Technologischer Fortschritt hat die Welt zum Besseren verändert, ist Cecilia Bonefeld-Dahl überzeugt. Im Wettrennen um Innovation braucht Europa mehr Tempo und gemeinsame Ziele, sagt die IT-Expertin. © DigitalEurope

FWF: Von außen betrachtet entsteht leicht der Eindruck, dass uns die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) überrollen. Das ruft Unsicherheiten und Ängste bei den Bürgerinnen und Bürgern hervor. Teilen Sie diese Beobachtung? Cecilia Bonefeld-Dahl: Der Begriff „künstliche Intelligenz“ ist oft irreführend. Alle bisher existierenden Technologien sind nur Werkzeuge, die den Menschen bei unseren Aufgaben unterstützen. Was früher Jahre gedauert hat, etwa große Datenmengen zu verarbeiten, ist heute in wenigen Tagen erledigt. Die Anwendung solcher Technologien kann die medizinische Forschung vorantreiben, um Therapien für lebensbedrohliche Erkrankungen zu entwickeln. KI ist jedenfalls keine neue Sache. Die Flugzeuge, mit denen wir seit Jahrzehnten fliegen, nutzen sie für Start und Landung sowie für wichtige Korrekturen bei schwierigen Wetterbedingungen. FWF: Als Vorsitzende von DIGITALEUROPE, einer Interessensgruppe der Industrie, setzen Sie sich für ein starkes digitales Europa ein, das auf europäischen Werten aufbaut. Wie wollen Sie öffentliche und ökonomische Interessen in Einklang bringen? Bonefeld-Dahl: Ich sehe zwischen unserer Arbeit und dem Gemeinwohl keinen Unterschied. Unsere Mitglieder sind Teil der Zivilgesellschaft. Sie stellen Technologien bereit, um Energieverbrauch und Treibhausgase zu reduzieren und Bildung, die Gesundheitsversorgung sowie fast alle Aspekte unseres Lebens auf der Erde zu verbessern. Millionen von Menschen auf der ganzen Welt konnten in den vergangenen Jahrzehnten der Armut entkommen und unser Planet ist durch Vernetzung zusammengewachsen. Meine Sorge ist, dass wir nicht schnell genug handeln. Es gibt zu viele unbegründete Ängste, politische Entscheidungen auf der Grundlage populistischer Ansichten, Anstieg von Protektionismus und insgesamt Widerstand, unsere Komfortzone zu verlassen. Tatsächlich sollten wir einen Wettbewerb führen, um neue Technologien für intelligente Stromnetze und verbesserte Gesundheitsdienste einzusetzen und Innovationen zur Lösung der Herausforderungen voranzutreiben, vor denen unsere Gesellschaft steht.

„Es gibt zu viele unbegründete Ängste.“ Cecilia Bonefeld-Dahl

FWF: Die Digitalisierung hat unser Arbeitsumfeld bereits stark verändert. Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen und neue Kompetenzen erfordern. Sind wir dafür gerüstet? Bonefeld-Dahl: Die Automatisierung wird zwar zu Arbeitsplatzverlusten führen, aber voraussichtlich um 58 Millionen mehr Arbeitsplätze schaffen, als sie ersetzen wird. Um sicherzustellen, dass der Verlust von Arbeitsplätzen minimiert wird, sind Umschulungen erforderlich. In einigen Fällen (13 Prozent) würde die Umschulung weniger als einen Monat dauern, für 12 Prozent des Personals könnte die Umschulung mehr als ein Jahr dauern. Darüber hinaus stehen weitere Herausforderungen bevor: die Qualifizierung der verarbeitenden Industrie. 52 Prozent der europäischen Arbeitskräfte werden bis 2022 eine Umschulung benötigen. FWF: Wie können diese Anforderungen erreicht werden? Bonefeld-Dahl: Der digitale Wandel der europäischen Industrie erfordert eine Umschulung und Qualifizierung der Arbeitskräfte, die in den Automatisierungsprozess integriert werden muss. Es hat sich gezeigt, dass Robotik und Automatisierung nicht ohne Engagement und Aufsicht von Menschen

