Katharina T. Paul ist START-PreistrĂ€gerin 2021. Ihr Fokus, die Impfpolitik, hat mit Corona eine unvorhergesehene Brisanz erhalten. © Stefanie Freynschlag/FWF

Auf welche Fragen soll Ihr Projekt Antworten geben?

Katharina Paul: In meinem Projekt beschÀftige ich mich mit der Frage, welchen Stellenwert verschiedene Akteursgruppen der Gesellschaft Impfungen und Impfprogrammen zumessen. Meine Annahme ist, dass sich darin auch eine Bewertung der Governance, also der politischen Steuerung, widerspiegelt.

Welche WissenslĂŒcken sollen konkret geschlossen werden?

Paul: Bisherige sozialwissenschaftliche Forschungen sind hauptsĂ€chlich auf impfkritische Haltungen eingegangen. Parallel dazu weisen EntscheidungstrĂ€ger vor allem auf den epidemiologischen Wert von Impfungen hin – zum Beispiel gemessen an Impfraten. In meinem Projekt schaue ich mir an, welche anderen Wertevorstellungen gesamtgesellschaftlich bestehen. Diese Werte können wissenschaftlich, wirtschaftlich, ethisch, sozial oder persönlich sein und können nicht immer in Zahlen erfasst und ausgedrĂŒckt werden.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Vater steht vor der Entscheidung, sein Kind gegen Windpocken impfen zu lassen. Der Arzt sagt ihm, wenn das Kind an Windpocken erkrankt, wird es zehn Tage krank sein. Als Elternteil berechnet er, dass auch er zehn Tage von der Arbeit zuhause bleiben muss, wenn sein Kind erkrankt. Er bezieht also nicht nur den persönlichen Wert – den Schutz des Kindes – mit ein, sondern auch einen ökonomischen Wert. Genauso wie die Politik ökonomische Werte miteinbezieht, wenn es etwa um KosteneffektivitĂ€t neuer Impfungen geht oder den Erhalt von ArbeitskrĂ€ften.

Welche Methoden wenden Sie an?

Das Projekt ist in fĂŒnf Arbeitspakete aufgeteilt: nationale Kinderimpfprogramme, PrimĂ€rversorgung, Pharmaindustrie,

„Auch Covid-19-Impfungen werden Teil meiner Forschung sein.“ Katharina T. Paul

Impfforschung und soziale Medien. Ich werde mich auf Interviews, ethnografische Beobachtungen und Inhaltsanalysen von Twitter-Daten stĂŒtzen. Ein Beispiel fĂŒr eine ethnografische Beobachtung wĂ€re ein ImpfberatungsgesprĂ€ch zwischen Ärztin und Erziehungsberechtigten. In erster Linie geht es um das nationale Impfkonzept fĂŒr Kinder, aber auch Covid-19-Impfungen werden Teil meiner Forschung sein.

Wie sehen die ersten Schritte aus?

Derzeit schließe ich mein Elise-Richter-Projekt ab, das ich durch eine FWF-Förderung realisieren konnte. In naher Zukunft nehme ich allerdings Urlaub! Dann werde ich ein Team rekrutieren, mich mit internationalen Kooperationspartnerinnen und -partnern zusammensetzen und noch einmal das Forschungsdesign zuspitzen, da sich in Impfprogrammen ja einiges getan hat.

Was bedeutet der START-Preis fĂŒr Ihre ForschungstĂ€tigkeit insgesamt?

Zum einen bedeutet der Preis eine Anerkennung von viel Arbeit, auf der dieses Projekt basiert. Er ist auch eine persönliche BestĂ€tigung dafĂŒr, dass ich gute Entscheidungen getroffen habe. Es war richtig, meinem Interesse und den Forschungsfragen zu folgen, die mich neugierig gemacht haben. In der Politikwissenschaft beschĂ€ftigt sich ja kaum jemand mit dem Thema Impfen. Und natĂŒrlich bedeutet der Preis fĂŒr mich, dass ich unabhĂ€ngig forschen kann. Diese Auszeichnung gibt mir eine langfristige Zukunftsperspektive fĂŒr mein Forschungsprogramm.

Was motiviert Sie im Forschungsalltag?

Sicherlich meine Neugier. Und es ist motivierend, ein Thema zu erforschen, das so nahe mit grundlegenden gesellschaftlichen Fragen und Wertevorstellungen verbunden ist. Motivation finde ich auch im Dialog mit Kooperationspartnerinnen. Wenn einmal etwas nicht gleich gelingt, motiviert der Austausch, trotzdem dranzubleiben.

Haben Sie Vorbilder?

Es fĂ€llt mir schwer, konkrete Personen zu nennen. Mich inspirieren Kolleginnen, die vorzeigen, dass man einen sehr anspruchsvollen Beruf mit guter LebensqualitĂ€t verbinden kann, und Kolleginnen, die einander unterstĂŒtzen. Ich habe die SolidaritĂ€t unter Frauen in der Wissenschaft sehr zu schĂ€tzen gelernt. Vorbilder sind fĂŒr mich auch jene Frauen, die sich in der Wissenschaftsgeschichte noch unter ganz anderen Bedingungen durchgesetzt haben.


Katharina T. Paul hat Politikwissenschaften in Tel Aviv, Wien, Essex und Amsterdam studiert. Danach war sie als Assistenzprofessorin an der Erasmus-UniversitĂ€t Rotterdam tĂ€tig. FĂŒr ein Lise-Meitner-Stipendium des Wissenschaftsfonds FWF ist sie schließlich 2013 nach Wien zurĂŒckgekehrt. Aktuell lehrt und forscht Paul am Institut fĂŒr Politikwissenschaft der UniversitĂ€t Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind vergleichende Politikfeldanalyse, interpretative Policy-Forschung, Gesundheitspolitik, Regulierung, Medizin und Biopolitik sowie Wissenschafts- und Technikforschung.


Zum Projekt

Das START-Projekt „(Stellen)Wert von Impfungen: eine multi-sited Policy Analyse“ beschĂ€ftigt sich mit dem gesamtgesellschaftlichen Stellenwert von Impfungen. Wie messen verschiedene Akteurinnen und Akteure dem Impfen einen Wert bei und wie spiegeln diese Bewertungen wiederum die Einstellung zu politischer Steuerung wider? Interviews, ethnografische Beobachtungen und Inhaltsanalysen von Social-Media-Daten ermöglichen eine umfassende Analyse von Wertprinzipien, die aktuelle Impfpraktiken prĂ€gen.


Der START-Preis

Das START-Programm des Wissenschaftsfonds FWF richtet sich an junge Spitzenforschende, denen die Möglichkeit gegeben wird, auf lĂ€ngere Sicht und finanziell weitgehend abgesichert ihre Forschungen zu planen. Das Förderungsprogramm ist mit bis zu 1,2 Millionen Euro dotiert und zĂ€hlt neben dem Wittgenstein-Preis zur prestigetrĂ€chtigsten und höchstdotierten wissenschaftlichen Auszeichnung Österreichs.