Literatur kann keinen Blueprint dafür liefern, wie wir die Welt retten können“, weiß die Literaturwissenschaftlerin. Aber sie kann Resonanzräume für Gefühle schaffen. Etwa für jenes der kognitiven Dissonanz. Es entsteht aus der Lücke dessen, was wir über die Folgen der Klimakrise wissen, und dem, was wir gegen sie unternehmen. „Lesen oder sehen wir Geschichten, die Zukunftsbeschreibungen der Klimakrise behandeln, haben wir weniger das Gefühl, die dunkle Realität werde vollkommen ignoriert“, ist Hoydis überzeugt.
Auch nach dem Ende dieses Jahres, wenn das Forschungsprojekt abgeschlossen sein wird, werden Social-Media-Postings, Theaterstücke und Texte rund um die Zukunft in der Klimakrise verfasst werden. Julia Hoydis will sich zukünftig noch tiefer den Klimageschichten über die ältere Generation widmen. „Denn diese ist stark von der Klimakrise betroffen“, sagt sie. „Im kulturellen Klimadiskurs kommt sie aber kaum vor.“
Zur Person
Julia Hoydis ist Professorin für Englische Literaturwissenschaft vom 18. bis 21. Jahrhundert am Institut für Anglistik der Universität Graz. Sie studierte Philosophie, Medienwissenschaften und Englische Philologie an der Universität zu Köln und promovierte im Bereich der postkolonialen Studien. Julia Hoydis war Doktorandin und Lektorin an der University of Cambridge, Professorin an der Universität Klagenfurt und lehrte an den Universitäten Köln und Duisburg-Essen. Sie forscht unter anderem zu Klimanarrativen, Posthumanismus und neueren digitalen Erzählformen.
Publikationen
Narrating Resilience amidst Polycrisis: The Ordinary Magic of Realism and Routines in Contemporary British Climate Fiction 2026
Climate Fiction as Future-Making: Narrative and Cultural Modelling Beyond Representation 2025
Polystorying Mobility: Urbane Mobilität in multimodalen Zukunftsvorstellungen auf Instagram, in: OBST – Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, in Druck