„Digitale Kompetenzen werden entscheidend für das Wachstum der EU sein.“ Cecilia Bonefeld-Dahl

funktionieren können. Dies erfordert die Beschleunigung eines Aktionsplans, an dem die Industrie, Gewerkschaften, Institute, NGOs und Regierungen aller Mitgliedstaaten beteiligt sind, um sicherzustellen, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mitgenommen werden, wenn sich die Branche verändert, und um Vollbeschäftigung zu erreichen. Arbeitskräfte mit digitalen Kompetenzen werden entscheidend für das Wachstum der Europäischen Union sein und können Arbeitsplatzverluste, die durch den digitalen Wandel verursachten sind, auffangen. Hier sollten die EU und die Regierungen mit der Industrie zusammenarbeiten, um gemeinsam den Bedarf an Qualifikationen in jedem Mitgliedstaat zu erheben und Maßnahmen zu entwickeln. FWF: Wie sieht es im Bildungssektor aus? Bonefeld-Dahl: Neben den notwendigen Initiativen zur Umschulung und Qualifizierung der europäischen Arbeitskräfte wird es wesentlich sein, verstärkt Schwerpunkte in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern (MINT) an weiterführenden Schulen zu setzen. Ich möchte hier betonen, dass es bereits viele Initiativen und Netzwerke gibt, die sich damit befassen. Das ist ein Vorteil, um die diesbezüglichen Bemühungen im Bildungswesen voranzutreiben. Entscheidend dabei wird jedoch sein, ob es gelingt, diese Aktivitäten auf nationaler und europäischer Ebene zu harmonisieren und Entscheidungsträger auf regionaler und kommunaler Ebene miteinzubinden. Die MINT-Fächer sollten künftig besser in den Lehrplänen verankert sein und auch fächerübergreifend vermittelt werden. Der Austausch von Best Practices und die Einbindung des Lehrpersonals wären darüber hinaus notwendig, um für das digitale Zeitalter relevante neue Fähigkeiten zu identifizieren und zu entwickeln.  Europaweit sollten die Schulen schließlich auch so ausgestattet sein, dass es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht wird, zu experimentieren und eigene Erfahrungen mit der Übersetzung analoger Daten in digitale Anwendungen zu machen. FWF: In welche Bereiche der Digitalisierung sollte Europa investieren? Bonefeld-Dahl: Es ist weniger die Frage, wo investiert werden soll als wie viel. Ungeachtet dessen sind das Gesundheitswesen, die Fertigung und öffentliche Dienstleistungen – wie Verkehr, Bildung und Verwaltung – Bereiche, in denen wir führend sind und bleiben sollten.

Expertenrunde beim Europäischen Forum Alpbach Am 23. August 2019 veranstaltet das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung mit Beteiligung des Wissenschaftsfonds FWF eine Breakout-Session zum Thema Künstliche Intelligenz und Governance beim Europäischen Forum Alpbach. Unter der Moderation von FWF-Präsident Klement Tockner wird Cecilia Bonefeld-Dahl darüber sprechen, wie KI-Governance europäische Werte stärken kann. Bei dem Workshop diskutieren internationale Expertinnen und Experten, unter anderen Meredith Broussard von der New York University und Sepp Hochreiter von der Universität Linz, über die Auswirkungen von KI und Big Data auf Politik, Wirtschaft und öffentliche Verwaltung.

FWF: Wie hoch ist der Investitionsbedarf? Bonefeld-Dahl: Wir fallen bei den KI-Investitionen im weltweiten Wettrennen zurück. Während wir die derzeitigen Investitionen von „Digital Europe“ begrüßen, die den Einsatz von KI-Technologien ermöglichen und Innovationen bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen vorantreiben,  ist der veranschlagte Betrag von 9,2 Milliarden Euro viel zu gering – neben Horizon 2020 natürlich, das die in Aussicht gestellten 94,1 Milliarden Euro nicht unterschreiten sollte. Ich erinnere mich, dass sich Jean-Claude Juncker, der damalige Präsident der Europäischen Kommission, bereits im März 2018 für ein Forschungsbudget von 120 bis 160 Milliarden Euro eingesetzt hat, was weit über dem liegt, was vorgeschlagen wurde.

