Geteilte Erdkugel - die rechte HĂ€lfte ist rot und erhitzt, die linke HĂ€lfte grĂŒnd und blau, gesund.
Alarmismus oder Sachlichkeit? Welche Emotionen lösen Klimanachrichten bei den Rezipient:innen aus? Eine breit gefĂ€cherte Studie zeigt, entscheidend ist das GefĂŒhl der Selbstwirksamkeit. © unsplash+

„Mega-Hitze-Welle“, „Extrem-Temperaturen“, „WaldbrĂ€nde wĂŒten im SĂŒden Europas“, „Klimakrise außer Kontrolle“, „Klimakollaps“. Angesichts eines solchen Dauerfeuers an alarmierenden Meldungen ist es nachvollziehbar, wenn man die Zeitung beiseitelegt oder statt der Abendnachrichten lieber zum Unterhaltungsprogramm wechselt.

Medienschaffende stellt das vor ein Problem: Die Auswirkungen der Klimakrise werden immer gravierender, dementsprechend passen sie auch ihre Wortwahl an. Statt von ErderwĂ€rmung oder Klimawandel sprechen sie mittlerweile von Erderhitzung oder Klimakrise, mancherorts vom Klimakollaps. Das mag fachlich richtig sein, beim Publikum kommt das nicht immer gut an. Die wenigsten beschĂ€ftigen sich gerne rund um die Uhr mit Katastrophen. Letztlich stehen Medienschaffende vor der Frage: Was nĂŒtzt die Wahrheit, wenn sie niemand lesen, hören oder schauen will?

Diesem Dilemma hat sich ein interdisziplinĂ€res Team an der UniversitĂ€t Graz gewidmet. Wissenschaftler:innen aus den Fachrichtungen Systemwissenschaften, Linguistik, Sozialwissenschaften, Psychologie, Neurowissenschaften, Natural Language Processing (NLP) und Computerwissenschaften forschten im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts „Reaktionen zu bedrohungs- und lösungsorientierten Klima-News“ (REASON) zur Klimaberichterstattung und ihrer gesellschaftlichen Wirkung. Zuvorderst stellten sie die Frage, inwiefern bedrohungs- und lösungsorientierte Botschaften klimafreundliches Verhalten fördern bzw. behindern können.

Lösungen statt „Doom and Gloom“

Die gesellschaftliche Wirkung von Klimaberichterstattung untersuchten die Forschenden entlang dreier Dimensionen: mediale Klimakommunikation, Selbstwahrnehmung und unbewusste psychologische Reaktionen der Rezipient:innen.

Marie Kogler ist Projektleiterin und forscht als Umweltsystemwissenschaftlerin an der UniversitĂ€t Graz auf Basis mathematischer Methoden zu den Wechselwirkungen von Umwelt, Gesellschaft und Individuum: „FĂŒr mich war klar, wenn ich mich so komplexen Themen wie Klimainformation, Meinungen und Emotionen widme, brauche ich die Kollaboration in den entsprechenden Feldern.“ Eine Zusammenarbeit ĂŒber eine solche Bandbreite an – teils höchst unterschiedlichen – Disziplinen hinweg klingt auf den ersten Blick herausfordernd, war letztlich jedoch „einfacher als gedacht und unglaublich bereichernd“, betont Kogler.

Zur Analyse, wie ĂŒber Klima berichtet wird, hat das Forschungsteam Artikel in den neun auflagenstĂ€rksten österreichischen Medien im Zeitraum von 2002 bis 2023 untersucht, insgesamt gut 100.000 BeitrĂ€ge. Im analysierten Korpus zeichnete sich ein deutlicher Trend ab: Seit 2016 wurde viel intensiver und differenzierter ĂŒber Klima berichtet. „Auch diese einfache Annahme, Klimajournalismus sei vor allem Doom and Gloom, wurde durch unsere Studie etwas ausgehebelt“, erklĂ€rt Kogler, denn detaillierte Analysen der Berichterstattung ab 2018 zeigen, dass lösungsorientierte Botschaften mindestens genauso hĂ€ufig wie bedrohungsorientierte vorkamen.  

Grafik, die den Anstieg von Medienberichten ĂŒber Klimathemen seit 2002 zeigt.
Seit 2016 wird intensiver und differenzierter ĂŒber Klima berichtet. Lösungsorientierte Botschaften kommen mindestens genauso hĂ€ufig vor wie bedrohungsorientierte. © Marie Kogler

Frage der Selbstwirksamkeit

Was macht das nun mit den Leser:innen, Hörer:innen und Zuseher:innen? Anhand zweier empirischer Case-Studies wurden die Reaktionen der Rezipient:innen auf bedrohungs- und lösungsorientierte Meldungen untersucht: Sind Menschen infolge des Konsums von Klima-News bereit, ihr Verhalten zu Ă€ndern – etwa indem sie weniger Auto fahren, auf Flugreisen oder Fleisch verzichten? Sind sie eher bereit dazu, wenn BeitrĂ€ge konkrete Lösungswege aufzeigen?

