Wenn gefÀhrliche Krebszellen gemeinsam wandern
Wenn eine Kindergartengruppe wandern geht, ist meist klar verteilt, wer welche Rolle ĂŒbernimmt: Jemand geht vorneweg, andere bleiben in der Mitte, der Letzte achtet darauf, dass niemand zurĂŒckbleibt. Nicht alle tun dasselbe â und gerade deshalb kommt die Gruppe voran. Was bei der Wanderung intuitiv verstĂ€ndlich ist, kann helfen, ein schwer fassbares PhĂ€nomen zu beschreiben: die Bewegung von Zellen.
Denn auch Zellen sind nicht immer allein unterwegs. Sie wandern, suchen Wege durch ihre Umgebung, reagieren auf Hindernisse und Signale, haften aneinander oder lösen sich voneinander. In der frĂŒhen Entwicklung eines Organismus mĂŒssen Zellen an den richtigen Ort gelangen, um Gewebe und Organe zu bilden. Bei der Wundheilung bewegen sie sich dorthin, wo Verletzungen geschlossen werden mĂŒssen. Und bei Krebs kann Zellbewegung gefĂ€hrlich werden: Dann verlassen Tumorzellen ihren ursprĂŒnglichen Ort und breiten sich im Körper aus. Dieser Prozess â die Metastasierung â ist eine der gröĂten Herausforderungen der Krebsmedizin.
Warum aber können Krebszellen mehr Schaden anrichten, wenn sie nicht allein, sondern als Gruppe unterwegs sind? Und wie entscheidet sich innerhalb einer solchen Gruppe, wer vorne zieht, wer zusammenhĂ€lt und wer folgt? Genau hier setzt Angelika Manhart an. Die Mathematikerin und Molekularbiologin an der UniversitĂ€t Wien arbeitet an der Schnittstelle von Mathematik, Computerwissenschaften und Biologie. In ihrem vom FWF geförderten ASTRA-Projekt untersucht sie, wie heterogene Zellgruppen â also Gruppen aus Zellen mit unterschiedlichen Eigenschaften â sich organisieren und durch ihre Umgebung bewegen.
Zellkoordination entschlĂŒsseln
Mithilfe von Mathematik und Computersimulation untersucht die FWF-ASTRA-PreistrÀgerin Angelika Manhart, wie Zellen miteinander kommunizieren und ihr Verhalten aufeinander abstimmen. Sie will besser verstehen, warum die Bewegung im Team Krebszellen bei der Metastasierung einen entscheidenden Vorteil verschaffen kann.
Zwischen Billardball und Mensch
âZellen sind einerseits viel komplizierter als einfache mechanische Objekte aus der Physik, also zum Beispiel BillardbĂ€lleâ, sagt Manhart. âAndererseits sind sie nicht so komplex wie Menschen, die sich anders bewegen und miteinander interagieren. Zellen liegen dazwischen und sind doch auch wahnsinnig kompliziert.â Diese Zwischenposition macht Zellbewegung schwer zu beschreiben. Einerseits spielen physikalische Faktoren eine Rolle: KrĂ€fte, Reibung, Haftung, die Form der Umgebung. Andererseits sind Zellen lebende Systeme. Sie nehmen Signale wahr, verĂ€ndern ihr Verhalten und kommunizieren mit anderen Zellen. Manhart versucht, diese Prozesse mit mathematischen Modellen zu fassen.
âZellen sind doch auch wahnsinnig kompliziert.â
Warum manche Fragen Gleichungen brauchen
Die Wissenschaftlerin kam frĂŒh zu diesem Grenzbereich. Ihre Eltern sind beide Mathematiker, naturwissenschaftliche Fragen interessierten sie schon als SchĂŒlerin. Als sie sich spĂ€ter nicht entscheiden wollte, ob sie Mathematik oder Molekularbiologie studieren sollte, wĂ€hlte sie kurzerhand beides. An der UniversitĂ€t Wien absolvierte sie Mathematik und Molekularbiologie â und suchte von da an nach Möglichkeiten, diese beiden Welten miteinander zu verbinden.
