Lea Müller-Funk im Porträt
Was bedeuten Flucht und Vertreibung für die Lebensziele von Menschen und welche Rolle spielt der legale Status für deren Lebenswege? Die Migrationsforscherin Lea Müller-Funk weiß Antworten auf diese Fragen – Fakten, die gängige Mythen klar widerlegen. © Mijail Figueroa Gonzalez

2011 brach in Syrien zuerst eine Revolution und daran anschließend ein Bürgerkrieg aus, als das syrische Regime Forderungen nach mehr Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und einem Regimewechsel brutal unterdrückte. Es war ein Kampf der syrischen Regierung unter Präsident Baschar al-Assad gegen verschiedene Oppositionsgruppen, die wiederum von unterschiedlichen internationalen Verbündeten unterstützt wurden. Dieser Krieg löste eine starke Fluchtbewegung aus. Laut UNHCR-Bericht von 2024 ist das Land im Mittleren Osten mit 13,8 Millionen geflohenen Menschen innerhalb und außerhalb seiner Grenzen nach wie vor von der größten Vertreibungskrise der Welt betroffen. Während rund 7 Millionen Menschen als Binnenflüchtlinge innerhalb des Landes und rund 5,5 Millionen Syrer:innen in Nachbarländer im Nahen Osten und in Nordafrika geflohen sind, haben ungefähr eine Million Flüchtlinge Zuflucht in Europa gesucht. Bis Ende 2024 fanden etwa 100.000 Menschen Zuflucht in Österreich.

Zwischen Euphorie und Unsicherheit

Ende Dezember 2024 wird das diktatorische Assad-Regime von der Hayat Tahrir al-Sham (HTS), einem islamistischem Milizenbündnis mit Al-Kaida-Vergangenheit, gestürzt. Viele geflüchtete Syrer:innen gehen auf die Straßen und feiern das Ende des Terrorregimes. Sie sind erleichtert. Aber auch verunsichert. Ende Jänner 2025 wird der Führer der HTS und Ex-Dschihadist Ahmed al-Scharaa zum Übergangspräsidenten ernannt. Al-Scharaas Bruch mit der Al-Kaida im Jahr 2016 halten manche für glaubwürdig, andere sind skeptisch, vor allem Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten sowie Frauen. „Einerseits gibt es Begeisterung und Hoffnung auf einen politischen Wandel, aber gleichzeitig enorme Unsicherheit, weil niemand weiß, wie sich das Land entwickeln wird“, fasst Lea Müller-Funk die Stimmung zusammen. Jene, die sich über Jahre mühsam ein neues Leben in einem fremden Land aufgebaut haben, können sich schwer eine Zukunft in dem von Krieg und Zerstörung geprägten Land vorstellen.

Lea Müller-Funk ist Senior Researcher im Department für Migration und Globalisierung der Universität für Weiterbildung Krems. Die Politikwissenschaftlerin erforscht seit 2022 in dem vom FWF finanzierten Projekt SYREALITY, wie sich Lebenspläne geflüchteter Syrer:innen aufgrund ihrer Fluchterfahrungen verändern und welche Rolle sozioökonomische Faktoren dabei spielen.

„Mit der Asyldebatte wird viel kaputtgemacht, was in den letzten Jahren an Zugehörigkeitsgefühl aufgebaut worden ist.“ Lea Müller-Funk

Syrer:innen mit Flagge bei einer Demonstration in Paris
Jubel, Hoffnung und Unsicherheit zugleich. Nach dem Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 feiern Menschen wie hier am Place de la République in Paris. Doch die politischen Veränderungen erzeugen auch enorme Unsicherheit, denn niemand weiß, wie sich das Land weiterentwickeln wird. © AFP/Xavier Galiana

Asyldebatte entbrannt

Unmittelbar nach dem Fall des Assad-Regimes entbrannte in Europa eine Asyldebatte. Alle laufenden Asylanträge in Österreich wurden ausgesetzt bzw. Asylgewährungen überprüft. Alle Syrerinnen und Syrer, die weniger als fünf Jahre in Österreich leben, erhielten einen Brief vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA), mit dem ein Verfahren zur Asylaberkennung eingeleitet wird. Sie sollten bei einer neuerlichen Einvernahme bei den Behörden angeben, warum sie sich trotz der geänderten Umstände für schützenswert halten. „Mit dieser Debatte wird viel kaputtgemacht, was sich in den letzten Jahren an Zugehörigkeitsgefühl bei den Geflüchteten für unsere Gesellschaft entwickelt hat“, sagt Müller-Funk.

