Ein kleines Containerdorf aus roten HĂŒtten direkt an der antarktischen KĂŒste. Im Meer hat ein Polarforschungsschiff angelegt, Schnee und Gletscher im Hintergrund
Die spanische Polarforschungsstation Juan-Carlos-I in der Antarktis ist Basis fĂŒr das Forscherteam aus Österreich. © Ulrike Ruprecht/Uni Salzburg

Flechten sind richtig hart im Nehmen. Bestimmte Arten besiedeln alle sieben Kontinente. Andere halten es sogar im Weltall aus. Im Jahr 2005 betrieben zwei Flechtenarten Photosynthese, nachdem sie 15 Tage an der AußenhĂŒlle eines Satelliten in der Erdumlaufbahn verbracht hatten. Ulrike Ruprecht von der UniversitĂ€t Salzburg hat ihre Laufbahn den Flechten gewidmet. „Sie halten die extremen klimatischen Bedingungen aus. Darum zieht es mich so zu ihnen hin“, erzĂ€hlt die Biologin. In einem aktuellen Forschungsprojekt des Wissenschaftsfonds FWF geht sie den Fragen nach, wie Klima, DiversitĂ€t und die Verbreitung von Flechten zusammenhĂ€ngen – und wie die widerstandsfĂ€higen Organismen mit der ErderwĂ€rmung umgehen.

Die wohl am lÀngsten bekannte Symbiose der Welt

Es wird geschĂ€tzt, dass weltweit rund 19.000 Flechtenarten existieren. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sie sich als vielfĂ€ltige, komplexe Symbiose. Den Großteil des Flechtenkörpers bildet ein Pilz, in dem einzellige Algen eingebettet sind. Der Pilz bietet ihnen einen Lebensraum direkt unter seiner OberflĂ€che und schĂŒtzt sie, etwa vor Lichteinstrahlung. Und er erhĂ€lt Energie, indem er die Kohlenhydrate anzapft, welche die Algen durch Photosynthese herstellen.

„Neben den zwei primĂ€ren Symbionten finden wir zudem im Flechtenkörper oder darauf oft viele weitere Pilze und Algen“, sagt Ruprecht. Zudem verfĂŒgt jede Flechte ĂŒber ihr eigenes Mikrobiom, das sich aus einer Myriade an Bakterien zusammensetzt. „Flechten erhalten ihre NĂ€hrstoffe durch die Luft – also etwa durch Regen, Nebel oder Wind. Die Bakterien machen die auf diesem Weg erhaltenen NĂ€hrstoffe dann fĂŒr den Pilz verfĂŒgbar“, so die Forscherin. Sie analysiert VerĂ€nderungen des sogenannten Flechten-Holobioms – also die ganz spezielle Zusammensetzung aus Pilzen, Algen und dem Mikrobiom.

Flechten als Klimasensoren

Die Biologin Ulrike Ruprecht erforscht in der Antarktis und den Alpen, wie sich BiodiversitĂ€t und Wachstum der extrem widerstandsfĂ€higen Flechten durch die KlimaerwĂ€rmung verĂ€ndern. Denn die GrenzgĂ€nger reagieren besonders empfindlich auf UmweltverĂ€nderungen. 

Forschung an den (fast) UnverwĂŒstlichen

Ulrike Ruprecht entschlĂŒsselt, wie sich Holobiome von Flechten, die in den Alpen und der Antarktis vorkommen, zusammensetzen. Sie will herausfinden, wie VerĂ€nderungen in Temperatur, Feuchtigkeit und Druck die komplexe Symbiose von Pilzen, Algen und Bakterien beeinflussen. Das wiederum erlaubt einen Blick in eine wĂ€rmere Zukunft.

Dabei fokussiert sie sich auf die hĂ€rtesten von allen: die sogenannten Krustenflechten, die sich an harte OberflĂ€chen wie Felsen heften und auf der ganzen Welt vorkommen. In der Antarktis, die zu 99,82 Prozent mit Eis bedeckt ist, sind sie, neben Moosen, die wichtigsten Elemente der Vegetation. „Wenn sie ausgetrocknet sind, sind sie fast unverwĂŒstlich. Wird es feucht, etwa wenn Schnee schmilzt oder Nebel aufzieht, werden sie wieder aktiv – und betreiben ihren Stoffwechsel“, erklĂ€rt Ulrike Ruprecht.

