Im Porträt

Die Begrenztheit des Raumes

Der Geograf und Raumforscher Alois Humer sucht Lösungen für eine integrative sowie nachhaltige Stadt- und Regionalplanung. Im Rahmen eines vom FWF geförderten Akutprojekts untersucht er die Auswirkungen der Coronapandemie auf die Raumentwicklung. Das Forschungsteam v.l.n.r.: Elisabeth Gruber, Chiara Kupnik, Jiannis Kaucic, Alois Humer, Julia Haberfellner, Yvonne Franz, Sandra Guinand, Peter Görgl und Martina Schorn. Quelle: Daniel Dutkowski/Universität Wien

Dutzende Hitzetote in Kanada, verheerende Waldbrände in den USA, Südeuropa und Russland, Starkregen, Überschwemmungen und Murenabgänge, die ganze Ortschaften unter sich begraben – der Sommer 2021 hat deutlich gemacht: Der Klimawandel ist da und mit ihm Wetterextreme mit all ihren Folgen. Eine aktuelle Studie der Universität Kalifornien zeigt zudem, dass sich die Hitzebelastung in den Städten weltweit fast verdreifacht hat. Die Ursachen sind Klimawandel, Bevölkerungswachstum und Verbauung. Hitzeinseln in Städten, Zersiedelung am Land, steigende Verkehrsbelastung: Die Stadt- und Regionalplanung ist hier gefragt, nachhaltige Lösungen zu finden.  

Österreich verbaut täglich 16 Fußballfelder

Österreich ist Europameister im Versiegeln seines Bodens. Hierzulande werden täglich Wiesen und Äcker in einem Ausmaß von 16 Fußballfeldern verbaut. Produktive Böden verschwinden unter Straßen, Siedlungen, Shoppingcentern und Gewerbeparks. Erdreich wird weggebaggert für Skipisten, Lifte und Wasserspeicher. Gleichzeitig schätzt das Umweltbundesamt die Größe verbauter, aber leerstehender Flächen auf 40.000 Hektar.

Problem Zersiedelung und „Donutdörfer“

Laut Bodenreport des WWF von Februar 2021 betrifft der Flächenfraß besonders drei Problemfelder. Einer der Treiber in Österreich ist die Zersiedelung, viele Menschen ziehen an die Ortsränder. Gemeinden fransen so immer weiter in die umliegende Landschaft aus. Zweitens drängen Supermärkte, Gewerbeparks und Logistikzentren in der Nähe von Siedlungen in Grünräume vor. Die Ortskerne sind gekennzeichnet von leerstehenden Geschäften und Lokalen. Wenn Ortskerne aussterben und gleichzeitig ihre Ränder wachsen, sprechen Raumplanerinnen und Raumplaner von „Donut-Dörfern“. Durch Abwanderung des Einzelhandels, der Produktionsstätten und der Wohngebiete an die Ortsränder kommt es wiederum zu einer größeren Verkehrsbelastung, weil mehr Straßen und Parkplätze gebaut werden. Österreich hat mit 15 Metern Straße pro Kopf das dichteste Straßennetz Europas. 

Nur noch sieben Prozent „Freiräume“

Das dritte Problemfeld ist die Errichtung von industriellen Skigebieten und Wasserkraftwerken. Laut WWF gelten nur mehr sieben Prozent der Landesfläche Österreichs als „Freiräume“. Diese Rückzugsorte für die Natur sind zum überwiegenden Teil im Gebirge zu finden. Die Folgen der Verbauung sind massiv und weitreichend, denn Böden, die mit Asphalt oder Beton versiegelt sind, verlieren ihre biologische Funktion: Sie können kein Wasser verdunsten, heizen sich stark auf und erhöhen die lokale Temperatur. Versiegelter Boden erhöht zudem das Hochwasserrisiko, weil er kein Wasser aufnehmen kann – angesichts der zu erwartenden Zunahme von Starkregenereignissen und Überschwemmungen ein drängendes Umweltproblem.

