Im Porträt

Corona: Familien am Limit?

Die Familiensoziologin Ulrike Zartler leistet Pionierarbeit: Seit einem Jahr befragt sie in der Langzeitstudie „Familienleben und Corona“ Familien in Österreich, um herauszufinden, wie es ihnen in der Pandemie geht und was sie brauchen würden. Quelle: Luiza Puiu/FWF

Ende März 2020: Andrea R. bringt ihren Sohn jeden Tag in die örtliche Volksschule in Niederösterreich. Alle Schulen sind geschlossen. Doch für Kinder, deren Eltern in sogenannten systemrelevanten Berufen tätig sind, wird Betreuung angeboten. Der 7-Jährige ist eines von zwei Kindern, die an dieser Schule davon betroffen sind. Die Mutter plagt das schlechte Gewissen und die Familie versucht, an den Wochenenden Schulisches nachzuholen. Doch die allgemeine Zuversicht ist groß, dass die Krise in wenigen Wochen überwunden sein wird, die Schulen nach Ostern wieder öffnen und der Alltag damit seinen gewohnten Lauf wieder aufnehmen kann.

Szenenwechsel, ein Jahr später, März 2021: Monika S. stellt jeden Morgen ihren Laptop auf den Küchentisch: seit einem Jahr ihr Homeoffice. Zuvor bespricht die alleinerziehende Mutter von drei Kindern mit den zwei Gymnasialschülern die Organisation des Tages. Die Jugendlichen sind an zwei unterschiedlichen Schulen abwechselnd im Präsenz- und Onlineunterricht mit unterschiedlichen Beginn- und Endzeiten. Die Freizeitaktivitäten der Teenager haben sich im Laufe der Pandemie deutlich in die digitale Welt verlegt: An Tagen, an denen auch alles Schulische online stattfindet, verbringen die beiden bis zu zehn Stunden vor dem Bildschirm. Der Jüngste ist im Präsenzunterricht in der zweiten Volksschulklasse. Die Mutter sorgt sich um den Lernrückstand des 8-Jährigen, der kaum einen stabilen Schulbetrieb kennt. Über allen schwebt täglich das Damoklesschwert möglicher quarantänebedingter Klassenschließungen.

Pionierarbeit „Corona und Familienleben“ – erstmals Daten

Das sind zwei Beispiele für Familiensituationen, wie sie Ulrike Zartler geschildert werden. Die Familiensoziologin der Universität Wien befragt seit dem ersten Lockdown, der in Österreich am 16. März 2020 verhängt wurde, landesweit Familien danach, wie die Pandemie ihr Leben verändert hat und wie sie mit neuen Herausforderungen wie Schulschließungen, Homeoffice und Homeschooling umgehen. Mit der Langzeitstudie Corona und Familienleben leistet sie Pionierarbeit, denn bisher gab es keine detaillierten Daten dazu, was eine derartige globale Pandemie, wie sie das Covid-19-Virus ausgelöst hat, für Familien bedeutet.

Österreichweite Interviews

Gemeinsam mit ihrem Team befragte die Familienexpertin österreichweit knapp 100 Eltern mit insgesamt 181 Kindern im Kindergarten- und Schulalter. Zwei Drittel der Personen wurden telefonisch in sehr intensiven, bis zu dreistündigen Interviews befragt, ein Drittel schrieb Tagebücher, die eng an den Interviewleitfaden angelehnt waren. Anfangs ging die Wissenschaftlerin – wie wohl alle – davon aus, dass wir es mit einer Ausnahmesituation zu tun hätten, die in wenigen Wochen überstanden sein würde.

Datenschatz – FWF sichert die Fortführung

Mittlerweile hat die Soziologin die zehnte Erhebungswelle abgeschlossen und ist dabei, ihre Ergebnisse auszuwerten. „Wir haben hier einen enormen Datenschatz“, sagt sie. Dass ihr Corona-Akut-Projekt gerade vom Wissenschaftsfonds FWF bewilligt wurde, sichert nun die Datenauswertung und die Fortführung der Studie.

