Wie wird man Spitzenpolitiker:in in Österreich? Der Soziologe Philipp Korom hat die KarriereverlĂ€ufe der politischen Elite der Zweiten Republik untersucht. Bild: SchĂŒler:innenparlament (ÖSIP) 20.6.2022 © Parlamentsdirektion/Thomas Topf

Wissenschaftliche Arbeiten darĂŒber, wie eine „typische“ österreichische Politbiografie ausschaut, gibt es einige. Sie kommen fĂŒr gewöhnlich aus der Politikwissenschaft und beschĂ€ftigen sich mit der Frage, wer ins Parlament kommt und was diese Personen verbindet. Eine typische Frage wĂ€re zum Beispiel: War eine betreffende Person in einer Parteijugend – ja oder nein? Aber vielleicht ist darĂŒber hinaus ja auch die Frage interessant, fĂŒr wie lange. Oder in welchem Alter der Eintritt erfolgte.

Da setzt die Arbeit von Philipp Korom, Soziologe an der UniversitĂ€t Graz, und seinem Team aus Studierenden an. Im vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt „Nationale und lokale politische Eliten in Österreich“ werden die LebenslĂ€ufe der politischen Eliten miteinander verglichen – und zwar auch auf der zeitlichen Ebene. Das Ziel: eine umfassende Erhebung der LebenslĂ€ufe von Spitzenpolitiker:innen in Österreich im Zeitverlauf, um Gemeinsamkeiten, Unterschiede und VerĂ€nderungen zu erfassen. „Vom Versuchsaufbau ist es eine klassische elitensoziologische Arbeit“, so Korom. Man arbeite dabei eine „Kollektivbiografie“ heraus, also einen typischen Werdegang einer sozialen Gruppe. In der Fachsprache nennt man diese Methode Prosopografie.

Erhebung von Biografiedaten aus 70 Jahren

Das HerzstĂŒck des Projekts ist der Datensatz, fĂŒr den die Karrieren von ĂŒber 1.500 Politiker:innen, darunter alle Mitglieder des Nationalrats von 1950 bis 2019, codiert wurden. „Das war eine Mammutaufgabe“, sagt Korom. Es habe zwar etliche DatensĂ€tze gegeben, mit denen immer wieder gearbeitet wurde („Jede Generation hatte da ihren eigenen“), aber keinen mit einem derart breiten und systematischen Zugang. Der Datensatz soll in Zukunft ĂŒber AUSSDA, das österreichische Archiv der Sozialwissenschaften, auch anderen Wissenschaftler:innen zur VerfĂŒgung stehen.

FĂŒr die Analyse der Biografien kommt die Sequenzanalyse zum Einsatz – ein Verfahren, das ursprĂŒnglich aus der Molekularbiologie kommt und dort zur EntschlĂŒsselung von genetischen Mustern genutzt wird. Der berufliche Lebenslauf eines:einer Politiker:in wird darin als Folge verschiedener Berufsstadien abgebildet, die jeweils ĂŒber eine bestimmte Zeit andauern. Man wĂŒrde dort zum Beispiel sehen, dass Sebastian Kurz und Gernot BlĂŒmel bereits im Teenager-Alter in die Junge ÖVP eintraten (die klassische Parteikarriere, gerne „Ochsentour“ genannt), Pamela Rendi-Wagner aber erst mit Mitte 40 in die SPÖ. Mittels verschiedener Matching-Verfahren können die Wissenschaftler:innen Überschneidungen finden, Cluster bilden und so letztlich Typologien typischer Elitekarrieren erstellen. „Wir schauen uns also nicht nur an, ob zwei Politiker:innen idente Karrierestationen hatten“, erklĂ€rt Korom. „Sondern auch, ob sie diese zum selben Zeitpunkt im Leben hatten.“