Bedrohte Artenvielfalt und geringere landwirtschaftliche Produktion

Straßen zerschneiden auch Landschaften und verhindern damit die Ausbreitung und Wanderung von Pflanzen und Tieren. Das wiederum bedroht die Artenvielfalt. Der fortschreitende Bodenverbrauch, der zumeist landwirtschaftlich genutzten Boden betrifft, hat neben den ökologischen auch negative wirtschaftliche Folgen. Ackerland für die Nahrungsmittelproduktion geht verloren – die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten steigt.

Die Neubildung von 1 cm3 Humus dauert 100 bis 200 Jahre.

Raumentwicklung und Klimawandel langfristige Prozesse

Bodenversiegelung kann zwar rückgängig gemacht werden, doch die Entsiegelung ist ein kostspieliger und zeitaufwendiger Prozess. Und zu bedenken ist auch: Bodenneubildung ist langwierig, denn die Neubildung von 1 cm3 Humus dauert 100 bis 200 Jahre. Damit wird das Schwierige an der Raumentwicklung ersichtlich: Es handelt sich, wie beim Klimawandel auch, um einen sehr langfristigen Prozess. In der Raumforschung spricht man von der „Persistenz des Raumes“: Einmal gesetzte, raumfeste Aktivitäten wie Bauten und Straßenverbindungen bleiben über lange Zeit bestehen und können einander sogar noch verstärken. Diese Langfristigkeit ist ein großes Problem. Aber – und das ist die gute Nachricht – sie kann sich genauso gut positiv auswirken. Denn erzeugt man jetzt schon Raumstrukturen, die zum Beispiel wenig unnötigen Verkehr nach sich ziehen, oder ermöglicht man Wohnumfelder, wo es kurze Wege zu Bildung, Dienstleistungen, Gesundheitsversorgung und Naherholung gibt, dann wirken diese genauso langfristig – aber eben positiv!

Neuer Fokus auf alte Strukturen

„Es ist eine große Herausforderung, das in der Praxis richtig zu machen“, sagt Alois Humer. Doch wenn zum Beispiel der Fokus in Innenstädten weg von autogerecht hin zu fußgängergerecht gelegt wird, gewinnen oft jahrhundertealte Strukturen wieder an Bedeutung. Der Geograf der Universität Wien nennt ein Beispiel: „Bei der Untersuchung von Kleinstädten – wie etwa Mödling – erkennt man, dass Straßenzüge in der Altstadt, die vor Jahrhunderten angelegt wurden und noch da sind, wieder gut verwendbar sind.“

Legt man den Fokus in Innenstädten von autogerecht auf fußgängergerecht, gewinnen oft jahrhundertealte Strukturen wieder an Bedeutung. So wie hier in Mödling. Quelle: Gerhard Wild/picturedesk.com

„Da ist der Hund begraben“

Eine grundsätzliche Schwierigkeit in der Raumplanung sieht der Experte in einem Widerspruch zwischen der Begrenztheit des Raumes und der Tatsache, dass unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem auf Wachstum ausgerichtet ist. „Da ist von vornherein der Hund begraben“, stellt er fest und sieht in diesem Konflikt eine höchst gesellschaftsphilosophische Frage. „Wir können nicht jedem Mitglied der Gesellschaft die volle, rücksichtslose Entwicklung im Raum zugestehen. Es braucht die demokratisch richtigen Mittel, um den Raum zu verteilen und Raumgerechtigkeit zu schaffen. Das ist in der Praxis sehr schwer. Das können wir nur als Gesellschaft beantworten“, stellt der 40-Jährige fest. Dieser Prozess wird zudem erschwert durch verschiedene Zeitlichkeiten: Die Gesellschaft denke in Alltagsschritten, die entscheidungsbeauftragte Politik denke in Wahlzyklen, aber räumliche Entwicklung sei in Jahrzehnten zu denken.

Es braucht demokratisch richtige Mittel, um den Raum zu verteilen.

