Überflutete Straße in Dakar, Westafrika - Menschen waten durch Wasser, das bis zum Nabel reicht
Westafrika ist von den Auswirkungen des Klimawandels besonders bedroht. In Senegal erodiert die Küste, auch städtische Regionen wie die Hauptstadt Dakar sind betroffen, wo extreme Regenfälle wiederholt zu Überschwemmungen führen. © APA-Images/Reuters/Zohra Bensemra

Dürren, Überschwemmungen und andere vom Klimawandel verschärfte Extremereignisse bedrohen Lebensgrundlagen ‒ besonders im „globalen Süden“. Im Jänner 2026 kam es zu einer verheerenden Flutkatastrophe im südlichen Afrika. Allein in Mosambik mussten bis zu 100.000 Menschen ihre Häuser verlassen.

Dass die Verschärfung der Klimakrise zu Massenabwanderungen in den „globalen Norden“ führen wird, scheint naheliegend. Die Realität ist jedoch komplexer, erklärt Stefan Lang, assoziierter Professor im Fachbereich Geoinformatik an der Universität Salzburg: „Die Entscheidung, die Heimat zu verlassen, lässt sich selten an einem einzelnen Auslöser festmachen.“ Einen linearen Zusammenhang, der es ermöglicht, allein aufgrund von Klimaprognosen auf internationale Migrationstrends zu schließen, gibt es folglich nicht.

Neben der physischen Umwelt spielen zum Beispiel auch Armut und Konflikte eine Rolle. Zudem hat nicht jede:r die Möglichkeit, auszuwandern. Wer etwa aus Subsahara-Afrika nach Europa auswandert, muss bereit sein, sein soziales Umfeld zurückzulassen und Geld in eine lange und potenziell gefährliche Reise zu investieren. Für viele sind Anpassung oder Binnenmigration innerhalb des eigenen Landes die erste oder auch einzige Option.

Komplexer Realität gerecht werden

Nicht nur der öffentliche Diskurs, sondern auch die Forschung habe zu vereinfacht auf das Thema geblickt, sagt Lang. Die vielfältigen Gründe hinter der Entscheidung für oder gegen Migration wurden bisher wenig berücksichtigt.

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Climate-Induced Migration in Africa and Beyond: Big Data and Predictive Analytics“ (CLIMB) verfolgt das Ziel, dies zu ändern. Das internationale Team aus Europa, den USA und Afrika (Senegal) kombiniert Klima- und Erdbeobachtungsdaten, Bewegungsprofile, behördliche Statistiken und soziologische Befragungen. So soll ein umfassendes Bild der Beziehung zwischen Klimaveränderungen und Migrationsentscheidungen entstehen. Dabei werden sowohl die verschiedenen, oft generationsübergreifenden Phasen der Migration – von der Binnenmigration über die Emigration ins Ausland bis hin zur Rückkehr ins Heimatland – als auch der zeitliche Ablauf dieser Phasen analysiert.

Der Ansatz wird am Fallbeispiel des Senegal entwickelt: Das Land im äußersten Westen Afrikas zählt zu jenen Regionen, die am stärksten von den Folgen der globalen Erwärmung betroffen sind. Ein anhaltend steigender Meeresspiegel, erodierende Küsten und Sturmfluten setzen der Bevölkerung, von der die Hälfte unter 20 Jahren ist, zu. In der Region wird in Zukunft eine Zunahme von Extremwetterereignissen erwartet. Für das Grundlagenprojekt konnten in dem westafrikanischen Land Kooperationspartner aus der Forschung, den lokalen Behörden und der Telekommunikationsbranche gewonnen werden.

Satellitenbilder, Handydaten und Social-Media-Spuren

Das vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützte Teilprojekt unter Langs Leitung steuert Tools für die Analyse von Satellitendaten bei – mit dem Ziel, Änderungen in der Vegetation sowie in Landnutzungs- oder Siedlungsmustern zu entdecken, und zwar „in der räumlich-zeitlichen Dynamik und hochaufgelöst“, so der Geoinformatiker. Dafür entwickelt sein Team KI-Systeme, welche die Auswertung der großen Datensätze, die einen Zeitraum von bis zu 20 Jahren umfassen, unterstützen.

Das Projekt

Dass Klimafolgen alleine Migration auslösen, greift zu kurz. Ökonomische oder politische Gründe sind weitere Faktoren von Flucht und Abwanderung. Im Projekt CLIMB arbeiten Forschende aus Politikwissenschaft, Soziologie und Data Science in einem internationalen Konsortium zusammen.