„Wir fallen bei den KI-Investitionen weltweit zurück.“ Cecilia Bonefeld-Dahl

Die Mitgliedstaaten müssen den Mut haben, dafür zu sorgen, dass es bei dem vorgesehenen Budget bleibt. Dies ist die Voraussetzung dafür, Künstliche Intelligenz weiterzuentwickeln und den Unternehmenssektor durch Neugründungen zu stärken, mit Firmen, die auf dem globalen Markt reüssieren und die demokratische und ethische Werte in das internationale Geschäftsumfeld tragen. Wir brauchen das, denn Europa hat nur einen Anteil von 5 Prozent der weltweit rasant wachsenden „Unicorns“ (Startup-Unternehmen mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde Dollar, Anm.). Das ist nicht nachhaltig, wir müssen viel ehrgeiziger sein. Dazu müsste es uns auch gelingen, Anreize und Sicherheiten zu schaffen, um Investitionen in der EU attraktiv zu machen. FWF: Kann und soll Europa mit den USA und China mithalten? Bonefeld-Dahl: Natürlich können wir das. Europa ist seit Jahrhunderten ein Ort der Innovation, und das wird auch so bleiben. Hier werden weiterhin neue Technologien entstehen, und unsere Unternehmen werden etwa im öffentlichen Sektor oder in der Fertigung führend sein. FWF: Die fortschreitende Digitalisierung wirft zahlreiche rechtliche und ethische Fragen auf zu Themen wie Datenschutz, Urheberrecht oder Besteuerung. Braucht es ein neues Regelwerk auf europäischer Ebene und wenn ja, in welchem Zeitraum? Bonefeld-Dahl: Europa verfügt über die strengsten Datenschutzbestimmungen, die jemals geschaffen wurden. Viele Menschen vergessen, dass die DSGVO (Datenschutzgrundverordnung) geschaffen wurde, um sicherzustellen, dass Menschen Informationen austauschen können, dass sie im Besitz persönlicher Daten wie Gesundheitsakten sind und wissen, dass sie überall in der EU darauf zugreifen können. Es ist ein mächtiges Instrument, das andere Länder jetzt prüfen und nachahmen wollen. Das Copyright wurde ebenfalls geregelt. Andere Bereiche wie Steuern oder neue Empfehlungen sollten mehr Zeit, Studien, Fakten und Dialog erfordern, bevor vorschnell neue Regeln erstellt werden. Steuern sind ein gutes Beispiel dafür, wie einige Länder übereilt handeln, noch bevor die OECD ihre Arbeit abschließen kann.

„Die Ausgaben für Forschung und Innovation müssten auf drei Prozent des BIP angehoben werden.“ Cecilia Bonefeld-Dahl

FWF: Ein aktuelles Strategiepapier von DIGITALEUROPE formuliert Ziele und Visionen bis 2025, die zentrale Bereiche von Innovation über Nachhaltigkeit bis zu sozialer Inklusion aufgreifen. Wie realistisch ist die Umsetzung eines solchen Plans?  Bonefeld-Dahl: Das vorliegende Papier „Stronger Digital Europe“ haben wir über ein Jahr lang in Zusammenarbeit mit vielen Interessengruppen entwickelt. Es soll den politischen Entscheidungsträgern der Europäischen Union wichtige Ziele liefern, die wir als realisierbar erachtet haben, vorausgesetzt, die entsprechenden politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für die Entwicklung und den Einsatz von Technologien sind vorhanden. Wir wünschen uns von der EU, dass durch die Digitalisierung ressourcenintensiver Sektoren 26 Milliarden Tonnen CO2 eingespart werden, dass 25 Prozent der weltweiten Top-Unternehmen in Europa angesiedelt sind und dass die Ausgaben für Forschung und Innovation bei 3 Prozent des BIP liegen. Unsere Empfehlungen werden dazu beitragen, dass die EU diese Ziele erreichen kann. Wir brauchen jetzt politischen Willen und Mut. FWF: Abschließend noch eine persönliche Frage: Können Sie sich vorstellen, einmal von einem Roboter gepflegt zu werden? Bonefeld-Dahl: Ich hoffe natürlich, dass meine Kinder die entsprechenden Ressourcen haben, um sicherzustellen, dass ich gut versorgt bin und mich unterstützen können, wenn es notwendig wird. Vor allem aber zähle ich auf eine Gesundheitsversorgung, die es mir ermöglichen wird, mit meinen Pferden auf meiner Farm zu bleiben, statt ins Altersheim zu ziehen.


Cecilia Bonefeld-Dahl ist Generaldirektorin von DIGITALEUROPE, dem Interessensverband für digitale Technologien, der über 35.000 digitale Unternehmen in Europa vertritt. Sie ist Mitglied einer High-Level-Expertengruppe für Künstliche Intelligenz der Europäischen Kommission und dort auch Vorstandsmitglied der „Digital Skills and Jobs Coalition“ sowie des vom Europäischen Parlament geleiteten Europäischen Internetforums. Bonefeld-Dahl verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Technologie-Branche. Zuvor war sie bei IBM und Oracle tätig, baute Geschäfte in Europa und China auf und gründete den Cloud-Anbieter GlobeIT.