Zersplitterte Kompetenzen

Erschwerend kommt hinzu, dass in Österreich die Kompetenzen über raumwirksame Politikbereiche zwischen Bund, Ländern und Gemeinden zersplittert sind. Der Bund ist etwa für Forst- und Wasserrecht zuständig, die Länder für Raumplanung und Bauordnung. Die Gemeinden dürfen die Flächen aber letztendlich umwidmen. So entscheiden Bürgermeisterinnen bzw. Bürgermeister, ob ein Gewerbepark errichtet wird oder nicht, und Gemeinden buhlen um Betriebe, die sich auf deren Gebiet ansiedeln und schließlich über die Kommunalsteuer Geld in die Gemeindekasse spülen. In Österreich gibt es gut 2.000 Gemeinden, die jede für sich für die Raumplanung zuständig sind.

Globale Ziele regional umsetzen und Gemeinden vernetzen

Wie diese Herausforderungen der Raumplanung angesichts der Klimaerwärmung gelöst werden können? Die globalen Ziele, so der Geograf, müssen zuallererst auf die regionale Ebene der Ortschaften, Gemeinden und Städte heruntergebrochen werden. So erst seien sie überhaupt bearbeitbar.

Danach ist die erste, wichtigste Strategie die Vernetzung von Orten und Regionen. Man müsse großräumiger denken. Schon jetzt gibt es immer mehr Initiativen, bei denen sich mehrere Kleingemeinden zu überregionalen Kooperationen zusammenschließen. Ein Beispiel ist die oberösterreichische INKOBA (Interkommunale Standortentwicklung und Betriebsansiedlung). Dort schaffen mehrere Gemeinden nur einen, zentralen Industriestandort, dessen Abgaben allen Gemeinden zugutekommen und nicht nur jener, wo sich das Gewerbe ansiedelt.

City Deals – integrative Raumordnung über Anreize

Es gibt eine Reihe internationaler Beispiele für solche überregionale Vernetzung. In Großbritannien gibt es die sogenannten City Deals. Über Anreize soll integrative Raumordnung gefördert werden. Stadtregionen schließen mit der nationalen Ebene Verträge für Sonderförderungen von Großprojekten ab. So können beispielsweise Wohnstandorte mit Netzen des öffentlichen Verkehrs verknüpft werden. Ein ähnliches Beispiel gibt es in Finnland mit den sogenannten MAL-Agreements, wo Sektoren wie Flächenwidmung, Wohnungs- und Verkehrswesen, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen in Regionen – auch über Gebietskörperschaften hinweg – gemeinsame Standortstrategien verfolgen. Für diese Initiativen gibt es dann Sonderfördertöpfe des Bundes. „Das müsste man sich in Österreich trauen“, sagt der gebürtige Oberösterreicher. „Man würde zwar die Kompetenzen nicht ändern, aber über weiche, finanzielle Anreize zu regionaler intersektoraler Kooperation ein nationales Mitspracherecht ermöglichen. So kann man Lösungen finden, die in der Gesamtschau auf Österreich Sinn machen.“

Handel mit Flächenzertifikaten

Ein weiterer strategischer Ansatz ist der Handel mit Flächenzertifikaten, ähnlich dem CO2-Handel. Während in boomenden Regionen Fläche verbraucht wird, um Wohnraum zu schaffen, wird umgekehrt in Abwanderungsregionen versucht, Leerstände zu beseitigen bzw. Verkehrsbrachflächen zu renaturieren. So könne man insgesamt auf ein Nullwachstum an Bodenverbrauch kommen. Die Schweiz hat sich zum Beispiel Nullhektar-Zuwachs zum Ziel gemacht. Das seit Mai 2014 geltende Raumplanungsgesetz (RPG) besagt, dass neue Einzonungen von Bauland unzulässig sind, bis die Kantone ihre Richtpläne revidiert und überdimensionierte Bauzonen reduziert haben. Laut Humer ist diese Idee von Flächenzertifikaten auch in Deutschland schon gediehen, in Österreich stecke sie noch in den Kinderschuhen.

