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Geschichtswissen um jüdische Perspektive ergänzt

Grazer Jüdinnen und Juden beim „Lisl-Transport“ nach Palästina unter SS-Bewachung am Hauptbahnhof Graz, April 1939 Quelle: Joanneum Graz

Rund zwei Monate nach ihrer Schließung am 18. März 1938 durch die Nationalsozialisten wurde die „Israelitische Kultusgemeinde Wien“ im Mai als „Jüdische Gemeinde Wien“ wiedereröffnet. Ihre Agenden standen fortan jedoch unter der Kontrolle der NS-Machthaber. Der Rechtsanwalt und Zionist Josef Löwenherz wurde zunächst inhaftiert, dann bis Kriegsende als deren Amtsdirektor eingesetzt. Wie er die Situation für die jüdische Bevölkerung wahrgenommen hat, konnte nun erstmals nachgezeichnet werden: Im Rahmen eines Forschungsprojekts sind auch die von ihm verfassten Tätigkeitsberichte ausgewertet worden.

Kollektive und individuelle Erfahrungen

„Die Berichte sind eine sehr aussagekräftige Quelle. Man erkennt die Verschärfung der Situation, die Not, aber auch den Einsatz für die Menschen“, sagt die Historikerin Eleonore Lappin-Eppel vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. So verdeutlicht etwa Löwenherz‘ Frage „Was sollen wir mit ihnen machen?“ die Problematik, welche durch die massenhafte Delogierung der jüdischen Bevölkerung Wiens entstand. Immer mehr, großteils verarmte Geflüchtete aus ganz Österreich kamen sehr bald noch zu den Wiener Wohnungslosen dazu. Ziel des Forschungsprojekts war eine zweibändige Quellenedition, deren erster Band im Frühjahr 2019 erscheinen wird. Die Publikation bisher unveröffentlichter Quellen repräsentiert die Erfahrungen und die Wahrnehmung der Ereignisse seitens der jüdischen Bevölkerung: Vom Anschluss über die Phase der Vertreibung und Auslöschung der Gemeinden bis zur Vernichtung. Die Bandbreite reicht von offiziellen Quellen jüdischer Organisationen und Gemeinden, wie den genannten Tätigkeitsberichten, bis zu persönlichen Dokumenten wie Briefe, Tagebücher und Interviews. Neu ist zudem die gesamtösterreichische Zusammenschau.

Razzia in den Amtsräumen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, v.l.n.r. Josef Löwenherz sitzend, mit den SD-Männern Herbert Hagen und Adolf Eichmann, 18. 3. 1938 Quelle: DÖW, Sig. 2774_3

Verlauf war überall anders

Der Blick auf ganz Österreich verdeutlicht, dass die Umsetzung sehr stark von den lokalen NS-Machthabern abhing und lässt, trotz der regionalen Unterschiede, auch eine Systematik erkennen. Bereits 1940 seien die meisten jüdischen Gemeinden in den Bundesländern, mit Ausnahme jener in Graz, aufgelöst gewesen. Viele Gemeindemitglieder flüchteten nach Wien und etliche, aber nicht alle jüdischen Kultusgemeinden gründeten dort Provinzreferate zu deren Unterstützung. „Im gesamtösterreichischen Vergleich setzte im Burgenland die brutale Vertreibung besonders früh ein. Die burgenländischen Jüdinnen und Juden haben sich in Wien aber sehr rasch organisiert und Hilfesuchende bei der Auswanderung unterstützt. So konnten überproportional viele von ihnen gerettet werden“, erklärt Lappin-Eppel. Die Verfügbarkeit von Quellen außerhalb Wiens ist sehr unterschiedlich. Neben dem Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, den Landesarchiven und dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes forschte Lappin-Eppel deshalb auch in den wichtigsten Archiven in Israel und den USA.

Direkt nach dem „Anschluss“ 1938 wurden die Wiener Juden gezwungen, in sogenannten „Reibpartien“ pro-österreichische Slogans von den Gehsteigen zu putzen. Quelle: ÖNB/Wien, AW_880029

Zwischen den Zeilen lesen

Eine zentrale Frage beim Erstellen der Quellenedition betrifft die Aussagekraft von offiziellen wie persönlichen Quellen. Für die beiden Bände, welche zusammen den Zeitraum vom Anschlusspogrom bis zum Ende des 2. Weltkriegs abdecken, wurden laut der Forscherin nur die aussagekräftigsten, plausibelsten und authentischsten Quellen herangezogen. Der Aspekt Authentizität erforderte besonders viel Achtsamkeit. Sehr oft handelt es sich etwa bei offiziellen Quellen um Berichte an NS-Behörden. Die Verfasserinnen und Verfasser standen unter Druck, wollten aber gleichzeitig die Lage der jüdischen Bevölkerung verbessern. Bei persönlichen Quellen wie Briefe oder Tagebucheinträge wurde wiederum vieles aus Angst vor den NS-Behörden verschlüsselt. Oft versteckte sich der Code in der Unterschrift. „Wir haben auch Briefe von Eltern an ihre geflüchteten Kinder analysiert. Diese waren sogar doppelt codiert. Sie sind für uns besonders wertvoll, weil diese Personen bisher keine Stimme hatten“, erzählt Lappin-Eppel im Gespräch mit scilog.

Neue Erkenntnisse zu Novemberpogrom

Der Fokus auf die jüdische Perspektive förderte auch über das Novemberpogrom neue Erkenntnisse zutage. So zeigte die gesamtösterreichische Zusammenschau regionale Unterschiede auf, etwa, was das Inbrandsetzen von Synagogen betrifft. „Gezielte Morde, wie sie die Gauleitung in Innsbruck anordnete, gab es hingegen nur dort. Doch auch anderswo kam es zu brutalen Gewalttaten bis hin zu Morden“, resümiert die Forscherin. Markant war für sie auch die umfassende Zusammenarbeit von Hilfsorganisationen verschiedener Religionen und Weltanschauungen, wobei jedoch einzig die Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholikinnen und Katholiken im Erzbischöflichen Palais bis Kriegsende wirken konnte.

Mit der Erschließung und Systematisierung von Quellen der jüdischen Bevölkerung unter gesamtösterreichischer Perspektive konnte eine fundierte Basis für neue Forschungsfragen geschaffen werden. Der jüdischen Bevölkerung wurde zudem eine Stimme gegeben, wie jenem Sechzehnjährigen, der beobachtete, wie andere gezwungen wurden, die Straßen aufzuwaschen und dies, so die Forscherin, „in seiner Tagebuchaufzeichnung bewusst ins Lächerliche zieht, wohl um seine Würde zu bewahren.“


Zur Person

Eleonore Lappin-Eppel forscht seit 2010 am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, war davor langjährige Mitarbeiterin am Institut für jüdische Geschichte Österreichs. Ihre Studien absolvierte sie in den USA und Israel. Zuletzt leitete sie ein Forschungsprojekt zu Gedächtnisorten des zerstörten jüdischen Wiens: www.topographie-der-shoah.at


Projektwebsite: Jüdische Reaktionen auf die nationalsozialistische Verfolgung


Publikation

Dieter J. Hecht/Eleonore Lappin-Eppel/Michaela Raggam-Blesch: Topographie der Shoah: Gedächtnisorte an das zerstörte jüdische Wien, 2. erw. Auflage, Wien 2018

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