Technikforscherin Astrid Mager im Porträt im Innenhof der Campus Akademie
Astrid Mager untersucht das Verhältnis von Internet, Technologie und Gesellschaft. © ÖAW/Daniel Hinterramskogler

Digitale Technologien erscheinen oft als neutrale Werkzeuge: Suchmaschinen sollen Informationen ordnen, Plattformen Menschen miteinander verbinden, Algorithmen Entscheidungen effizienter machen. Doch hinter diesen Systemen stehen immer auch bestimmte Vorstellungen davon, was wichtig ist, was sichtbar wird und welche Entscheidungen getroffen werden sollen.

Die Frage nach Digitalisierung ist deshalb längst keine rein technische mehr. Sie ist eine gesellschaftliche und politische Frage. Wer gestaltet digitale Infrastrukturen? Nach welchen Kriterien funktionieren sie? Und welche Werte werden in technische Systeme eingeschrieben?

Die Soziologin und Technikforscherin Astrid Mager untersucht seit vielen Jahren, wie digitale Technologien gesellschaftliche Machtverhältnisse nicht nur widerspiegeln, sondern auch verstärken können. Gleichzeitig sieht sie Möglichkeiten, digitale Systeme anders zu gestalten: durch offene Infrastrukturen, demokratische Beteiligung und politische Entscheidungen.

Das Internet war nie ein machtfreier Raum

Als das Internet entstand, war die Hoffnung groß: Wissen sollte frei zugänglich werden, Menschen sollten unabhängig von traditionellen Institutionen kommunizieren können. Der digitale Raum erschien vielen als Gegenentwurf zu bestehenden Machtstrukturen.

Heute zeigt sich ein komplexeres Bild. Wenige Plattformen prägen große Teile der digitalen Öffentlichkeit. Suchmaschinen bestimmen, welche Informationen Aufmerksamkeit erhalten, soziale Netzwerke beeinflussen politische Debatten und algorithmische Systeme greifen zunehmend in Entscheidungen ein, die Menschen unmittelbar betreffen. „Das Internet ist kein abgetrennter Raum von der realen Welt“, sagt die Forscherin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Es bilden sich dort jene Machtbeziehungen ab, die wir in der kapitalistischen Gesellschaft beobachten.“

„Das Internet ist kein abgetrennter Raum von der realen Welt.“ Astrid Mager

Digitale Räume entstehen nicht außerhalb gesellschaftlicher Strukturen. Auch dort wirken wirtschaftliche Interessen, Eigentumsverhältnisse und politische Einflussmöglichkeiten. Große Technologiekonzerne verfügen heute über eine enorme Gestaltungsmacht, weil sie zentrale Infrastrukturen bereitstellen, über die Kommunikation, Information und wirtschaftliche Aktivitäten organisiert werden. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, welche Technologien entwickelt werden. Entscheidend ist, wer über ihre Regeln bestimmt – und welche gesellschaftlichen Folgen diese Regeln haben.

Wer entscheidet, was sichtbar wird?

Besonders deutlich zeigt sich diese Frage bei Suchmaschinen. Lange wurden sie vor allem als technische Werkzeuge verstanden: Systeme, die helfen sollen, Ordnung in die stetig wachsende Informationsmenge des Internets zu bringen. Doch Suchmaschinen sind nicht einfach neutrale Vermittler. Sie entscheiden darüber, welche Inhalte sichtbar werden und welche Informationen in den Hintergrund treten. Sichtbarkeit bedeutet im digitalen Raum Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit beeinflusst, welches Wissen gesellschaftlich relevant erscheint.

Genau diese Verbindung zwischen Technik und Gesellschaft steht im Mittelpunkt von Magers Forschung. Es geht nicht nur um die Unternehmen hinter Suchmaschinen, sondern um ein gesamtes System aus wirtschaftlichen Interessen, Nutzerverhalten und gesellschaftlichen Gewohnheiten, das bestimmte digitale Strukturen stabilisiert.

