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Mischen wie im Farbkasten

Seit 2019 untersucht ein österreichisch-deutsches Forschungsteam in den inzwischen umkämpften Regionen der Südukraine (Odessa – Mykolajiw – Cherson) die Geschichte des „Surzhyk“. Die Mischsprache aus Russisch und Ukrainisch, wird von vielen Ukrainer:innen im Alltag gesprochen. Quelle: BBC, Institute for the Study of War

Wer in der Kindheit mit Wasserfarben gemalt hat, der kennt die fast endlosen Möglichkeiten, die Farbmischungen bieten. Gefällt einem das Standardgrün im Farbkasten nicht, kann man sich selbst einen Grünton aus Gelb und Blau mischen. Der Farbkasten ist auch das Beispiel, das Tilmann Reuther von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt benutzt, wenn er über seine Forschung spricht. Nur dass der Slawist sich nicht mit Farben beschäftigt, sondern mit „Surzhyk“ – einer Mischsprache aus dem Ukrainischen und dem Russischen, die von einer großen Anzahl der Einwohner:innen der Ukraine im täglichen mündlichen Sprachgebrauch verwendet wird. Seit 2019 untersucht Reuther in Kooperation mit der deutschen Universität Oldenburg „Ukrainisch-russisches und russisch-ukrainisches Code-Mixing“ in einem Projekt, das vom Wissenschaftsfonds FWF und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird.

Das heutige Russisch und das heutige Ukrainisch entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts. Grammatisch sind die beiden slawischen Schriftsprachen fast deckungsgleich. Im Wortschatz gibt es aber bedeutende Unterschiede. Ukrainisch ist dem Polnischen näher, viele Lehnwörter fehlen im Russischen. Ad hoc sind die beiden Sprachen nicht ohne Weiteres untereinander verständlich, man braucht dafür Übung.

Industrialisierung bringt Anpassung an das Russische

Mischsprache bedeutet nicht, dass Russisch und Ukrainisch Sprechende in den Surzhyk wechseln, um sich miteinander verständigen zu können. „Surzhyk ist eine mündliche Sprachform, deren Verwendung von der Kommunikationssituation bestimmt wird“, erklärt Reuther. „Ein im Alltag Surzhyk sprechender Bewohner aus der Umgebung von Odessa wird zum Beispiel bei offiziellen Terminen in der Stadt versuchen, ein gepflegtes Ukrainisch oder Russisch zu verwenden.“ Russisch, Ukrainisch und der mündliche Surzhyk sind drei verschiedene Sprachcodes. Viele Bewohner:innen der Ukraine (man schätzt um die zehn Millionen) können zumindest zwei dieser Codes gut sprechen und zwischen ihnen wechseln.

Der Surzhyk entstand aus einer Notwendigkeit heraus während der Industrialisierung. Im 19. Jahrhundert wurden in vielen vormals agrarischen Gebieten in der Zentralukraine städtische Strukturen geschaffen. Dort trafen Arbeiter:innen aus den umgebenden Dörfern auf zugewanderte Russisch sprechende Personen. Die Ukrainer:innen mussten sich zumindest ein Stück weit an die Russisch sprechenden Fachkräfte anpassen. So entstand „Alt-Surzhyk“, eine Mischsprache, bei der der Anteil des Ukrainischen höher war. „Dieser Alt-Surzhyk ist für den zentralukrainischen Raum in einem Vorgängerprojekt beschrieben worden“, sagt Reuther. „Wir konzentrieren uns jetzt auf einen Raum in drei Regionen an der Schwarzmeerküste, bei dem wir davon ausgehen können, dass er bereits von vornherein recht stark russisch geprägt war.“

Hoher Anteil in der Südukraine

Diese Gegend in der Südukraine gehörte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zum Osmanischen Reich. Als sie dem Zarenreich zufiel, wurde sie innerhalb von 30 Jahren neu besiedelt – von Ukrainer:innen, Russ:innen, aber auch Griech:innen oder Bulgar:innen. Die dominierende Umgangssprache war Russisch. Doch auch viele ukrainischsprachige Menschen wanderten in die neuen Ländereien ein, weil die Lebensbedingungen dort auch schon vor der Abschaffung der Leibeigenschaft (erst 1861) freier waren.

