Im Porträt

Nicht zwischen, sondern auf zwei Stühlen

Die Ethnologin Silke Meyer untersucht Rücküberweisungen nicht nur auf ihre ökonomischen Auswirkungen, sondern auch als Praxis sozialer und transnationaler Partizipation. Quelle: Martin Vandory

Millionen von Haushalten in Entwicklungsländern werden von Familienmitgliedern, die im Ausland leben und arbeiten, finanziell unterstützt. Diese Geldflüsse in ehemalige Heimatländer, sogenannte Rücküberweisungen, sind häufig überlebenswichtig für die Ernährung, den Zugang zu Bildung, die Verbesserung der Wohnsituation oder den Aufbau einer Geschäftstätigkeit der Leute vor Ort. Laut Schätzungen der Weltbank haben Migrantinnen und Migranten im Jahr 2016 rund 601 Milliarden US-Dollar an ihre Familien in den Herkunftsländern überwiesen, wobei hier nur tatsächlich überwiesene Summen erfasst werden können. – Sachleistungen und persönlich transportiertes Bargeld sind nicht inkludiert. Die Bedeutung dieser Rücküberweisungen für die Volkswirtschaften der Herkunftsländer ist also enorm. Der Anteil der Überweisungen am Bruttoinlandsprodukt beträgt in manchen Ländern mehr als 30 Prozent. 2016 stand Kirgistan mit 35,4 Prozent an der Spitze, gefolgt von Nepal und Liberia mit knapp 30 Prozent sowie Haiti und Tonga mit fast 28 Prozent.

Soziale Auswirkungen

Silke Meyer, Universitätsprofessorin am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck, untersucht Rücküberweisungen nicht nur auf ihre ökonomischen Auswirkungen, sondern auch als Praxis sozialer und transnationaler Partizipation. Sie geht unter anderem der Frage nach, welche Bedeutung den Geldern von Sendenden und Empfangenden eingeschrieben wird und welche Handlungsmacht damit verbunden ist.

„Follow the Money“

Gemäß der ethnologischen Maxime große gesellschaftliche Themen in kleinen, überschaubaren Feldern und alltäglichen Handlungen zu erforschen, fokussiert Silke Meyer in dem vom Wissenschaftsfonds FWF und dem Land Tirol finanzierten Projekt „Follow the Money. Remittances as Social Practice“ auf die Gemeinde Fulpmes im Stubaital. Dorthin kamen aufgrund des Arbeitskräftemangels in der eisenverarbeitenden Industrie in den 1960er- und 1970er-Jahren Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien und vor allem aus der Türkei. Letztere überwiegend aus der westtürkischen Provinz Uşak. Heute hat immerhin ein Fünftel der 4.000 Einwohner zählenden Marktgemeinde Fulpmes familiäre Beziehungen in die Türkei.

Fulpmes und Uşak

Im Mittelpunkt von Meyers Forschung steht konkret das Geflecht an Überweisungen und Austauschbeziehungen zwischen Fulpmes und Uşak und die damit zusammenhängenden Auswirkungen auf die familiären Bindungen, Biografien und Migrationsgeschichten. Die Ethnologin verwendet dabei einen sehr breiten Begriff von Rücküberweisung (Remittance), der Dinge beinhaltet, die zwischen den Orten Fulpmes und Uşak hin und her transportiert werden, aber auch Wertvorstellungen, Ideen und Verhaltensnormen etwa in der Erziehung und Ausbildung, in der Gesundheitsvorsorge oder im Verständnis von Demokratie und Mitbestimmung.

Das wohl einzige Fitnessstudio in einem Privathaus in Uşak gehört einem türkischen Fulpmer.

