Neurofeedback: Wie sich Gehirnstrukturen ĂŒbertragen lassen
Einmal einem Profi ins Gehirn schauen â und verstehen, was ihn oder sie so gut macht. Seit dem 19. Jahrhundert werden die Gehirne auĂergewöhnlicher Persönlichkeiten seziert, um diesem Ziel nĂ€herzukommen. Heute helfen neue Technologien dabei, komplexe Konstellationen von Hirnsignalen zu entschlĂŒsseln. Theo Ferreira Marins, Postdoktorand an der UniversitĂ€t Graz, erforscht in einem neuartigen Ansatz die neuronale Verschaltung fĂŒr Bewegungen â etwa beim Klavierspielen.
Was unterscheidet das Gehirn eines modernen Mozarts von dem eines Laien, der gerade einmal den Flohwalzer beherrscht? Und lĂ€sst sich die Verformbarkeit des Gehirns â seine PlastizitĂ€t â nutzen, um solche FĂ€higkeiten von Expert:innen auf Lai:innen zu ĂŒbertragen? In dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt âĂbertragung der PlastizitĂ€t des Gehirns durch Neurofeedbackâ geht Marins diesen Fragen nach. Einerseits, um grundlegende Mechanismen der Gehirnfunktion besser zu verstehen. Andererseits, um neue Behandlungsoptionen fĂŒr Menschen mit neurologischen Beschwerden zu entwickeln.
âDie Studie konzentriert sich aktuell auf gesunde Personen, aber das langfristige Ziel ist es, diesen Ansatz und diese Technologie auf Patient:innen zu ĂŒbertragen, die tatsĂ€chlich eine bestimmte BewegungsfĂ€higkeit wiedererlangen mĂŒssen. Zum Beispiel, um nach einem Schlaganfall wieder alleine die TĂŒr entsperren zu könnenâ, sagt Marins.
Neurofeedback und PlastizitÀt
Was wĂ€re, wenn wir neue Bewegungen nicht nur durch Ăbung, sondern ĂŒber gezieltes Gehirntraining erlernen könnten? Ein Projekt der Grundlagenforschung nutzt Neurofeedback, um motorisches Lernen im Gehirn selbst zu steuern. Das könnte besonders Patient:innen mit neurologischen Problemen bei der Rehabilitation unterstĂŒtzen.
FingerspitzenĂŒbung im MRT
FĂŒr sein Forschungsprojekt untersucht der Neurowissenschaftler Hirnsignale, die mit bestimmten FingerĂŒbungen verbunden sind â etwa das gezielte Antippen der Fingerspitzen. Funktionelle MRT-Aufnahmen zeigen, in welchen Konstellationen aktive Gehirnregionen bei den jeweiligen Ăbungen feuern. Diese Muster unterscheiden sich je nach Bewegung und zwischen Profis und Lai:innen.
âWir vergleichen zwischen Expert:innen, die bestimmte FingerĂŒbungen vorab trainiert haben, und sogenannten naiven Personen. Wichtig ist: Die Signalkonstellation einer naiven Person unterscheidet sich grundlegend von der eines trainierten Gehirnsâ, erklĂ€rt Marins. Denn Ăbung und Lernen erzeugen spezifische neuronale Strukturen. Seine Hypothese: Diese Strukturen lassen sich durch neuronales Training ĂŒbertragen.
âIm geplanten Set-up fĂŒr unsere Versuche liegen die Proband:innen in einem MRT-GerĂ€t und sehen eine Grafik mit einem Balken. Sie wissen nicht, was der Balken aussagt, nur, dass sie versuchen sollen, ihn so hoch wie möglich zu halten. Es ist erstaunlich â auch ohne konkrete Anweisungen sind Personen in derartigen Versuchen nach einiger Zeit imstande, die angezielte GehirnaktivitĂ€t, also das, was der Balken reprĂ€sentiert, zu verstĂ€rkenâ, sagt Marins.
Das Prinzip dahinter nennt man Neurofeedback â in diesem Fall durch unbewusstes Lernen. âIn unserem Projekt wollen wir zeigen, dass Neurofeedback-Training schon nach kurzer Zeit die Zielstruktur im Gehirn verstĂ€rken kannâ, erklĂ€rt Marins.
Eine Stunde Training verÀndert die Gehirnstruktur
Das Gehirn kann sich selbst reorganisieren â und tut das stĂ€ndig. Diese sogenannte GehirnplastizitĂ€t ist fĂŒr Marins Forschung zentral. Denn bereits nach einer Stunde Neurofeedback kann sich die physische Struktur im Gehirn verĂ€ndern. Das zeigte er im Rahmen seiner PhD-Arbeit in Brasilien, die hochrangig publiziert wurde.