Mit rund 240 Hektar Fläche gehört die im 22. Wiener Gemeindebezirk gelegene Seestadt Aspern zu den größten Stadtentwicklungsgebieten Europas. Quelle: Gilbert Novy/picturedesk.com

Die Seestadt Aspern ist laut Alois Humer ein Beispiel für gelungene Planungskultur. Zum einen, weil die öffentliche Anbindung mit der U2-Verlängerung bereits vor Baubeginn vorhanden war, zum anderen gibt es ein breites Angebot an unterschiedlichen Wohnformen, Nahversorgung und Dienstleistungen. Quelle: Wilfried Gredler/picturedesk.com

Seestadt Aspern – gelungene Stadtplanung

Ein Beispiel für gelungene Planungskultur sieht Humer in der Seestadt Aspern in Wien. Zum einen war durch die U2-Verlängerung die öffentliche Anbindung bereits vor Baubeginn vorhanden. Zum anderen gibt es ein breites Angebot an unterschiedlichen Wohnformen (Miete, Eigentum, sozial geförderte Wohnungen, Baugruppen), Nahversorgung und Dienstleitungen. Die Idee, die Wien-Bratislava-Verbindung über die Seestadt zu führen, findet Humer spannend, auch im Sinne des großpolyzentralen Raumes Wien–Bratislava.

Im städtischen Wohnbau setzt man vermehrt auf grüne Ausgleichsflächen, die sowohl für das Mikroklima als auch die Artenvielfalt in der Stadt wichtig sind. Im Bild Hochbeete in der Seestadt Aspern. Quelle: Robert Newald/picturedesk.com

Klein- und Mittelstädte stärken

Neue städtebauliche Konzepte orientieren sich einerseits am sogenannten Transit-Oriented Development (TOD), bei dem die Bebauung mit einem Verkehrskonzept mit öffentlicher Anbindung einhergeht – wie eben bei der Seestadt Aspern. Andererseits sollen in Zukunft die Klein- und Mittelstädte als Standorte der Bildungs- und Gesundheitsversorgung gestärkt werden. „Hier braucht es Kostenwahrheit. Es muss gefördert werden, wenn in der Nähe von öffentlicher Anbindung gebaut wird und eben nicht in der Peripherie, wo Boden versiegelt und Autoverkehr mit all seinen Folgekosten verursacht wird“, sagt Humer.

Die Zukunft ist Sharing

Die Zukunft sieht Humer in Sharingkonzepten. Und das bezieht er nicht nur auf den Verkehr, sondern auch den öffentlichen Raum und den Wohnraum. „Teilen muss aber so flexibel, unkompliziert und leistbar sein, dass man sich gar kein Auto mehr leisten will“, sagt er. In den Innenstädten ist das Auto ein Auslaufmodell. So sieht die „Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt“ der EU-Mitgliedstaaten vor, dass es 2050 in den Innenstädten keine Autos mehr geben soll. „Wenn das der Fall ist, wird man sehen, wie viel Raum den Menschen plötzlich wieder zur Verfügung steht.“

Teilen muss so flexibel und leistbar sein, dass man sich kein Auto mehr leisten will.

Begrünung gegen Hitze in den Städten

Laut einer aktuellen Studie der Universität Kalifornien hat sich in den vergangenen Jahrzehnten die Belastung durch extreme Hitze in Städten weltweit fast verdreifacht. Der Anstieg sei eine Kombination aus Bevölkerungswachstum und Klimaerwärmung. Sogenannte „Hitzeinseln“ werden in Städten ein zunehmendes Problem. Die Stadtplanung versucht darauf zu reagieren, indem sie begrünte Fassaden oder Ausgleichsflächen schafft, die der Erholung und dem Mikroklima dienen sollen. Ein Beispiel dafür ist die „grüne Mitte“ im Wiener Nordbahnhofviertel. Von den ursprünglichen Plänen, nicht höher als sechs Stockwerke zu bauen, dafür aber über das gesamte Areal, ist man wieder abgewichen. Stattdessen wird zehn- bis zwölfstöckig gebaut und eine „grüne Mitte“ übriggelassen. Diese ist sowohl für das Mikroklima als auch für die Artenvielfalt in der Stadt wichtig. „In einer solchen städtischen ‚Gstettn‘ gibt es mehr Artenvielfalt als auf Böden mit intensiver, dann meist monokultureller landwirtschaftlicher Nutzung“, sagt Humer.