„Das Interessante war, dass der direkte Effekt nicht entlang der Unterscheidung zwischen lösungs- oder bedrohungsorientierten Statements messbar war“, erklĂ€rt Annina Thaller, Postdoktorandin am Institut fĂŒr Umweltsystemwissenschaften der UniversitĂ€t Graz und Projektverantwortliche fĂŒr den Bereich „Empirische Sozialforschung“. Wesentlicher waren die dadurch ausgelösten Emotionen. „Doom and Gloom“-Berichte, also bedrohliche Szenarien, fĂŒhren bei vielen Rezipient:innen zu PhĂ€nomenen wie Klimaangst – bei manchen ĂŒbersetzt sich diese in Hoffnungslosigkeit, in Apathie, andere jedoch motiviert sie zu politischem Engagement. Ähnlich zweischneidig verhĂ€lt es sich mit lösungsorientierten Berichten. Sie können ein WohlgefĂŒhl vermitteln und Engagement dadurch ausbremsen, oder aber motivieren, da sie konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Daraus schlussfolgern die Forscher:innen: Es gibt im Bereich der Klimakommunikation keine „One size fits all“-Lösungen. Vielmehr braucht es maßgeschneiderte Kommunikation fĂŒr die jeweilige Zielgruppe. Die gĂ€ngige Annahme, Medien mĂŒssten Leser:innen, Hörer:innen oder Zuseher:innen lediglich mehr Lösungen anbieten, ist in dieser Einfachheit nicht gĂŒltig.

Den meisten Leser:innen mangelt es nicht an Informationen oder Wissen ĂŒber den Klimawandel. Der entscheidende Faktor, so Thaller, sei die Frage der Selbstwirksamkeit: Haben Menschen das GefĂŒhl, dass sie mit ihren Handlungen etwas bewirken können? SpĂ€testens hier wird es komplex, denn diese Frage geht weit ĂŒber Klimakommunikation hinaus und berĂŒhrt Faktoren wie Einkommen, Status, soziales Umfeld oder vorhandene Infrastruktur. Wenn ein Wohnort nicht an den öffentlichen Verkehr angebunden ist, können dessen BĂŒrger:innen schwerer auf das Auto verzichten – unabhĂ€ngig davon, welche Medien sie konsumieren.

Hoffnungslosigkeit ĂŒberwinden

Eine Ebene tiefer bohrte das neurowissenschaftliche Team koordiniert von Florian Fischmeister an der Medizinischen UniversitĂ€t Wien. Dort werden die psychophysiologischen Reaktionen auf Klimanachrichten untersucht. Proband:innen wurden insgesamt 57 verschiedene Aussagen zum Thema Klima vorgelegt, mittels MRT-Untersuchungen wurde beobachtet, welche Reaktionen diese im Gehirn auslösen. „Das Gehirn reagierte Ă€hnlich auf bedrohliche und lösungsorientierte Klimaaussagen. Insgesamt wurden negative Klimanachrichten jedoch etwas weniger leicht verarbeitet als neutrale Nachrichten“, erklĂ€rt Projektmitarbeiterin Gabija Aurylaite. AuffĂ€llig war: „Bei lösungsorientierten Botschaften zeigte sich außerdem etwas mehr AktivitĂ€t in Bereichen, die mit Mobilisation zusammenhĂ€ngen. Dieser Befund ist allerdings noch vorlĂ€ufig und muss weiter untersucht werden.“

Das Forschungsprojekt lĂ€uft noch bis Ende des Jahres und neue Publikationen sind in Vorbereitung. Kogler und das Projektteam wollen mit ihrer Forschung allerdings nicht an der BĂŒrotĂŒr haltmachen. Die Ergebnisse geben sie in Workshops und Webinaren an Journalist:innen, NGOs oder Politiker:innen weiter. Mit diesen Angeboten sollen konkrete Strategien zur Verbesserung der Klimakommunikation entwickelt werden. Das Ziel: Menschen zu klimafreundlicherem Verhalten zu motivieren – auch wenn es dafĂŒr kein Patentrezept gibt.

Über die Forschenden

Marie Kogler ist Leiterin des Projekts „Reaktionen zu bedrohungs- und lösungsorientierten Klima-News“ und arbeitet als FWF Senior Researcher am Institut fĂŒr Umweltsystemwissenschaften der UniversitĂ€t Graz. FĂŒr ihre Dissertation ĂŒber die Entstehung kollektiven Verhaltens in komplexen Netzwerken wurde sie mit dem Award of Excellence des Bildungsministeriums ausgezeichnet.

Annina Thaller verantwortet innerhalb des Projekts den Bereich „Empirische Sozialforschung“ und arbeitet als Postdoctoral Researcher am Institut fĂŒr Umweltsystemwissenschaften der UniversitĂ€t Graz. Sie forscht zu nachhaltiger MobilitĂ€t, Fairness und VerhaltensĂ€nderungen.

REASON - das Projekt

Das von 2024 bis Dezember 2026 laufende Projekt „REASON – Reaktionen zu bedrohungs- und lösungsorientierten Klima-News“ wird vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert. Ein interdisziplinĂ€res Team, bestehend aus Expert:innen der Systemwissenschaften, Linguistik, Sozialwissenschaften, Psychologie, Neurowissenschaften, Natural Language Processing (NLP) und Computerwissenschaften, untersucht die informativen und emotionalen Aspekte der Klimakommunikation und ihre Auswirkungen auf Rezipient:innen und Gesellschaft.