Drei junge Frauen arbeitend mit Laptops auf den Knien
Bei immer mehr Paaren hat die Frau den höheren Bildungsabschluss als der Mann. Doch wĂ€hrend sich folglich gesellschaftliche Normen verĂ€ndern, bleibt die Rollenaufteilung in der Familie unverĂ€ndert. © unsplash+

MĂ€dchen und Frauen haben in den vergangenen Jahrzehnten bei der Bildung stark aufgeholt. In manchen LĂ€ndern haben sie bei den AbschlĂŒssen die MĂ€nner bereits ĂŒberholt. Das fĂŒhrt zu gesellschaftlichen VerĂ€nderungen. Unter anderem verschiebt sich die Partnerwahl. FrĂŒher war es ĂŒblich, dass der Mann zumindest den gleichen und oft einen höheren Bildungsabschluss hatte als seine Frau (Hypergamie). Heute gibt es immer mehr heterosexuelle Paare, in denen die Frau die höhere Bildung hat (Hypogamie). Das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt „HypoFam“ untersuchte die Folgen dieser gesellschaftlich jungen Entwicklung.

Hypogamie – die Option B?

Die Forschung hat immer wieder gezeigt, dass Frauen sich lieber mit gleich oder höher gebildeten Partnern zusammentun. Bei immer mehr gut ausgebildeten Frauen nimmt die Auswahl an potenziell höher gebildeten Partnern ab. Projektleiterin Nadia Steiber von der UniversitĂ€t Wien spricht von einer Verknappung. „Frauen mit einer PrĂ€ferenz fĂŒr eine bildungshomogame Beziehung mĂŒssen dann entscheiden: Bleibe ich alleine oder folge ich Plan B?“ Plan B ist ein Partner mit niedrigerem Bildungsabschluss – die hypogame Beziehung. Wobei hier nicht nur von HochschulabschlĂŒssen – also tertiĂ€rer Bildung – die Rede ist. Eine Matura ist ein höherer Abschluss als eine abgeschlossene Lehre.

In Österreich hat derzeit etwa die HĂ€lfte der Paare das gleiche Bildungslevel, jeweils ungefĂ€hr ein Viertel lebt in einer Partnerschaft, in der entweder der Mann oder die Frau den höheren Bildungsabschluss hat. Paare, in denen ein Teil lediglich einen Pflichtschulabschluss hat, der andere einen Hochschulabschluss, sind verschwindend selten. HĂ€ufig hingegen sind einstufige AbstĂ€nde, also etwa die Kombination eines abgeschlossenen Lehrberufs – bei MĂ€nnern in Österreich der hĂ€ufigste Bildungsabschluss – und Matura.

HYPOFAM 

In vielen LĂ€ndern haben Frauen inzwischen höhere BildungsabschlĂŒsse als MĂ€nner. Das FWF-Projekt untersucht, wie sich dieser Trend auf Paare, deren Familienleben und Nachkommen auswirkt. Ein interdisziplinĂ€res Team der UniversitĂ€t Wien, der JKU Linz und des Instituts fĂŒr Höhere Studien hat dazu große DatensĂ€tze fĂŒr ganz Österreich ausgewertet.

Unterschiede in der Child Penalty nach Bildungsverteilung des Paares

Grafik zur Einkommensverteilung von Paaren, wenn die Frauen einen höheren Bildungsabschluss haben als die MÀnner
Die „Child Penalty“ (sinkender Anteil der Frau am Paareinkommen) fĂ€llt bei hypogamen Paaren zwar kleiner aus, ist aber immer noch substanziell. Bei Frauen mit tertiĂ€rem Abschluss und einem Partner mit Matura oder Lehrabschluss ist sie kleiner – sie liegt aber immer noch bei 10 Prozent. © Nadia Steiber

Wo bleibt die Gleichberechtigung?