Satellitenaufnahme eines dicht belegten Flüchtlingscamps in Tansania
Satellitenbild (Ausschnitt) des Geflüchtetenlagers Nduta in Nordwest-Tanzania – am unteren Rand ist eine Dichteanalyse dargestellt. © Maxar / DigitalGlobe, Universität Salzburg, Ärzte ohne Grenzen

Um die Umweltdaten mit klimainduzierter Migration in Verbindung bringen zu können, verknüpfen sie die Forschenden mit Bewegungsprofilen aus aggregierten, anonymisierten Mobilfunkdaten. So werden die Mobilitätsmuster der Menschen im Kontext der physischen Umwelt sichtbar. „Diese basalen Muster haben nicht zwingend etwas mit Migration zu tun. Es gibt darunter reguläre saisonale Bewegungen, etwa von Saisonarbeiter:innen in der Landwirtschaft, weil bestimmte Feldfrüchte an bestimmten Orten angebaut werden. Die Arbeiter:innen wandern entsprechend mit.“ Da die Forschenden jedoch sehr kleinräumige Daten in langen Zeitreihen erheben, können sie Abweichungen in den Mustern erkennen, die auf eine Fluchtbewegung hinweisen. Fiel etwa eine Naturkatastrophe zeitlich und räumlich mit Bewegungsanomalien zusammen, ist das ein Hinweis auf einen Zusammenhang.

Um Indizien über die Migrationsmotive zu gewinnen, ergänzen Langs Projektpartner:innen die Daten mit anonymisierten Social-Media-Spuren sowie Handydaten. Diese erlauben Rückschlüsse, ob der Autor oder die Autorin eines Posts sich tatsächlich auf der Flucht befand und wie individuelle Einstellungen, sozioökonomische Ressourcen und öffentliche Meinung Migrationsprozesse prägen. Weitere soziologische Daten werden vor Ort im Rahmen von qualitativen Befragungen erhoben. Hierbei geht es nicht nur um individuelle Beweggründe, sondern auch um das Verhalten auf Haushaltsebene, auf der etwa lokale Bewältigungsstrategien im Zuge eines singulären oder auch wiederkehrenden Ereignisses (jährliche Fluten, mittelstarke Dürren, Wirbelstürme) eine bedeutende Rolle spielen.

Über das Projekt

Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration ist nicht linear, sondern steht in einem komplexen Wirkungsgefüge. Das Projekt „Climate-Induced Migration in Africa and Beyond“ (CLIMB) setzt auf einen interdisziplinären Ansatz, um Modelle für klimainduzierte Migration zu verbessern. Der Geoinformatiker Stefan Lang und seine Forschungsgruppe sind Teil eines internationalen Projektkonsortiums, das sich aus Forschenden der Politikwissenschaft, Soziologie und Data Science zusammensetzt.

Wissenstransfer für Klimaanpassung

Das im Rahmen von CLIMB erhobene Kaleidoskop an Daten hat Migrationsmodelle bereits wesentlich verbessert, sagt Lang: „Bisher wurden einfache Push-Pull-Modelle eingesetzt, mit denen versucht wurde, Wanderungsbilanzen zwischen Quell- und Zielgebieten statistisch zu erklären, ohne Daten zu den Einflussfaktoren von Migrationsentscheidungen zur Verfügung zu haben. Diese Lücke können wir mit unserem holistischen Forschungsansatz schließen. Unsere neuen Modelle können jetzt mehr Migrationsmotive und -dynamiken abbilden, was bessere Vorhersagen darüber ermöglicht, wie eine Bevölkerung auf veränderte Bedingungen reagiert.“

Für genaue Prognosen für den Senegal sei es aber noch zu früh, sagt der Forscher: „Wir sind noch weit weg von der Präzision von Wettermodellen, die sehr genau auf die Beobachtungsdaten passen.“ Generell gilt: „Es wird immer wieder Extremereignisse geben, die Menschen mobilisieren – im Senegal waren das bisher etwa Dürren und Fluten. Aber auch die Anpassungsstrategien werden sich weiterentwickeln.“

In diesem Zusammenhang verfolgt das Projekt einen praktischen Impact: Das gewonnene Wissen über Migrationsursachen soll konkrete Maßnahmen für Klimaresilienz unterstützen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die senegalesische NGO IPAR, die im Projekt Akteur:innen aus Fischerei, Landwirtschaft und Katastrophenschutz zusammenbringt und daraus Handlungs- und Policy-Empfehlungen ableitet. Der Wissenstransfer ist keine Einbahnstraße, betont Lang. „Unsere afrikanischen Projektpartner sind in puncto Resilienz bereits Vorreiter – man denke etwa an die Begrünungsprojekte im Sahel. Der Austausch ist daher gegenseitig.“

Zur Person

Stefan Lang ist assoziierter Professor im Fachbereich Geoinformatik an der Universität Salzburg. Er forscht zu u. a. zu Erdbeobachtung, raumbezogener Bildanalyse, räumlicher Repräsentation multi-dimensionaler Phänomene und hybrider KI. Er leitet das Christian Doppler Labor GEOHUM, das (gemeinsam mit Ärzte ohne Grenzen) Erdbeobachtung und Geoinformatik für die humanitäre Hilfe entwickelt. Das Projekt „Climate-Induced Migration in Africa and Beyond“ (CLIMB) wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit rund 300.000 Euro gefördert.

Hier finden Sie seine aktuellen Projekte und Publikationen.

Ausgewählte Publikationen

Modelling and predicting forced migration, in: PLOS One 2023

Earth observation tools and services to increase the effectiveness of humanitarian assistance, in: European Journal of Remote Sensing 2019