Drei junge MĂ€nner sitzen auf einer Steinstiege im Park
FĂŒr Care-Leaver in Österreich endet ihre Betreuung mit der VolljĂ€hrigkeit ab 18. – Zu frĂŒh, um ohne RĂŒckhalt ein eigenstĂ€ndiges Leben aufzubauen, wie Studien und internationale Vergleiche zeigen. © unsplash+

Statistisch ziehen junge Menschen, die in Familien aufwachsen, zwischen 25 und 26 Jahren von zu Hause aus. Junge Erwachsene hingegen, die Betreuungen verlassen, stehen bereits mit 18 Jahren vor Herausforderungen, auf die sie nicht vorbereitet sind und die sie alleine bewĂ€ltigen mĂŒssen – wie etwa Wohnungssuche, Arbeit oder Ausbildung. Den sogenannten Care-Leavern fehlt das soziale Netz, das sie dabei unterstĂŒtzt, den Übergang aus der Betreuung in das selbststĂ€ndige Leben zu meistern. Schon von klein auf durch schwierige Lebensbedingungen geprĂ€gt, werden sie auch beim Start ins Erwachsenenleben benachteiligt.

LĂ€ngere Ausbildungswege, spĂ€tere FamiliengrĂŒndung, mehr UnwĂ€gbarkeiten verlĂ€ngern den Übergang in ein eigenstĂ€ndiges Leben fĂŒr junge Menschen insgesamt. „Doch das wurde im Kinder- und Jugendhilfesystem bisher nicht berĂŒcksichtigt“, sagt Stephan Sting von der UniversitĂ€t Klagenfurt. Der Professor fĂŒr SozialpĂ€dagogik beschĂ€ftigt sich seit Langem mit Kinder- und Jugendhilfesystemen.

FĂŒr junge Menschen in Betreuungseinrichtungen ist der Berufsweg oft durch Lehre und anschließenden Job vorgegeben. „Doch wird die Lehre abgebrochen oder entscheidet man sich mit 18, 19 Jahren um, wenn das BetreuungsverhĂ€ltnis endet, wird es hochkompliziert“, sagt Sting. Internationale Studien zeigen, dass Care-Leaver genau in solchen prekĂ€ren Situationen auf die Familie zurĂŒckgreifen, auch wenn sie schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Care-Leaver wachsen in der Jugendhilfe auf und sind mit 18 plötzlich völlig auf sich gestellt. Im Gegensatz zu anderen fehlt ihnen die UnterstĂŒtzung eines familĂ€ren Umfelds. Ein Forschungsprojekt hat die Rolle von Familie und sozialen Netzwerken untersucht.

Studie erhebt Erfahrungen mit Familie

Forschende um Stephan Sting in Klagenfurt wollten nun herausfinden, wie familiĂ€re Bindungen das ZugehörigkeitsgefĂŒhl, die IdentitĂ€tsbildung und die soziale UnterstĂŒtzung der Jugendlichen in der schwierigen Übergangsphase zur SelbststĂ€ndigkeit prĂ€gen. Sie befragten 41 junge Menschen im Alter von 18 bis 27 Jahren, die in Betreuungseinrichtungen und Pflegefamilien aufwuchsen. Die Studienergebnisse zeigen, dass leibliche Eltern zwar oft im Leben von Care-Leavern prĂ€sent bleiben, aber selten eine zentrale Rolle in ihrem sozialen Netzwerk spielen. Wichtiger sind Freunde, Geschwister oder ehemalige Betreuer:innen. „Geschwister sind sogar die Nummer eins, wenn es um Familie geht“, sagt Stephan Sting. Allerdings werde es Jugendlichen in Betreuung schwer gemacht, Kontakt zu wichtigen Bezugspersonen wie Geschwistern oder Großeltern zu halten. Denn der Fokus im System sei auf die Eltern und speziell die MĂŒtter gerichtet, so Sting.

Normative Rollenbilder von Elternschaft

Die Studie macht deutlich, wie traditionelle Erwartungen an Mutter- und Vaterschaft im System verankert sind, obwohl Familie viel breiter zu sehen ist. MĂŒtter werden eher dazu angehalten, in Kontakt zu bleiben – ungeachtet dessen, dass diese Beziehungen oft von Konflikten, Ambivalenz und wiederholten Abfolgen von NĂ€he und Distanz geprĂ€gt sind. Manche Care-Leaver berichteten, dass sie sich sowohl innerlich als auch gesellschaftlich unter Druck gesetzt fĂŒhlten, die Beziehungen zu ihren MĂŒttern aufrechtzuerhalten, selbst wenn diese angespannt oder schĂ€dlich waren.

VĂ€ter hingegen sind hĂ€ufiger abwesend. Einige sind aufgrund von Trennung, neuen FamiliengrĂŒndungen oder EinschrĂ€nkungen wĂ€hrend der Unterbringung in Pflegefamilien nur begrenzt involviert. In einigen FĂ€llen hielten VĂ€ter trotz formeller Verbote Kontakt zu ihren Kindern und wurden als wichtige UnterstĂŒtzungspersonen wahrgenommen.

