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Ohne Annäherung kein Frieden

Porträt des Freiherrn Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn (1590–1667) mit osmanischer Szene.
Porträt des Freiherrn Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn (1590–1667) mit osmanischer Szene. Quelle: Österreichische Nationalbibliothek

In jungen Jahren nahm das Leben des gebürtigen Schweizers und späteren habsburgischen Gesandten Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn (1590–1667) eine jähe Wendung: In Ungarn geriet er zu Beginn des 17. Jahrhunderts in langjährige osmanische Kriegsgefangenschaft. Sein sozialer Aufstieg vom Sklaven zum Dolmetscher hing wesentlich mit seinen Sprachkenntnissen zusammen. Die Funktion ermöglichte ihm Kontakt zu habsburgischen Gesandten, die 1624 seine Freilassung erwirkten und die Tür zum diplomatischen Dienst öffneten.

Zu einer Zeit, als diplomatische Karrieren auf Herkunft und Besitz fußten, begann seine Laufbahn ungewöhnlich. Außergewöhnlich war sie auch deshalb, weil sein Erfolg auf interkultureller Kompetenz und seinen Sprachkenntnissen des osmanischen Türkisch beruhte. „Damals waren Gesandte, die nach Konstantinopel reisten und die Sprache der Osmanen beherrschten, äußerst selten. Die Mehrheit war auf Dolmetscher, sogenannte ‚Dragomane‘, angewiesen. Schmid hingegen stand mit den Osmanen in persönlichem Kontakt und erfuhr vieles aus erster Hand. Das macht seine Berichterstattung so spannend“, erklärt der Historiker Arno Strohmeyer von der Universität Salzburg.

Wissen entstand durch Kommunikation

Als habsburgischer Gesandter wurde Schmid mehrmals nach Konstantinopel geschickt. Für den Friedenserhalt zwischen den beiden Großreichen war die mehrmonatige diplomatische Mission 1649 besonders wichtig. Wie Schmid und sein Bediensteter Johann Georg Metzger in dessen Reisebericht die Geschehnisse festhielten, steht im Zentrum eines Forschungsprojekts, das vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wird. Der Historiker und sein Team von Forschenden der Universität Salzburg, der Universität Graz und der ungarischen Universität Szeged analysieren verschiedene Aspekte der diplomatischen Kommunikation. Diese umfasst Medienarten wie Briefe zwischen Schmid und dem Wiener Hof, Instruktionen von Kaiser Ferdinand III., den „Geheimen Bericht“, den Abschlussbericht (Finalrelation) und Reiseberichte. Erstmals wird nun für die Mission von 1649 untersucht, wie stark diese Medien miteinander verwoben sind, also wo etwa Textstellen übernommen wurden.

Außerdem liefert die Analyse neue Erkenntnisse darüber, wie das Wissen über die Osmanen in Mitteleuropa entstand und welchen Einfluss interkulturelle Annäherung darauf hatte. „Man muss bedenken, dass diese Korrespondenzen lange Zeit die zentrale Form der Kommunikation zwischen Habsburgern und Osmanen waren. Das Wissen über die Osmanen ist zu einem beträchtlichen Teil im Kontext diplomatischer Missionen entstanden und die Korrespondenz somit die wichtigste historische Informationsquelle“, sagt Strohmeyer. Schmid war wegen seiner Sprachkenntnisse zudem sehr nah an der Kultur der Osmanen, weshalb die Analysen der Forschenden Phänomene wie Anpassung an die fremde Kultur (Akkulturation) oder die Übernahme von Kultur (Assimilation) verdeutlichen.

Alles war wichtig

Die Dokumentation ist dicht, da Schmid alle zwei bis drei Wochen einen Brief an den Kaiser verschickte. Die wertvolle Post ist vollständig im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien erhalten. Dabei gab es immer mehrere Abschriften, die auf verschiedenen Routen nach Wien versandt wurden. Heikle Passagen wurden zudem in Geheimschrift verfasst. Überraschend ist laut den Forschenden ihre große inhaltliche Bandbreite, die von politischen Ereignissen über die Sitzordnung bei Festivitäten bis zum Wetter reicht und das Alltagsleben sehr detailliert abbildet. Denn die Gesandten sollten über alles berichten, was ihnen wichtig erschien, dabei aber einen sachlichen, möglichst „objektiven“ Standpunkt einnehmen. Diese Haltung blieb nicht ohne Folgen für die Darstellung von Ereignissen: Die Analyse zeigt Beispiele auf, wo Schmid seine Erfolge und Sachlichkeit betonte, während er etwa den hohen osmanischen Würdenträger als hochemotional darstellte. Rationalität versus Emotionalität wurde noch verstärkt, indem er wörtliche Zitate einfügte, was glaubwürdig war, da er die Sprache beherrschte. Während die Briefe und Berichte das vielfältige Alltagsgeschäft der Gesandten abbilden, liefern Reiseberichte mehr Kontext – sofern sie noch erhalten sind.