Nahaufnahme von Steinflechten und GPS-GerÀt zur Messung des Standorts.
Felsbewohnende Krustenflechten am Mount Usborne auf den Falklandinseln. Das GPS-GerĂ€t misst die geografische Position des Standortes. © Ulrike Ruprecht/Uni Salzburg

Von Seegang, Skalpell und Schneeschuhen

Auch die Flechtenforscherin ist hart im Nehmen. Sie war bereits mehrere Male in der Antarktis, um Flechtenproben zu sammeln. Zuletzt ĂŒberquerte sie 2018 an Bord des spanischen Polarforschungsschiffes HespĂ©rides vier Tage lang die Drake-Passage, die fĂŒr ihren extremen Seegang bekannt ist. „Diese Überfahrt war eine wilde Erfahrung“, erzĂ€hlt die Wissenschaftlerin, die fĂŒr diese Feldforschung einige Wochen an der spanischen Polarforschungsstation Juan-Carlos-I, in der maritimen Antarktis auf der Livingston-Insel auf dem 62. sĂŒdlichen Breitengrad, zu Gast war. FĂŒr weitere Forschungen flog sie in die kontinentale Antarktis an die neuseelĂ€ndische Forschungsstation Scott Base.

Auf der Suche nach Flechten wanderte die Biologin mit Schneeschuhen an den FĂŒĂŸen ĂŒber antarktische Gletscher, flog mit dem Helikopter in TrockentĂ€ler der kontinentalen Antarktis und fuhr, eingepackt in einen dicken Neoprenanzug, mit Schlauchbooten zu weiter entfernten Sammelorten. Hunderte Male kratzte sie mit einem sterilen Skalpell FlechtenstĂŒckchen von Felsen in speziell vorbereitete Röhrchen. Diese Proben ergĂ€nzen einen Datensatz, den sie seit zwei Jahrzehnten auf mehreren Expeditionen sowie in Zusammenarbeit mit Kolleg:innen erstellt. Sie dienen als Basis fĂŒr die Vorhersage zukĂŒnftiger Entwicklungen im Kontext des Klimawandels.

RĂŒckzĂŒge und neue LebensrĂ€ume

In einer jĂŒngst erschienenen Studie hat die Doktorandin Anna Götz nun 673 antarktische Proben dieses Datensatzes analysiert. Sie hat unter anderem errechnet, wie sich das Verbreitungsgebiet der neun hĂ€ufigsten und am weitesten verbreiteten antarktischen Krustenflechten-Arten unter drei verschiedenen Klimaszenarien bis ins Jahr 2100 verĂ€ndert.

Das Ergebnis: In der maritimen Antarktis werden einige Arten ihren Lebensraum verkleinern. Anders gestaltet sich die Lage in drei Regionen der kontinentalen Antarktis, die trockener und kĂ€lter sind. Dort können die meisten Arten ihre LebensrĂ€ume bis zum Ende des Jahrhunderts ausdehnen – und zwar auch bei extremer ErwĂ€rmung. Viele Arten wĂŒrden dann den Berechnungen nach ins Landesinnere wandern. „Wenn das Eis schmilzt, werden viele Krustenflechten einen neuen Lebensraum finden“, erlĂ€utert Ulrike Ruprecht.

Besonders Generalisten haben gute Chancen. Lecidea cancriformis beispielsweise, ein Flechtenpilz der Gattung Lecidea, kann mit sĂ€mtlichen Algenarten eine Symbiose eingehen. „Doch viele Flechtenpilze sind relativ spezialisiert auf gewisse antarktische LebensrĂ€ume“, erklĂ€rt die Biologin. Ihnen falle es in der Regel schwerer, mit der ErwĂ€rmung umzugehen.

Eine junge Forscherin vor einem Meer mit Gletschereis in der Antarktis
Die Ökologin und Projektleiterin Ulrike Ruprecht untersucht die BiodiversitĂ€t von Flechten und wie sich die KlimaerwĂ€rmung auf die widerstandsfĂ€higen Pflanzen auswirken wird. © Ulrike Ruprecht/Uni Salzburg

Wer kommt mit, wenn es wÀrmer wird?

In den Alpen ist die Anpassung schwieriger als in der Antarktis. „Da ist irgendwann der Gipfel die letzte Ausweichmöglichkeit – und das war es dann“, sagt Ruprecht. Sie möchte nun herausfinden, wie die VerĂ€nderung von Variablen wie Temperatur oder Feuchtigkeit die Zusammensetzung des Flechten-Holobioms beeinflusst.

DafĂŒr waren sie und Doktorandin Anna Götz, ausgestattet mit Skalpellen und einer Menge Röhrchen im Sommer 2023 im Nationalpark Hohe Tauern unterwegs. An Standorten in der Seehöhe von 1.170 bis 3.000 Metern Seehöhe sammelten sie insgesamt 175 Proben. Erste Analysen zeigen, dass sich die Zusammensetzung des Flechten-Holobioms in verschiedenen Höhenstufen klar verĂ€ndert.

