Schwarz-weiß-Aufnahme von gefangenen Sowjetsoldaten im 2. Weltkrieg, die unter einem Baum auf dem Boden liegen und von einem deutschen Soldaten bewacht werden
Bei den Kämpfen um Horoschow (Ukraine) gefangene Sowjetsoldaten vor dem Abtransport in ein Lager. © APA-Images / Ullstein Bild

Frau Pulvermacher, wann und warum gerieten so viele sowjetische Soldat:innen in Gefangenschaft?

Im Juni 1941 marschierte die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion ein, wovon diese völlig überrascht wurde. Stalin, der mit Hitler 1939 einen Pakt eingegangen war, hatte erst zu einem späteren Zeitpunkt mit einem deutschen Angriff gerechnet. Für die Sowjetunion lief es insbesondere in den ersten Kriegsmonaten katastrophal. In den großen Kesselschlachten im Spätsommer und Herbst 1941 gerieten Hunderttausende Soldat:innen der Roten Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft, allein bei Kiew über 600.000.

Welche Pläne verfolgten die NS-Führung und die Wehrmacht in Bezug auf die Gefangenen?

Zunächst sollten sie ins Deutsche Reich deportiert werden, um sie als Zwangsarbeiter:innen in der Kriegsindustrie einzusetzen, was Hitler jedoch stoppte, da er eine „bolschewistische Kontamination“ der „Volksgemeinschaft“ befürchtete. Laut Völkerrecht wäre die Wehrmacht verpflichtet gewesen, die Kriegsgefangenen wie die eigenen Soldaten zu behandeln. Doch da die Sowjetunion die Genfer Konvention nicht unterzeichnet hatte, ignorierte auch die NS-Führung deren Schutzbestimmungen. Die Kriegsgefangenenlager – Dulags und Stalags – waren meist provisorisch und katastrophal organisiert. Hunger, Gewalt und Todesmärsche prägten den Alltag; wer nicht mehr marschieren konnte, wurde oft erschossen.

Ein Team der Universität Klagenfurt arbeitet das bislang wenig untersuchte Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener während des Zweiten Weltkriegs in der besetzten Ukraine auf. Insgesamt starben 2,5 bis 3 Millionen Rotarmist:innen in deutscher Gefangenschaft. 

Dienten auch Frauen in der Roten Armee?

Ja, über 800.000 – der Großteil von ihnen war in der Logistik, in der Verwaltung, als Übersetzerinnen oder im medizinischen Bereich tätig. Die Rote Armee war ein denkbar ungünstiges Umfeld für Frauen. Es mangelte an passenden Uniformen, Schuhwerk, Ausrüstung, Unterwäsche und Hygieneartikeln. Zudem sahen die Offiziere der Roten Armee die Soldatinnen als Freiwild an – sexuelle Nötigung war weit verbreitet.

Mehrere Zehntausende Rotarmistinnen waren auch direkt und indirekt an den Kämpfen an der Front beteiligt. In der deutschen Propaganda wurden sie als Amazonen und abartige Bestien dargestellt. Kämpfende Frauen ließen sich nicht mit der NS-Geschlechterordnung vereinbaren. In mehreren Wehrmachtsdirektiven wurde daher die Erschießung sogenannter „bolschewistischer Flintenweiber“ befohlen. Als Konsequenz wurden insbesondere in den ersten Kriegsmonaten sowjetische Soldatinnen unmittelbar nach der Gefangennahme erschossen, auch vorhergehende Vergewaltigungen waren keine Seltenheit.

Wie viele Kriegsgefangene gab es insgesamt?

Insgesamt gerieten im Zweiten Weltkrieg 5,3 Millionen Soldat:innen der Roten Armee sowie Angehörige des NKWD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) und auch Eisenbahner:innen in Gefangenschaft, rund 2 Millionen davon auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Die größte ethnische Gruppe stellten Russ:innen, gefolgt von Ukrainer:innen, Weißruss:innen, Georgier:innen und zahlreichen weiteren Ethnien aus der Sowjetunion. In der Roten Armee dienten auch etwa 480.000 Jüdinnen und Juden, von denen 50.000 bis 80.000 in Gefangenschaft gerieten.

Porträt einer jungen Frau, Historikerin, mit hochgestecktem Harr und Brille in weißem Shirt und Blazer
Die Historikerin Alexandra Pulvermacher untersucht ein dunkles Kapitel des Zweiten Weltkriegs, das weitgehend unbekannt ist. © Romy Müller

Welche Fragen stehen im Zentrum Ihrer Forschung?

Ein Schwerpunkt ist, die Struktur und Lage der Lager in den besetzten Gebieten zu untersuchen. Viele befanden sich in Städten und in deren Nähe. Häufig nutzte die Wehrmacht bereits bestehende Kasernen, Fabriksgebäude, Lager, aber auch Klöster. In Uman wurde das Stalag 349 in einer riesigen Lehmgrube untergebracht, als Unterkünfte dienten die Gebäude der aufgelassenen Ziegelbrennerei und einer Hühnerfarm. Diese waren unbeheizt und unzureichend – der Großteil der Gefangenen musste die Nächte unter freiem Himmel verbringen.