Einziger Reisebericht wiederentdeckt

Dem Engagement der Historikerin und Projektmitarbeiterin Anna Huemer ist es zu verdanken, dass das verschollen geglaubte Original des Reiseberichts von Johann Georg Metzger nach mühsamer Suche im niederösterreichischen Schloss Stiebar wiederentdeckt wurde. „Das war ein wirklich schöner Moment, als wir ihn beim zweiten Besuch im Schlossarchiv endlich in einem Kasten entdeckten“, erinnert sich Strohmeyer. Denn von der diplomatischen Mission 1649 existiert nur dieser eine Reisebericht. Er ist auch deshalb so wertvoll, weil er eine andere Perspektive auf die Ereignisse liefert, die in Briefen und Berichten vorkommen. Metzger beschrieb den Verlauf der Mission, ergänzt um historische Exkurse etwa zur Stadtgeschichte, und sorgte für zahlreiche Illustrationen über Land und Leute.

Illustration aus dem verschollenen geglaubten Reisebericht von Johann Georg Metzger, in dem er die diplomatische Mission von 1649 festhält. Quelle: Stadtarchiv Stein am Rhein

Wie stark der Bezug zwischen den Medien ist, kann das Team nun anhand computerunterstützter Textanalyse aufzeigen. Das Tool zur Analyse der Intertextualität wurde von Wiener Computerwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern entwickelt und zeigt auf, wer welche Textstellen verfasste oder was ergänzt wurde – übernommene Textstellen wurden damals nicht gekennzeichnet. „Bei so großen Textmengen sind die Querverbindungen sonst nur schwer aufzuzeigen. Nun wissen wir etwa bei der Beschreibung des Antrittsbesuchs bei Sultan Mehmed IV., welche Passagen aus Briefen im Reisebericht übernommen wurden“, erklärt der Historiker.

Schrittweises Überwinden von Barrieren

Was die Wissensvermittlung betrifft, hat Schmid durch seine Briefe und Berichte zweierlei kommuniziert: Schon vorhandenes Wissen über die Osmanen sowie Stereotype und Feindbilder wurden durchaus bekräftigt. Gleichzeitig löste er sie auch punktuell auf, indem er etwa zwischen den Gesprächspartnern differenzierte. Ein Beispiel ist laut Strohmeyer das Stereotyp vom osmanischen Herrscher als Tyrann, der eine Gewaltherrschaft ausübt: „Schmid bleibt in seinem Abschlussbericht zwar bei der Bezeichnung Tyrann, beschreibt das Herrschaftssystem jedoch ebenso als Mischung aus Monarchie, Aristokratie, Demokratie und Triumvirat. So zeichnet er ein differenziertes Bild und verlässt das Stereotyp der Tyrannis.“

An Schmid wird deutlich, dass gelebte Interkulturalität, also Interesse für den anderen, Sprachkenntnisse, persönlicher Kontakt und eigene Erfahrungen, wesentlich dazu beitragen, einfache Wahrnehmungsmuster wie gut/böse aufzulösen und mentale Barrieren zu überwinden. Das Aufeinander-Zugehen, die Betonung von Gleichheit und Freundschaft in Wort und Tat haben den Friedensverträgen Leben eingehaucht – eine Lehre, die nichts an Aktualität eingebüßt hat.


Arno Strohmeyer ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Paris Lodron Universität Salzburg und Direktor des Instituts für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes (ihb) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u. a. Interkulturalität, Friedenssicherung und Diplomatiegeschichte. Im Zuge des vom Wissenschaftsfonds FWF mit rund 360.000 Euro geförderten Forschungsprojekts „Die Medialität diplomatischer Kommunikation“ (2017–2021) entwickelt Georg Vogeler von der Universität Graz mit Arno Strohmeyer und seinem Team zudem eine „Digitale Edition“.


Publikationen

Anna Huemer: Von knobloch und zwieffel zu den bulgarischen weibspersohnen. Balkanbilder im Spiegel der Reiseberichte von Hans Ludwig von Kuefstein und Johann Georg Metzger (1629/1650), in: Endreva, M. u. a. (Hg.): Der Donauraum als Zivilisationsbrücke. Österreich und der Balkan. Perspektiven aus der Literatur- und Geschichtswissenschaft, Königshausen & Neumann 2020

Christoph Würflinger: Die Verschlüsselung der Korrespondenz des kaiserlichen Residenten in Konstantinopel, Alexander von Greiffenklau zu Vollrads (1643–1648), in: Chronica – Annual of the Institute of History, University of Szeged, 6–23, 2020 (PDF)

Arno Strohmeyer: Der Dreißigjährige Krieg in der Korrespondenz des kaiserlichen Residenten in Konstantinopel Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn (1629–1643), in: Rohrschneider, M., Tischer, A. (Hg.): Dynamik durch Gewalt? Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) als Faktor der Wandlungsprozesse des 17. Jahrhunderts, Münster 2018 (PDF)

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