„Potenziell wird der Anteil an Menschen, die eine Mischsprache sprechen, in diesem Raum höher sein als in der Zentralukraine“, sagt Reuther. Die These der Forschenden geht aber noch weiter: Sie gehen davon aus, dass es sich um einen „Neo-Surzhyk“ handelt: Eine andere Variante der Mischsprache mit einem höheren Anteil des russischen Wortschatzes. „Wir fragen uns je nach Region: Ist die Basis für diese Mischung stärker das Ukrainische oder das Russische?“, sagt Reuther. „Diese Frage lässt sich, so die Hypothese, für unterschiedliche Regionen der Ukraine aufgrund ihrer demografischen Situation unterschiedlich beantworten.“

Studierende ermöglichen Fortführung der Datenerhebungen

Das Projekt wurde im Datenteil in enger Abstimmung mit einem in der Zentralukraine abgeschlossenen Projekt der Partneruniversität Oldenburg konzipiert. Das nun tätige Forscher:innenkollektiv wollte vergleichbare Daten in einer neuen Region erheben. Der geplante Ablauf war folgendermaßen: Soziolog:innen in der Ukraine sollten 1.200 Fragebogen-Interviews in der Region führen; danach sollten Tiefeninterviews mit 120 Personen folgen, die im Fragebogen angegeben hatten, Surzhyk im Alltag zu verwenden. Im Klagenfurter Projektteil, so die Innovation, sollten die Daten dann einer Inhaltsanalyse unterzogen werden, um mögliche Korrelationen zwischen der Sprachbiografie und der verwendeten Sprache zu finden.

Die erste Aufgabe konnte bis Februar 2020 erledigt werden. Als Corona ausbrach, wurde aber rasch klar, dass die Partnerfirma in der Ukraine die Tiefeninterviews nicht durchführen können würde. Die Rettung kam in Form einer Kooperation mit Journalismus-Studierenden in Odessa, die unter Anleitung ihrer Professorin einsprangen. Mit Stand April 2022 sind die empirische Datenerhebung und die Transkription der Interviews abgeschlossen. „Wir sind etwa ein Dreivierteljahr im Verzug“, sagt Reuther. Der Antrag auf eine kostenwirksame Projektverlängerung ist in Vorbereitung.

Belege für russisch-basierte Alltagssprache

Da die Analyse der Daten laufend erfolgte, gibt es allerdings schon ein paar vorsichtige Anhaltspunkte für die Vertiefung. „Wir haben Hinweise darauf, dass es einen russisch-basierten Surzhyk tatsächlich gibt“, betont Reuther. In der Inhaltsanalyse habe man sich bislang auf Personen konzentriert, die für ein Studium aus ihrem Surzhyk sprechenden Herkunftsort nach Odessa gegangen sind. Diese jungen Leute können also alle drei Varianten: Sie haben in der Schule Ukrainisch erlernt, im Alltag Surzhyk gesprochen und kommunizieren jetzt in Odessa im dort vorherrschenden Russisch. Was auffällig ist: Es werden von diesen drei Codes im Wesentlichen zwei praktiziert, in beliebiger Kombination. Manche legen sogar erlernte Codes im Alltag ab, weil sie nicht mehr benötigt werden. „Bei Sprache kommt es eben auf den sozialen Kontext an“, erklärt Reuther. Nicht jeder Code sei für jede Situation geeignet. „Ein bisschen wie im Farbkasten: Da muss ich auch schauen, welche Farbe gerade passt.“


Zur Person

Tilmann Reuther studierte slawische Sprachen in Wien, Klagenfurt und der ehemaligen Sowjetunion. Seine Spezialgebiete sind Lexikologie, Code-Mixing und vergleichende Sprachwissenschaft. Reuther absolvierte zahlreiche Forschungsaufenthalte in Russland und Übersee (Kanada). Von 2005 bis zu seiner Emeritierung 2018 war er Inhaber einer Stelle als außerordentlicher Professor am Institut für Slawistik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Das vom Wissenschaftsfonds FWF mit 309.000 Euro geförderte internationale Projekt „Ukrainisch-russisches und Russisch-ukrainisches Code-Mixing“ läuft noch bis April 2023.


Mehr zum Projekt

Gerd Hentschel, Tilmann Reuther: Ukrainisch-russisches und russisch-ukrainisches Code-Mixing. Untersuchungen in drei Regionen im Süden der Ukraine. Ein dreijähriges Forschungsprojekt im Rahmen des D-A-CH-Programms von FWF und DFG, in: Colloquium: New Philologies Vol. 5, 2020

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