Junger Forscher mit Brille und Jacke vor einem alten GebÀude mit Park
Filmwissenschaftler und Schrödinger Fellow Joachim SchĂ€tz erforscht die Bedeutung von Komik in der Wissensvermittlung. © privat

Welche Rolle spielt Humor beim Lernen, konkret in Lehrfilmen und -videos? Wann und wo wurden in den vergangenen 100 Jahren audiovisuelle Witze als Teil des Lernens und ErklĂ€rens gefördert, geduldet oder aber als unangemessen abgelehnt? Und was zeigen uns die unzĂ€hligen Parodien auf den Lehrfilm – von Goofy-Cartoons aus den 1940ern bis zu schrĂ€gen Crafting-KanĂ€len auf YouTube – ĂŒber den Zusammenhang zwischen Lachen und Lernen?

Zu diesen Fragen der Lehrfilmkomik wollte ich schon eine Weile forschen. Nachdem ich zuletzt in Wien ein Projekt zur Geschichte des österreichischen Lehrfilms geleitet hatte, hat es mich gereizt, meinen Fokus auf das Thema internationaler auszurichten und gleichzeitig in eine andere Forschungskultur einzutauchen. Als Orte fĂŒr mein Schrödinger-Auslandsstipendium habe ich zwei US-UniversitĂ€ten gewĂ€hlt: Mein erstes Jahr an der University of Maryland in College Park nĂ€hert sich bereits seinem Ende, das zweite Jahr werde ich an der University of California in Berkeley verbringen.

Brozenes Denkmal des Erfinders der Muppets - Jim Henson
Ein Alumnus der University of Maryland ist Jim Henson, Schöpfer der Muppets und – forschungsrelevant! – der Sesamstraße-Puppen. Hier sein Denkmal auf dem Campus. © Joachim SchĂ€tz

In riesigen Filmarchiven stöbern

Berkeley ist eine der weltweit bekanntesten US-UniversitĂ€ten und in der Film- und Medienwissenschaft eine der renommiertesten. Warum aber College Park? Erstens lehrt und forscht hier Oliver Gaycken, ein Spezialist zur Geschichte filmischer Wissensvermittlung, dessen Texte fĂŒr die Entwicklung meines Projekts maßgeblich waren. Obwohl wir uns nicht persönlich kannten, sondern nur vermittelt ĂŒber gemeinsame Bekannte, stellte er sich auf meine Anfrage enthusiastisch als Mentor zur VerfĂŒgung. Zweitens befindet sich gleich nördlich des Uni-Campus – dazwischen liegt nur der universitĂ€tseigene Golfplatz – die Filmsammlung des Nationalarchivs der Vereinigten Staaten.

In dem GebÀude in College Park (links) befindet sich die Filmsammlung der US-amerikanischen National Archives. Rechts Schrödinger Fellow Joachim SchÀtz mit Testudo, dem Maskottchen der University of Maryland.
In dem GebĂ€ude in College Park (links) befindet sich die Filmsammlung der US-amerikanischen National Archives. Rechts Schrödinger Fellow Joachim SchĂ€tz mit Testudo, dem Maskottchen der University of Maryland. © Joachim SchĂ€tz, Oliver Gaycken

Der öffentliche Zugang zu den dort lagernden mehr als 500.000 Filmen ist im Vergleich mit meinen Erfahrungen in europĂ€ischen Filmarchiven unverschĂ€mt niederschwellig: Ich kann unangemeldet am Morgen erscheinen und bis zu 15 Filme auf einmal fĂŒr die Sichtung am selben Tag bestellen. Besonders ergiebig waren fĂŒr mich die Trainingsfilme des US-MilitĂ€rs, zu denen auch umfangreiche Produktionsunterlagen vorliegen. In den 1960er- und 1970er-Jahren reagierten viele dieser Schulungsfilme auf den politischen AutoritĂ€tsverlust des MilitĂ€rs mit kuriosen Sketchformaten, die Jugendkultur-Sendungen nachahmten.

Besuch bei einem Privatsammler und ein YouTube-Auftritt

Ebenfalls aus europĂ€ischer Perspektive ungewohnt ist in den USA das Engagement privater Filmsammlungsinitiativen. Zum Beispiel bewahrt Skip Elsheimer in Raleigh, North Carolina, seit den 1990er-Jahren alte Lehrfilme, zeigt sie öffentlich und stellt sie auch seit ĂŒber 20 Jahren frei zugĂ€nglich online. Oliver Gaycken und ich besuchten ihn im Februar, suchten in seinen BestĂ€nden Filme aus unseren Wunschlisten und traten in seinem YouTube-Livestream „A/V Geeks Lunch“ auf.

Zwei Menschen in einem Filmarchiv mit unzÀhligen Filmrollen
Auf Forschungsbesuch bei dem Filmsammler Skip Elsheimer (rechts) in Raleigh, North Carolina, mit Mentor Oliver Gaycken. © Joachim SchĂ€tz

College Park selbst ist eine beschauliche Campusstadt mit noch ruhigeren VorstĂ€dten rundum, liegt aber im Einzugsbereich von Washington, D.C. Eine U-Bahn-Linie fĂŒhrt von hier direkt ins Zentrum der Bundeshauptstadt mit den riesigen, gratis zugĂ€nglichen Museen der National Mall – und aktuell ratlos herumstehenden GrĂŒppchen der Nationalgarde.

FĂŒr WochenendausflĂŒge sind in der NĂ€he Baltimore und Philadelphia gut erreichbar. Ein anderes beeindruckendes Reiseerlebnis fĂŒr mich war eine FĂŒhrung durch Stationen der BĂŒrgerkriegsschlacht in Gettysburg, die mir ein am dortigen College beschĂ€ftigter Freund gab. Wie so vieles hier ist diese Besichtigungsroute fĂŒrs Autofahren dimensioniert. Der Alltag lĂ€sst sich aber auch mit Campus-Leihrad, Öffis und gelegentlichen Rideshare-Fahrten gut meistern.