„Wir haben hier einen enormen Datenschatz“, sagt die Soziologin. Die Bewilligung eines Corona-Akut-Projektes durch den FWF Mitte März 2021 sichert die Datenauswertung und Fortführung der Studie. Quelle: Luiza Puiu/FWF

Rollenüberforderung, mehr Konflikte

Vorweg die zentralen Ergebnisse: Die Eltern erlebten eine Rollenüberforderung, fühlten sich von der Politik alleingelassen und ungesehen. Das Konfliktpotenzial in den Familien ist auf allen Ebenen gestiegen. Die Schülerinnen und Schüler zeigen deutliche Anzeichen psychischer Probleme. Besonders betroffen sind jene Familien, die bereits davor über geringe Ressourcen verfügten: vor allem Alleinerziehende, aber auch Familien mit wenig Wohnraum, unzureichender technischer Ausstattung und existenziellen Bedrohungen wie Jobverlust oder Kurzarbeit.

Gefühl der Entschleunigung?

Zu Beginn der Pandemie war eines der geflügelten Worte – die „Entschleunigung“. Doch kam in Familien anfangs wirklich so etwas wie Urlaubsstimmung auf? „Da viele Freizeittermine wie Fußballtraining oder Nachhilfestunden, zu denen man die Kinder bringen musste, weggefallen sind, kam es tatsächlich in manchen Familien zu einer kurzen Phase des Aufatmens – was allerdings auch zeigt, unter welchem Druck Familien im ihrem Alltag stehen“, gibt die Soziologin zu bedenken. Spätestens nach zwei Wochen habe sich dieses Gefühl allerdings verflüchtigt.

Spätestens ab Ostern war der Unmut der Eltern groß.

Ulrike Zartler

Wie lange es angehalten hat und ob dieses Gefühl überhaupt aufkommen konnte, hing sehr stark von den Ressourcen und den Rahmenbedingungen der jeweiligen Familie ab: Wie groß ist die Wohnung? Gibt es genügend Laptops für Homeoffice und Homeschooling? Haben die Eltern existenzielle Sorgen wegen Kurzarbeit oder Jobverlust? Können die Eltern inhaltlich und pädagogisch ihre Kinder beschulen? Können sie die Kinderbetreuung mit ihrer beruflichen Tätigkeit vereinbaren? „Spätestens ab Ostern war der Unmut bei den befragten Eltern bereits sehr groß, weil die Kinder unsichtbar waren – je jünger, desto unsichtbarer“, stellt die Familienexpertin fest.

Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffen und Bangen

Seit dem ersten Lockdown im März 2020 ist der Schulbetrieb von einem Auf und Zu gekennzeichnet, und die Eltern schulpflichtiger Kinder bewegen sich in einem Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffen und Bangen. Wer mehrere Schulkinder in unterschiedlichen Schulen hat, kann schnell den Überblick verlieren. Ein kurzer Rückblick auf den Betrieb an Österreichs Schulen im letzten Jahr verdeutlicht das.

Schulen auf, Schulen zu – ein Überblick

Mit 16. März schließen Schulen und Kindergärten. Schülerinnen und Schüler werden für mindestens neun Wochen in den Fernunterricht geschickt. Eine Betreuung von Kindergarten- und Schulkindern wird nur Eltern angeboten, die in sogenannten systemrelevanten Berufen tätig sind. Die Rückkehr in die Schulen erfolgt gestaffelt nach Schulstufe am 4., 15. und 25. Mai und am 3. Juni. Der Unterricht findet im Schichtbetrieb mit abwechselnd Online- und Präsenzunterricht statt. Im September beginnt der Schulstart weitgehend regulär, ist aber bereits in der ersten Schulwoche von quarantänebedingten Klassenschließungen betroffen. Die Oberstufen müssen nach den Herbstferien wieder ins Distance-Learning. Die meisten restlichen Schulen folgen Mitte November.