Am Beispiel von Google zeigt sich, dass digitale Dominanz nicht allein durch ein erfolgreiches Geschäftsmodell entsteht. Auch Nutzer:innen, Unternehmen und Medien tragen dazu bei, indem sie ihre Arbeitsweisen und Entscheidungen an die Logik großer Plattformen anpassen. „Mit jeder Google-Anfrage stabilisieren wir weiter dieses Geschäftsmodell.“ Die Kritik richtet sich deshalb weniger gegen einzelne Unternehmen als gegen eine Struktur, in der wenige private Infrastrukturen zentrale Funktionen für Information und Kommunikation übernehmen.

Zwei junge Frauen beugen sich über einen Laptop in einem Café
Das Internet ist zum globalen Türöffner zur Welt und zu Wissen geworden. Doch welche Realität gezeigt wird, bestimmen Algorithmen, die Werte und Visionen mittransportieren. © Unsplash/Ilyuza Mingazova

Eine öffentliche Infrastruktur als Gegenmodell

Wenn digitale Informationssysteme gesellschaftliche Bedeutung haben, stellt sich die Frage, ob ihre Grundlagen ausschließlich privaten Unternehmen überlassen werden sollten. Eine mögliche Alternative sieht Mager in offenen digitalen Infrastrukturen, die nicht von einzelnen Konzernen kontrolliert werden. Ein öffentlich zugänglicher Webindex könnte beispielsweise die Grundlage für unterschiedliche Suchsysteme bilden. Statt dass ein einzelnes Unternehmen entscheidet, welche Informationen auffindbar sind und wie sie gewichtet werden, könnten verschiedene Anbieter eigene Suchwerkzeuge auf einer gemeinsamen offenen Infrastruktur entwickeln. „Wenn man einen öffentlichen Index hätte, also eine offene Infrastruktur, dann könnte man ganz unterschiedliche Suchmaschinen darauf aufbauen.“

Eine solche Struktur würde auch neue Möglichkeiten für spezialisierte Angebote schaffen. Nicht jede Suche folgt denselben Interessen: Wissenschaftliche Recherche, regionale Informationen, journalistische Arbeit oder alltägliche Orientierung stellen unterschiedliche Anforderungen an digitale Systeme. „Es ist eigentlich absurd, dass wir Shoppen, akademische Texte und investigative Recherche mit einem einzigen Suchtool bewältigen“, so die Forscherin.

„Wenn man einen öffentlichen Index hätte, könnte man ganz unterschiedliche Suchmaschinen darauf aufbauen.“ Astrid Mager

Gerade Europa könnte von solchen Alternativen profitieren. Die Debatte über digitale Souveränität wird häufig mit Regulierung verbunden – also mit Regeln für große Plattformen und dem Schutz von Nutzer:innen. Mager geht jedoch einen Schritt weiter: Es brauche nicht nur Kontrolle bestehender Systeme, sondern auch den Aufbau eigener technischer Grundlagen. Digitale Unabhängigkeit entsteht demnach nicht allein durch Gesetze. Sie braucht auch Infrastrukturen, die unterschiedliche Modelle ermöglichen.

Wenn Algorithmen Menschen bewerten

Die Bedeutung digitaler Systeme zeigt sich besonders deutlich dort, wo Algorithmen nicht nur Informationen sortieren, sondern Entscheidungen über Menschen beeinflussen. In Verwaltungen, Arbeitsvermittlung oder Sozialpolitik werden zunehmend statistische Modelle eingesetzt, um große Datenmengen auszuwerten und Entscheidungen vorzubereiten. Solche Systeme können Prozesse beschleunigen und scheinbar objektive Bewertungen liefern. Doch genau darin liegt ein Problem: Algorithmen übernehmen nicht nur mathematische Berechnungen, sondern auch die Muster und Ungleichheiten, die in ihren Trainingsdaten enthalten sind.

