Promenade entlang eines begrĂŒnten Flussverlaufs in einer historischen Altstadt
Ljubljana ist eine von 100 StĂ€dten der EU-Mission „KlimaneutralitĂ€t bis 2030“. Auf den Weg zur resilienten Vorzeigestadt hat sich auch Klagenfurt gemacht, als Österreichs einzige Stadt in dem EU-Programm. © Eugene Kuznetsov/unsplash

KlimaneutralitĂ€t bis 2050, bis 2040 Reduktion von 90 Prozent der Treibhausgase im Vergleich zu 1990: So lauten die aktuellen, bereits abgeschwĂ€chten EU-Klimaziele. Um diese Vorgaben zu erreichen, mĂŒssen Europas StĂ€dte mit an Bord, denn aus ihren Verkehrsströmen, Heizungssystemen und Energieversorgungen stammt ein hoher Anteil der Emissionswerte. Die EU will mit der Mission „100 Climate-Neutral and Smart Cities by 2030“, kurz EU-Mission 100, Anreize schaffen, Innovation fördern und Vorbildwirkung schaffen. Die individuellen Situationen der teilnehmenden StĂ€dte sind sehr unterschiedlich. Was sie verbindet: Sie wollen ihre KlimaschutzaktivitĂ€ten nach den GrundsĂ€tzen sozialer Gerechtigkeit ausrichten. Niemand soll zurĂŒckgelassen werden, lautet die Devise.

Die Forschenden in dem internationalen Projekt „Konkurrierende Dringlichkeiten: KlimaneutralitĂ€t in der EU“, das vom Wissenschaftsfonds FWF mitgefördert wird, versuchen, sich diesen Transformationsprozessen aus einer besonderen Perspektive zu nĂ€hern. Alexandra Schwell, VorstĂ€ndin des Instituts fĂŒr Kulturanalyse der UniversitĂ€t Klagenfurt, und ihr Team haben sich mit Kolleg:innen in Polen und Slowenien zusammengetan. Mit Methoden der Kulturanthropologie wollen sie untersuchen, wie Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt werden. DafĂŒr vergleichen sie, wie sich Politik und Bevölkerung in drei sehr unterschiedlichen StĂ€dten mit dem gleichen Thema auseinandersetzen.

Klagenfurt ist wie Warschau und Ljubljana Teil der EU-Mission 100. „Die drei StĂ€dte sind sehr verschieden – nicht nur von der GrĂ¶ĂŸe, sondern auch in Hinblick auf wirtschaftliche, politische und soziale Gesichtspunkte. Auch die Vorstellungen, wie Klimaschutz umgesetzt werden sollte, weichen stark voneinander ab“, beschreibt Schwell. „Alle drei verbindet aber, dass sie im gleichen EU-Programm sind. Sie sind mit den gleichen Vorgaben konfrontiert, die auf der Ebene des Landes und der Kommunen aber auf Ă€ußerst unterschiedliche Bedingungen treffen. Die resultierenden Aushandlungen wollen wir in den drei StĂ€dten vergleichen.“

KlimaneutralitÀt in der EU

Die EU-Mission „100 Climate-neutral and Smart Cities“ soll 100 StĂ€dte bis 2030 klimaneutral machen. Im Projekt dienen die sehr unterschiedlichen StĂ€dte Warschau, Ljubljana und Klagenfurt als ModellstĂ€dte. Im Zentrum steht die Frage, wie EU-Klimaziele mit Blick auf soziale Gerechtigkeit umgesetzt werden. 

Außenfassde aus Glas einer Beratungsstelle, mit Banner Smart Climate Lab
Das Smart Climate Lab in Klagenfurt ist Anlauf- und Beratungsstelle fĂŒr BĂŒrger:innen, Unternehmen und Organisationen, die klimaneutrale Projektideen umsetzen möchten. © IPAK