Mehr Ressourcen und Unterstützung für Familien ist nicht nur wünschenswert, sondern absolut notwendig.

Ulrike Zartler

Am 7. Dezember kehren diese zurück, während die Oberstufen weiter daheimbleiben. Ab 7. Jänner geht es wieder für alle ins Distance-Learning. Nach den Semesterferien kehren die Schülerinnen und Schüler wieder in den Präsenzunterricht zurück: Volksschülerinnen und Volksschüler täglich, alle anderen haben im Schichtbetrieb, also abwechselnd im Online- und im Präsenzunterricht. Alle werden in den Schulen getestet. Bei einem positiven Schnelltest muss das Kind abgeholt werden. Wird das Testergebnis von einem PCR-Test bestätigt, muss die gesamte Klasse in Quarantäne. Sämtliche Schulöffnungen und -schließungen werden kurzfristig bei Pressekonferenzen angekündigt.

Individuelle Ausverhandlung statt Rückhalt von der Politik

Die Chronologie der unterschiedlichen Phasen von Öffnungen und Schließungen macht deutlich, welche Flexibilität Eltern von mehreren Kindern an unterschiedlichen Schulen mit unterschiedlichen Schulbesuchsvarianten abverlangt wurde. Eine Flexibilität, die wiederum vom Verständnis des Arbeitgebers abhing. „Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mussten alles individuell ausverhandeln und haben sich von der Politik völlig alleingelassen gefühlt“, sagt Zartler.

Die Soziologin Ulrike Zartler zu Gast bei Armin Wolf in der Nachrichtensendung ZIB2
Auf öffentliche Auftritte erhält die Familienexpertin durchgehend positive Rückmeldungen. „Die Eltern sind froh, dass jemand ihre Probleme aufzeigt und ihnen eine Stimme gibt.“ Hier war Zartler am 19.10.2020 in der Nachrichtensendung ZIB 2 des ORF bei Armin Wolf zu Gast. Quelle: ORF

Gesetzliche Sonderbetreuungszeit im zweiten Lockdown? Leider nein!

Dass der Betreuungs- und Bildungsauftrag schlicht den Eltern aufgebürdet wurde, zeigte sich noch einmal deutlich beim zweiten Lockdown im November: Ein Anspruch auf Sonderbetreuungszeiten war mittlerweile zwar gesetzlich verankert, kam aber nicht zum Tragen. Das offizielle Argument: Da Betreuung angeboten wird, sind die Schulen nicht geschlossen. Diesem Argument konnten viele Eltern wenig abgewinnen und sie standen nun vor der Wahl: entweder ihre Kinder zuhause lassen und sie – jenseits des Onlineunterrichts, der in Länge und Qualität von Schule zu Schule sehr unterschiedlich war – nebenberuflich selbst betreuen oder sie in die Betreuung geben, wo sie aber am Onlineunterricht nicht teilnehmen können.

Beschimpfungen in Eltern-Whatsapp-Gruppen

Eine Zwickmühle, die Eltern gegenüber beiden Seiten – sowohl gegenüber anderen Eltern als auch dem Arbeitgeber – unter Rechtfertigungsdruck brachte: Geben sie die Kinder in die Betreuung, nehmen sie die Gefahr einer Ansteckung nicht ernst genug und handeln gegen die Regierungsempfehlung. Lassen sie ihre Kinder zu Hause, stehen sie vor dem Problem, die Betreuung mit der eigenen Berufstätigkeit vereinbaren zu müssen. Hier kam es zu Spaltungen in der Elternschaft – deutlich und erschreckend sichtbar gemacht in hitzigen Debatten bis hin zu gegenseitigen Beschimpfungen in Eltern-Whatsapp-Gruppen.

Eltern fühlen sich von der Politik alleingelassen.

