Mittelalterliche Darstellung von zwei Männern und einer Frau (Minenarbeiter) bei der Aufbereitung und Reinigung von Erz.
Aufbereitung von Erz: Annaberger Bergaltar von Hans Hesse 1522 (Annaberg-Buchholz, Deutschland) © Wikimedia Commons

Potosí im heutigen Bolivien kann im 16. Jahrhundert als eine der ersten Global Citys betrachtet werden. Die Stadt war ein zentraler Knotenpunkt der Weltwirtschaft, in der Größe vergleichbar mit London oder Paris. Die Menschen kamen aus aller Welt, um im Umkreis des Silberabbaus am Cerro Rico, dem „reichen Berg“, ihr Glück zu machen. Einen großen Teil des Metalls prägte man noch vor Ort zu Münzen, die nach China und Europa verschifft wurden. Während in den Minen selbst zumeist indigene Zwangsarbeiter schufteten, tummelten sich in der Stadt neben Handwerkern, Händlern und Klerikern auch Bergbauexperten aus der Alten Welt, die hier ihr Wissen teuer verkauften. Viele der Fachleute kamen aus dem deutschsprachigen Raum. Denn ihnen eilte der Ruf voraus, über besondere Bergbaukenntnisse zu verfügen.

Ein Besuch in den alten Minen und Museen Potosís war für Gabriele Marcon eine der zentralen Inspirationsquellen für sein Projekt „Mining the Earth, Roaming the Globe“, das vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wird. Der Wirtschaftshistoriker der Universität Wien hat sich zur Aufgabe gestellt, mehr über die deutschsprachigen Minenarbeiter herauszufinden, die vom 16. bis zum 18. Jahrhundert mit ihren Familien zu neuen Abbaustellen in Europa, aber auch zu jenen der neuen spanischen Kolonien in Übersee aufbrachen. Hier trafen nicht nur unterschiedliche Sprachen und Praktiken aufeinander, sondern auch verschiedene Vorstellungen über die Prozesse der Natur, mit denen man im Zuge des Bergbaus zu tun hatte.

„In der Frühen Neuzeit herrschte eine große Ambivalenz rund um den Bergbau. Manche Menschen kamen damit schnell zu extremem Reichtum. Ebenso schnell konnte er aber auch Existenzen ruinieren“, resümiert Marcon. „Die gefährliche Arbeit unter Tage war ein weltweites Phänomen, entscheidend für die damalige Wirtschaft und Politik. Kunst, Kultur und Geschichte allgemein wurden letztlich durch die Verfügbarkeit der Rohstoffe und Metalle aus den Minen mitbestimmt.“

Das Projekt

Warum verließen hochspezialisierte Bergleute in der Frühen Neuzeit ihre Heimat und arbeiteten an fernen, oft unbekannten Orten? Dieses Projekt untersucht die Migration deutschsprachiger Bergleute zwischen 1500 und 1800 – von Europa bis in koloniale Bergwerke Südamerikas. Im Fokus stehen ihre Arbeitsbedingungen, ihre Mobilität sowie die Rolle von Frauen im Bergbau. Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie ihr Wissen lokale Praktiken prägte und frühe Vorstellungen von Nachhaltigkeit mitgestaltete.

Gemälde eines Stadtteils von Potosí in Bolivien mit dem Berg Cerro Rico, dem reichen Berg, an dem Silber abgebaut wurde
Am Cerro Rico (reicher Berg) in Potosí, Bolivien, wurde Silber abgebaut. Von Gaspar Miguel de Berrío 1758 © Public Domain

Von Glasbläsern aus Murano zu Tiroler Minenarbeitern

Marcons Faszination für dieses Thema nahm in Innsbruck ihren Ausgang, als er hier seine Masterarbeit über Glasbläser aus Murano am Hof Ferdinand II. schrieb und Praktikant im Volkskunstmuseum war. Hier stieß er auf die Frage, ob die Bergbaufachleute, die damals extrem wichtig für die Tiroler Wirtschaft waren, ähnlich wie die Glasbläser durch die Welt zogen. „Es stellte sich heraus, dass die Minenarbeiter erstaunlich mobil waren, viel mehr, als ich damals annahm“, sagt Marcon.