Flucht und Lebensziele

Die Migrationsforscherin der Universität für Weiterbildung Krems untersucht seit 2022 mit ihrem vom FWF geförderten Projekt SYREALITY, wie sich Lebenspläne angesichts von Krieg und Flucht verändern und wie diese Migrationsbewegungen von Flüchtlingen beeinflussen. Einerseits ist Flucht ein tiefer Einschnitt in existierende Lebenspläne, andererseits entwickeln geflüchtete Menschen Strategien, um mit diesen Veränderungen und erlebten Traumata umzugehen. Ihr Fokus liegt dabei auf Menschen, die Syrien seit dem Bürgerkrieg 2011 verlassen haben und nach Europa gekommen sind.

Soziale Klasse und rechtlicher Status

Basierend auf Forschung aus der Soziologie, Migrations- und Fluchtforschung sowie Psychologie, untersucht die Politikwissenschaftlerin, wie persönliche Lebensziele und die jeweilige soziale Klasse die Migrationsentscheidungen von Flüchtlingen beeinflussen. Weiters stellt sie die Frage, wie sich rechtlicher Status und der Aufnahmekontext in verschiedenen europäischen Städten auf ihre Aspirationen und ihr Wohlbefinden auswirken.

Neue Ansätze schließen Forschungslücke

SYREALITY ist in zweierlei Hinsicht innovativ: Erstens haben bisher nur wenige Studien Erkenntnisse aus der Psychologie mit soziologischer Forschung verknüpft, um den Zusammenhang zwischen Trauma, Lebenswünschen und Mobilität besser zu verstehen. Zweitens wurde in der Forschung bisher nicht systematisch untersucht, welche Rolle soziale Klasse für die Migration von geflüchteten Menschen spielt, deren Ressourcen durch Krieg und Flucht häufig zerstört worden sind. Müller-Funk will diese Lücke schließen, indem Veränderungen von Lebensplänen und sozialer Klasse entlang von Migrations- und Fluchtgeschichten geflüchteter Menschen auf partizipative, transnationale, länderübergreifende und longitudinale Weise untersucht werden.

Feldforschung in vier europäischen Städten …

Das Forschungsteam führte Feldforschung in vier europäischen Städten (Wien, Berlin, Amsterdam und Athen) durch, wobei geflüchtete Menschen selbst eine aktive Rolle in der Datenerhebung innehaben. Das Projekt beinhaltet eine quantitative Umfrage, lebensgeschichtliche Interviews und das Zeichnen von kognitiven Karten von zentralen Plätzen und Ereignissen in ihrem Leben, um besser zu visualisieren, wie sich Herausforderungen, Chancen und Lebensverläufe im Laufe der Zeit ändern.

… aufbauend auf Forschung in der Türkei und im Libanon

Dabei baut die Forschung auf dem Vorgängerprojekt SYRMAGINE auf, in dem sich Müller-Funk von 2017 bis 2019 mit Migrationsentscheidungsprozessen syrischer Flüchtlinge in der Türkei und im Libanon und deren Vorstellungen von Europa befasst hat. Die Türkei ist das Land, das die meisten syrischen Flüchtlinge aufgenommen hat. Für viele Geflüchtete war der Libanon laut der Wissenschaftlerin „die erste logische Wahl“, auch weil es zwischen den beiden Ländern historisch viele familiäre, wirtschaftliche und kulturelle Verflechtungen gebe.

„Dass alle nach Europa wollen, stimmt nicht.“ Lea Müller-Funk

Nicht alle wollen nach Europa

Eine der Kernbotschaften dieses Projekts zeigt, dass ein Großteil der Geflüchteten in ihren Migrationsentscheidungen sehr unsicher war, keine genauen Vorstellung von Europa hatte und auch gar nicht nach Europa wollte. „Meine Ergebnisse entkräften das Narrativ, dass alle nach Europa wollen“, so die Forscherin. Ein weiteres zentrales Ergebnis ist, dass die Menschen auch unter den schwierigsten und unsichersten Bedingungen eine Vorstellung entwickeln, wie sie sich wieder ein Leben aufbauen könnten. „Das widerlegt das große Missverständnis, dass die Menschen zu uns kommen, um das Sozialsystem auszunutzen. Zu glauben, dass Menschen lieber nichts tun, geht völlig an der Realität vorbei“, sagt Müller-Funk.

