Natur als Waffe, menschliche Körper als Ressource
Im Juni 2023 wurde im Zuge des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine der Kachowka-Staudamm gesprengt. Schätzungsweise 100 Quadratkilometer wurden überflutet, dutzende Menschen starben. Während die Katastrophe schnell wieder aus den Medien verschwand, bleiben vor Ort langfristige ökologische Folgen. Ganze Landstriche sind auf Jahre hinaus für die Landwirtschaft nicht mehr verwendbar, das verschmutzte Grundwasser kaum nutzbar. Die Dammsprengung war nur eines der prägnantesten Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit, wie Naturzerstörung gezielt als Waffe eingesetzt wird, um einen Gegner nachhaltig zu schwächen.
Die Instrumentalisierung der Natur zu Kriegszwecken hat eine lange Geschichte. Im Ersten Weltkrieg, der von industrieller Kriegsführung und der Mobilisierung aller Ressourcen geprägt war, erreichte das Phänomen ein neues Niveau. An der Ostfront wurden Dämme gebaut, die riesigen fruchtbaren Flächen überschwemmt und dadurch das Grundwasser verseucht. Ebenso wurden Ölfelder in Brand gesetzt. Die zerstörte Umwelt verschärfte das Leid der Zivilbevölkerung und führte zu enormen Flüchtlingsströmen. Die damalige systematische Zerstörung der Natur auf Schlachtfeldern und im Hinterland ist einer der Ausgangspunkte des Projekts „Biopolitik: Umweltzerstörung und Flucht im 1. Weltkrieg“, das vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wird.
Kerstin von Lingen von der Universität Wien, Oksana Nagornaia von der Humboldt-Universität zu Berlin und Kamil Ruszala von der Universität Krakau verknüpfen in ihrem internationalen Projekt erstmals die Geschichte kriegsbedingter Massenvertreibungen mit Medizin- und Umweltgeschichte. Im Zentrum der Untersuchung steht einerseits die Frage, wie Kriege in Natur und Landschaften eingreifen, andererseits, wie sie den Menschen militärischen Interessen unterordnen. „An den Frontlinien zwischen Habsburgerreich, dem deutschen Kaiserreich und dem russischen Zarenreich zeigte sich die gezielte Naturzerstörung besonders ausgeprägt. Wir verbinden dieses Phänomen mit dem Gesichtspunkt der Biopolitik, also der staatlichen Kontrolle und Optimierung menschlicher Körper: Beispielsweise wurde der Seuchengefahr, die aus der Naturzerstörung folgte, mit großangelegten Impfaktionen begegnet“, veranschaulicht die Historikerin Kerstin von Lingen.
Biopolitik zu Kriegszeiten
Um den Vormasch der russischen Truppen in Galizien zu behindern, setzten die Streitkräfte von Österreich-Ungarn auf die Strategie der verbrannten Erde. Wie sich die systematische Vernichtung von Dörfen, Infrastruktur und und Zwangsvertreibung im 1. Weltkrieg auswirkte, untersucht ein internationales Forscherteam.
Machtausübung über biopolitische Kontrolle des menschlichen Lebens
Der im Projekt zentrale Begriff der Biopolitik geht auf Michel Foucault zurück. Der Philosoph und Soziologe beschreibt damit einen Paradigmenwechsel in der modernen Machtausübung. Sie führt weg von autokratischen Herrschern, die über Leben und Tod ihrer Untertanen bestimmen, und hin zu einer modernen Biomacht, die etwa durch das Gesundheitssystem in biologische und soziale Prozesse des menschlichen Lebens eingreift, um neue Normen zu schaffen. Anschließende Kritik an dem Theoriegebäude machte jedoch deutlich, dass die biopolitische Normierung die Menschen je nach Geschlecht und ethnischen Zuschreibungen unterschiedlich betrifft – ein Aspekt, der auch im Projekt aufgegriffen wird.
„Traditionell steht der Zweite Weltkrieg viel stärker im Fokus von Untersuchungen dieser Art. Wir wollen jedoch längerfristige Entwicklungslinien biopolitischer Herangehensweisen herausarbeiten, die bereits in den neuzeitlichen Kriegen und Kolonialkriegen ihren Ausgang nehmen“, skizziert Nagornaia. „Der Erste Weltkrieg, in dem die Ärzteschaft große Autorität gewann, gibt hier ein besonders anschauliches Beispiel ab.“ Die Kriegsparteien brachten in die multiethnischen Regionen des Ostens ein antisemitisches und rassistisches Selbstverständnis mit. Die Zivilbevölkerung vor Ort wurde oft als unterentwickelt betrachtet, die Verwaltung agierte mit Willkür und Gewalt. Zum kolonialen Ordnungsschema gehörten dabei auch medizinische Zwangsmaßnahmen zur Impfung oder Entlausung der Bevölkerung. „Der Erste Weltkrieg war auch ein Krieg der Ärzte. Die Rolle der Militärärzte an der Ostfront ist bislang noch kaum erforscht“, betont Nagornaia.