„Wir wollten wissen, welchen Einfluss dieser höhere Bildungsstand im Vergleich zum Partner auf den Status der Frau in der Familie hat“, erlĂ€utert Steiber. Sind hypogame Paare moderner, haben also eine gerechtere Aufteilung der Hausarbeit oder weniger Einkommensungleichheit zwischen ihm und ihr? Verhindert die höhere Bildung den typischen Knick im Einkommen ab dem ersten Kind, der so unschön „child penalty“ heißt? „,Child penalty‘ bedeutet, dass sich das relative Einkommen der Frau im Haushalt nach dem ersten Kind im Vergleich zum Mann verringert“, erklĂ€rt die Soziologin. Direkt ĂŒbersetzt werden Frauen fĂŒrs Kinderkriegen also finanziell „bestraft“.

Der Kinder-Knick

Der Hauptfokus des vierjĂ€hrigen Forschungsprojekts lag auf der sozioökonomischen Entwicklung der Paare. „Hier haben wir mit österreichischen Registerdaten gearbeitet“, so Steiber. „Wir haben mit dem Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes begonnen und uns die EinkommensverlĂ€ufe fĂŒnf Jahre davor und 20 Jahre danach angesehen.“

Die „child penalty“ fiel bei hypogamen Paaren zwar etwas kleiner aus. „Aber sie war noch immer substanziell“, sagt Steiber. Die durchschnittliche Penalty liegt bei rund 20 Prozent – also der Anteil der Frau zum Paareinkommen sinkt von knapp 50 Prozent vor der Geburt des ersten Kindes auf unter 30 Prozent, wenn das Kind zehn Jahre alt ist. Die Penalty ist bei Frauen mit tertiĂ€rem Abschluss und einem Partner mit Matura oder Lehrabschluss rund 10 Prozentpunkte kleiner – sie liegt aber demnach immer noch bei 10 Prozent (siehe Grafik). „Es ist das gewohnte Muster: Die Frauen gehen nach der Geburt oft in Teilzeit und können den Einkommensnachteil spĂ€ter kaum mehr aufholen.“

Wenn ein zweites Kind kommt, erhöht sich die durchschnittliche Penalty um weitere 12 Prozentpunkte. Zu diesem Thema gab es ein durchaus ĂŒberraschendes Ergebnis: Hypogame Frauen werden mit höherer Wahrscheinlichkeit ein zweites Mal Mutter als Frauen in Beziehungen, in denen der Mann die höhere Bildung hat.

Widerspricht das nicht der Aussage, gut ausgebildete Frauen wĂŒrden insgesamt weniger Kinder bekommen? „Nein, das ist im Einklang mit aktuellen Forschungsergebnissen, die zeigen, dass hochgebildete Frauen, die ein Kind bekommen – sich also fĂŒr Mutterschaft entscheiden –, mit einer grĂ¶ĂŸeren Wahrscheinlichkeit ein zweites Kind bekommen als weniger hoch gebildete Frauen“, sagt die Forscherin. In einem Folgeprojekt will das Team auch untersuchen, ob es in hypogamen Beziehungen öfter zu Trennungen kommt, und ob die Bildungskonstellation in Paaren Einfluss auf die Gesundheit des Babys hat. Dahinter steht die Theorie einer höheren Konflikthaftigkeit und Stressbelastung in Beziehungen, die nicht dem gĂ€ngigen Rollenmodell entsprechen.  

Gender-Pay-Gap hat wenig mit Bildung zu tun

Ein weiterer Faktor fĂŒr die anhaltend ungleiche Einkommenssituation von Frauen ist der Arbeitsmarkt selbst. MĂ€nner, die nach dem Lehrabschluss zu arbeiten beginnen, wĂŒrden oft schnell mehr verdienen als ihre Frauen, auch wenn sie Matura gemacht haben.

„Insgesamt sehen wir, dass der nachweisliche Bildungsvorsprung der Frauen weder zu einer finanziellen Gleich- oder Besserstellung auf dem Arbeitsmarkt noch zu mehr Vollerwerb bei Frauen mit Kindern fĂŒhrt“, zieht Steiber eine ernĂŒchternde Bilanz.

Das bisschen Haushalt

Das Bildungsniveau hat auch kaum Einfluss auf eine gerechte Verteilung der unbezahlten Arbeit im Haushalt. Zu diesem Ergebnis kam das Team durch einen Auszug an Daten des „Generations and Gender Survey“. Dieses Großprojekt erhebt seit mehr als 30 Jahren hochqualitative Information zu Familiendynamiken, Kinderzahl, generationenĂŒbergreifende Entwicklungen, Altern und mehr in ĂŒber 30 LĂ€ndern.

