Bei schwierigen lokalen Bedingungen, wie etwa im Gebirge, hilft die Statistik, um genauere Wettervorhersagen zu erhalten. Das zeigen aktuelle Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung. © TVB Paznaun – Ischgl

Die QualitĂ€t von Wetterberichten hat sich mit der Entwicklung immer leistungsfĂ€higerer Computermethoden in den vergangenen Jahrzehnten stark verbessert. Die VorhersagezeitrĂ€ume sind lĂ€nger und die Prognosen genauer geworden. Bei komplexen lokalen Gegebenheiten kommen allerdings auch die gĂ€ngigen Wettermodelle an ihre Grenzen. FĂŒr Gebiete von hunderten Quadratkilometern GrĂ¶ĂŸe gibt es in der Regel nur eine einzige Vorhersage, was gerade in Gebirgsregionen zu großen Ungenauigkeiten fĂŒhrt. Das hat vielerlei Konsequenzen, insbesondere, wenn es um Schneemengen geht, die fĂŒr den Tourismus große Bedeutung haben. Das Thema Sicherheit ist hier besonders relevant. Eine in Innsbruck tĂ€tige Forschungsgruppe aus den Gebieten Meteorologie und Statistik hat nun in einem vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekt die Daten von konventionellen Wettermodellen mit lokalen Messungen aus der Vergangenheit verglichen, um so lokal prĂ€zisere Vorhersagen zu erhalten, und zwar speziell fĂŒr Schneefall.

Das Wetter in der Vergangenheit einbeziehen

„In globalen numerischen Wettersimulationen, wie sie fĂŒr Wetterberichte verwendet werden, werden relativ große Zellen modelliert, 20 mal 20, manchmal 50 mal 50 Kilometer“, erklĂ€rt Projektleiter Achim Zeileis im GesprĂ€ch mit scilog. „Doch wer in Tirol aus dem Fenster blickt, kann mit freiem Auge sehen, dass sich das Wetter auf 20 Kilometern mehrmals Ă€ndert, unter anderem weil Berge im Weg stehen, die in dem numerischen Modell so nicht abgebildet sind.“ Die exakte physikalische Modellierung solcher lokalen Eigenheiten des Wetters sei praktisch unmöglich, sagt Zeileis. Allerdings gebe es viele lokale Messstationen, die genauere AuskĂŒnfte darĂŒber erlauben, wie das Wetter in der Vergangenheit war. Diese ließen sich nutzen, um konventionelle Wettervorhersagen lokal zu korrigieren.

Vorhersage des stĂŒndlichen Niederschlags fĂŒr Tirol, zwei Tage im Voraus. Die farbliche Kodierung unterscheidet Niederschlag als Regen (rot) und Schnee (blau). © Stauffer et al.: Hourly Probabilistic Snow Forecasts over Complex Terrain

„Wir sammeln und kombinieren Wetterdaten aus der Vergangenheit, um zu verstehen, wie das Wetter wirklich war, wenn numerische Wettersimulationen eine bestimmte Vorhersage machten“, erklĂ€rt Zeileis. „War es tendenziell wĂ€rmer oder kĂ€lter, hat es mehr oder weniger geregnet als vorhergesagt?“ In der Forschung spricht man von „standardisierten Anomalien“. – Man versucht, immer wieder auftretende Abweichungen statistisch zu fassen und die Vorhersagen so lokal anzupassen. „Diese Prognosen sind natĂŒrlich nach wie vor fehlerbehaftet, zum Teil mit deutlichen Fehlern, sie sind aber hĂ€ufig sehr viel besser als das, was die konventionellen Wettermodelle ausspucken“, erklĂ€rt Zeileis.