Silke Meyer

Forschungsfragen

Die Fragen, denen das Forschungsteam um Meyer dabei nachgeht sind: Welchen Wandel hat es seit den ersten Migrationserfahrungen der Pioniere in den 1970er-Jahren gegeben? Was geschieht heute in den Phasen der Pensionierung, in der viele Männer und Frauen in ihre Herkunftsorte zurückkehren wollen und dort bestimmte Erwartungen an die Empfängerinnen und Empfänger ihrer Geldsendungen richten, wie zum Beispiel von Familienmitgliedern im Alter versorgt zu werden? Wie wirken sich Remittances auf Geschlechterrollen aus, zum Beispiel wenn Frauen in der Abwesenheit von Männern für die Finanzen verantwortlich sind?

Das Haus eines Rückkehrers nach Tiroler Bauart in Yeniceköy, Türkei. Quelle: Privat

Investition in Bildung

Meyers Team arbeitet dabei mit empirischen Methoden wie Interviews und teilnehmender Beobachtung. Dass Rücküberweisungen stark an Bildungsziele geknüpft sind, ist eine Erkenntnis, die sie daraus gewonnen hat. Weiters könne man beobachten, dass im Laufe der Zeit die Höhe der Rücküberweisungen abgenommen habe, erzählt Meyer im Gespräch mit scilog. „Die erste Generation hat noch jeden Cent in die Türkei geschickt, die nächste Generation investierte schon mehr vor Ort“, sagt die Forscherin. Die Unterschiede zwischen den Generationen liefern auch Stoff für Konflikte.

Tiroler Häuser und Stubaimesser in der Türkei

Inzwischen haben schon mehrere Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus den 1970er-Jahren Häuser in Uşak gebaut. Und so stehen mitten in der Provinz Uşak Häuser nach Tiroler Bauart. „Das wohl einzige Fitnessstudio in einem Privathaus in Uşak gehört einem türkischen Fulpmer“, erzählt Meyer. Die in Fulpmes erzeugten Stubaimesser sind ebenfalls sehr beliebt in Uşak. Umgekehrt bringen türkische Verwandte bei Besuchen in Tirol Tarhana-Suppe mit, eine türkische Pulversuppe, die in einem aufwendigen Verfahren hergestellt wird. „Heimat zum Aufgießen, sozusagen“, schmunzelt Meyer.

Migrationsbeziehungen sind vielschichtiger als sie bei uns diskutiert werden.

Silke Meyer

„Die Europäer“

Was diese Beispiele zeigen: „Migrationsbeziehungen sind vielschichtiger als sie bei uns diskutiert werden“, erklärt Meyer. Sie wünscht sich daher, dass Migration nicht nur aus der Perspektive der Ankunftsgesellschaft, sondern auch der Herkunftsgesellschaft diskutiert wird. So werden zum Beispiel die Fulpmer Türken, wenn sie im Sommer nach Uşak kommen, „die Europäer“ genannt. „Sie reisen mit dem eigenen Auto an, nicht nur um Dinge zu transportieren, sondern auch um damit ihr soziales Ansehen zu zeigen“, betont Meyer. “Man muss auch diese Migrationsdiskussion in die Forschung miteinbeziehen“, fordert sie.

Wahl-Innsbruckern

Silke Meyer hat selbst eine Mobilitätsgeschichte. Aufgewachsen im schwäbischen Reutlingen, ging sie zum Studieren zunächst nach Tübingen, Sheffield und dann nach Münster, verbrachte vier Jahre in London und Nottingham und kam schließlich über Münster 2010 nach Innsbruck. Ihr heute achtjähriger Sohn, der bei der Übersiedlung 9 Monate alt war, bezeichnet sich als Tiroler und kickt mit Begeisterung für Wacker Innsbruck. Sie selbst, die „Flachländerin“, musste sich an die Bergwände rund um die Tiroler Landeshauptstadt erst gewöhnen. „In Münster können Sie schon Tage im Voraus sehen, wer am nächsten Wochenende zu Besuch kommt“, scherzt die Wissenschaftlerin. Mittlerweile hat sie sich jedoch mit den hohen Bergen angefreundet und besteigt sie gerne auch mal in ihrer Freizeit.

