Interview & Meinung

Die Poesie des Sprechens

Das Projekt „Poesie des Sprechens“ leistet wichtige Grundlagenarbeit zur Performance-Forschung im Bereich der Lyrik. Die Anglistin und START-Preisträgerin Julia Lajta-Novak trägt damit zur internationalen Etablierung eines interdisziplinären Forschungszweigs bei. Quelle: Daniel Novotny/FWF

FWF: Welche Antworten möchte Ihr Projekt zur britischen Lyrik-Performance geben?

Julia Lajta-Novak: Während es eine umfangreiche Werkliste zur Geschichte der britischen Lyrik gibt, wird Lyrik dabei implizit immer als gedrucktes Werk gefasst. Tatsächlich ist der mündliche Vortrag aber ein ebenso wichtiges Medium, in dem Gedichte „publiziert“ und rezipiert werden. Gerade in den vergangenen 50 Jahren wurden zahlreiche Strömungen der Poetry Performance populär, wie etwa Jazz Poetry, Beat Poetry, Sound Poetry, Poetry Slam oder Spoken Word. Diese haben das Gesicht der britischen Lyrik maßgeblich verändert. Von der Live-Performance abgesehen, bedienen sich diese auch anderer Kanäle. Heutzutage sind Youtube & Co zentrale Medien. Es gibt mittlerweile „Performance Poets“, die die herkömmlichen Verlagshäuser komplett umgehen und deren erfolgreiche Karrieren vorwiegend auf dem mündlichen Vortrag basieren. Ein guter Teil der Szene hat sich ins Internet verlagert. So kritisch man Youtube sehen mag, gibt es bisher benachteiligten Dichterinnen und Dichtern (Poets of Colour, Frauen, Queer Poets) die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen.

FWF: Wie ist Ihr Projekt methodisch aufgebaut?

Lajta-Novak: Zum einen wird mein Projekt ein wichtiges Kapitel der britischen Lyrikgeschichte systematisch beleuchten. Es beinhaltet unter anderem Einzelstudien zu „Black British Poetry“, also dem Schaffen schwarzer oder asiatischer Dichterinnen und Dichter, die in der Performance-Szene wesentlich mehr Gehör finden als im herkömmlichen Verlagswesen, dem Poetry Slam und dem recht neuen Genre des „Spoken Word Play“. Letzteres wird auch „One-person Poetry Show“ genannt und liefert ein zusammenhängendes, abendfüllendes Programm. Da Spoken-Word-Texte oft autobiografisch sind, leisten wir mit dem Projekt auch einen wichtigen Beitrag zur britischen Kulturgeschichte allgemein. Wir kooperieren unter anderem mit dem Spoken Word Archive der Organisation Apples & Snakes, das erst vor Kurzem eröffnet wurde.

Zum anderen wollen wir in diesem Projekt eine Methode der Lyrikgeschichtsschreibung entwickeln, die speziell auf den mündlichen Vortrag abzielt und es ermöglichen wird, sowohl die Ästhetik als auch die Performance-Szene sowie soziokulturelle Aspekte des Lyrikvortrags zu integrieren. Diese Methode wird über den britischen Kontext hinaus anwendbar sein und damit einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsschreibung der mündlichen Lyrik allgemein darstellen.

Wir leisten mit dem Projekt auch einen wichtigen Beitrag zur britischen Kulturgeschichte.

Julia Lajta-Novak

FWF: Was bedeutet der START-Preis für Ihre Forschungstätigkeit?

Lajta-Novak: Der Preis ermöglicht es mir, mich sechs Jahre lang zusammen mit einem Team intensiv einem wichtigen Thema zu widmen, das bislang viel zu wenig Beachtung in der Literaturwissenschaft fand. Ein Projekt von der Größe eines START-Preises kann hier wirklich Entscheidendes leisten. Mein langfristiges Ziel ist es, Poetry Performance Studies als anerkannten, interdisziplinären Forschungszweig zu etablieren.

FWF: Was motiviert Sie im Forschungsalltag?