Ulrike Zartler

Strategien: Randarbeitszeiten und Kinder vor dem Fernseher parken

Welche Strategien wählten Eltern, um den Spagat zwischen Homeoffice, Homeschooling und Familienversorgung zu schaffen? Die Soziologin erzählt von Frauen, deren Arbeitstag um vier Uhr früh beginnt, damit sie schon einmal drei Stunden arbeiten können, bevor sie den Rest der Familie wecken, oder von Müttern, die während ihrer Videokonferenzen die Kinder im Nebenzimmer vor dem Fernseher parken, um den Eindruck zu erwecken, alles laufe bestens. „Wenn dem aber so wäre, bräuchte man ja keine Schulen und Betreuungseinrichtungen“, sagt Ulrike Zartler und sieht in dieser Diskussion eine klare Abwertung der Bildungsberufe. Hier bringt sie folgendes Beispiel: „Würden Sie einer Kindergartenpädagogin vertrauen, die behauptet, sie könne ihre Kinder hervorragend betreuen, während sie nebenbei E-Mails beantwortet und ein paar Telefonkonferenzen führt? Das ist genau die Situation, in der die Eltern im Homeoffice waren.“

Erschöpftes Durchwurschteln im Herbst

Nach der ersten Phase der Pandemie im Frühjahr gab es für viele Eltern auch im Sommer nicht wirklich eine Erholungsphase: Der Urlaub war aufgebraucht, Betreuungsnetzwerke wie jene mit Großeltern waren bereits im März zusammengebrochen. Im Herbst kamen zu der Erschöpfung der Eltern, die bereits im Frühsommer deutlich erkennbar war, noch Resignation und Lethargie hinzu. „Ich kann zwar nicht mehr, aber ich kann nichts dagegen machen und wurschtle mich durch“, bringt Zartler diese Stimmung auf den Punkt. Als zusätzlicher Stressfaktor kamen zum Schulstart noch gestiegene Leistungsanforderungen dazu: Nun sollte im Unterricht alles aufgeholt werden, was versäumt wurde. „Manche Eltern waren wirklich verzweifelt. Die zusätzliche Rolle als Lehrerin oder Lehrer hat viele massiv überfordert: inhaltlich, didaktisch und in der Motivierung der Kinder“, erzählt Zartler.

Sorge um Bildungschancen und psychische Probleme der Kinder

Im Herbst nahmen die Sorgen der Eltern noch einmal stark zu: einerseits was das Schulische und die Bildungschancen anbelangt, andererseits aber auch, was die psychische Verfassung der Kinder betrifft. „Manche Eltern waren verzweifelt, weil die Kinder Anzeichen psychischer Belastung zeigten wie Depressionen, Aggressionsausbrüche, Essstörungen, Bettnässen oder Schlafwandeln“, schildert die Kindheitssoziologin.

Jeder zweite Schüler leidet an depressiven Symptomen

Eine aktuelle Studie der Donau-Universität Krems von Anfang Februar 2021 bestätigt diesen Befund mit alarmierenden Zahlen: Jeder zweite Schüler leidet unter depressiven Symptomen wie Depressionen, Ängsten und Schlafstörungen. Immerhin sprechen wir hier von etwa 1,2 Millionen Kindern und Jugendlichen. Besonders besorgniserregend: 16 Prozent der insgesamt 3.052 befragten Schülerinnen und Schüler haben suizidale Gedanken. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber den letzten verfügbaren Daten. Ebenfalls bedenklich: Im Vergleich zu 2018 benutzten Schülerinnen und Schüler im Jahr 2020 ihr Handy doppelt so häufig, nämlich mindestens fünf Stunden täglich. Und das zusätzlich zu der Bildschirmzeit, die sie im Distance-Learning verbringen. Vorstudien haben gezeigt, dass mit steigender täglicher Nutzung des Handys auch psychische Beschwerden zunehmen. Die Autorinnen und Autoren der Studie sehen „dringenden Handlungsbedarf“ und fordern psychische Betreuung sowie mehr körperliche Bewegung für die Kinder und Jugendlichen.

