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Kompetenz braucht starke Motive

Wer ein Semester im Ausland verbringt, lernt nicht automatisch dazu. Vielmehr braucht es klare Ziele und Strategien, um sich weiterzuentwickeln, wie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen. Quelle: Naassom Azevedo/unsplash

Ein mehrmonatiger Auslandsaufenthalt gilt für viele als Königsweg, um ihre Fremdsprachenkompetenzen und interkulturelle Fähigkeiten zu verbessern. Hunderttausende nehmen daher jährlich am weltweit größten Mobilitätsprogramm Erasmus+ teil. Aufgrund der Corona-Pandemie mussten heuer jedoch Tausende ihren Aufenthalt abbrechen. Wie es im kommenden Wintersemester weitergeht, ist ungewiss. Daher stellt sich gerade jetzt die Frage: Ist ein Auslandsaufenthalt der einzig „wahre“ Weg, um ein hohes Sprachniveau in einer Fremdsprache zu erreichen?

Erstmals Rückkehrphase untersucht

Hinter dieser Einschätzung stehen Überzeugungen, die tief in der Gesellschaft und den Köpfen verwurzelt sind: „Man saugt die Fremdsprache auf wie ein Schwamm“; „Sprachenlernen geht im Ausland ganz mühelos.“ Oder: „Nur im Ausland lernt man eine Fremdsprache flüssig zu sprechen.“ Alle suggerieren vor allem eines: Mühelosigkeit. Wie sich Fremdsprachenkenntnisse, Lernmotivation und interkulturelle Kompetenz während und nach einem Erasmus-Aufenthalt tatsächlich entwickeln, hat die Sprachwissenschaftlerin Gianna Hessel von der Universität Graz in einer umfassenden Studie untersucht, deren Endergebnisse nun vorliegen.

Ein Teil ihrer Analysen setzte sich erstmals mit den ersten neun Monaten nach der Rückkehr auseinander und wurde vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert. Die Untersuchung hat Hessel als Längsschnittstudie durchgeführt, bei der über hundert Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer zu mehreren Zeitpunkten befragt wurden. Darunter war auch eine Vergleichsgruppe von Erasmus-Bewerberinnen und -bewerbern, die im Inland weiterstudierten. Das gab es zu Erasmus bisher ebenso wenig, wie die Einbeziehung von Studierenden verschiedenster Disziplinen von den Geistes- und Sozialwissenschaften bis zur Technik.

Eigenmotivation verantwortlich für Sprachlernerfolg

Zwei wichtige Ziele von Erasmus+ sind die langfristige Verbesserung der Fremdsprachenkompetenz und ein stärkeres Bewusstsein für Interkulturalität. Dass die Entwicklung von beidem ein „Selbstläufer und nur im Ausland erreichbar ist“, stellt für die Forscherin einen „weitverbreiteten Irrglauben“ dar. Um die tatsächliche Kompetenzentwicklung zu erfassen, sind die Auslandsphase und die ersten neun Monate nach der Rückkehr aufschlussreich. In der Rückkehrphase konnte die Sprachwissenschaftlerin 81 deutschsprachige Studierende begleiten. Dabei kam ein Methodenmix aus Fragebögen, mehrmaligen Sprachtests und Interviews zum Einsatz. Alle Studierenden stammten von deutschen Hochschulen und gingen für ein bis zwei Studiensemester an eine britische Hochschule. „Der Sprachlernhintergrund von deutschen und österreichischen Studierenden ist im Englischen tendenziell sehr ähnlich, daher lässt sich das recht gut übertragen“, ergänzt Hessel.

Zentrale Erkenntnis der Rückkehrerstudie: Dem Großteil gelang es zwar, das erreichte Sprachniveau in den ersten sechs Monaten nach der Rückkehr zu halten. Allerdings kam es zu keinem weiteren Anstieg. „Obwohl mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden mehrmals wöchentlich Englisch sprachen und mehr Studienliteratur auf Englisch nutzten“, sagt die Forscherin. Wo Englisch jedoch ein zentraler Bestandteil des Studiums ist, etwa bei Anglistik oder Lehramtsstudierenden, waren auch in der Rückkehrphase tendenziell sprachliche Fortschritte erkennbar. Überraschenderweise hing dies nicht mit dem Plus an Englischstunden zusammen. „Beim Großteil war die Sprachlernmotivation, die ich ebenfalls untersuchte, stark an ihr künftiges berufliches Selbstbild gekoppelt. Das Erreichen von professioneller Sprachkompetenz und wie kompetent sie in ihrem zukünftigen Beruf wahrgenommen werden, waren starke, unmittelbare Motive“, erklärt Hessel. Ausgeprägte Eigenmotivation bewirkte, dass die Studierenden das Sprachenlernen strategisch planten und sie so ihre Kompetenzen auch im Inland weiterentwickelten.

