Schwarz-weiß-Fotografie von W. H. Auden (re.) und seinem Freund Christopher Isherwood at Victoria Station 1938
W. H. Auden (re.) und sein Freund Christopher Isherwood auf dem Weg nach China, 1938. Beide Schriftsteller verlegten 1929 ihren Wohnsitz nach Berlin. © National Media Museum UK, Wikimedia Commons

Queeres Exil ist selten eine Geschichte der Ankunft. Vielmehr erzĂ€hlt es von MobilitĂ€t, Vertreibung und von der Erfahrung, zwischen Orten zu existieren. Queeres Exil durch die Linse der Vernetzung zu betrachten – ĂŒber weit voneinander entfernte Orte hinweg –, ist das Ziel des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts „Vernetzte Narrationen: Queere Exilliteratur 1900–1969“. Es ermöglicht eine neue Perspektive auf queeres Exil und Kosmopolitismus innerhalb eines literarischen Rahmens und stellt eine wichtige Verbindung zwischen Recht, Exil und Literatur her.

„Es stellt die Vorstellung infrage, dass jede dieser Exilgemeinschaften isoliert existierte“, sagt Projektleiter Benjamin Robbins, der ursprĂŒnglich nicht mit einer wissenschaftlichen Agenda an die LektĂŒre der Werke herangegangen war. „Anfangs war es nur aus persönlichem Interesse. Es war noch nicht klar, dass dies zu einem Forschungsthema werden wĂŒrde“, so der Literaturwissenschaftler von der UniversitĂ€t Innsbruck. Was als Neugier auf Schriftsteller wie Christopher Isherwood, Stephen Spender und W. H. Auden begann – Autoren, die sich alle in den 1920er-Jahren nach Berlin ins Exil begaben –, fĂŒhrte zu der Beobachtung, dass diese Autoren bestimmte literarische Merkmale in ihren Werken wiederholten und teilten.

Fokus auf englischsprachige Literatur

Mit seiner Entdeckung ist Robbins auf eine ForschungslĂŒcke gestoßen. Denn im Gegensatz zu einem Großteil der bestehenden Literatur konzentriert sich das Projekt weniger auf eng verbundene Gemeinschaften als auf weiterreichende Verbindungen. Der Schwerpunkt des Forschers liegt auf englischsprachiger Literatur – auf Schriftsteller:innen aus Großbritannien und den USA, die aus ihren HeimatlĂ€ndern vertrieben wurden und ihr Werk im Ausland fortsetzten. Das Projekt verfolgt Verbindungen zwischen Orten wie Capri in Italien, Tanger in Marokko sowie Paris und Berlin – Orte, die queeren Menschen zwischen 1900 und 1969 zu bestimmten Zeiten unter weniger restriktiven Bedingungen Zuflucht boten.

Literaturwissenschaftler Benjam Robbins untersucht, wie und warum queere Schriftsteller:innen im Exil zueinander fanden und wie (un)freiwillige Migration ihre Geschichten prĂ€gte. Eine Landkarte des queeren Exils im 20. Jahrhundert macht bisher unbeachtete Verbindungen sichtbar, die sich von Tanger in Marokko ĂŒber Capri in Italien bis nach Paris und Berlin spannten. 

Blick auf Meer und Hafen der Insel Capri von Anacapri aus
Blick auf die Insel Capri, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Zufluchtsort fĂŒr queere Exilant:innen war. © Wikimedia Commons

Rechtsreformen und Entkriminalisierung

Diskriminierende Gesetze gegen Homosexuelle in ganz Europa und den USA zwangen viele queere Schriftsteller:innen ins Exil, was dazu fĂŒhrte, dass sie sich an wechselnden Orten relativer Freiheit aufhielten. Wie Robbins betont, waren diese Bedingungen nie von Dauer. An Orten wie Capri und Berlin wurden sie mit dem Aufstieg des Faschismus in den 1920er- und 1930er-Jahren eingeschrĂ€nkt. Der Zeitrahmen ist folglich vor dem Hintergrund sich verĂ€ndernder Rechtsgrundlagen zu sehen.