Aktuell durchleuchten die Forscherinnen das Holobiom von 250 Proben aus der Antarktis, den Alpen sowie dem sĂŒdlichen SĂŒdamerika – vorrangig von Flechtenpilzarten, die an mehreren Standorten vorkommen. „Wir analysieren, wie sich das Flechten-Holobiom entlang von klimatischen Gradienten unterscheidet“, erörtert Ruprecht. Klimatische Gradienten beschreiben vereinfacht gesagt die zeitliche oder rĂ€umliche VerĂ€nderung von Messwerten, etwa der Lufttemperatur entlang der Meereshöhe oder von Nord nach SĂŒd. Um zu Erkenntnissen zu gelangen, benötigt es allerdings Zeit und Rechenleistung.

Winzige Organismen, riesige DatensÀtze

Als ersten Schritt muss der molekulare Bauplan der Proben entschlĂŒsselt werden, also ein MolekĂŒl, in dem die genetische Information anhand von vier Basen codiert ist: die DNA. Dazu bearbeitet Ulrike Ruprecht die Proben zuvor mit flĂŒssigem Stickstoff. „Schließlich sind Flechten stabile Dinger. Da bekommt man die DNA nicht so einfach heraus“, sagt sie.

Als nĂ€chsten Schritt extrahiert die Forscherin die gesamte DNA der Probe. Diese setzt sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Algen, Pilze und Bakterien zusammen. Um herauszufinden, welche Organismen die Probe enthĂ€lt, helfen sogenannte Primer. Diese individuellen, kĂŒnstlich hergestellten DNA-StĂŒcke binden an einem spezifischen Teil der DNA und markieren dieses, wodurch ein klar definierter Teil der DNA vervielfacht wird. Dieser wird dann sequenziert. „Mittlerweile gibt es Primer fĂŒr jedes StĂŒck im Genom“, erklĂ€rt Ulrike Ruprecht. Am Ende des Prozesses weiß sie, durch die Zuordnung der Sequenzen in einer Datenbank, welche jeweiligen Organismen die Probe enthielt.

Zukunft der Flechten prognostizieren

Diese Daten verknĂŒpfen die Forscherinnen mit 19 sogenannten Klimavariablen. Diese errechnen sich aus Temperatur und Niederschlag des Standortes, an dem die Probe entnommen wurde. ZusĂ€tzlich werden Breitengrad und Seehöhe berĂŒcksichtigt. Alle Daten fließen wiederum in statistische Modelle ein. Mit der Methode der sogenannten ökologischen Nischenmodellierung lassen sich aktuelle und zukĂŒnftige Verbreitungsgebiete einzelner Flechtenarten errechnen. Die Analyse hilft darzustellen, welche Flechte mit welchem Holobiom an welchem Standort vorkommt – und ob das auch in Zukunft so bleibt. „Aus unseren Ergebnissen können wir unter anderem ableiten, welche Arten sich in Zukunft weiterverbreiten werden, welche zurĂŒckgehen oder wohin sie migrieren werden“, sagt Ulrike Ruprecht. „Ich bin selbst gespannt, was wir noch finden werden.“

Zur Person

Ulrike Ruprecht ist Postdoc und als Projektleiterin am Fachbereich Umwelt und BiodiversitĂ€t der Paris Lodron UniversitĂ€t Salzburg tĂ€tig. Sie promovierte in Ökologie mit Schwerpunkt auf BiodiversitĂ€t, Lichenologie (Flechtenkunde) und evolutionĂ€rer Systematik. In ihrer Forschung befasst sie sich mit kĂ€lteangepassten Organismen, insbesondere steinbewohnenden Krustenflechten in polaren und hochalpinen LebensrĂ€umen. Das Forschungsprojekt „Flechten-Holobiom-DiversitĂ€t entlang klimatischer Gradienten“ wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit 340.000 Euro gefördert und lĂ€uft bis Ende 2026.

Publikationen

Future range shifts and diversity patterns of Antarctic lecideoid lichens under climate change scenarios, in: Global Change Biology Communications 2025

Aurantiothallia and Hertelaria, two new genera of porpidioid Lecideaceae (Ascomycota, Lecanoromycetidae, Lecideales), and other new porpidioid taxa from Tasmania, in: The Lichenologist 2025

Two new species of the genus Lecidella (Lecanoraceae, Ascomycota) from maritime Antarctica, southern South America and North America, in: The Lichenologist 2024