Zur damaligen Bergbauexpertise gehörte längst nicht nur die Knochenarbeit unter Tage. Das Erz wurde in eigenen Anlagen gewaschen und in Gießereien, Schmelzhütten und Scheideanstalten eingeschmolzen und weiterverarbeitet. Rund um die Minen konnten ganze Städte entstehen, die von Händlern nicht nur mit der Ausrüstung zur Erzverarbeitung, sondern auch mit den Gütern des täglichen Bedarfs ausgestattet wurden. In der Umgebung dieser Städte gab es – auch wenn sie nicht wie Potosí auf 4.000 Meter Seehöhe lagen – aufgrund der enormen Umweltbelastung durch die Erzverarbeitung kaum Landwirtschaft. Dichte Rauchschwaden, vergiftete Flüsse und radikal abgeholzte Wälder gehörten zum typischen Umfeld. Bergleute litten zudem durch ihre Arbeit unter schlechter Gesundheit, was Pflege und Heilkunde zu wichtigen Betätigungsfeldern in den Minenstädten machte.

Verstreute Quellen in Europa

Marcon erkundet diese Welt anhand von drei Schwerpunkten. „Zuerst untersuche ich, wie die Mobilität der deutschsprachigen Bergleute funktionierte – also wie der Transfer von Fachwissen logistisch in die Praxis umgesetzt wurde“, skizziert der Wirtschaftshistoriker. Dabei geht er der Frage nach, wie Fachleute aus Bergbaugebieten wie Tirol, Sachsen und Böhmen angeheuert und mit ihren Familien umgesiedelt wurden.

Die Quellen, die Marcon dafür benutzt, sind über ganz Europa verstreut – in Archiven in Italien, Spanien, Deutschland oder Großbritannien. „Ich sehe mir etwa Verträge zwischen Bergbauexperten, Unternehmern und Kaufleuten wie den Fuggern oder Welsern an, die damals als große Investoren auftraten. Sie steckten viel Geld in Minen in Europa, aber auch in den spanischen Kolonien“, sagt Marcon. „Gleichzeitig ist auch eine große Vielfalt an Korrespondenz und Berichten vorhanden, die Arbeitsweise und Fähigkeiten der deutschen Bergleute bewerben. Auch sie gehören zu meinen Quellen.“

Junger Mann mit Helm und Stirnleuchte, der eine Mine über eine Leiter betritt
Gabriele Marcon in einer Mine in Schneeberg, Deutschland (re.) und am Eingang des Cerro Rico im August 2025. © Gabriele Marcon

Das vielfältige Arbeitsbild der Frauen

Auch wenn sie in den Verträgen und Dokumenten von damals nicht auftauchten, waren Frauen ein großer Teil der Arbeitsmigration im Bergbau. Ihnen ist ein zweiter Schwerpunkt in Marcons Projekt gewidmet. „Frauen arbeiteten in vielen Bereichen des Bergbaus – nur nicht in den Schächten selbst. Ausgeprägte Genderstereotype und der Aberglaube, dass Frauen unter Tage Unglück brachten, hielten sie von den Minen fern“, erklärt Marcon. „Ein wichtiges Betätigungsfeld war aber die Erzwäsche. Man könnte sagen, dass Haushaltstätigkeiten wie das Wäschewaschen auf das Bergbauumfeld transferiert wurden.“

Gleichzeitig bauten die Arbeiterinnen neue Expertise in der Einschätzung und Behandlung der erzhaltigen Gesteine auf. Daneben übernahmen Frauen oft den Transport der im Bergbau eingesetzten Materialien sowie die Bereitstellung von Nahrung und medizinischer Versorgung. Bezahlung konnten die Frauen und Töchter der Bergbaufachleute für ihre Tätigkeiten aber keine erwarten.

