Das Gehirn selbst steuern
Während das Projekt „eBrain“ bald abgeschlossen sein soll, startet Konicar schon eine weitere FWF-geförderte Untersuchung. Dabei geht es nicht darum, das Gehirn von außen elektrisch zu unterstützen. Patient:innen sollen lernen, ihre Hirnaktivität selbst zu beeinflussen.
Das neue Projekt „INSPIRE“ richtet sich an Jugendliche und Erwachsene mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom, kurz ME/CFS. Die Erkrankung kann unter anderem mit schwerer Erschöpfung sowie kognitiven Einschränkungen einhergehen. Konicar setzt diesmal auf Neurofeedback.
Der entscheidende Unterschied zur Hirnstimulation: Neurofeedback ist aktiv. „Die Menschen müssen etwas tun und lernen für sich selber etwas“, sagt Konicar. Die Hirnaktivität wird mittels EEG gemessen und den Teilnehmer:innen unmittelbar auf einem Bildschirm zurückgespielt.
Vereinfacht funktioniert das wie ein Spiel: Zunächst zeigt ein Symbol auf einem Bildschirm an, ob die Hirnaktivität gesteigert oder reduziert werden soll. Anschließend wird die eigene Aktivität grafisch dargestellt – etwa indem ein Vogel höher oder niedriger fliegt. Die Teilnehmer:innen müssen ausprobieren, mit welchen Gedanken oder Vorstellungen sie den Vogel in die gewünschte Richtung bewegen können.
Eine allgemeingültige Strategie gibt es nicht. Aus ihrer bisherigen Arbeit mit Neurofeedback kennt Konicar ganz unterschiedliche Zugänge: Manche Menschen stellen sich Snowboarden oder einen Tennisaufschlag vor, andere eine Achterbahnfahrt, denken an eine Farbe oder rechnen im Kopf. Entscheidend ist, selbst herauszufinden, was funktioniert.
Training nach Belastbarkeit
Konicar und ihr Team wollen das Training an die individuelle Belastbarkeit von ME/CFS-Patient:innen anpassen. Vorgesehen sind zwei bis drei Einheiten pro Woche, die sich je nach Zustand über mehrere Wochen verteilen können. Insgesamt sollen 60 Jugendliche und Erwachsene an der Studie teilnehmen.
Gemessen werden unter anderem Lebensqualität, Müdigkeit, Schlaf, Schmerzen und depressive Symptome. Hinzu kommen ein Griffkrafttest, ein Ruhe-EEG und ein Experiment. Ob das Training bei ME/CFS tatsächlich hilft, ist offen. Das Projekt steht erst am Anfang. Doch es führt die Frage weiter, die Konicars Forschung schon lange begleitet: Wie lassen sich Gehirn, Gefühle und Verhalten gemeinsam beeinflussen?
Bei „eBrain“ bekommt das Gehirn dafür einen kleinen elektrischen Schub von außen. Bei „INSPIRE“ sollen die Patient:innen selbst lernen, an den Reglern zu drehen.
Über die Forscherin
Lilian Konicar ist Klinische Psychologin und Psychotherapeutin in Ausbildung. Sie forscht am ABC BRAIN Lab der Medizinischen Universität Wien. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen Neurotherapien und die Frage, wie Veränderungen der Hirnaktivität mit Gefühlen, Gedanken und Verhalten zusammenhängen. In ihrem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt „eBrain“ (2021–2026) untersucht sie elektrische Hirnstimulation zur Verbesserung der Emotionsregulation bei Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen. Mit dem ebenfalls vom FWF geförderten Projekt „INSPIRE“ untersucht Konicar künftig Neurofeedback bei Jugendlichen und Erwachsenen mit ME/CFS.