Tyrosinasen, Torf und tickende Zeitbomben
Feuchtgebiete finden sich auf allen Kontinenten: etwa in indonesischen MangrovenwĂ€ldern, kongolesischen Flussdeltalandschaften, sibirischen Permafrost-Mooren oder in österreichischen Salzlaken. Sofern sie nass oder feucht sind, erweisen sich diese LebensrĂ€ume als mĂ€chtige VerbĂŒndete in Zeiten der Klimakrise. Ihre bekanntesten Vertreter, die Moore, bedecken zwischen vier und fĂŒnf Prozent der globalen LandflĂ€che und haben seit der letzten Eiszeit mehr COâ gespeichert als abgegeben. Der Grund dafĂŒr ist, dass in ihnen ein wichtiger Kreislauf unterbrochen wird.
âIn Mooren ist aktuell so viel Kohlenstoff gespeichert, wie sich in der gesamten AtmosphĂ€re als COâ befindetâ, ordnet der Chemiker Felix Panis ein. Der Wissenschaftler erforscht an der UniversitĂ€t Wien die komplexen chemischen Prozesse, die sich in vielen Feuchtgebieten abspielen. Denn er möchte ergrĂŒnden, wie sich der TreibhausgasausstoĂ aus Mooren, MangrovenwĂ€ldern und Co. in Zeiten der ErwĂ€rmung verĂ€ndert â und letztlich, wie dieser sich beeinflussen lĂ€sst.
Der unterbrochene Kreislauf
Pflanzen nehmen COâ aus der Luft auf. Aus dem enthaltenen Kohlenstoff erzeugen sie komplexe MolekĂŒle wie Zucker und daraus wiederum Kohlenhydrate, mit denen sie ihre Biomasse â also beispielsweise Wurzeln, BlĂ€tter oder StĂ€mme â bauen. Stirbt eine Birke im Wald ab, ruft dies Pilze und Bakterien auf den Plan. Sie erzeugen und setzen Enzyme frei, die wiederum die tote Biomasse der Birke zersetzen. Durch diesen Prozess kommt Kohlenstoff als COâ wieder in die Luft und der Kohlenstoffkreislauf schlieĂt sich.
âBei Mooren ist das anders. Sie konservieren allesâ, sagt Felix Panis. âDer Grund sind die sogenannten Phenole, die im Wasser vorkommen.â Pflanzen produzieren diese chemischen Verbindungen im Zuge ihres Stoffwechsels, beispielsweise um Bakterien abzuwehren oder unabsichtlich als Nebenprodukt. Auch Moorpflanzen wie Torfmoose oder Moorbirken produzieren Phenole. âDas sieht manâ, erzĂ€hlt Panis. TĂŒmpel in sibirischen Mooren sind dunkelbraun oder schwarz â die Farbe geht auf Phenolverbindungen zurĂŒck. Die Tatsache, dass Moore und andere Feuchtgebiete phenolhaltig sind und noch dazu nass, macht sie zu effektiven Kohlenstoffspeichern.
Denn Phenole können jene Enzyme hemmen, die abgestorbene Pflanzenteile abbauen. So werden diese nicht oder nur in einem sehr geringen MaĂe aktiv und der Kohlenstoff, aus dem Torfmoose oder Moorbirken bestehen, gelangt nicht in die AtmosphĂ€re.
Felix Panis erforscht, wie der Klimawandel die AktivitĂ€t von Enzymen in den gröĂten Mooren der Erde beeinflusst. Ihm ist der Nachweis gelungen, dass bestimmte Enzyme den Abbau der Kohlestoffspeicher beschleunigen könnten. FĂŒr sein Forschungsprojekt erhielt der Chemiker 2024 den Zero Emissions Award.
âFeuchtgebiete mĂŒssen feucht bleiben. â
Nur ein bisschen Luft?