Lajta-Novak: Als Literaturwissenschaftlerin und Life-Writing-Spezialistin darf ich mich mit interessanten Lebensgeschichten kritisch auseinandersetzen –, sowie überhaupt mit der zentralen Frage, was, wie und warum Menschen über sich erzählen und welche Bedeutung wir diesen Erzählungen beimessen. Ich finde meine beiden Forschungsgebiete die Spoken Word Studies und die Auto/Biografieforschung überaus spannend und freue mich sehr, dass ich sie in meinem START-Projekt zusammenführen kann.

FWF: Wie sind Sie auf Ihr Spezialgebiet gekommen? Gab es weibliche Vorbilder?

Lajta-Novak: Meine Leidenschaft für Spoken Word ist auf mein Auslandsjahr 2004/05 zurückzuführen. Eigentlich wollte ich nach meinem Studium der Anglistik und Amerikanistik einen Schlussstrich ziehen. Ich dachte aber, ich brauche unbedingt eine weitere Ausbildung, um auf dem Arbeitsmarkt irgendwie Fuß fassen zu können. Also studierte ich Kulturmanagement am Goldsmiths College in London. In diesem Jahr merkte ich, dass mir die Literatur und die Diskussion darüber sehr fehlten. Ich besuchte also zahlreiche Lesungen und Literaturfestivals und war erstaunt über die großartigen Performances von Dichterinnen und Dichtern wie Patience Agbabi oder Anthony Joseph. Da erschloss sich mir eine ganz neue Art, Literatur zu erleben. Aus dieser Begeisterung heraus beschloss ich, doch wieder an die Universität zurückzukehren.

Vorbilder in der Wissenschaft waren und sind mir Lucia Boldrini, Professorin am Goldsmiths College und Biofiction-Spezialistin, die Biografie-Forscherin Caitríona Ní Dhúill, Professorin am University College Cork, und das wunderbare Duo Sidonie Smith und Julia Watson (Life Writing Studies). Nicht nur, weil Smith und Watson unglaublich klug sind, sondern auch, weil sie seit Jahren gemeinsam publizieren – was in den Geisteswissenschaften immer noch eher selten ist – und mit ihren großartigen Arbeiten aufzeigen, wie viel derartige Kooperationen bringen können.


Julia Lajta-Novak ist aktuell als Elise-Richter-Stelleninhaberin des FWF an der Universität Wien tätig und arbeitet an ihrer Habilitation zu „Portrait of the Woman Artist: Gender and Genre in Biofiction“. Sie studierte Anglistik und Musik in Wien und Edinburgh sowie Kulturmanagement in London. Forschungsaufenthalte führten sie u.a. an die Universität Salzburg, das King’s College London, das Institute of English Studies der Universität London und die English Faculty der Universität Oxford. Für ihre wissenschaftlichen Arbeiten erhielt Lajta-Novak unter anderem den Theodor Körner Preis, den Dr. Maria Schaumayer Preis, das Doc-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und den Preis der Universität Salzburg für hervorragende Lehre.

Zum Projekt

„Poesie des Sprechens: Britische Lyrik-Performance, 1965-2015“ untersucht die Bedeutung des Lyrikvortrags für die jüngere britische Literaturgeschichte unter Berücksichtigung des ästhetischen und semantischen Potenzials der mündlichen Darbietung, der alternativen institutionellen Strukturen, Publikationskanäle, Karrierewege, Präsentationsformate, Stile und poetischen Gattungen, die aus der Performance-Szene hervorgegangen sind. Damit wird ein Prototyp und Werkzeugkasten für einen neuen Zweig der historisch-literarischen Forschung auch jenseits des britischen Kontexts bereitgestellt. Das Projekt wird wesentliche Grundlagenarbeit leisten, um die Performance-Forschung für Lyrik als einen interdisziplinären Forschungszweig international zu etablieren.

Der START-Preis

Das START-Programm des Wissenschaftsfonds FWF richtet sich an junge Spitzenforschende, denen die Möglichkeit gegeben wird, auf längere Sicht und finanziell weitgehend abgesichert ihre Forschungen zu planen. Es ist mit bis zu 1,2 Millionen Euro dotiert und zählt neben dem Wittgenstein-Preis zur prestigeträchtigsten und höchstdotierten wissenschaftlichen Auszeichnung Österreichs.

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