Junge asiatische Frau, bei einem InterviewgesprÀch
Mai Thi Nguyen-Kim zeigt in ihren Wissenschaftsshows, wie der Spagat zwischen Reichweite und Tiefe gelingen kann. © Daniel Hinterramskogler

Frau Nguyen-Kim, Sie sprechen vom „Geschrei“ im Informationszeitalter. Wen erreicht man mit Wissenschaft ĂŒberhaupt noch?

Mai Thi Nguyen-Kim: Ich glaube, man muss Wissenschaftskommunikation in Schichten denken. Ich nenne das gern die „Zwiebel“. Im Innersten steht die wissenschaftliche Publikation – sehr detailliert, aber nur einem kleinen Kreis zugĂ€nglich. Ganz außen sind Formate wie TikTok oder Instagram, also alles, was Aufmerksamkeit erzeugt: Titel, Thumbnail, Bild. Das ist oberflĂ€chlich, erreicht aber sehr viele Menschen. Und jede dieser Schichten hat ihre Berechtigung.

Journalismus ist schnell und zugespitzt, Forschende wollen in die Tiefe gehen. Wie kann man diese Pole aus Sicht der Medienlogik zusammenbringen?

Nguyen-Kim: Das ist richtig, Journalismus will oft steile Thesen: „ErklĂ€ren Sie das in zwei Minuten.“ Das geht, aber dann darf man nicht erwarten, dass man viel versteht. Umgekehrt scheuen Forschende oft genau diese Ă€ußere Schicht, also die Verpackung. Dabei ist das die Ebene, auf der wir im Wettbewerb um Aufmerksamkeit stehen. NatĂŒrlich gilt fĂŒr Wissenschaft umso mehr: Don’t judge a book by its cover, denn es geht um den Inhalt. Aber es wĂ€re schade, wenn gute Inhalte niemanden erreichen, nur weil das Cover so langweilig ist.

Erreicht man nicht trotzdem vor allem jene, die schon wissenschaftsaffin sind?

Nguyen-Kim: Dieses „Zu den Bekehrten predigen“-Problem gibt es definitiv. Aber ich finde, man darf das nicht unterschĂ€tzen: Wir liefern unserem Publikum nicht nur Wissen, sondern auch Werkzeuge. Also Bilder, Argumente, ErklĂ€rweisen dazu, wie man zu Ergebnissen kommt. Und die geben Menschen weiter – im Freundeskreis, in der Familie. Insofern verbreiten sich wissenschaftliche Inhalte indirekt weiter.

Sie sprechen damit einen zentralen Punkt an: Vertrauen.

Nguyen-Kim: Absolut. Ich glaube, wir ĂŒberschĂ€tzen völlig, was RationalitĂ€t leisten kann. Die meisten Menschen ĂŒberprĂŒfen Quellen nicht im Detail. Sie entscheiden, wem sie vertrauen. Und das ist auch völlig nachvollziehbar – niemand hat die Zeit, alles selbst nachzuvollziehen. Unser ganzes Leben und so viele unserer Entscheidungen basieren auf Vertrauen. Deshalb ist es so wichtig, dass Wissenschaft ĂŒber Menschen vermittelt wird.

Die promovierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim erklĂ€rt Wissenschaft verstĂ€ndlich und humorvoll. In Fernsehsendungen, sozialen Medien und mit populĂ€ren BĂŒchern erreicht sie Millionen Fans. 

„Wir ĂŒberschĂ€tzen völlig, was RationalitĂ€t leisten kann. Entscheidend ist, wem ich vertraue. “

Sollten auch Forschende selbst sichtbarer sein?

Nguyen-Kim: Ich finde es sehr wichtig, dass man Forschende auch als Menschen wahrnimmt. Sichtbarkeit schafft Vertrauen, hat aber auch eine Kehrseite. Wer öffentlich auftritt, wird angreifbar. Trotzdem glaube ich, dass sie wichtig ist. Gerade in der Pandemie hat man gesehen, wie stark einzelne Personen wirken können, wenn sie als glaubwĂŒrdig wahrgenommen werden. Ich habe aber auch gelernt: Der Hass ist proportional zum Impact. Am Ende steht fĂŒr mich persönlich jedoch eine positive Bilanz.

Kann Wissenschaftskommunikation auch zur Belastung werden, speziell fĂŒr aufstrebende Wissenschaftler:innen, die eigentlich forschen wollen?

Nguyen-Kim: Es gibt seitens der Politik viel Motivation und auch Geld fĂŒr mehr Wissenschaftskommunikation. Ich denke aber, dass das nicht so viel bringt. Vor allem braucht man Strukturen, um Forschende in der Öffentlichkeit zu unterstĂŒtzen und im Zweifelsfall auch zu schĂŒtzen. Noch ist Wissenschaftskommunikation oft ein Zusatz – etwas, das man „auch noch“ macht. Aktuell zĂ€hlt im Lebenslauf von Forschenden nur die wissenschaftliche Publikation. Damit fehlt den Wissenschaftler:innen die Motivation, denn man hat wenig zu gewinnen und viel zu verlieren, wenn man sich öffentlich Ă€ußert – das ist kein gutes System.