„Zu glauben, dass Menschen lieber nichts tun, geht völlig an der Realität vorbei.“ Lea Müller-Funk

Soziale Klasse, Gesundheit und legaler Status

An diesen Ergebnissen setzt das aktuelle Projekt SYREALITY an. Es untersucht, wie sich Lebenspläne durch Krieg, Vertreibung und Flucht verändern und welche Rolle der sozioökonomische Hintergrund oder die soziale Klasse dabei spielt. Dabei setzt es einen Fokus auf Lebenszufriedenheit. Welche Rolle spielen Änderungen in der mentalen Gesundheit oder auch traumatische Erfahrungen für Fluchtgeschichten? Und welche Rolle spielt der legale Status?

Online-Survey und lebensgeschichtliche Interviews

In den Hauptstädten der vier Länder Griechenland, Österreich, Deutschland und Niederlande wurde eine Onlineumfrage mit knapp 2.000 Antworten und 100 lebensgeschichtlichen Interviews durchgeführt. Die qualitativen Interviews wurden 2024 – noch vor dem Fall des Assad-Regimes– abgeschlossen. Das Projekt hat auch einen partizipativen Ansatz, d. h. Menschen mit Fluchterfahrung arbeiten sowohl beim Forschungsdesign als auch bei der Datenerhebung und der Analyse mit.

Menschen relativ zufrieden

„Viele Leute waren trotz extrem schwieriger Erfahrungen relativ zufrieden mit ihrem jetzigen Leben und konnten sich vorstellen, hier zu bleiben“, nennt die Forscherin ein für sie überraschendes Ergebnis ihrer Befragungen. Eine Ausnahme sei hier Griechenland, „angesichts der Zustände in den Auffanglagern wenig verwunderlich“, ergänzt sie.

Alles für die Bildung der Kinder

Die Studie zeigt klar, welche Bedeutung Bildung für geflüchtete Syrer:innen hat. Viele junge Menschen mussten ihre Ausbildung in Syrien unterbrechen, als Schulen und Universitäten geschlossen wurden, und kamen auch mit der Idee nach Europe, ihren Bildungsweg fortsetzen zu können. „Ein zentrales Narrativ in Interviews mit Eltern war, dass sie ihre eigene persönliche Zukunft als vorbei ansehen und stattdessen die Zukunft ihrer Kinder und deren Bildung ihr zentrales Lebensziel wird“, so Müller-Funk.

„Stillstand und Untätigkeit sind extrem schwierig für die Menschen.“ Lea Müller-Funk

Leben auf Stand-by

„Viele berichten, dass ihr Leben bereits vor der Flucht in Syrien während des Konflikts stillgestanden sei. Auch deshalb sind der neuerliche Stillstand und die auferlegte Untätigkeit, die sie nun während dem Asylverfahren erleben, für viele äußerst schwierig. Sie sind gekommen, um endlich ihr Leben wieder zu starten“, so Müller-Funk. Schwierig sei für die Menschen auch, auf das Flüchtlings-Label reduziert zu sein. „Ein junger Mann meinte, er sei froh gewesen, endlich an der Uni inskribiert zu sein, denn jetzt könne er sagen, er sei Student“, erzählt Müller-Funk.

Zwischen Hoffnung und Unsicherheit

Da für viele ihrer Interviewpartner:innen eine Rückkehr nach Syrien nur mit einer Änderung des Regimes möglich war, schlossen viele bis Ende 2024 kategorisch eine Rückkehr aus. „Mit dem Sturz des Assad-Regimes haben die Leute nicht gerechnet“, so Müller-Funk. Nun herrsche zugleich Hoffnung und Unsicherheit, denn niemand weiß, wie sich das Land weiterentwickeln wird. Nun ist es möglich, die zurückgelassene Familie endlich wiederzusehen. „Viele gehen kurzfristig zurück, um ihre Eltern wiederzusehen, die entweder nicht mitkommen wollten oder konnten, weil die Ressourcen nicht für alle gereicht haben.“

Suche nach Verschwundenen

Nach Jahrzehnten des Terrorregimes steht Syrien zudem vor der gigantischen Aufgabe, die begangenen Verbrechen des Assad-Regimes aufzuklären. Weit mehr als 100.000 Menschen gelten als vermisst, viele von ihnen werden in Massengräbern vermutet. Neue Verfahren der DNA-Analyse sollen helfen, die Toten zu identifizieren. Doch bis die Morde aufgeklärt sind und die Familien Gerechtigkeit erfahren, ist es noch ein langer Weg.