Aus Irrtum zum Fach

Und wie kam sie zur Europäischen Ethnologie? Dieser Weg begann mit einem Irrtum: Meyer inskribierte Anglistik, Romanistik und Kunstgeschichte. Auf der Suche nach einer Kunstgeschichte-Vorlesung kam die Erstsemestrige in einen Raum, ließ sich nieder und wunderte sich nur, dass sie keine Bilder zu sehen bekam. „Aber der Typ war klasse und ich blieb!“, erinnert sie sich. Dieser „Typ“ entpuppte sich als Hermann Bausinger, über viele Jahrzehnte Leiter des Instituts für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen. Für die weitere inhaltliche Ausrichtung ihrer Arbeit war die Zeit in Großbritannien prägend: So beschäftigte sich Silke Meyer in ihrer Dissertation mit nationalen Stereotypen im 18. Jahrhundert in der englischen Druckgrafik – vor allem in Karikaturen.

Das Projektteam Claudius Ströhle, Fatma Haron und Silke Meyer beim Kermes-Fest in Fulpmes im Mai 2017 (v.l.n.r.) Quelle: Privat

Ökonomische Ethnologie

Eine persönliche Erfahrung brachte Silke Meyer schließlich zu ihrem Forschungsschwerpunkt, der ökonomischen Anthropologie: Während sie damals, in London lebend, sehr sparsam gewesen sei, wären ihre Studienkolleginnen – obwohl alle mit Studienkrediten verschuldet – jedes Wochenende ausgegangen. „Ich, die schwäbische Lehrerstochter, habe mich darüber gewundert, wie man so locker mit Schulden leben kann“, erinnert sie sich. Erklärt hat sie sich den Unterschied schließlich mit den hohen Studiengebühren: „Es gilt in Großbritannien im Mittelstand als völlig normal, nach dem Studienabschluss mit Schulden ins Berufsleben einzusteigen. Was viele betrifft, wird als Norm angesehen. In Deutschland oder Österreich wäre das (noch) eine Ausnahmesituation“, analysiert sie.

Schulden kulturwissenschaftlich

Diese Thematik interessierte Meyer weiter und so untersuchte sie im Rahmen der Habilitation die Ver- und Entschuldungspraktiken an den Beispielen USA und Deutschland kulturwissenschaftlich. „Während in den USA ein Entschuldungsprogramm für Privatpersonen – „fresh start“ genannt – zwei bis vier Monate ab Insolvenzerklärung dauert, kann man in Deutschland bis zu zehn Jahre damit beschäftigt sein. Da durchlaufen Sie ein hartes pädagogisches Programm mit einer ‚Wohlverhaltensperiode‘, in der Sie sich Auflagen und Pflichten unterziehen müssen. Das ist tatsächlich ein Disziplinarverfahren und Sie können den Prozess auch nicht verkürzen, indem Sie mehr zurückzahlen“, erklärt Meyer.

Unternehmergeist versus Loser

Den nationalen Unterschied leitet sie historisch her: „Die ersten Einwanderer in den USA mussten sich verschulden, um sich etwas aufzubauen. Verschuldung wird hier als Risikofreude und Unternehmergeist gelesen. In Deutschland oder Österreich hatte man, wenn man ein Unternehmen gründete, entweder Geld oder Land. Wer sich also verschuldete, der hat nicht unternehmerisch gehandelt, sondern sich im wahrsten Sinne etwas zuschulden kommen lassen. Schulden sind hier nicht ökonomisches, sondern moralisches Scheitern.“

Wenn es gelingt, Nationalität neben Alter, Geschlecht oder Beruf nur als ein weiteres Merkmal wahrzunehmen, ist viel gewonnen.

Silke Meyer

Nationalität als ein Merkmal

Die Migrationsgeschichte von Fulpmes ist für Meyer eine Erfolgsgeschichte. „Die Generation der heute 20- bis 30-Jährigen ist hier zur Schule gegangen, hat vielleicht studiert, einige arbeiten als Skilehrer oder Skilehrerinnen. Dass deren Familien aus der Türkei stammen, ist nur eines von vielen Merkmalen“, sagt Meyer. Und hier, in der Wahrnehmung der Ethnizität oder Nationalität, sieht sie auch den Schlüssel zu einem differenzierten Migrationsdiskurs: „Wenn es gelingt, Nationalität neben Alter, Geschlecht, Beruf oder Interessen nur als ein weiteres Merkmal wahrzunehmen, dann ist schon viel gewonnen“, sagt die Ethnologin.

Nicht zwischen, sondern auf zwei Stühlen

In Interviews hört Meyer oft, dass der Druck zur Positionierung groß sei. Eine Gesprächspartnerin antwortete einmal auf die Frage, ob sie türkisch oder österreichisch sei: „Das ist, wie wenn ich mich in einem Familienstreit zwischen Mutter und Vater entscheiden muss. Ich bin beides, stamme sowohl von dort als auch von da.“ Meyer verwendet dafür folgendes Bild: “Die Menschen sitzen nicht zwischen, sondern auf zwei Stühlen. Das ist auch nicht immer bequem, aber zumindest nicht von vorneherein problematisch.“ Die Ethnologin wünscht sich, dass diese Transnationalität als Kompetenz angesehen wird und nicht als Defizit.

Transnationalität …

Transnationalität, das ist der Ansatz ihrer Arbeit. Das Beispiel der Fulpmer Türkinnen und Türken zeigt: Es gibt nicht nur Migration und Remigration, sondern auch ein reges Hin und Her. Menschen arbeiten an beiden Orten, wie die jungen Unternehmer, die zwischen Uşak, Ankara, Fulpmes und Innsbruck eine Exportfirma für Tiroler Fleckvieh aufbauen. Im Rentenalter pendeln viele, die noch mobil sind, häufig zwischen den Orten. Danach stellt sich die Frage, wo man sich niederlässt, wobei sich der Mythos der Rückkehr unauslöschlich halte, sagt Meyer: „Alle sagen, sie werden zurückgehen und bisher haben es nur wenige gemacht, denn die eigene Familie ist hier. Auf die Frage, wo man begraben werden möchte, erhält man aber nur die Antwort: ‚Türkei‘. Auch deshalb wird in Fulpmes unter anderem darüber diskutiert, ob man nicht einen Teil des Friedhofs einer muslimischen letzten Ruhestätte widmen soll.“

… ist nicht Kosmopolitismus

Silke Meyer möchte ihren Ansatz der Transnationalität allerdings nicht mit Kosmopolitismus verwechselt wissen. „Obwohl Nation ein historisches Zufallsprodukt ist und sich jederzeit ändern kann, wird sie fast schon so fix wie das Geschlecht wahrgenommen. Das Konzept der Nation hat einen Siegeszug angetreten. Es geht bei Transnationalität nicht darum, Nation zu negieren, sondern mit nationaler Zuschreibung umzugehen – im Alltag, in der Politik und so fort. Das darf kein blinder Fleck werden!“ Die Studien, die aus Meyers aktuellem Projekt entstehen, sollen zu einem tieferen Verständnis von Migration als Schlüsselkonzept einer lokal und global organisierten Gesellschaft beitragen – und damit schließlich auch zu einem differenzierteren Diskurs über Migration.


Silke Meyer ist seit 2017 Universitätsprofessorin am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck. Sie lehrt und forscht vorwiegend in den Bereichen der Ökonomischen Anthropologie, aber auch zu Erzählforschung, Stereotypen, Fragen der Nation und nationaler Identität sowie der ethnologischen Bildwissenschaft. Meyer studierte Kunstgeschichte, Anglistik und Europäische Ethnologie in Tübingen, Münster und Sheffield. Von 2002 bis 2004 war sie DAAD-Hochschullektorin im „German Department“ der Universität Nottingham und danach bis 2010 Universitätsassistentin für Europäische Ethnologie an der Universität Münster. 2010 wechselte sie an die Universität Innsbruck und habilitierte dort 2015.

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