Wenig VerÀnderung im Rekrutierungssystem

Das Projekt an der UniversitĂ€t Graz ist ein Folgeprojekt. In den Jahren davor beschĂ€ftigte sich Korom, ebenfalls vom FWF gefördert, mit den LebenslĂ€ufen akademischer Eliten. Das aktuelle Forschungsprojekt startete 2019 und lĂ€uft bis JĂ€nner 2023. „Es haben sich dann drei große Fragen herauskristallisiert, die wir mithilfe der Daten beantworten wollten“, erlĂ€utert Korom. „Die erste Frage: Hat sich an den Rekrutierungssystemen der Parteien fĂŒr den Nationalrat etwas verĂ€ndert? Die zweite: Warum waren Frauen im Nationalrat so deutlich unterreprĂ€sentiert, zumindest bis vor wenigen Jahren? Und die dritte: Wer kommt in die verschiedenen AusschĂŒsse?“ FĂŒr alle drei Forschungsfragen sind bereits Ergebnisse vorhanden, die in Vorbereitung zur Publikation in Fachjournalen sind.

„Das Interessante ist, dass sich die Rekrutierungssysteme im Verlauf der Zweiten Republik kaum verĂ€ndert haben, obwohl sich das Parteiensystem verĂ€ndert hat“, sagt der Soziologe. Es sei natĂŒrlich nicht alles gleich geblieben: In der SPÖ sei die Gewerkschaft als Rekrutierungspool ab den 70er-Jahren weniger relevant geworden, in der ÖVP hĂ€tten heute weniger Abgeordnete einen Bauernbund-Hintergrund. „Aber im Wesentlichen haben die Abgeordneten ĂŒber den gesamten Zeitverlauf sehr Ă€hnliche Biografien.“ In der ÖVP zeige sich beispielsweise die bĂŒndische Struktur, egal welchen Zeitverlauf man sich anschaue. Und auch fĂŒr die langjĂ€hrige und weiter bestehende UnterreprĂ€sentation von Frauen im Nationalrat lassen sich in den Daten ErklĂ€rungsansĂ€tze finden. „Es zeigt sich, dass der Sprung aus der Kommunalpolitik, zum Beispiel vom BĂŒrgermeisteramt, in den Nationalrat eher MĂ€nnern offensteht.“

Raum fĂŒr Folgeforschung

Korom betont, dass in dem Projekt viele Fragen nur angerissen werden konnten. Aber es öffne – nicht zuletzt durch den Datensatz – den Raum fĂŒr Folgeforschung. Bleibt eigentlich nur mehr eine Frage: Hat Korom, der Biografien von ĂŒber 1.500 österreichischen Politiker:innen kennt, einen Tipp fĂŒr den Nachwuchs? Was sollte ich tun, wenn ich 18 Jahre alt bin und irgendwann in den Nationalrat will? „Die Antwort auf diese Frage ist 2022 dieselbe wie 1970: Man sollte die Ochsentour machen. Das erhöht die Chance auf eine Politkarriere am meisten.“


Zur Person

Philipp Korom studierte Soziologie und Psychologie in Graz, Florenz und Straßburg. Er habilitierte sich an der UniversitĂ€t Wuppertal. 2013 erhielt er den Dissertationspreis der Österreichischen Gesellschaft fĂŒr Soziologie. 2020 wurde er von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit dem Gustav-Figdor-Preis fĂŒr Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Das Forschungsprojekt „Nationale und lokale politische Eliten in Österreich“ (2019–2023) wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit 329.000 Euro gefördert.


Publikationen (Preprints)

Korom, Philipp: What Explains the Post-Quota Gender Gap in National Parliaments? On Gendered Career Opportunities in Multi-Level Austria, 2022 

Korom, Philipp: Half a Century of Little Change within the Austrian Legislative Elite. A Prosopographical Study of ÖVP and SPÖ Members of Parliament (1945-2019), 2022  

Korom, Philipp: Who runs Parliamentary Committees? Insights from the Austrian Case, 2022