Sozialbetrugsskandal in den Niederlanden

Ein bekanntes Beispiel ist der niederländische Sozialbetrugsskandal, bekannt geworden als „Kindergeldskandal“. Dort wurde ein algorithmisches System eingesetzt, um mögliche Betrugsfälle zu erkennen. Die Folge war, dass zahlreiche Familien zu Unrecht verdächtigt wurden und mit existenziellen Auswirkungen zu kämpfen hatten. Besonders betroffen waren Menschen, die ohnehin gesellschaftlich benachteiligt waren.

Der Fall zeigt eine zentrale Erkenntnis der Technikfolgenforschung: Nicht nur die technische Funktionsweise eines Systems entscheidet über seine Wirkung. Entscheidend ist auch, in welchem institutionellen Umfeld es eingesetzt wird, welche Ziele verfolgt werden und wer Verantwortung übernimmt. „Nicht dem Individuum die alleinige Verantwortung aufbürden – die Institution muss Verantwortung übernehmen.“

Künstliche Intelligenz verändert den Umgang mit Wissen

Die aktuelle Diskussion über Künstliche Intelligenz folgt häufig einem vertrauten Muster: Neue Technologien werden vor allem danach bewertet, wie viel Effizienz sie ermöglichen, wie schnell Prozesse werden oder welche Kosten eingespart werden können. Genau diese Perspektive sieht Mager kritisch. „Der Einsatz von KI ist großteils nur dem Effizienz- und Kostenersparnis-Argument unterworfen.“ Die zentrale Frage sei jedoch eine andere: Welche Aufgaben sollen technische Systeme überhaupt übernehmen? Und welche Fähigkeiten müssen Menschen weiterhin selbst entwickeln?

„Der Einsatz von KI ist großteils nur dem Effizienz- und Kostenersparnis-Argument unterworfen.“ Astrid Mager

Gerade in Bildungseinrichtungen wird diese Debatte sichtbar. Schulen und Universitäten reagieren häufig erst auf KI-Systeme, nachdem diese bereits Teil des Alltags geworden sind. Dabei sollte die Diskussion früher beginnen: nicht nur darüber, wie KI eingesetzt werden kann, sondern auch darüber, ob ihr Einsatz in bestimmten Situationen überhaupt sinnvoll ist.

Kinder am Laptop schreibend in einem Klassenzimmer
Gerade in Bildungseinrichtungen wird die Debatte, wie KI eingesetzt werden soll, sichtbar. Mager wünscht sich Reflexionsräume, wo Lehrende und Lernende gemeinsam über die Möglichkeiten und Grenzen der KI diskutieren. © Unsplash

„Wer entscheidet eigentlich: Wollen wir KI überhaupt?“ Astrid Mager

Räume für Reflexionen schaffen

Dabei geht es nicht um eine grundsätzliche Ablehnung von Technologie. Entscheidend ist vielmehr, Räume für Reflexion zu schaffen. Lehrende und Lernende müssen gemeinsam darüber sprechen können, welche Möglichkeiten KI eröffnet – und wo ihre Grenzen liegen. Denn Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Arbeitsprozesse. Sie verändert auch den Umgang mit Wissen.

Wenn Systeme Antworten liefern, ohne dass Nutzer:innen die ursprünglichen Quellen nachvollziehen können, verändert sich eine grundlegende wissenschaftliche und gesellschaftliche Praxis: die Bewertung von Informationen. „Die Quelle tritt mehr und mehr in den Hintergrund“, so Mager.

Gerade für Bildung und Demokratie ist diese Entwicklung relevant. Wissen besteht nicht nur aus fertigen Antworten, sondern auch aus der Fähigkeit, Informationen einzuordnen, Quellen zu prüfen und unterschiedliche Perspektiven zu vergleichen.