Führt die Pandemie zur Stadtflucht?

Die Städte wachsen weltweit und die Problemfelder Wohnraum, Hitze und Verkehr drängen nach Lösungen. Gleichzeitig scheint mit der Coronapandemie das Stadtleben an Attraktivität verloren zu haben. Zumindest wenn man Meldungen über eine gestiegene Nachfrage nach Wohnraum außerhalb der Städte Glauben schenken möchte. Aber ist es tatsächlich so, dass diese gesellschaftliche Erfahrung die Kraft hat, den Trend zur Urbanisierung umzudrehen? „Für eine nachhaltige Stadtentwicklung war die Coronapandemie keine gute Nachricht“, sagt Alois Humer. Er sieht das 21. Jahrhundert klar als das Zeitalter der Urbanisierung und des Wiedererstarkens der Innenstädte. „Aktuelle Arbeiten vor der Pandemie zeigten etwa, dass auch Jungfamilien in der Stadt bleiben, dass durch pluralistische Lebensstile, die Bildung, Kultur und Internationalität suchen, das Urbane gewonnen hat“, führt er aus.

Dann jedoch kam die Pandemie, mit ihr die Maßnahmen gegen ihre Ausbreitung. Plötzlich wurden die Vorteile des Stadtlebens ausgehebelt. Es sah so aus, als würden Haushalte, die in der weniger dicht besiedelten Suburbia oder am Land leben, besser mit der Krise zurechtkommen. Denn die Natur war dort erreichbar. Der Spaziergang erlebte eine ungeahnte Renaissance. Die Dichte der Stadt wurde zum Nachteil. Wird die Pandemie also die Kraft haben, den Trend zur Urbanisierung wirklich umzudrehen? Humer bezweifelt das: Die Geschichte zeige, dass sich langfristige soziodemografische Trends durch gesellschaftspolitische Interventionen nicht aufhalten lassen. Ob sich diese Zweifel bestätigen, daran forschen Humer und sein Team am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien gerade im Rahmen eines vom FWF geförderten Akutprojekts.

Stimmung gegen das Stadtleben zu machen, ist ein problematisches Spiel.

 Kartengestützte Online-Umfrage unter 30.000 Haushalten

Dazu werden die Forschenden eine groß angelegte Befragung unter 30.000 österreichischen Haushalten aus Stadt, Suburbia und Peripherie starten. Befragt werden die Menschen nach der Zufriedenheit mit ihrer Wohnsituation bzw. ihrem Wohnumfeld und ob sich während der Pandemie etwas daran geändert hat. Dabei kommt eine neue Methode zur Anwendung, die eine standardisierte Umfrage mit kartografischen Elementen verbindet: Mit „Maptionnaire“ kann man den Aktionsradius einer Person im Alltag erheben und die gesammelten Ergebnisse mit statistischen Daten wie Alter, Kaufkraft usw. hinterlegen. Entwickelt wurde diese Methode an der Aalto-Universität in Finnland. Dort hatte Humer von 2017 bis 2020 mit einem Erwin-Schrödinger-Stipendium des FWF zu strategischer Raumplanung in schrumpfenden Städten und Regionen gearbeitet. Geplanter Start der Umfrage ist voraussichtlich Frühjahr 2022.

Mediale Bilder der Pandemie in Stadt und Land

Im Moment arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Entwicklung des Fragebogens, basierend auf einer Medienanalyse. Dabei möchte Humer mediale Berichte, die räumliche Konsequenzen der Pandemie ansprechen, wie etwa vermehrte Stadtflucht, evidenzbasiert hinterfragen. „Wir werden überprüfen, wie fundiert diese Nachrichten sind und ob sie zum Beispiel Immobilien an peripheren Standorten anpreisen. Mediale Stimmung pro Wohnen auf dem Land ist angesichts der damit verbundenen Probleme wie ineffizienter Bodennutzung und Zersiedelung ein problematisches Spiel“, sagt Humer.