Ende der 1960er-Jahre markierten Rechtsreformen einen Wendepunkt, da die schrittweise Entkriminalisierung von HomosexualitĂ€t im Vereinigten Königreich und in den USA den Druck auf queere Menschen etwas verringerte. „Der Zeitrahmen orientiert sich im Wesentlichen an den rechtlichen Rahmenbedingungen – basiert also auf der Entwicklung, wie Anti-Homosexuellen-Gesetzgebung Exil hervorbrachte“, sagt Robbins. Innerhalb dieser instabilen Bedingungen – zwischen Bewegung, EinschrĂ€nkung und vorĂŒbergehender Zuflucht – beginnt sich eine eigenstĂ€ndige literarische Form abzuzeichnen.

Literarische Tradition und Kosmopolitismus im queeren Exil

Das Projekt zeigt auf, wie das queere Exil das prĂ€gte, was Robbins als â€žĂŒbersehene literarische Tradition“ bezeichnet, die sich durch markante formale Merkmale auszeichnet. Werke der queeren Exilliteratur sind keine konventionellen Reiseberichte, da die darin geschilderten Reisen selten freiwillig sind. Wie der Forscher darlegt, bewegten sich diese Autor:innen ohne klares Ziel zwischen Orten hin und her, Planungen waren nicht möglich. Literarisch manifestiert sich dies in ihrem Schreiben als plötzliche rĂ€umliche Verschiebungen, unklare ÜbergĂ€nge und verschwommene Darstellungen von StĂ€dten. „Die Unterscheidungen zwischen verschiedenen Orten sind fließender, als man vielleicht erwarten wĂŒrde“, erklĂ€rt Robbins und fĂ€hrt fort: „Das spiegelt die RealitĂ€t des Lebens unter rechtlicher UnterdrĂŒckung wider.“

Ebenso gibt es in diesen Werken oft keinen klar definierten Endpunkt – kein gesellschaftlich vorgeschriebenes Ziel wie Heirat, Kinder oder die GrĂŒndung eines Haushalts. „Queere Menschen haben vielleicht kein endgĂŒltiges Ziel in ihrem Leben“, bemerkt der Forscher und argumentiert, dass sich dies auch auf die fließende und bewegliche Art und Weise auswirkt, in der die Figuren dargestellt werden. „Eine Figur, die ihre IdentitĂ€t in ihrem hĂ€uslichen Umfeld nicht zum Ausdruck bringen kann, zieht an einen anderen Ort und kann dort freier mit ihrer IdentitĂ€t experimentieren.“

Die Visualisierung aus dem Projekt „Networked Narratives“ zeigt die Verbindungen von Christopher Isherwood zu anderen queeren Exilautor:innen.
Die Visualisierung aus dem Projekt „Networked Narratives“ zeigt die Verbindungen von Christopher Isherwood zu anderen queeren Exilautor:innen. © Benjamin Robbins

Figuren in der queeren Exilliteratur basieren oft auf realen Personen, die in verschiedenen Texten unterschiedlicher Autor:innen unter verschiedenen Pseudonymen wieder auftauchen. Diese Zirkulation zeigt, wie gut diese Autor:innen ĂŒber diese Orte hinweg vernetzt waren. „Vernetzte Narrationen“ ĂŒberdenkt auch das Konzept des Kosmopolitismus. Der Projektleiter betont, dass er bewusst von „Exilanten“ statt von „Auswanderern“ spricht, und erklĂ€rt: „,Auswanderer‘ impliziert, dass man sich aktiv dafĂŒr entscheidet, an einen anderen Ort zu ziehen.“ Ebenso suggeriert der Begriff Kosmopolit oft Freiheit und MobilitĂ€t aus eigener Entscheidung. Aus der Perspektive dieses Projekts erscheint Kosmopolitismus jedoch nicht als Freiheit, sondern als Ergebnis von Druck – verbunden mit erzwungener Migration und Marginalisierung. Gleichzeitig bezeichneten sich viele der Autor:innen selbst als Kosmopolit:innen und nutzten den Begriff als verschlĂŒsselten Hinweis auf queere IdentitĂ€ten.