Doch Phenole sind nicht unzerstörbar. Spezialisierte Bakterien produzieren Enzyme, welche sie abbauen können. Darunter sind auch die sogenannten Tyrosinasen. âMan könnte sagen, sie sind die Bösewichte dieser Geschichteâ, sagt Felix Panis. Und er erklĂ€rt: âDenn damit Tyrosinase-Enzyme Phenole abbauen können, brauchen sie Sauerstoff.â In Feuchtgebieten wie Mooren, deren Böden dauerhaft feucht oder nass sind, kommen sie damit nicht in Kontakt. Das könnte sich allerdings als Folge der ErderwĂ€rmung Ă€ndern â mit erheblichen negativen Folgen.
Felix Panis hat nun erstmals nachgewiesen, welche Rolle Tyrosinase-Enzyme in Mooren spielen und wie sich die ErderwĂ€rmung auf sie auswirkt. Der Chemiker ging mehrstufig vor. Zuerst ergrĂŒndete er, ob Bakterien, die sie herstellen, in Mooren vorkommen. Dann fand er heraus, ob sie in Mooren aktiv sind. SchlieĂlich erforschte er, wie sich höhere Temperaturen und mehr Sauerstoff auf die Tyrosinasen und ihre AktivitĂ€t auswirken.
Viele Daten, groĂes GlĂŒck
Den Anfang machte eine Wasserprobe aus einer Salzlake am Neusiedlersee. Aus dieser vervielfĂ€ltigten Felix Panis und seine Kolleg:innen mithilfe von sogenannten Primern rund 20 TeilstĂŒcke der DNA, also der âBauanleitungâ von darin enthaltenen Tyrosinasen.
Diese DNA-Teilsequenzen glichen sie mit sequenzierten DNA-Daten aus einer Online-Datenbank ab â und schafften es, eine davon einer vollstĂ€ndigen DNA aus der Datenbank zuordnen. âWir hatten groĂes GlĂŒckâ, sagt der Chemiker heute. Denn diese Zuordnung ermöglichte es, E.-coli-Bakterien dazu zu bringen, das Enzym herzustellen und es dann zu extrahieren. Am Ende des Prozesses stand ein Tyrosinase-PrĂ€parat, an dem die Forschenden weitere Untersuchungen durchfĂŒhren konnten.
Dann ging es zurĂŒck an den Computer, wo sie weitere Datenbanken nach DNA-Sequenzen von Tyrosinasen durchforsteten. Sie wurden fĂŒndig. âĂber 100 Proben, in denen man Tyrosinase-Enzyme fand, stammten aus Moorenâ, so Felix Panis. Bei den meisten war auch der jeweilige Entnahmeort der Probe hinterlegt. So konnten die Forschenden nachweisen, dass Tyrosinasen in Feuchtgebieten vieler Klimazonen vorkommen: von Niedermooren in Deutschland bis zu MangrovenwĂ€ldern in Indonesien.
Die Rolle der Tyrosinasen
âAls nĂ€chsten Schritt mussten wir herausfinden, ob die Tyrosinase-Enzyme, die wir gefunden hatten, auch auf die Phenole wirken, die in Mooren vorkommenâ, erzĂ€hlt der Chemiker. Sie nahmen das PrĂ€parat, das sie im Labor hergestellt hatten, genauer unter die Lupe. Die Salzlake, aus der die ursprĂŒngliche Probe stammte, ist â mit einem pH-Wert von neun â relativ basisch. Bei ebendiesem Wert, so zeigten es die Experimente, sind die Tyrosinase-Enzyme aktiv. SchlieĂlich brachten die Forscher Phenole, die global und auch in der Salzlake vorkamen, mit fĂŒnf exprimierten Tyrosinasen zusammen. So fanden sie heraus, dass das Enzym die meisten Phenole abbaut.
Felix Panis und seine Kolleg:innen konnten mit diesem aufwendigen Prozess erstmals nachweisen, welche Rolle Tyrosinasen in Feuchtgebieten spielen. Das hilft einzuschĂ€tzen, wie sich TreibhausgasflĂŒsse aus Mooren in Zeiten der Klimakrise entwickeln â und wie man hier eingreifen könnte.
Lassen sich die Kohlenstoff-Bomben entschÀrfen?