„Wir sehen, dass Frauen in hypogamen Beziehungen mehr zum Haushaltseinkommen beitragen und die MĂ€nner auch eine positivere Einstellung zur BerufstĂ€tigkeit ihrer Frauen haben. Das Ă€ndert allerdings nichts am Beitrag der MĂ€nner zum Haushalt.“ Egal, welchen Abschluss sie haben: Der Großteil der unbezahlten Arbeit hĂ€ngt letztlich noch immer an Frauen und MĂŒttern.

Zum Projekt

Das Projekt „HypoFam: Die Konsequenzen zunehmender Hypogamie fĂŒr Familien“ erforschte mithilfe großer DatensĂ€tze aus Österreich und Europa, ob und wie eine höhere Bildung der Frau sich auf das Familienleben auswirkt. Untersucht wurden unter anderem EinkommensverhĂ€ltnisse, die Arbeitsteilung im Haushalt, die Bildung und spĂ€tere Partnerwahl der Kinder. Das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt war eine Kooperation der UniversitĂ€t Wien mit der Johannes Keppler UniversitĂ€t Linz (JKU) und  lief bis Juli 2026.

Von MĂŒttern und Töchtern

„Auf Konferenzen kommt immer die Frage, ob es denn gar keinen Silberstreif gibt“, erzĂ€hlt Steiber. „Darum haben wir uns das Ganze auch noch generationenĂŒbergreifend angesehen.“ Welchen Einfluss hat der höhere Bildungsabschluss der MĂŒtter auf ihre Kinder?

Es zeigte sich, dass vor allem Töchter davon profitieren, wenn die Mutter einen höheren Abschluss hat als der Vater. „Sie schließen mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Studium ab“, sagt die Expertin fĂŒr Sozialstrukturen und ergĂ€nzt: „Kinder orientieren sich tendenziell stĂ€rker am gleichgeschlechtlichen Elternteil. Die Söhne profitieren also mehr von VĂ€tern, wenn diese die höhere Bildung haben.“

Töchter aus hypogamen Beziehungen gehen auch ĂŒberdurchschnittlich oft selbst solche Beziehungen ein. Das Rollenvorbild von daheim wird ĂŒbernommen. Beides zusammen könnte zu einer sich selbst verstĂ€rkenden Entwicklung beitragen: Das Beziehungsmuster der Hypogamie treibt den Bildungsvorsprung der Frauen weiter an, weil immer mehr Frauen mit höherer Bildung diesen Vorsprung an ihre Töchter weitergeben, die wieder ihre Töchter besonders fördern.

Wer weiß: Vielleicht kommen wir irgendwann einmal auch zu dem Punkt, an dem sich der Bildungsvorsprung dieser Töchter auch real niederschlĂ€gt: in gleichberechtigten Karrierewegen, einem gerechten Einkommen und einer fairen Aufteilung der unbezahlten Arbeit zu Hause.

Über die Forscherin

Nadia Steiber ist Soziologin und Professorin fĂŒr die Analyse von Sozialstrukturen und Quantitative Methoden an der UniversitĂ€t Wien. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf der Arbeitsmarkt- und Familienforschung. Sie interessiert sich vor allem fĂŒr die Folgen von Lebenslaufereignissen wie FamiliengrĂŒndung oder Pensionierung und fĂŒr soziale Ungleichheit im Laufe des Lebens. Steiber ist affiliiert mit dem Institut fĂŒr Höhere Studien (IHS) und dem Wittgenstein Centre.

Publikationen

Educational Hypogamy is Associated with a Smaller Child Penalty on Women's Earnings, in: Social Science Research 2026

Educational hypogamy and gender equality within couples: A review of competing hypotheses and evidence from the Gender and Generations Survey, in: European Sociological Review 2026

Is Educational Assortative Mating Passed Down Through Generations? Evidence from Europe, in: Research in Social Stratification and Mobility 2026