Ein dritter Schwerpunkt Marcons liegt schließlich in der Erforschung des Naturwissens über das Innere der Erde und erzhaltige Landschaften, das die Bergleute durch ihre Arbeit erlangten. „Die ersten geologischen Werke der Neuzeit kamen durch das Befragen von Bergbauexperten zustande. Doch ihren Erfahrungsschatz darf man sich nicht wie heutige Wissenschaft vorstellen“, erklärt der Wirtschaftshistoriker. „Das damalige Wissen der Bergleute war von Magie, Alchemie, Sagen und volkstümlichen Überlieferungen geprägt.“ Silberadern im Berg wurden beispielsweise als Äste und Zweige eines großen, unterirdisch wachsenden Baumes verstanden. Geräusche im Berg und andere Omen gaben Anzeichen, ob man einem Erzvorkommen nahekam. In der absoluten Dunkelheit der Minenschächte war der Glaube an Kobolde und Geister allgegenwärtig. Am wichtigsten war es für die Bergleute aber, ein guter Christ zu sein – nur dann schien ein Fund überhaupt möglich.

Nicht nur Fachwissen, auch gute Imagepflege

Der enorme Erfolg der deutschsprachigen Bergleute im 16. und 17. Jahrhundert war allerdings nicht nur ihrem Fachwissen geschuldet. „Sie waren nicht nur gut bei ihrer Arbeit. Sie verstanden es auch sehr, ihre Identität als respektierte Bergbauexperten zu konstruieren und aufrechtzuerhalten“, betont Marcon. Sie blieben gerne unter sich. Wo sie zuständig waren, ließen sie keine anderen Praktiken als die ihren zu. Dabei waren sie in den spanischen Kolonien beispielsweise auch mit indigenen Arbeitern konfrontiert, die auf viele Generationen Erfahrung im Erzabbau zurückblicken konnten. Gerade bei der Suche nach neuen Lagerstätten wurde auf dieses Wissen auch zurückgegriffen.

Für Marcon ergibt sich daraus eine wichtige Forschungsfrage: „Die schriftlichen Überlieferungen zu den damaligen Bergbaupraktiken stammen von den Europäern. In Wahrheit wissen wir nicht viel über die Arbeitsweise von indigenen Gruppen – auch nicht, ob beispielsweise eine Form von Wissenstransfer zwischen ihnen und den Europäern stattfand“, erklärt der Forscher.

„Anhand vieler Quellen lässt sich aber zeigen, dass es den Bergleuten aus Mitteleuropa durchaus schwerfiel, ihr Wissen auf neue Abbaugebiete zu übertragen. Oftmals scheiterten sie bei ihrer Suche nach den Erzen.“ Eine Reise von etwa 100 Tiroler Fachleuten in die Kupferminen von Keswick im Nordwesten Englands in den 1560er-Jahren, über die Marcon gerade recherchiert, illustriert diese Beobachtung. „Es ist eine verschlungene Geschichte, die im Scheitern endet. Interessen und Wissenssysteme der Tiroler und der Engländer passten nicht zusammen. Letztendlich war das Unternehmen sehr unproduktiv.“

Zur Person

Gabriele Marcon ist Senior Postdoctoral Fellow am Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Wien. Bisherige akademische Stationen nach seinem PhD-Studium am European University Institute in Florenz in Italien waren unter anderem das Warburg Institute, Durham University und Harvard Center for Italian Renaissance Study, wie auch Forschungsaufenthalte an der Oxford University in Großbritannien sowie der Columbia University in den USA.Das von 2024 bis 2027 laufende Projekt „Abbau der Erde, Erwandern der Welt“ wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit 294.000 Euro gefördert.

Publikationen

The mountain magus: Mining and resource landscapes in the early modern Venetian mainland, in: Renaissance Quarterly, 74(8), 2025

The boundaries of knowledge: Books, experts, and readers in the early modern mines, in: Isis, 116(1), 61–81, 2025

Wages unpacked: Remuneration, negotiation, and coercion in the Medici mines, in: Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung 2022