Feuchtgebiete, sagt Felix Panis, sind Kohlenstoff-Zeitbomben. Eskaliert die Klimakrise weiter, könnten sie zĂŒnden â denn es wird laufend trockener und heiĂer. In der Folge können Moore trockenfallen. So gelangt Sauerstoff in die einst nassen Böden und Tyrosinasen beginnen Phenole abzubauen. Ohne Phenole können andere Enzyme Pflanzenreste, die aus Kohlenstoff bestehen, abbauen. Als Klimafolge gelangt so massenhaft COâ in die AtmosphĂ€re und verstĂ€rkt die ErwĂ€rmung. Ein Teufelskreis, der bereits ablĂ€uft und sich verschĂ€rfen könnte.
Ob und wenn ja, wie stark diese Entwicklungen ablaufen, erforschen die Chemiker:innen aktuell anhand von Laborexperimenten. âWir wollen wissen, was konkret passiert, wenn es trockener und wĂ€rmer wirdâ, erklĂ€rt Panis. ZusĂ€tzlich experimentieren sie mit einem Lösungsansatz, den sogenannten methoxylierten Phenolen.
Um ihn zu verstehen, muss man bis auf die molekulare Ebene hineinzoomen. Viele Phenole bestehen aus einem Benzolring, an dem eine OH-Gruppe, also ein Sauerstoffatom und ein Wasserstoffatom, hĂ€ngt. âEs gibt allerdings auch Phenole mit einer Methylverbindung, also etwa CH3, an der Stelle des Wasserstoffatomsâ, erlĂ€utert Panis. Tyrosinase-Enzyme können diese methoxylierten Phenole nicht abbauen. So können diese weiterwirken und jene Enzyme hemmen, die abgestorbene Pflanzenteile zersetzen. Die Forschenden ergrĂŒnden gerade, was passiert, wenn methoxylierte Phenole eingebracht werden. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend. âEs sieht so aus, als gĂ€be es Licht am Ende des Tunnelsâ, sagt der Chemiker.
Der beste Weg bleibt Klimaschutz
Das Wiener Forschungsteam konnte nun erstmals zeigen: Beeinflusst man Tyrosinasen, hat das auch Auswirkungen darauf, wie viel COâ aus Mooren entweicht. Diese Erkenntnis kann als Basis fĂŒr etwaige zukĂŒnftige Forschung mit Tyrosinasen und methoxylierten Phenolen auĂerhalb des Labors dienen. Bis es so weit ist, gibt Forscher Panis zu bedenken, wird allerdings noch viel Zeit vergehen.
Bis dahin ist es wichtig, einen Lösungsansatz zu verfolgen, der gesichert ist und sofort wirkt: den TreibhausgasausstoĂ in die AtmosphĂ€re zu senken. Desto weniger diese sich erwĂ€rmt, desto spĂ€ter trocknen Feuchtgebiete aus und kommen mit Sauerstoff in Verbindung. Effektiver Klimaschutz hilft, Kohlenstoff noch lĂ€nger in Mooren und Co. gespeichert zu halten. Eigentlich ist es ganz einfach, sagt Panis: âFeuchtgebiete mĂŒssen feucht bleiben.â
Zur Person
Felix Panis promovierte in Chemie an der UniversitĂ€t Wien. Am Institut fĂŒr biophysikalische Chemie forscht er zu Tyrosinasen, speziellen Enzymen, die eine zentrale Rolle im Kohlenstoffkreislauf von Feuchtgebieten spielen. Im Jahr 2024 erhielt er den âZero Emissions Awardâ der alpha+ Stiftung des Wissenschaftsfonds FWF fĂŒr das Projekt âTyrosinasen in Feuchtgebieten: tickende Klima-Zeitbombenâ (2023â2028).
AusgewÀhlte Publikationen
Bacterial tyrosinases as extracellular sources of quinone-based electron shuttles in soil, in: Soil Biology and Biochemistry 2025
Biochemical Investigations of Five Recombinantly Expressed Tyrosinases Reveal Two Novel Mechanisms Impacting Carbon Storage in Wetland Ecosystems, in: Environmental Science & Technology 2023
The Novel Role of Tyrosinase Enzymes in the Storage of Globally Significant Amounts of Carbon in Wetland Ecosystems, in: Environmental Science & Technology 2022