Frau mit weißem Kopftuch, im Hintergrund Plakate von vermissten Syrer:innen auf einer rostroten Containerwand
Menschen suchen im Sednaya-Gefängnis nach vermissten Gefangenen. Unter der Herrschaft von Baschar al-Assad war dieses Gefängnis als Schlachthaus bekannt. Syrien, 16. Dezember 2024. © Reuters/Picturedesk/Amr Abdallah Dalsh

„Wo es ums Überleben geht, stirbt die Zukunft.“ Lea Müller-Funk

Legaler Status als Basis

Die aktuelle Asyldebatte findet die Expertin sehr destruktiv: „Viele Jahre hat man den Leuten gesagt, sie sollen alles vergessen, was sie zurückgelassen haben und sich integrieren und jetzt sollten sie am besten gleich morgen das Land verlassen.“ Diese Debatte führe zu enormer Unsicherheit bei den Menschen. Denn was die Forschung auch klar gezeigt hat: Gerade der legale Status spiele eine entscheidende Rolle beim Wunsch zu bleiben, weil Menschen erst mit dem legalen Aufenthalt die Möglichkeit hätten, wieder Lebenspläne aufzunehmen.“ Wo es nur ums Überleben geht, stirbt die Zukunft“, nennt Müller-Funk ein zentrales Ergebnis aus den lebensgeschichtlichen Interviews, wenn Menschen über die Phase ihres Lebens in Syrien während des Konflikts sprachen.

„Es gibt ein Bekenntnis zur empirischen Migrationsforschung, aber was mit dem Wissen passiert, ist etwas anderes.“ Lea Müller-Funk

Was passiert mit dem Wissen?

Die Politikwissenschaftlerin befallen immer wieder Zweifel an der sozialen Relevanz ihrer Arbeit: „Es gibt einerseits seitens der Forschungsförderung ein Bekenntnis zur empirischen Migrationsforschung, aber was dann mit dem Wissen passiert, ist eine andere Sache. Man versteht die empirische Realität und weiß gleichzeitig, wie begrenzt der politische Rahmen ist, um das Wissen anwenden zu können.“

Migrationsforschung in Schulen bringen

Aus dieser Frustration heraus und dem Wunsch, Migrationsforschung anderen Gesellschaftsgruppen jenseits politischer Entscheidungsträger:innen zugänglich zu machen, entstand das zweijährige, vom National Geographic finanzierte Projekt TIES, das 2023 beendet wurde. Ziel war es, Ergebnisse der Migrationsforschung in Schulen zu bringen und populären Mythen gegenüberzustellen. Die Forschenden erstellten dabei Module in sechs verschiedenen Sprachen für Lehrer:innen, die Migrationsforschung für 14- bis 18-Jährige unterrichten. Je nach Unterrichtsfach – Geografie, Geschichte oder Sozialkunde – haben die Module einen unterschiedlichen Fokus. „Bei den Lehrenden kamen diese Module sehr gut an. Der Schwachpunkt waren unsere Ressourcen. Das war ein sehr klein dotiertes Projekt, aber extrem zeitaufwendig“, erzählt Müller-Funk.

Prägende Postdoc-Aufenthalte

Ursprünglich wollte Müller-Funk Journalistin werden. Aufgewachsen im Waldviertel, studierte die heute 39-Jährige Politikwissenschaft und Arabistik in Wien und Paris. Jährliche Sprachkurse führten sie in den Nahen Osten, auch nach Syrien. Sehr prägend für ihren wissenschaftlichen Weg zur Migrations- und Flüchtlingsforschung war ihr erster Postdoc-Aufenthalt in Oxford. Aus dieser Zeit habe sie ein großes wissenschaftliches Netzwerk mitgebracht. „Oxford ist sehr international, ein Durchzugsort für viele und man kann in kürzester Zeit sehr viele Leute kennenlernen“, erzählt sie. Eine Marie-Curie-Förderung führte sie nach Amsterdam. Besonders inspirierend an der Forschungsgruppe um Hein de Haas war für sie „eine Diskussionskultur, in der Ideen jenseits von Hierarchien diskutiert wurden“, erinnert sie sich.

