Was Alzheimer ĂŒber das MusikgedĂ€chtnis verrĂ€t
Musik grĂ€bt sich ins GedĂ€chtnis ein. Selbst nach Jahrzehnten erinnern wir uns an die Hits aus der Jugendzeit. Viele haben abgespeichert, welche Songs sie in guten und schwierigen Lebensphasen begleiteten, und selbst das, was ihre Eltern hörten. Dass sich Melodien, die starke GefĂŒhle auslösen, in unserem GedĂ€chtnis verankern, ist wissenschaftlich gut belegt. Musik aktiviert Hirnareale fĂŒr Emotionen, aber auch fĂŒr Motorik und Wahrnehmung. Was die Forschung auch zeigt: Sie kann unsere GedĂ€chtnisleistung verbessern. Wer selbst musiziert, profitiert besonders. Das belegen Studien mit Musiker:innen. Sie zeigen, dass die beiden HirnhĂ€lften stĂ€rker vernetzt sind und sich das Erinnerungsvermögen verbessert.
Eine wissenschaftlich ungelöste Frage war lange, warum selbst Alzheimer-Betroffene hĂ€ufig alte Lieder und damit verknĂŒpfte Erinnerungen abrufen können. Inzwischen hat man herausgefunden, dass das LangzeitgedĂ€chtnis fĂŒr Musik im Gehirn anatomisch auch in Bereichen verortet sein dĂŒrfte, die bei Bewegung eine Rolle spielen.
Musik fĂŒr das GedĂ€chtnis
Wie erinnern wir uns eigentlich an Musik und wie genau sieht unser GedĂ€chtnis fĂŒr Musik aus? Die Studie bindet Menschen mit Alzheimer ein, um besser zu verstehen, wie Musik und GedĂ€chtnis zusammenhĂ€ngen und ob Musizieren die LeistungsfĂ€higkeit des Gehirns verbessern kann.
Musik fĂŒr das GedĂ€chtnis
Wie lĂ€sst sich all dieses Wissen nutzen, wie entsteht das GedĂ€chtnis fĂŒr Musik ĂŒberhaupt und inwiefern könnten Betroffene von Alzheimer-Demenz davon profitieren? Diesen Fragen geht ein vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Forschungsprojekt an der UniversitĂ€t Wien nach. Unter der Leitung der Psychologin Anja-Xiaoxing Cui verfolgen Forschende in dem Projekt âMusik fĂŒr das GedĂ€chtnisâ einen neuen Ansatz, nach dem Motto: Es ist nie zu spĂ€t fĂŒrs Musizieren. Im Gegensatz zum passiven Musikkonsum, der alte Erinnerungen hervorrufen kann, wollen Cui und ihr Team an der UniversitĂ€t Wien herausfinden, was passiert, wenn an Alzheimer Erkrankte neu erlernte Lieder singen. Kann es ihre kognitiven FĂ€higkeiten verbessern und sind es bestimmte musikalische Elemente eines Liedes, an die sie sich besonders gut erinnern?
âEs ist ein Unterschied, ob wir Musik hören oder ob wir Musik machen. Genau darin könnte der Grund dafĂŒr liegen, dass wir uns Musik besonders gut merken könnenâ, sagt Cui. âWir gehen davon aus, dass das musikalische GedĂ€chtnis viel prozeduraler ist als andere GedĂ€chtnisinhalte â also dass es mehr mit Machen zu tun hat.â Der Antwort auf die zentrale Frage, wie das MusikgedĂ€chtnis genau funktioniert, will sich das Forschungsteam nun also ganz gezielt ĂŒber Menschen mit Alzheimer nĂ€hern. Dort, wo bestimmte Areale fĂŒr das kognitive GedĂ€chtnis bereits angegriffen sind, mĂŒssen andere Strukturen aktiviert werden â so die Ăberlegung.
Langzeitversuch: aktives Musizieren
FĂŒr die vierjĂ€hrige Studie arbeiten die Forschenden in Wien mit Partnern in Norwegen und Argentinien zusammen. Von dort flieĂt Expertise aus der Musiktherapie und der klinischen Forschung ein. In Wien kommen Methoden aus Psychologie, Neuro- und Musikwissenschaft hinzu. Derzeit werden in allen LĂ€ndern rund 100 Teilnehmende ab 65 Jahren rekrutiert, die bereit sind, ein Jahr lang Unterricht im Singen zu nehmen. So wollen die Forschenden valide LĂ€ngsschnittergebnisse erzielen. âWir suchen speziell Menschen, die nicht vorher Musiker:innen waren, um individuelle Unterschiede auszuschlieĂenâ, sagt Cui. âUnd wir haben uns fĂŒr das Singen entschieden, weil unsere Stimme das tragbarste Instrument ist.â Dass man singen mögen muss, ist keine Bedingung, um am Projekt teilzunehmen und â so hoffen die Forschenden â um davon zu profitieren.