âDamals, im Jahr 2019, war es das bisher kĂŒrzeste nachgewiesene Zeitfenster, in dem das menschliche Gehirn seine eigene Struktur verĂ€nderte. Mir wurde damit klar, dass Neurofeedback als eine Möglichkeit betrachtet werden muss, in das Gehirn einzugreifen und seine Funktionsweise zu verĂ€ndernâ, erklĂ€rt der Forscher. Dabei mahnt er, Neurofeedback nicht als eine Art âGehirnjoggingâ misszuverstehen. âIch verwende Neurofeedback wie eine Challenge fĂŒr das Gehirn, sich zu restrukturieren. Das Ziel ist, die Mechanismen dahinter zu entschlĂŒsseln â ohne dass die Person selbst verstehen muss, was ihr Gehirn tatsĂ€chlich zu tun versucht.â
KI-Fortschritt macht es möglich
Die Krux dabei ist: Wer Gehirnstrukturen gezielt verĂ€ndern will â vom Naiven zum Profi â, muss wissen, auf welche Zielstruktur hintrainiert werden soll. Ein Gehirn auf Flohwalzer-Niveau kann nicht einfach die exakten Muster eines Mozartgehirns imitieren, denn dafĂŒr fehlen die strukturellen Voraussetzungen aus jahrelangem Training.
Hier kommt eine neuere Methode aus der KI-Forschung ins Spiel. Ăblicherweise wurden Algorithmen in den Neurowissenschaften darauf trainiert, die HirnaktivitĂ€t eines einzelnen Gehirns in kleinsten 3D-Einheiten zu erkennen â als winzige BildwĂŒrfel, sogenannte Voxel. Weil aber Gehirne individuell verschieden aufgebaut sind, unterscheiden sich die Ergebnisse, selbst wenn zwei Personen dieselbe Aufgabe ausfĂŒhren. Bisher lieĂen sie sich nicht vergleichen.
Mithilfe von sogenanntem Hyperalignment lĂ€sst sich dieses Problem seit wenigen Jahren umgehen. Statt 3D-Gehirnbilder zu vergleichen, werden die AktivitĂ€tsmuster der Voxel als Achsen in einem hochdimensionalen Raum betrachtet. Die Daten mehrerer Personen können mathematisch so transformiert werden, dass sich diese Achsen ĂŒberlagern lassen. So wird der direkte Vergleich möglich â und damit ein Ziel fĂŒr das Neurofeedback darstellbar.
âBisher wurde Hyperalignment nur fĂŒr den visuellen Kortex verwendet. Dabei vergleicht man zum Beispiel, wie Personen auf ein Foto einer Spinne reagieren â bei Menschen mit einer Phobie vor Spinnen unterscheiden sich die Gehirnsignaleâ, erklĂ€rt Marins. âIm Zuge meines FWF-Projekts konnte ich das Hyperalignment erstmals fĂŒr das motorische System einsetzen. Das war ein wichtiger erster Schritt.â Nun folgen Experimente mit Expert:innen und naiven Personen, um den âTransferâ bzw. das Training auf die Zielstruktur systematisch zu untersuchen.
Neurofeedback als Therapie?
Bedeutet das also, dass Neurofeedback womöglich zeitraubendes Ăben ersetzen kann? Und wichtiger noch: LĂ€sst es sich als Therapie einsetzen, wenn das motorische System beeintrĂ€chtigt ist?
âMan muss beachten, dass fĂŒr komplexe BewegungsablĂ€ufe auch die neuronalen Verschaltungen komplex sind. Das macht es schwieriger zu verstehen, was im Gehirn tatsĂ€chlich passiertâ, sagt Marins. âIn unseren Versuchen mit FingerĂŒbungen schaffen wir aber wichtiges grundlegendes Wissen.â Diese Erkenntnisse tragen dazu bei, besser zu verstehen, wie sich das Gehirn zum Beispiel nach einem Schlaganfall oder bei einer Parkinson-Erkrankung umstrukturieren mĂŒsste, ist Marins ĂŒberzeugt. âIn weiterer Folge lieĂe sich das Wissen aus dem MRT mit gĂŒnstigeren Methoden wie Gehirnstimulation, also EEG, als Therapie umsetzenâ, ordnet Marins ein.
Neurofeedback ist folglich kein Ersatz fĂŒr Physiotherapie oder das aktive Erlernen motorischer Fertigkeiten. Als ErgĂ€nzung könnte es jedoch die besten Voraussetzungen schaffen, um verlorene FĂ€higkeiten schneller zurĂŒckzugewinnen. Indem man die erstaunliche Selbstreorganisation des Gehirns nutzt â ob Profi oder nicht.
Zur Person
Theo Ferreira Marins war Assistenzprofessor am DâOr Institut fĂŒr Forschung und Bildung in Brasilien, bevor er im Rahmen eines ESPRIT-Projekts des Wissenschaftsfonds FWF an das Institut fĂŒr Psychologie der UniversitĂ€t Graz wechselte. In seiner Forschung beschĂ€ftigt sich der Neurowissenschaftler mit der Frage, wie sich das Gehirn durch kognitives und motorisches Training auf funktioneller, struktureller und neurochemischer Ebene verĂ€ndert. Das Projekt âĂbertragung der PlastizitĂ€t des Gehirns durch Neurofeedbackâ, das vom Wissenschaftsfonds FWF mit rund 316.000 Euro gefördert wird, lĂ€uft bis Anfang 2027.
Publikationen
Distinct neural architectures underlie motor skill acquisition and transfer in human sensorimotor cortex, in: bioRxiv preprint 2025
A common neural architecture for encoding finger movements, in: bioRxiv preprint 2025