Junge asiatische Frau lĂ€chelnd, trĂ€gt auf einer BĂŒhne vor.
Mit Humor und Unterhaltung erklÀrt Mai Thi Nguyen-Kim Wissenschaft und erreicht ein Millionenpublikum, hier bei einem Vortrag in Wien.

Sie behandeln in Ihren Formaten ganz unterschiedliche Themen, auch gesellschaftlich brisante. Wie suchen Sie Ihre Inhalte aus?

Nguyen-Kim:
Mich interessieren vor allem Themen, die ohnehin stark diskutiert werden, aber bei denen eine evidenzbasierte Perspektive fehlt oder verzerrt ist. Also etwa Klimawandel, Impfungen oder Alternativmedizin. Da wird oft mit Zahlen argumentiert – aber nicht immer korrekt. Und ich finde, da sollte sich Wissenschaft einmischen.

Viele sagen, Wissenschaft sollte neutral bleiben.

Nguyen-Kim: Das stimmt grundsĂ€tzlich. Aber ich glaube, es gibt so etwas wie einen NeutralitĂ€tsfehlschluss. Wenn Wissenschaft Teil einer Debatte ist – weil mit Studien oder Zahlen argumentiert wird –, dann kann sie sich nicht einfach raushalten. Sonst ĂŒberlĂ€sst man das Feld verzerrten Darstellungen. Und es ist wichtig, zwischen gut belegtem Wissen und bloßen Meinungen zu unterscheiden. Wissenschaft lebt davon, dass man Dinge hinterfragt. Problematisch wird es, wenn Minderheitenmeinungen ohne entsprechende Evidenz gleichwertig dargestellt werden.

Gibt es Formate, die sich besonders gut fĂŒr Wissenschaftskommunikation eignen?

Nguyen-Kim: Kurze Formate sind wichtig, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber sie können keine Tiefe ersetzen. Die Lösung kann nicht sein, Wissenschaft immer weiter zu verkĂŒrzen. Wir brauchen auch Formate, die sich Zeit nehmen – etwa Podcasts oder lĂ€ngere Videos. Und wir sollten uns öfter trauen, mit Humor und Unterhaltung zu arbeiten.

Viele sehen Plattformen wie TikTok kritisch, wie beurteilen Sie das?

Nguyen-Kim: NatĂŒrlich gibt es Dinge, die man kritisieren kann, aber das gilt fĂŒr alle Plattformen. YouTube hat man anfangs belĂ€chelt und nicht ernst genommen. Es gibt immer noch dieses Sender-EmpfĂ€nger-Denken, das ja lĂ€ngst Vergangenheit ist. Ich glaube, man unterschĂ€tzt solche Plattformen oft. Sie sind nicht per se oberflĂ€chlich – sie können sehr gezielt Inhalte vermitteln. Wichtig ist, dass man sie ernst nimmt und versteht, wie sie funktionieren.

Welche Rolle spielen persönliche Begegnungen – etwa bei Wissenschaftsevents wie der Langen Nacht der Forschung, die in Österreich sehr populĂ€r ist?

Nguyen-Kim: Ich bin da vielleicht ein wenig voreingenommen, da ich oft „mit der Kamera spreche“ und dann immer wieder ĂŒberwĂ€ltigt bin, wenn ich sehe, wie viele Menschen in ihrer Freizeit irgendwohin gehen, um etwas ĂŒber Wissenschaft zu erfahren. Durch die persönlichen Kontakte und GesprĂ€che kann viel entstehen. Ich bin auch frĂŒher schon als Teilnehmerin ganz inspiriert von solchen Events nach Hause gekommen. Ich glaube daher, dass solche Veranstaltungen wichtig sind, eine solche Erfahrung wirkt viel stĂ€rker als das Betrachten einer Sendung.

Was heißt das fĂŒr die Zukunft der Wissenschaftskommunikation?

Nguyen-Kim: Dass wir beides brauchen: Reichweite und Tiefe. Und dass wir lernen mĂŒssen, mit dieser Spannung umzugehen. Wissenschaft lĂ€sst sich nicht auf Schlagzeilen reduzieren – aber sie muss sichtbar sein. Jede Schicht der Zwiebel ist wichtig und die Zielrichtung fĂŒhrt immer nach innen. Genau darin liegt die Herausforderung.

Zur Person

Mai Thi Ngyuen-Kim ist promovierte Chemikerin und eine der bekanntesten Stimmen der Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Die Journalistin und Autorin wurde durch ihr YouTube-Format „maiLab“ (funk) bekannt. 2021 startete sie ihre eigene Show „Maithink X“ auf ZDFneo, der auf YouTube 1,5 Millionen Menschen folgen. Neben Bestsellern wie „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ schreibt Mai Thi Ngyuen-Kim auch KinderbĂŒcher. FĂŒr ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Grimme-Preis 2026, die wichtigste deutsche TV-Auszeichnung.