Netzwerke und ihre heutige Relevanz abbilden

Diese konzeptionellen Verschiebungen spiegeln sich nicht nur in einer genauen Textanalyse wider, sondern auch in den Methoden und Ergebnissen, durch die das Projekt Verbindungen im queeren Exil sichtbar macht. Es kombiniert AnsĂ€tze der Digital Humanities mit literarischer Analyse und hat interaktive Netzwerkvisualisierungen entwickelt, die ĂŒber die Website des Projekts zugĂ€nglich sind. Dabei stĂŒtzt es sich auf die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) aus der Soziologie, die die soziale RealitĂ€t als von Netzwerken geprĂ€gt versteht – genauer gesagt, von verschiedenen Akteur:innen innerhalb dieser Netzwerke. Besonders relevant ist hier der Fokus auf schwache und auf starke Bindungen.

Anstatt Beziehungen zu berĂŒcksichtigen, die auf rĂ€umlicher NĂ€he beruhen – wie beispielsweise Schriftsteller:innen, die im selben Viertel leben –, hebt das Projekt wichtige Verbindungen zwischen Schriftsteller:innen an weit voneinander entfernten Orten durch deren Korrespondenz oder kreativen Austausch hervor. Wie Robbins anmerkt, interessiert sich die ANT gleichermaßen fĂŒr diese sogenannten schwĂ€cheren Verbindungen. Bislang hat das Projekt rund 5.000 Datenpunkte gesammelt und neun Visualisierungen entwickelt – und damit auch bereits öffentliches Interesse geweckt. Robbins arbeitet derzeit zudem an der Fertigstellung einer Monografie, die Fallstudien zu den untersuchten Exilorten zusammenfasst. Eine Reihe von Artikeln, Buch- und KonferenzbeitrĂ€gen ist bereits aus dem Projekt hervorgegangen.

Exil ist kein PhĂ€nomen der Vergangenheit, sondern nach wie vor globale RealitĂ€t. „Menschen werden bis heute aufgrund ihrer SexualitĂ€t aus LĂ€ndern vertrieben“, betont Robbins und verweist auf StĂ€dte wie Berlin, die weiterhin als Zufluchtsorte fĂŒr queere Menschen aus LĂ€ndern wie Syrien oder Russland dienen. Die zeitgenössische Literatur ĂŒber queeres Exil knĂŒpft nach wie vor an die literarische Tradition an, sagt Robbins. „Autor:innen beziehen Elemente aus diesem literarischen Archiv in ihre Werke ein.“ Gleichzeitig hat sich das Spektrum der dargestellten IdentitĂ€ten erweitert, wodurch die ErzĂ€hlungen heute vielfĂ€ltiger und vernetzter sind. Und doch bleiben Zufluchtsorte instabil. Es besteht immer die Möglichkeit, dass neue rechtliche Bedingungen einen Ort wieder feindlicher gegenĂŒber queeren Menschen machen. Orte, die Zuflucht bieten, sind nicht festgeschrieben – ein Punkt, den Robbins unterstreicht: „Fortschritt ist nicht endgĂŒltig.“

Über den Forscher

Benjamin Robbins ist Senior Postdoc im Bereich amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften an der UniversitĂ€t Innsbruck. Er ist Autor von Faulkner’s Hollywood Novels: Women between Page and Screen, University of Virginia Press, 2024. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Queer and Gender Studies, transnationale Literatur und Kultur sowie ErzĂ€hltheorie; er hat in Zeitschriften wie Genre und Amerikastudien/American Studies sowie in den SammelbĂ€nden Flyover Fictions und Gender Across Media Landscapes veröffentlicht.

Robbins war Gastwissenschaftler am Harry Ransom Center in Texas und an der Huntington Library in Kalifornien. Das Projekt „Vernetzte Narrationen: Queere Exilliteratur 1900–1969“ (2022–2026) wurde vom Wissenschaftsfonds FWF mit 329.000 Euro gefördert.