Digitale Zukunft entsteht nicht automatisch

Trotz aller Kritik sieht Mager keinen Grund zur Resignation. Digitale Entwicklung sei kein unausweichlicher Prozess, dem Gesellschaften nur folgen könnten. Technologien entstehen nicht unabhängig von politischen Entscheidungen, wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlichen Vorstellungen. Gerade darin liegt eine zentrale Botschaft ihrer Forschung: Digitale Systeme sind gestaltbar.

Offene Infrastrukturen, demokratische Beteiligung und unabhängige Kontrolle können dazu beitragen, digitale Technologien anders auszurichten. Die Frage ist nicht, ob Digitalisierung stattfindet – sie findet längst statt. Entscheidend ist, unter welchen Bedingungen sie stattfindet und welchen gesellschaftlichen Zielen sie dient. „Immer nur zu denken, der Zug ist abgefahren, paralysiert uns“, sagt Mager.

„Immer nur zu denken, der Zug ist abgefahren, paralysiert uns.“ Astrid Mager

Für Europa bedeutet das, zwei Aufgaben gleichzeitig zu verfolgen. Einerseits müssen bestehende Regeln für große digitale Plattformen konsequent durchgesetzt werden. Andererseits braucht es eigene technologische Alternativen, damit digitale Abhängigkeiten nicht weiterwachsen. „Wir müssen natürlich Regulierung und Rechtsdurchsetzung weiterverfolgen, aber gleichzeitig auch von unten versuchen, alternative Infrastrukturen und Nischen zu schaffen.“

Solche Nischen können in unterschiedlichen Bereichen entstehen: in Forschungseinrichtungen, öffentlichen Verwaltungen, Schulen oder offenen Gemeinschaften, die neue Formen digitaler Zusammenarbeit entwickeln. Nicht jede digitale Infrastruktur muss zwangsläufig nach dem Modell weniger großer Plattformunternehmen funktionieren.

Die Zukunft des Internets und der Künstlichen Intelligenz entscheidet sich deshalb nicht allein in den Vorstandsetagen großer Technologiekonzerne. Sie entsteht auch dort, wo Menschen digitale Systeme nutzen, hinterfragen und neugestalten.

Das betrifft nicht nur technische Fragen, sondern grundlegende gesellschaftliche Entscheidungen: Welche Formen von Wissen wollen wir fördern? Wie viel Verantwortung dürfen wir an automatisierte Systeme übertragen? Und welche Rolle sollen Menschen in einer zunehmend digitalisierten Welt behalten? „Es beginnt wirklich mit den Bildern, die wir im Kopf haben. Je nachdem, wie wir über Zukunft denken, handeln wir in der Gegenwart.“

„Je nachdem, wie wir über Zukunft denken, handeln wir in der Gegenwart.“ Astrid Mager

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert. Diese Veränderung ist bereits Realität. Die entscheidende Frage ist, welche Gesellschaft durch digitale Technologien entstehen soll. Digitale Zukunft ist damit keine technische Selbstverständlichkeit, sondern eine politische und demokratische Gestaltungsaufgabe.

Zur Person

Astrid Mager ist Wissenschafts- und Technikforscherin mit Schwerpunkt auf dem Verhältnis von Internet, Technologie und Gesellschaft. Sie studierte Soziologie und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und promovierte dort 2010 zu Internet und Gesundheitsinformationen.

Seit 2012 arbeitet sie am Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), wo sie zu Themen wie Suchmaschinen, Algorithmen, Digitalisierung, Demokratie und automatisierten Entscheidungssystemen forscht. Ihr Habilitationsprojekt „Algorithmische Imaginationen. Visionen und Werte in der Gestaltung von Suchmaschinen“ (2016–2022) wurde vom Wissenschaftsfonds FWF im Rahmen des Elise-Richter-Programms gefördert. Sie war von 2018 bis 2026 Mitglied der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und leitet die ÖAW-Kommission „Demokratie in digitalen Gesellschaften“ (gemeinsam mit Barbara Prainsack).