Wegweisende Zufälle

Diese Destination war nicht nur prägend für ihre wissenschaftliche Weiterentwicklung, sondern auch für ihren persönlichen Weg. Lernte sie doch in den Niederlanden ihren Lebensgefährten, einen Bildungssoziologen, kennen, mit dem sie zwei Töchter hat. In ihrem Lebensweg stellt sie etwas fest, was ihr auch oft in ihren lebensgeschichtlichen Interviews begegnet: wie wichtig und entscheidend Zufälle sein können. Im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein und bestimmten Menschen zu begegnen.

Wie nehmen Flüchtlinge staatliche Gewalt wahr?

2022 kam die Wissenschaftlerin an das Department für Migration und Globalisierung an die Universität für Weiterbildung Krems. Im September 2025 startet sie hier das vom Europäischen Forschungsrat (ERC) geförderte Projekt „Refugees’ Political Participation and State-(Re)Making in Displacement“ (RESTATE). Dabei untersucht sie fünf Jahre lang, wie geflüchtete Menschen den Staat und die staatliche Gewalt vor, während und nach ihrer Flucht wahrnehmen und wie diese Erfahrungen ihre politische Partizipation beeinflussen. Im Fokus sind dabei Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Südsudan und Syrien in vier wichtigen Aufnahmeländern: Iran, Türkei, Uganda und Deutschland. Das Projekt ist von der Hypothese geleitet, „dass Flüchtlinge auf Erfahrungen von staatlicher Gewalt mit einer Neudefinition des Staates reagieren und auch mit einer veränderten Interaktion“.

Sensibles Thema Migration

Die Migrationsforscherin hat manchmal Bedenken, mit Vertreter:innen der Medien über ihre Arbeit zu sprechen. „Es ist so ein sensibles Thema, wo Ergebnisse immer im richtigen Kontext präsentiert werden müssen, damit sie nicht missinterpretiert werden. Die Menschen, die ich interviewe, setzen hohes Vertrauen in mich, indem sie mir ihre Geschichte erzählen. Es ist mir wichtig, kein falsches oder unvollständiges Bild zu erzeugen, wenn ein Einzelsatz aus dem Kontext gerissen wird.“

„Der Mythos, die Leute kommen, um unser Sozialsystem auszunutzen, ist komplett jenseits der Realität.“ Lea Müller-Funk

Vielfalt darstellen, Mythen entkräften

Mit ihrer Arbeit möchte Müller-Funk die Vielfalt der Erfahrungen geflüchteter Menschen darstellen. Das wichtigste und zentrale Ergebnis ihrer Forschung formuliert die Forscherin folgendermaßen: „Menschen empfinden ihr Leben oft dann als ein würdiges, wenn sie Entscheidungsfreiraum und Selbstwirksamkeit erfahren und finanziell unabhängig sind. Deshalb ist der Mythos, die Leute kommen zu uns, um unser Sozialsystem auszunutzen, komplett jenseits der Realität.“

Zur Person

Lea Müller-Funk ist seit Jänner 2022 Senior Researcher im Department für Migration und Globalisierung der Universität für Weiterbildung Krems. Sie studierte Politikwissenschaften und Arabistik in Wien und Paris. Postdoc-Aufenthalte führten sie nach Oxford, Amsterdam und Hamburg. Von 2017 bis 2019 forschte sie mit einem Marie-Curie-Stipendium in den Hauptaufnahmeländern für geflüchtete Syrer:innen, in der Türkei und im Libanon. Aufbauend auf diesen Ergebnissen erforscht sie seit 2022 an dem vom FWF finanzierten Projekt SYREALITY, wie sich Lebenspläne geflüchteter Syrer:innen aufgrund ihrer Fluchterfahrungen verändern und welche Rolle sozioökonomische Faktoren dabei spielen. Ihre Forschung basiert auf empirischen Daten, die sie persönlich während längerer Feldforschungsperioden im Nahen Osten, in Nordafrika und Europa gesammelt hat. Ihre Arbeit zeigt Relevanz für mehrere wissenschaftliche Felder und ist in 13 Zeitschriftenartikeln für Migrationsstudien, Politikwissenschaft und Regionalstudien, fünf Buchkapiteln und einer Monografie bei Routledge erschienen. Zudem engagiert sie sich stark für offene Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation.