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Was Biofictions über Gender erzählen

Clara Schumann, die Frau von Robert Schumann, war selbst eine große Pianistin. Ihr Leben in der Rolle als Ehefrau, Mutter und Musikerin wurde mehrfach verfilmt. Für die Forschung sind Biofictions aufschlussreiche Dokumente darüber, wie sich Gendervorstellungen historisch entwickelt haben. (Franz Seidel 1837) Quelle: Wikimedia

Für Forschende stellen zeitgenössische biografische Fiktionen eine interessante Hybridform dar, die Elemente der literarischen Fiktion wie auch der Biografie vereint. „Dieses Genre hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen erstaunlichen Popularitätsschub erlebt“, sagt Julia Lajta-Novak. Was es für die Literaturwissenschaft besonders aufschlussreich macht, sind die Spannungsfelder, in denen diese Biofictions stehen: zwischen Faktentreue und Erfindung, Identifikation und Verfremdung, Relationalität und Handlungsmacht sowie Genretreue und -brechung.

„Ich will wissen, wie biografische Fiktionen über den Weg einer Figur verfügbare Gendernarrative aufgreifen, widerspiegeln oder brechen“, erklärt Lajta-Novak von der Universität Wien. Ihre Hauptfragen in dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt „Die Künstlerin im biografischen Roman: Gender und Genre“ sind: Wie werden historische Künstlerinnen im kulturellen Gedächtnis erinnert – und wofür? Den theoretischen Unterbau liefert vor allem die gendertheoretische Biografieforschung.

Modelle weiblicher Identität  

Lajta-Novak interessieren Figuren, die mehrfach behandelt wurden: etwa die Komponistin und Pianistin Clara Schumann. Anhand von Filmen über ihr Leben lassen sich historische Gendervorstellungen exemplarisch nachzeichnen und gegenüberstellen. „Der 1944 erschienene Film ‚Träumerei‘ hat das Thema der Pflicht im Fokus. So sagt Clara Schumanns Pflichtgefühl ihr, dass sie die Musik ihres Ehemanns propagieren muss“, erklärt die anglistische Literaturwissenschaftlerin. In „Song of Love“aus dem Jahr 1947 wird Clara Schumann als öffentlichkeitsscheue, ewig liebende Frau und Mutter gezeichnet. In „Frühlingssinfonie“, 1983 erstausgestrahlt, fungiert sie hingegen als Sexidol. „Geliebte Clara“erschien im Jahr 2008. „Der Film erzählt die Geschichte einer unabhängigen, starken Frau, die sich durch alle Turbulenzen kämpft. Sie entscheidet sich gegen Johannes Brahms – der historischen Clara wird oft eine Affäre mit ihm unterstellt – und für ihre Eigenständigkeit“, erklärt Lajta-Novak.

Kulturhistorische Zeugnisse 

Doch nicht nur solche Deutungsmuster geben viel über ihre Entstehungszeit preis. Auch Auslassungen tun dies. Dies zeigen Werke über die Dichterin Elizabeth Barret-Browning. Autor:innen der 1950er-Jahre sparten den Fakt aus, dass ihr zukünftiger Ehemann, mit dem sie heimlich nach Italien zog, sechs Jahre jünger war als sie – wohl, weil eine solche Verbindung nicht in das Frauenbild der Zeit passte. Auch in Werken über das Leben von Nell Gwyn, Schauspielerin und Mätresse des englischen Königs Karl II., kommen solche Auslassungen vor. So thematisieren manche Autor:innen nicht, dass Eleanor Gwyn wahrscheinlich schon jung als Prostituierte arbeiten musste.  

Damit Biografien in Genrekonventionen passen, nahmen Autor:innen zudem oft Änderungen vor. So enden historische Liebesromane häufig mit einer Hochzeit – oder zumindest der Aussicht darauf. „Eleanor Gwyn aber war nur eine von mehreren Mätressen des Königs. Manche Romane machen es sich leicht. Sie enden genau zu dem Zeitpunkt, an dem König Karl II. und Nell Gwyn zusammenkommen und sie schwanger wird – und kurz bevor die zweite Mätresse auf den Plan tritt“, erklärt Lajta-Novak. Dies passiert, um die Geschichte in das romantische Erzählmuster einzupassen.

Genderpolitische Ideologien

Die Auswahl einer Figur, deren Leben in einer biografischen Fiktion behandelt wird, kann zudem auch eine genderpolitische Entscheidung sein. Exemplarisch zeigt dies James Miranda Barry. Geboren Ende des 17. Jahrhunderts als Margaret Ann Bulkley arbeitete Barry als Militärchirurg. Erst nach dem Tod wurde bekannt, dass Barry als biologisch weiblich geboren wurde – also wahrscheinlich als Transgender lebte. Der 1977 erschienene Roman „The Perfect Gentleman“ erzählt Barrys Geschichte unter einem feministischen Blickwinkel. Jenem einer Frau, die sich als Mann verkleidete, um in einer maskulin dominierten Welt Karriere zu machen. Im Jahr 1999 erschien der Roman „James Miranda Barry“der queeren Autorin Patricia Duncker. In ihm lässt sie Barrys Geschlecht offen und spielt mit Pronomina. „Die Figur James Miranda Barry zeigt auch, welche Exemplar-Funktion historische Figuren erfüllen können. So können historische, biografische Texte marginalisierten Gruppen einen Möglichkeitsraum eröffnen, um sich zu identifizieren“, sagt Lajta-Novak.

Solche Beispiele zeigen, wie sich Lebenserzählungen historischer Figuren mit der Zeit ändern. Ein weiteres ist der 2021 erschienene Roman „Hamnet“. In ihm behandelt die Schriftstellerin Maggie O’Farrell – ganz im Sinne von „herstory“ –, wie Agnes Shakespeare mit dem Tod ihres Sohnes Hamnet hadert. Dessen prominenter Vater bleibt in dem Werk namenlos. „Dass vermeintliche historische Randfiguren in den literarischen Fokus rücken, zeigt, wie lebendig und zeitgenössisch das Genre der biografischen Fiktionen ist“, so Lajta-Novak.

Forschungsoutput

Vergangenes Jahr publizierte die Wissenschaftlerin ihre Erkenntnisse im European Journal of Life Writing gemeinsam mit ihrer Kollegin Eugenie Theuer. Im Herbst 2022 wird sie im Journal Biography das Paper „Screening Clara Schumann: Biomythography, Gender and the Relational Biopic“ veröffentlichen und gemeinsam mit der Kollegin Caitríona Ní Dhúill den Sammelband „Imagining Gender in Biographical Fiction“ herausgeben.


Zur Person

Julia Lajta-Novak ist eine anglistische Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Autorin und bekleidet zurzeit eine Laufbahn-Professur für englische Literatur an der Universität Wien. Sie studierte Anglistik, Musik sowie Kulturmanagement in Wien, Edinburgh und London und forschte bereits am Kings’ College London, den Universitäten London und Oxford sowie der Universität Salzburg. Für ihre Forschung erhielt sie unter anderem den Theodor Körner Preis, den Dr. Maria Schaumayer Preis und den DOC Award der Stadt Wien. Für ihr Forschungsprojekt „Poesie des Sprechens: Britische Lyrik-Performance, 1965–2015“ erhielt sie im Jahr 2020 den START-Preis des Wissenschaftsfonds FWF sowie den Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats.

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