Wie Gesellschaften PrioritÀten setzen

Die EU-Mission setzt den Rahmen fĂŒr eine „Politik der Dringlichkeit“, die den Klimaschutz priorisiert und Resultate einfordert. Beim Begriff der Dringlichkeit setzt auch der Theorieansatz von Schwell und Kolleg:innen an: „Die Gleichzeitigkeit vieler Krisen erzeugt Unsicherheit und Angst. Wir wollen im Zuge einer ,anthropology of urgency‘ den gesellschaftlichen Umgang mit dieser Unsicherheit – und der resultierenden Notwendigkeit eines schnellen Handelns – untersuchen“, erklĂ€rt die Forscherin. „Was also bekommt PrioritĂ€t, was wird im Gegenzug aufgeschoben? Wie werden Dinge als dringlich beschrieben, mit welchen Bildern, Argumenten und Metaphern wird gearbeitet? Wessen Dringlichkeit hat Relevanz, und wie funktioniert sie als Mobilisierungsinstrument? Anhand Fragen wie diesen wollen wir Gesellschaften und ihre inhĂ€renten MachtverhĂ€ltnisse besser verstehen lernen.“

Zu den Methoden der Kulturanthropologie gehören teilnehmende Beobachtung, GesprĂ€che und Leitfaden-Interviews. Als qualitative Wissenschaft, die keine Vorannahmen testen will, sondern ergebnisoffen und explorativ vorgeht, ist die ethnografische Forschung nicht reprĂ€sentativ. Sie nimmt Tiefenbohrungen vor, aus denen sich generalisierende Aussagen ableiten lassen. In Klagenfurt setzen die Forschenden zwei Schwerpunkte: Schwells Kollege Johannes Kröger rĂŒckt die Wasserpolitik der Stadt ins Zentrum seiner Arbeit. Gebaut auf einem Sumpfgebiet in SeenĂ€he zeigt sich Klagenfurt besonders anfĂ€llig fĂŒr Überschwemmungen durch Starkregenereignisse.

Kröger nimmt das Wasser nicht nur als materielle, sondern auch als soziokulturelle und institutionelle RealitĂ€t und seziert die zunehmenden Konflikte zwischen Stadtentwicklung, Naturschutz, kulturellen Praktiken und technischen LösungsansĂ€tzen. „Infrastrukturmaßnahmen, die in der Vergangenheit sinnvoll schienen, bringen die Stadt heute in BedrĂ€ngnis. Investitionen wĂ€ren notwendig, die Mittel dafĂŒr sind aber knapp“, schildert Schwell. DafĂŒr spricht Kröger mit Expert:innen, Politiker:innen, aber auch etwa mit sozial schwĂ€cher gestellten Menschen, die den Wörtherseeabfluss als gĂŒnstiges Naherholungsgebiet nutzen.

Demonstraten heben Pappschilder am Stadtplatz vor dem Rathaus
BĂŒrger:innen protestieren gegen die Umwelt- und Kulturpolitik der Klagenfurter Stadtregierung. © Johannes Kröger

Trotz EU-Zielen Kehrtwende bei Elektrobussen

Die InstitutsvorstĂ€ndin selbst beschĂ€ftigt sich mit der Frage, wie die LegitimitĂ€t von Dringlichkeitspolitik ausgehandelt wird. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang eine Kehrtwende bei einer zentralen Maßnahme zur CO2-Reduktion in Klagenfurt. „Ein wichtiger Pfeiler der Klimapolitik der Stadt – und letztendlich auch der Teilnahme an der EU-Mission 100 – war die Umstellung der Busflotte auf Elektrofahrzeuge. Hier war eine große Investition geplant“, schildert Schwell. Im Herbst 2025 wurde das Vorhaben schließlich auf politischer Ebene gekippt. „Aufseiten der Stadtregierung wurde argumentiert, dass das Geld dafĂŒr fehle und die Bevölkerung gegen die Erneuerung sei. Förderungen, die schon geflossen waren, mĂŒssen zurĂŒckgezahlt werden“, so die Forscherin. Eine wesentliche Emissionseinsparung, die etwa ein Viertel der gesamten CO2-Reduktion der Stadt auf den Weg zur KlimaneutralitĂ€t bis 2030 ausmachen sollte, war damit weggebrochen.