Besonders betroffen: Alleinerziehende

Es sind die Eltern, die diese psychischen Probleme ihrer Kinder auffangen müssen – und das in einer Situation, in der sie selbst belastet sind: von Existenzängsten, Einkommenseinbußen, der Sorge um die eigenen alten Eltern, um die sich viele kümmern, und der andauernden Unsicherheit, wie es weitergeht. Wie stark die Überlastung war und ist, hänge dabei stark von den Rahmenbedingungen ab, erklärt die Wissenschaftlerin. Besonders betroffen seien jene Gruppen, die schon vor der Krise über geringe Ressourcen verfügten: vor allem Alleinerziehende und sozial schwache Familien mit wenig Wohnraum. Aber auch Familien, in denen Konfliktpotenzial und Gewaltbereitschaft hoch sind.

Pandemie als Brennglas der Gesellschaft

„Die Pandemie hat die sozialen Ungleichheiten verstärkt. Sie hat offengelegt, welche Gruppen besonders vulnerabel sind und welche Bereiche der Gesellschaft schlecht funktionieren, wie etwa ungeschützte Beschäftigungsverhältnisse und ein Schulsystem, in dem Schülerinnen und Schüler zurückgelassen werden“, stellt die Expertin fest und bestätigt damit den Befund des Sozialwissenschaftlers Bernhard Kittel der Universität Wien. Er untersucht in seiner Langzeitstudie „Austrian Corona Panel“ seit Beginn der Krise, wie es den Menschen in Österreich mit der Pandemie geht und kommt dabei zu dem zentralen Schluss: „Die Pandemie hat die Spaltungen in der Gesellschaft verstärkt.“

Streit zwischen Partnern um die Hausarbeit

Diese Krise hat Familien ganz klar an ihre Grenzen gebracht: Zu Rollenüberlastung und Existenzängsten kam eine deutliche Zunahme an Konflikten – sowohl zwischen Eltern und Kindern als auch den Eltern untereinander. Häufigster Streitpunkt zwischen den Partnern: wer wie viel der Mehrbelastung übernimmt. Entgegen allen anfänglichen fast euphorischen Hoffnungen im Frühling 2020, die Krise könne Rollenverteilungen verrücken, zeigen alle diesbezüglichen Studien, dass bestehende Verhältnisse eher noch zementiert wurden: Wo die Mütter zuvor die Hauptlast der Familienarbeit schulterten, trugen sie auch in der Krise die Mehrbelastung.

Konfliktpotenzial: aufgeschobene Scheidungen

Ein weiterer wichtiger Effekt, der sich laut Zartler in jeder Krise zeige: Menschen müssen Lebensentscheidungen wie Eheschließungen, Scheidungen oder die Familienplanung infrage stellen. Die Unsicherheit oder der Einbruch des Familieneinkommens wegen Kurzarbeit oder Jobverlust führen beispielsweise dazu, dass Scheidungen aufgeschoben werden und man weiter miteinander unter einem Dach lebt. „Da besteht ein hohes Konfliktpotenzial, psychische und physische Gewalt können in solchen Familien zu einem massiven Problem werden“, sagt die Familienexpertin. Die beengte Raumsituation in vielen Familien führe dazu, dass Kinder auch viel eher elterlichen Streit miterleben müssen.

„Neue Normalität“ – was Familien brauchen

Auch ein Jahr nach dem ersten Lockdown leben Österreichs Familien noch immer in einem Ausnahmezustand – oftmals als „neue Normalität“ bezeichnet. Die Unsicherheiten bleiben. Was die Familien brauchen? Mehr Klarheit, funktionierende Betreuungseinrichtungen und das politische Bemühen, diese zur Verfügung zu stellen, finanzielle, organisatorische und rechtliche Unterstützung wie Homeoffice-Regelungen. Aber auch etwas, was politisch schnell umsetzbar wäre: eine wertschätzende Kommunikation seitens der Politik. „Eltern können ihre Berufe nur ausüben, wenn sie ihre Kinder gut versorgt wissen und diese nicht nur in einer Betreuung geduldet sind. Sie möchten ohne schlechtes Gewissen das Betreuungsangebot für ihre Kinder in Anspruch nehmen können“, stellt Zartler fest.