Flucht und Umwelt im Osteuropa des Ersten Weltkrieges
Systematische Naturzerstörung in Galizien
Zu den untersuchten Regionen gehören neben dem vor dem Ersten Weltkrieg unter zaristischer Herrschaft stehenden Kongresspolen und der rumänischen Walachei auch das damals habsburgische Galizien – eine Region, die heute als Teil der Ukraine erneut umkämpft ist. „Die drei riesigen Heere, die an der Ostfront kämpften, hinterließen schon aufgrund ihrer eigenen Versorgung enorme Spuren in der Landschaft. Urwälder in Polen und Weißrussland wurden etwa vollkommen abgeholzt und verheizt. Die letzten wilden Wisente, also Europäische Bisons, sind damals verschwunden“, erklärt Nagornaia. „Die Spuren, die die Kriegslogistik, aber auch das gezielte Unbrauchbarmachen von Ressourcen durch eine ,Politik der verbrannten Erde‘ hinterließ, wollen wir uns genauer ansehen.“
Die in verschiedenen Archiven vorhandenen Daten und Berichte über Zerstörungen und Flüchtlingsbewegungen sollen im Zuge eines Digital-Humanities-Ansatzes mittels Geoinformationssystemen (GIS) auf digitalen Landkarten verortet und mit militärischem Kartenmaterial sowie Schauplätzen medizinischer Zwangsmaßnahmen wie Impfkampagnen in Übereinstimmung gebracht werden. Dabei spielen auch Bildmaterial und visuelle Quellen eine wesentliche Rolle. „Das hilft unter anderem dabei, mehr über das Leben sogenannter Silent Communities herauszufinden. Denn diese schweigenden, oft illiteraten Mehrheiten oder marginalisierten Gruppen, die für unseren Schwerpunkt der Alltags- und Erfahrungsgeschichte eine große Rolle spielen, sind in vielen Aufzeichnungen kaum präsent“, sagt Nagornaia.
Flüchtlingsfrauen auf verbrannten Ölfeldern
Im Wiener Kriegsarchiv, einer historischen Sammlung des Österreichischen Staatsarchivs, befindet sich beispielsweise Bildmaterial, das die Arbeitsdienstpflicht von Flüchtlingsfrauen im damaligen Rumänien veranschaulicht. Die britischen und russischen Armeen setzten bei ihrem Rückzug die dort befindlichen Ölförderanlagen in Brand. „Die deutsche und österreichische Verwaltung zogen die Frauen ein, um den zurückbleibenden Schlamm wegzuschaufeln. Aus Sicht der Militärs war das sinnvoll, denn die Männer waren allesamt deportiert oder zu Kriegszwecken mobilisiert worden“, sagt Nagornaia. „Diese Praxis war kein Einzelfall. Auch bei Überschwemmungen und Dammbauten in Galizien wurden Frauen aus der Zivilbevölkerung eingesetzt.“ Frauenkörper waren ebenso wie Männer auf ihre physische Verwertbarkeit reduziert und dienten als Werkzeug der Kriegsführung.
Die Analyse, wie im Ersten Weltkrieg über Umwelt und Menschenkörper verfügt wurde, ist mehr als nur eine historische Aufarbeitung. Angesichts einer Gegenwart, die von Klimawandel, Ökoziden und technologisch geführten Kriegen geprägt ist, schafft diese Forschung ein Verständnis dafür, wie Konflikte, Migrationskrisen und Umweltkatastrophen verbunden sind. Denn die Wunden des Krieges zeichnen nicht nur Gesellschaften, sondern auch Landschaften über Jahrzehnte hinweg.
Zu den Personen
Kerstin von Lingen ist Professorin für Zeitgeschichte (Vergleichende Diktatur-, Gewalt- und Genozidforschung) und Vorständin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der Militär- und Gewaltgeschichte und der globalen Migrations- und Zwangsarbeiterforschung, sowie der Nachkriegsjustiz. Frühere Stationen ihrer Karriere waren unter anderem die Universitäten Heidelberg und Tübingen. Gastprofessuren führten sie an die ULB Brüssel, das Lauterpacht Centre for International Law in Cambridge und die Universität Basel.
Oksana Nagornaia ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und 2026 Gastprofessorin am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen Umweltgeschichte und der Geschichte des Ersten Weltkrieges. Das von 2026 bis 2028 laufende Projekt „Biopolitik: Umweltzerstörung und Flucht im 1. Weltkrieg“ wird im Rahmen des europäischen Weave-Programms vom Wissenschaftsfonds FWF in Österreich mit 401.000 Euro gefördert.
Publikationen
Militarized Landscapes, in: Oxford Bibliographies in Environmental History. New York: Oxford University Press 2026
Embattled Nature: Soldiers, Civilians, and Landscapes on the Eastern Front of the Great War. An Introduction, in: The Great War and the Anthropocene: Empire and Environment. Soldiers, Civilians, and Landscapes on the Eastern Front. Brill 2025
Besetzte Umwelt: Natur und Raum im Ersten Weltkrieg – Galizien und Bukowina, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 72/3, 2024
Conflict Landscapes of the Great War: The Spatial and Ecological Dimension of Military History, in: Quaestio Rossica, 11, 2; 2023