Aus Sicht vieler Beteiligter sei diese Entscheidung „hochgradig frustrierend“ gewesen, berichtet Schwell. „Ein langfristiges Klimaschutzvorhaben wurde kurzfristigem populistischem KalkĂŒl geopfert, war die Wahrnehmung bei all jenen, die sich fĂŒr KlimaneutralitĂ€t in KĂ€rnten und die 100-Cities-Initiative eingesetzt hatten.“ Die Dringlichkeit der langfristigen existenziellen Bedrohung durch die Klimakatastrophe war – trotz des Rahmens der EU-Initiative – nicht stark genug, um eine prestigetrĂ€chtige Maßnahme mit hoher Sichtbarkeit umzusetzen. „Eine Dringlichkeit, auch wenn sie von einer wissenschaftlichen Faktenlage untermauert ist, muss politisch immer wieder aufs Neue verteidigt werden“, betont Schwell. „Die politischen Akteur:innen in Klagenfurt haben letztendlich mit dem Verweis auf vermeintliche WĂ€hlerstimmung und finanzielle Überlegungen eine LegitimitĂ€t fĂŒr neue Ziele konstruiert.“

Klagenfurts EU-Mission – in Österreich kaum bekannt

Stimmig mit dieser Entwicklung, bei der sich die lokalen EntscheidungstrĂ€ger:innen immun gegenĂŒber Umwelt- und EU-Zielen zeigen, ist, wie die EU-Initiative in Österreich kommuniziert wird. „Es spricht BĂ€nde, dass die EU-Mission 100 hierzulande so gut wie unbekannt ist, obwohl Klagenfurt die einzige österreichische Stadt ist, die diesen Status errungen hat“, sagt Schwell. „In Ljubljana und Warschau sieht das ganz anders aus: Dort wird mit der EU-Initiative aktiv Werbung gemacht – auch, um politischen EntscheidungstrĂ€ger:innen ein fortschrittliches Image zu verpassen.“ Ironischerweise sind dort unter anderem die Busse massenhaft mit Werbung fĂŒr die 100-Cities-Mission versehen.

Auch die politischen Narrative im Zusammenhang mit dem EU-Projekt sind in den VergleichsstĂ€dten grundsĂ€tzlich andere. „In Warschau steht der Aspekt der Stadtentwicklung im Vordergrund. Neben baulichen Maßnahmen wie der DĂ€mmung möglichst vieler Wohnungen gibt man der Vision einer lebendigen Stadtgesellschaft eine erhöhte Dringlichkeit. Dazu zĂ€hlt auch, dass der Klimaschutzdiskurs Teil des politischen Mainstreams wird“, skizziert die Kulturanthropologin. „Auch in Ljubljana wird KlimaneutralitĂ€t im öffentlichen Diskurs eine hohe Dringlichkeit zugestanden. Oft scheint es aber nur als Etikett verwendet zu werden, das auch Projekte ziert, die mit Klimaschutz wenig zu tun haben. Der lokalen Politik wird Greenwashing vorgeworfen – grĂŒne Rhetorik, um sich selbst in ein gutes Licht zu stellen.“ In Klagenfurt ist das anders. Hier ĂŒbersetzt sich der Druck aus der EU-Ebene weder in einen Klimaschutzmotor noch in eine PR-Fassade – hier wird er tendenziell als politischer Störfaktor wahrgenommen.

Zur Person

Alexandra Schwell studierte EuropĂ€ische Ethnologie, Soziologie und Politikwissenschaft in Berlin und PoznaƄ in Polen und promovierte in Vergleichender Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-UniversitĂ€t Viadrina in Frankfurt/Oder. Seit 2019 ist sie Professorin fĂŒr Empirische Kulturwissenschaft an der UniversitĂ€t Klagenfurt. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zĂ€hlen Sicherheit und Angst, Grenzen sowie EuropĂ€isierungsprozesse aus kulturanthropologischer Perspektive.

Das von 2024 bis 2028 laufende Projekt „Konkurrierende Dringlichkeiten: KlimaneutralitĂ€t in der EU“ wird in Österreich im Rahmen des Weave-Programms des Wissenschaftsfonds FWF mit 385.000 Euro gefördert. Schwell und ihr Team kooperieren in dem Projekt mit Forschenden rund um SaĆĄa Poljak Istenič vom Institut fĂŒr Slowenische Ethnologie des Forschungszentrums der Slowenischen Akademie der Wissenschaft und KĂŒnste (ZRC SAZU) in Ljubljana sowie um Anna Horolets vom Institut fĂŒr Ethnologie und Kulturanthropologie der UniversitĂ€t Warschau.

Publikationen

My only friend, the End. Urgency Politics and the Blackout, in: Cities. The International Journal of Urban Policy and Planning 2025

Hitze, Sommer, Einsamkeit – Handlungsempfehlungen fĂŒr eine zukunftsfitte Stadt, Institut fĂŒr Kulturanalyse 2025