Zu Beginn erfolgen EEG- und MRT-Messungen sowie neuropsychologische Testungen. Dann geht es los mit dem SpaĂ. âWir arbeiten mit groĂartigen Musiktherapeut:innen zusammen, die die Leute zu Hause besuchen und gemeinsam mit ihnen Lieder lernenâ, erklĂ€rt die Psychologin, sie ist selbst ausgebildete Klavierspielerin. Die Lieder wurden speziell fĂŒr das Projekt komponiert. Cui beschreibt sie als eingĂ€ngige Volkslied-nahe StĂŒcke, die man gut singen kann. âDa wir die eigens komponierten Lieder auch musikwissenschaftlich genau kennen, können wir den Lernprozess detailliert beobachten. So untersuchen wir, welche Elemente zuerst erinnert werden, ob sich Refrain und Strophen unterschiedlich gut einprĂ€gen und ob Töne am Ende einer melodischen Phrase besonders gut im GedĂ€chtnis bleiben.â
Per Losverfahren beginnen die Alzheimer-Patient:innen entweder mit einer intensiven oder einer leichteren Phase â dann wird getauscht. In der weniger intensiven Phase wird einmal im Monat, in der intensiveren Lernzeit zweimal pro Woche gesungen. Durch den Einzelunterricht lassen sich Effekte ausschlieĂen, die etwa durch das gemeinsame Musizieren nur schwer zu unterscheiden wĂ€ren.
InterdisziplinÀre Spurensuche
Im Laufe des Unterrichtsjahres fĂŒhrt das Forschungsteam weitere EEG- und MRT-Messungen durch â ebenso mit einer Vergleichsgruppe von gesunden Personen im gleichen Alter â, um natĂŒrliche Alterungsprozesse des Gehirns zu berĂŒcksichtigen. âMit dem EEG können wir zwischen expliziten, impliziten und prozeduralen Aspekten des GedĂ€chtnisses unterscheiden â also was fĂŒr eine Art GedĂ€chtnis aktiv istâ, erklĂ€rt Cui. In Kombination mit den bildgebenden MRT-Messungen lassen sich Gehirnareale und GehirnaktivitĂ€t abgleichen. Wenn sich hier ZusammenhĂ€nge zeigen, die auch mit den GedĂ€chtnisreports der singenden Studienteilnehmer:innen ĂŒbereinstimmen, âdann haben wir eine schlĂŒssige Vorstellung davon, wie die Mechanik dahinter aussieht, also was fĂŒr eine Art GedĂ€chtnis da im Gange istâ, sagt die Projektleiterin.
WĂ€hrend die Wissenschaftler:innen in Wien, Argentinien und Norwegen auf der Suche nach dem MusikgedĂ€chtnis sind, bestĂ€tigt eine neue Studie mit SĂ€uglingen, dass das Gehirn schon ab drei Monaten Musik verarbeitet und es mit Bewegung in Verbindung steht. Cui und ihre internationalen Kolleg:innen dĂŒrften also auf dem richtigen Weg sein, um Antworten auf die Fragen zu bekommen, warum wir uns Musik gut merken können und warum uns Rhythmen unbewusst zum Mitwippen animieren. Sollte sich darĂŒber hinaus die Hypothese bestĂ€tigen, dass Musik hilft, das GedĂ€chtnis zu verbessern, lieĂe sich die Wirkung von Musik auf das Gehirn zunutze machen. âMusik könnte ein Weg sein, eine BrĂŒcke zu GedĂ€chtnisinhalten zu bauen, die vielleicht noch da, aber nicht mehr so leicht zu erinnern sindâ, hofft Cui.
Zur Person
Anja-Xiaoxing Cui forscht am Institut fĂŒr Musikwissenschaft der UniversitĂ€t Wien im Bereich NeuromedialitĂ€t und Systematische Musikwissenschaft. Sie hat an der Queenâs University in Kanada in Psychologie promoviert und hatte bis 2022 eine Postdoc-Stelle an der School of Music der University of British Columbia inne. Vor ihrer wissenschaftlichen Laufbahn studierte Cui Klavier an der Hochschule fĂŒr Musik und Tanz Köln. Das Projekt âMusik fĂŒr das GedĂ€chtnisâ (2025â2029) wird vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert.
Studienteilnahme
Interessierte, die an der wissenschaftlichen Studie âMusik fĂŒr das GedĂ€chtnisâ teilnehmen wollen, können sich direkt an die Projektleiterin wenden: anja.cui@univie.ac.at