Die Studienautor:innen kommen zu dem Schluss, dass tief verwurzelte gesellschaftliche Erwartungen an Mutterschaft und Vaterschaft sowohl die Familiendynamik als auch die Kinder- und Jugendhilfepraxis beeinflussen. Das System, so argumentieren sie, neige dazu, die Hauptverantwortung auf die MĂŒtter zu ĂŒbertragen und dabei die Rolle der VĂ€ter zu ĂŒbersehen – sei sie nun positiv oder problematisch.

Kinder- und Jugendhilfe in Österreich

  • FĂŒr Kinder und Jugendliche in Betreuung endet die staatliche UnterstĂŒtzung mit 18 Jahren.

  • Rund 3.000 junge Menschen (Care-Leaver) jĂ€hrlich verlieren den Betreuungsanspruch mit der VolljĂ€hrigkeit. Genaue Daten sind nicht vorhanden.

  • VerlĂ€ngerungen bis 21 Jahre sind zwar möglich, liegen aber im Ermessen der Behörden und werden regional unterschiedlich gewĂ€hrt.

  • Österreichweit einheitliche Regelungen des Jugendhilfegesetzes gibt es nicht, die ZustĂ€ndigkeit liegt bei den BundeslĂ€ndern.

  • Angebote fĂŒr Nachbetreuung sind bis jetzt kaum vorhanden. KĂ€rnten (Care-Leaver-Anlaufstellen) und Wien (Beratungsgutschein) setzen erste Initiativen.

  • Expert:innen fordern eine VerlĂ€ngerung des Anspruchs auf UnterstĂŒtzung, wie sie auch in anderen EU-LĂ€ndern ĂŒblich ist. In Großbritannien etwa ist das Modell „Corporate Parenting“ bis 25 etabliert.

Familie ist relevantes Bezugssystem

Stephan Sting fordert ein breiteres VerstĂ€ndnis von „Familie“ innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe und rĂ€t, ĂŒber die traditionelle Kernfamilie hinauszugehen: „Man muss schon im Vorfeld im Austausch mit den jungen Menschen klĂ€ren, wer ihre Bezugspersonen sind, und diese Kontakte pflegen und stĂ€rken.“ Die Arbeit von FachkrĂ€ften, die Familie mit einschließt, ist aufgrund fehlender Ressourcen im österreichischen System allerdings ungleich etabliert. Lohnen wĂŒrde sie sich allemal, wie das Beispiel von Peter, einem der Studienteilnehmer:innen, zeigt. Er berichtet, wie sich das VerhĂ€ltnis zu seiner Mutter deutlich verbessert hat, nachdem sie von der Pflegeeinrichtung UnterstĂŒtzung erhalten hatte. „Sie konnte ihre Herausforderungen besser bewĂ€ltigen und war dankbar fĂŒr die UnterstĂŒtzung.“

Dass sich die Arbeit mit der Familie bezahlt macht, davon ist Stephan Sting ĂŒberzeugt, denn „familiĂ€re Verbindungen sind relevante Beziehungen fĂŒr junge Menschen in Betreuung, fĂŒr die stabile soziale Beziehungen generell ein knappes Gut sind“. Gerade beim Übergang ins eigenstĂ€ndige Leben, wo sich Fragen zu IdentitĂ€t und Zugehörigkeit in den Vordergrund drĂ€ngen, bekommt Familie eine besondere Bedeutung – auch da andere UnterstĂŒtzungsangebote in Österreich weitgehend fehlen.

(No) Return on Investment

Stephan Sting kritisiert in diesem Zusammenhang das fehlende Monitoring der Care-Leaver. Bis dato gibt es keine Erhebungen, wie es mit den jungen Menschen in der SelbststĂ€ndigkeit weitergeht. FĂŒr den Experten steht das im Widerspruch zu den Investitionen in die Kinder- und Jugendhilfe davor. „Die jungen Menschen entwickeln sich in der Regel gut, sind hochmotiviert, und dann lĂ€sst man sie von heute auf morgen fallen.“ Es wĂ€re wichtig zu wissen, wie es der Gruppe geht, um sie darĂŒber hinaus gut zu unterstĂŒtzen und ihren Übergang ins Erwachsenenleben zu erleichtern.

Zur Person

Stephan Sting ist Professor fĂŒr SozialpĂ€dagogik an der UniversitĂ€t Klagenfurt. Er promovierte und habilitierte sich an der FU Berlin. Es folgten LehrtĂ€tigkeiten in Berlin, Leipzig, Dresden, ZĂŒrich und Graz. Seit einigen Jahren forscht er insbesondere zu Bildungschancen von Care-Leavern. Das Forschungsprojekt „Bedeutung von Familie im Übergang aus der Jugendhilfe“ (2022–2025) wurde vom Wissenschaftsfonds FWF mit 321.000 Euro gefördert.

Publikationen

Family relationships between normative orientations and lived diversity – experiences of care leavers with their mothers and fathers, in: Children and Youth Services Review 2025

Ambivalenzen von „Familie“. Erfahrungen von Care Leavers mit ihren biologischen Eltern, in: neue praxis 2025