Eine weitere wichtige Frage ist, warum gerade im ersten Winter 1941/42 so viele Kriegsgefangene verhungerten. Entgegen früheren Darstellungen lag dies nicht an Versorgungsengpässen. Die Ernte fiel 1941 in der Ukraine sehr gut aus, doch die deutschen Besatzer transportierten große Mengen an Lebensmitteln ins Dritte Reich. Ohnehin niedrige Rationen wurden nicht arbeitsfähigen Kriegsgefangenen weiter gekürzt und Hilfe durch die Bevölkerung wurde unterbunden. Allein bis zum Sommer 1942 starben etwa 1,5 Millionen Gefangene.

Geht aus Ihren Untersuchungen auch etwas über den Lageralltag hervor?

Ja, etwa über Aufnahmeprozesse und unterschiedliche Behandlung nach Herkunft. Jüdische Gefangene und politische Funktionäre wurden systematisch ermordet. Ukrainische Kriegsgefangene hatten höhere Überlebenschancen; viele von ihnen wurden mehr oder weniger freiwillig für Besatzungsaufgaben, als Lagerwachen oder Hilfspolizeikräfte, eingesetzt.

Was geschah mit den Gefangenen gegen Kriegsende und danach?

Mit der Befreiung nahm der Leidensweg für die meisten Kriegsgefangenen kein Ende – denn aus Stalins Sicht stellten sie Verräter:innen dar, die möglicherweise mit dem Feind kollaboriert hatten. Nach der Befreiung folgten Verhöre und monatelange Filtrationsverfahren; etwa 15 Prozent wurden hingerichtet oder in Gulags deportiert. Die Diskriminierung vonseiten des Staates und der Gesellschaft hielt bis zum Ende der Sowjetunion an. – Bei jüdischen und weiblichen Kriegsgefangenen kamen Antisemitismus und Sexismus hinzu. Und in der Erinnerungskultur spielten die Kriegsgefangenen kaum eine Rolle.

Welche Quellen nutzen Sie?

Die Forschung stützt sich auf internationale Literatur in zumindest fünf Sprachen und verstreute Archivbestände in mehreren Ländern: Deutschland, USA, ehemalige Sowjetunion und Israel. Die Arbeit gleicht oft der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Für mich relevant sind die Aktenbestände der Wehrmacht im Bundesarchiv in Freiburg im Breisgau und die Akten der Verfahren wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen im Bundesarchiv Ludwigsburg. Im Archiv der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem befinden sich Kopien aus postsowjetischen Archiven, wie etwa die Akten der Außerordentlichen Staatskommission. Diese wurde im November 1942 in der Sowjetunion gegründet, um die NS-Verbrechen zu dokumentieren.

Letztes Jahr konnte ich in Yad Vashem recherchieren. Dabei fand ich auch relevante Berichte, Memoiren, Erinnerungen und Interviews von ehemaligen Kriegsgefangenen. Weitere Recherchen, etwa in Kiew und den USA, sind geplant.

Was bedeuten Ihre Erkenntnisse für die Gegenwart?

Sie zeigen die langfristigen Folgen von Krieg und Gewalt. Im Fall der Ukraine zeigt sich eine Kontinuität von Krieg, Gewalt und Terror seit dem Ersten Weltkrieg. Nach der Oktoberrevolution versank das Land in einem blutigen Bürgerkrieg. Anfang der 1930er-Jahre war die Ukraine Schauplatz des sogenannten Holodomors – mehrere Millionen Ukrainer:innen verhungerten infolge von Kollektivierung und schlechter Ernten. Es folgten Massendeportationen und -morde im Rahmen des Großen Terrors. Ab Juni 1941 wurde die Ukraine zu einem der Hauptschauplätze des deutschen Vernichtungskrieges. Die ukrainische Bevölkerung litt noch lange nach 1945 unter den Folgen der „verbrannten Erde“, die die Wehrmacht bei ihren Rückzügen hinterlassen hatte.

Hat sich die Lage später beruhigt?

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgte eine schwierige Übergangsphase. Seit Wladimir Putin Russland regiert, versucht er, auf die Ukraine Einfluss zu nehmen und sie zu destabilisieren. Seit 2014 und besonders seit 2022 erlebt die Ukraine erneut Krieg und Gewalt. Als ich im Herbst 2025 das Stadtmuseum in Chernivtsi besuchte, fand ich in einem Ausstellungsraum unzählige Porträts und Biografien von vermissten ukrainischen Soldat:innen. Die Familien wissen nicht, ob ihre seit Monaten oder gar schon seit Jahren vermissten Angehörigen noch leben. Das Schicksal vermisster Soldat:innen erinnert erschreckend an die Vergangenheit.

Was können wir aus der Geschichte lernen?

Politische Fehlentscheidungen wie Beschwichtigungspolitik wiederholen sich. Gleichzeitig bleibt die Unterstützung der Ukraine unzureichend. Auch vier Jahre nach der Ausweitung des russischen Angriffskrieges ist Europa nicht in der Lage, die Ukraine hinreichend zu unterstützen – mit gravierenden Folgen für die ukrainische Bevölkerung. Dabei geht es nicht nur um die Ukraine, sondern um die Zukunft von Freiheit und Demokratie in Europa, die ich durch die russische Desinformation massiv bedroht sehe.

Zur Person

Alexandra Pulvermacher forscht am Institut für Geschichte der Universität Klagenfurt. 2020 war sie Fellow am Zentrum für Holocaust-Studien in München, 2025 am Forschungsinstitut der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Ihre Forschungsarbeiten sind Teil des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts „Sowjetische Kriegsgefangene in der besetzten Ukraine 1941–1944“ unter der Leitung von Dieter Pohl.

Quelle: Universität Klagenfurt/red