Strategie, Reflexion und Soft Skills aktiv fördern

Wie relevant die Eigenmotivation für den Sprachlernerfolg ist, zeigt zudem der Vergleich des Sprachzuwaches zwischen Erasmus-Studierenden und der Vergleichsgruppe, die an der inländischen Hochschule blieb: In den ersten drei Monaten stieg dieser bei den Erasmus-Studierenden deutlich, nahm danach aber wieder ab. Der Zuwachs war dann meist nicht höher, als bei der Kontrollgruppe. Die Chance, nach der Rückkehr das Sprachniveau zu halten war allerdings umso größer, je höher das erreichte Sprachniveau und das Selbstbewusstsein speziell beim Sprechen waren. Die Forscherin sieht hier die Hochschulen gefordert, die Studierenden auch speziell nach der Rückkehr in punkto Sprachentwicklung mehr zu unterstützen. „Dass man nach dem Auslandsaufenthalt sprachgewandt und interkulturell kompetent zurückkommt“, ist laut Hessel auch an Hochschulen eine „weitverbreitete Idealisierung.“ Vielen entgehe, dass Sprachenlernen und die Entwicklung von interkultureller Kompetenz lebenslange Prozesse sind. Eine realistische, selbstbewusste Einschätzung des eigenen Könnens führt überdies dazu, die Chance zur Interaktion öfter wahrzunehmen und so die Sprach- und interkulturelle Kompetenz zu verbessern.

Kompetenzen im Inland aneigenbar

Zu interkulturellen Kompetenzen hat die Forscherin untersucht, wie sich die Fähigkeit, in der Interaktion mit Menschen anderer Gruppenzugehörigkeiten zurechtzukommen (Selbstwirksamkeitserwartung) und das Bewusstsein für kulturelle Prägungen entwickeln. „Die Selbstwirksamkeit stieg in den ersten drei Monaten des Auslandsaufenthalts an, bildete sich aber nach der Rückkehr bei der Mehrheit zurück. Interkulturelle Kompetenz eignet man sich erst durch die Mischung aus Erfahrungslernen und Reflexion an. Ohne Reflexionsangebote nach der Rückkehr bleibt es oftmals bei der Erfahrung“, so Gianna Hessel. In der Interaktion mit Menschen, die einen anderen „kulturellen Hintergrund“ (Gruppenzugehörigkeiten) als man selbst mitbringen, steckt jedenfalls das größte Lernpotenzial.

Die Gelegenheiten dazu können sowohl im Aus-, als auch im Inland aktiv genutzt werden, etwa im Umgang mit Menschen anderen Alters, mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund oder aus anderen Berufsgruppen. „Die Studie zeigt auf, dass es keinen Grund gibt, ein sehr hohes Niveau bei Sprach- und interkultureller Kompetenz nicht auch an der Heimatuniversität zu erreichen“, resümiert die Forscherin. Für all jene, die wegen der Corona-Krise oder aus anderen Gründen keinen Erasmus-Aufenthalt absolvieren können – und das ist die Mehrheit der Studierenden – sind das ermutigende Aussichten. Denn der Auslandsaufenthalt allein reicht ohne starke Motive, Reflexion, Strategie und klare Ziele nicht aus, um Sprachkompetenzen und interkulturelles Wissen langfristig weiterzuentwickeln.


Zur Person

Gianna Hessel ist angewandte Sprachwissenschaftlerin am Institut für Anglistik an der Universität Graz. Sie studierte an den Universitäten Mainz und Oxford. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Fremdspracherwerb, Sprachlernpsychologie und interkulturelles Lernen. Hessel erhielt eine Förderung des Wissenschaftsfonds FWF im Rahmen des Mobilitätsprogramms Lise-Meitner.


Publikationen

Hessel, Gianna: Overall L2 proficiency maintenance and development among returning ERASMUS study abroad participants, in: Study Abroad Research in Second Language Acquisition and International Education, 5(1), 119–152, 2020
Hessel, Gianna: The role of international student interactions in English as a lingua franca in students’ second language acquisition, L2 motivational development and intercultural learning during study abroad, in: SSLLT, 9 (3), 495-51, 2019
Hessel, G., & Vanderplank, R.: What difference does it make? Examining English proficiency gain as an outcome of participation in ERASMUS study abroad programmes in the UK, in: Study Abroad Research in Second Language Acquisition and International Education, 3(2), 191-219, 2018

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