Digitalisierung und Flächenverbrauch

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Stadt- und Regionalentwicklung, der in den letzten zehn Jahren zugenommen und durch die Pandemie einen enormen Schub erfahren hat, ist die Digitalisierung. Homeoffice und Onlineshopping sind die im Alltag spürbarsten raumrelevanten neuen Einflüsse. Ist Onlinehandel effizienter, also wenn die Ware zum Kunden kommt und nicht mehr der Kunde zur Ware? Wie sieht die Bilanz des Flächenverbrauchs aus? Humer hat noch keine wissenschaftlich belegte Antwort darauf, aber er stellt die These auf, dass die Digitalisierung mehr Fläche verbraucht. Etwa der boomende Onlinehandel verbraucht Fläche durch Logistik und Infrastruktur.

Durch die fortschreitende Digitalisierung verbrauchen wir vermutlich noch mehr Fläche.

Bisweilen verbinden sich der reale und der digitale Raum. Aktuelles Beispiel hierfür ist der neu eröffnete IKEA am Wiener Westbahnhof. Das Möbelhaus wirbt mit autofreiem Einkaufen, verfügt weder über Parkplätze noch über Lagerräume. Bestellt wird online oder vor Ort digital. Die Ware wird geliefert – allerdings natürlich wiederum mit dem Auto. Schon allein um die Daten zu speichern, braucht es immer größere Rechenzentren, die auch Land verbauen, Energie verschlingen und in Ökosysteme eingreifen. Die Gesellschaft muss sich im Umgang mit der Digitalisierung erst zurechtfinden. Sehr bedenklich findet Humer Verträge mit unlimitiertem Datenvolumen. „Das ist, wie wenn man den Wasserhahn und die Heizung voll aufgedreht lässt“, zieht er einen Vergleich und stellt fest: „Die Digitalisierung ändert nichts an der Wegwerfgesellschaft.“

Die Raumplanung der Zukunft

Es sind viele Argumente und Faktoren im Spiel, wenn über die Stadt- und Regionalplanung der Zukunft diskutiert wird. Daher, so Humer, ist die interdisziplinäre Ausbildung zukünftiger Professionalistinnen und Professionalisten in der Raumordnung extrem wichtig. In der Zusammenschau, über die seine Disziplin verfügt, sieht der Geograf eine große Lösungskompetenz für die komplexen, vielfältigen Probleme, die sich in einer Stadt zeigen: „Von Bodenversiegelung über Hitzeinseln bis hin zu sozialer Gerechtigkeit, alle Themen zeigen sich in der Stadtentwicklung und wir sind diejenigen, die diese Entwicklungen lesen können.“ Das Bewusstsein für eine langfristige, integrative Planungskultur zu schaffen, die sich abhebt von Einzelfällen – das ist die große Herausforderung. Die Zukunft ist jetzt: Im Oktober 2021 startet ein neuer Geografie-Master mit Schwerpunkt Globaler Wandel und Nachhaltigkeit. Diese neue Generation von Geografinnen und Geografen wird sich diesen komplexen, richtungsweisenden Fragen stellen.


Alois Humer ist Professor für Raumforschung und Raumordnung am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien. Der gebürtige Oberösterreicher studierte Geografie an der Universität Wien, forschte von 2017 bis 2020 im Rahmen eines Erwin-Schrödinger-Stipendiums des FWF an der Aalto-Universität in Finnland über strategische Raumplanung für schrumpfende Räume. Nunmehr untersucht er mit seinem Team in dem FWF-geförderten Akutprojekt CURB die langfristigen Auswirkungen der Coronapandemie auf die Stadt- und Regionalentwicklung. Die Forschungsschwerpunkte des 40-Jährigen beinhalten Fragen zu räumlichen Disparitäten und Zentrum-Peripherie-Dynamiken, nachhaltigen Siedlungsformen und der räumlichen Entwicklung in Krisen- und Pandemiezeiten.

Kommentare (0)

Aktuell sind keine Kommentare für diesen Artikel vorhanden.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.