Stigmatisierte Eltern und Kinder

Eine Anspielung auf Bundeskanzler Kurz, der bei der Pressekonferenz am 21. April 2020 meinte, es sei „keine Schande“, seine Kinder in Betreuung zu geben, „wenn man es nicht mehr aushält“. Das offenbart nicht nur eine Geringschätzung von Bildungseinrichtungen und Bildungsberufen, sondern lässt auch jegliche Anerkennung den Eltern gegenüber vermissen, die in der Krise wichtige Aufgaben der Gesellschaft übernommen haben. „Damit wurde kommuniziert, dass nur völlig überforderte Eltern ihre Kinder in die Betreuung schicken. Das stigmatisiert sowohl Eltern als auch ihre Kinder“.

Familie ist nicht privat. Sie erfüllt wichtige Funktionen für die Gesellschaft und braucht entsprechende Rahmenbedingungen.

Ulrike Zartler

Den Eltern eine Stimme gegeben

Wie sehr sich Eltern von der Politik alleingelassen fühlen, zeigt auch die starke positive Resonanz, die die Familiensoziologin in der Öffentlichkeit erhält: „Zu keiner bisherigen Studie habe ich dermaßen viele positive Rückmeldungen bekommen. Die Eltern sind froh, dass jemand ihre Probleme aufzeigt und ihnen damit eine Stimme gibt.“ An der grundsätzlichen Motivation der Eltern, ihr Möglichstes zu tun, um in der Krise das System zu stützen, gebe es keinerlei Zweifel, aber sie wünschen sich dafür Anerkennung und entsprechende Rahmenbedingungen seitens der Politik.

Mehr Geld und Unterstützung

Bei all den Diskussionen dürfe man etwas Grundsätzliches nicht aus dem Blick verlieren, meint Ulrike Zartler: „Familie ist nicht privat, sondern ein integraler Bestandteil der Gesellschaft, der ganz entscheidend zu deren Aufrechterhaltung beiträgt. Familien brauchen entsprechende Rahmenbedingungen, um Leistungen erbringen zu können – wie die Versorgung von Älteren, die Betreuung von Kindern bis hin zur Regeneration von Personen, damit diese überhaupt arbeitsfähig bleiben. Dass Familien mehr Ressourcen und Unterstützung auf allen anderen Ebenen bekommen sollen, ist nicht nur wünschenswert, sondern absolut notwendig.“


Die Familien-, Kindheits- und Jugendsoziologin Ulrike Zartler ist Professorin am Institut für Soziologie der Universität Wien. Die 49-Jährige war ab 1998 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Höhere Studien in Wien und von 2000 bis 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung in Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Familien-, Kindheits- und Jugendsoziologie, Transitionen im Lebensverlauf, Scheidung/Trennung und ihre Folgen, soziale Medien in Kindheit, Jugend und Familie sowie soziologische Analyse des Familien- und Kindschaftsrechts. Zartler ist Mutter von zwei Schulkindern.


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Kommentare (1)

Danke für den wertvollen Beitrag zu „Corona: Familien am Limit?“.
Seit dem Lockdown kommt es immer mehr zu häuslicher Gewalt, um sich vor wiederholten physischen Auseinandersetzungen zu schützen, gibt es Rechtsanwälte für Familienrecht.
Ich wusste nicht, dass vor allem Alleinerziehende, sozial schwache Familien mit wenig Wohnraum dahingehend noch stärker gefährdet sind.

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