Verschiedene Daten zusammengefĂŒhrt

FĂŒr die Schneevorhersage sei das Verarbeiten der Messdaten durchaus kompliziert gewesen, erklĂ€rt Projektmitarbeiter Reto Stauffer, der sein Doktorat im Laufe des Forschungsprojekts abschloss. FĂŒr die Vorhersage von Schnee brauche es sowohl Informationen ĂŒber die Temperatur als auch ĂŒber den Niederschlag. „Wir hatten viele verschiedene Datenquellen zur VerfĂŒgung. FĂŒr die Vorhersage von Schneemengen war besonders wichtig, dass wir lange Zeitreihen hatten, weil Niederschlag sehr variabel ist. Ein oder zwei Jahre genĂŒgen da nicht.“ Man habe sich darauf konzentriert, die Temperaturmessungen und die Niederschlagsmessungen aus zwei verschiedenen Messnetzen zu beziehen, und zwar Letztere vom Hydrographischen Dienst, weil diese Daten vierzig oder fĂŒnfzig Jahre in die Vergangenheit reichen, wĂ€hrend Erstere vom nationalen Wetterdienst stammen, der sehr viele Stationen besitzt. „Da reichte es, Daten zu haben, die zehn oder fĂŒnfzehn Jahre in die Vergangenheit gehen.“ Als numerisches Wettermodell nutzte man verschiedene Produkte des EuropĂ€ischen Zentrums fĂŒr Wettervorhersage, unter anderem eines, das eigentlich fĂŒr Klimatologie konzipiert ist und prĂ€zise SchĂ€tzungen fĂŒr den Niederschlag erlaubt. FĂŒr die Arbeit war es dabei nicht nötig, Genaueres ĂŒber die physikalischen VorgĂ€nge am jeweiligen Ort zu wissen. Eine Einbeziehung physikalischer Variablen habe man zwar versucht, beispielsweise die Ausrichtung des Hangs. FĂŒr die Prognose habe das aber nur wenig gebracht.

Fokus auf Tirol

FĂŒr die Berechnung der Schneemengen konzentrierten sich die Forscherinnen und Forscher auf Tirol. Zeileis betont, dass diese Arbeiten besonders fĂŒr Gebirgsregionen interessant seien: „In Flachland-Gegenden gibt es keine so großen Fehler in den globalen Wettersimulationen, weil sich das GelĂ€nde hier weniger Ă€ndert.“ Bei anderen Projekten habe man sich unter anderem SĂŒdtirol angesehen. Achim Zeileis betont, dass es sich um Grundlagenforschung handelte, obwohl das Thema von großem gesellschaftlichem Interesse sei. Das von seiner Gruppe entwickelte statistische Modell, das mit den genannten standardisierten Anomalien arbeitet, wird an einigen Stellen bereits praktisch eingesetzt. Die Vorhersageverfahren fĂŒr Schneemengen wurden erst kĂŒrzlich publiziert. „Wir haben hier ein flexibles Werkzeug, das in Zukunft fĂŒr verschiedene praktische Anwendungen relevant sein kann“, sagt Zeileis.

Zur Person

Achim Zeileis ist Professor am Institut fĂŒr Statistik der UniversitĂ€t Innsbruck. Der Statistiker interessiert sich besonders fĂŒr Wettervorhersagen, Statistische Modellierung, Software fĂŒr Statistik und Machine Learning.

Publikationen

Reto Stauffer, Georg J. Mayr, Jakob W. Messner, Achim Zeileis: Hourly Probabilistic Snow Forecasts over Complex Terrain: A Hybrid Ensemble Postprocessing Approach. Advances in Statistical Climatology, Meteorology and Oceanography, accepted for publication, 2018

Markus Dabernig, Georg J. Mayr, Jakob W. Messner, Achim Zeileis: Spatial Ensemble Post-Processing with Standardized Anomalies. Quarterly Journal of the Royal Meteorological Society, 2017

Reto Stauffer, Nikolaus Umlauf, Jakob W. Messner, Georg J. Mayr, Achim Zeileis: Ensemble Post-Processing of Daily Precipitation Sums over Complex Terrain Using Censored High-Resolution Standardized Anomalies. Monthly Weather Review, 2017

Jakob W. Messner, Georg J. Mayr, Achim Zeileis: Heteroscedastic Censored and Truncated Regression with crch. The R Journal, 2016 (pdf)