Manharts mathematische Modelle bilden nicht die gesamte biologische RealitĂ€t ab. Sie vereinfachen. âModellieren heiĂt wegnehmenâ, sagt Manhart. Entscheidend sei, so viel wegzulassen, dass ein Modell ĂŒberschaubar bleibt â aber genug zu behalten, um das PhĂ€nomen noch erklĂ€ren zu können.
Aus biologischen Annahmen werden Gleichungen, aus Hypothesen Computersimulationen. Manhart kann damit testen, wie sich Zellgruppen verhalten, wenn einzelne Eigenschaften verĂ€ndert werden: Was passiert, wenn manche Zellen stĂ€rker haften? Was, wenn andere beweglicher sind? Welche Kombinationen fĂŒhren dazu, dass eine Gruppe zusammenbleibt und trotzdem vorankommt?
Wie Simulationen Experimente ergÀnzen
Dabei arbeitet sie mit Juliane Winkler von der Medizinischen UniversitÀt Wien zusammen, die unter anderem Brustkrebszellen untersucht, auch Zellen von Patientinnen. Die Modelle sollen Experimente nicht ersetzen, sondern ergÀnzen. Sie können Hinweise geben, welche Mechanismen plausibel sind und welche Annahmen nicht ausreichen.
Besonders interessant findet Manhart Situationen, in denen mehrere ErklĂ€rungen möglich sind. âWas ich sehr gerne mache, ist, wenn es verschiedene Hypothesen gibt, also nicht ein Modell zu schreiben, sondern ein Set an Modellenâ, sagt sie. Dann lĂ€sst sich vergleichen, welche ErklĂ€rung zu den Daten passt â und welche nicht.
GefÀhrliche Gruppen
Beim Thema Krebs geht es in Manharts Projekt besonders um die Frage, warum Zellgruppen bei der Metastasierung âerfolgreicherâ sein könnten als einzelne Zellen. Tumorzellen können unterschiedliche ZustĂ€nde annehmen. Manche haften stĂ€rker aneinander, andere sind beweglicher und lösen sich leichter aus dem Gewebe. FĂŒr einen Tumor kann es vorteilhaft sein, wenn nicht alle Zellen gleich sind.
Möglich ist etwa, dass beweglichere Zellen bestimmte Positionen in der Gruppe einnehmen, wĂ€hrend stĂ€rker haftende Zellen die Gruppe zusammenhalten. Wie bei einer Wandergruppe mĂŒssten dann nicht alle dieselbe Aufgabe ĂŒbernehmen. Die Verschiedenheit der Zellen könnte der Gruppe helfen, sich effizienter durch Gewebe zu bewegen.
Mathematisch lĂ€sst sich untersuchen, welche Anordnung besonders gut funktioniert: Ist es gĂŒnstiger, wenn alle Zellen sehr beweglich sind? Oder wenn manche stĂ€rker haften? Welche Kombinationen machen eine Zellgruppe besonders anpassungsfĂ€hig?
Grundlagenforschung mit medizinischem Horizont
Manhart betreibt Grundlagenforschung. Gerade diese Grundlagen könnten aber in Zukunft wichtig werden. Wenn man besser versteht, warum bestimmte Zellgruppen eher Metastasen bilden, könnten sich daraus neue Hypothesen fĂŒr Diagnostik, Therapie und Behandlung von Brustkrebs oder anderen Krebsformen ergeben. Vielleicht lieĂe sich eines Tages besser abschĂ€tzen, welche Tumoren besonders metastasierungsfĂ€hig sind. âDas wĂ€re eine tolle Sache, wenn man sagen könnte, warum ein Tumor eher Metastasen bildet als ein anderer. Es wĂ€re vorstellbar, dass man das dann in irgendeiner Form ausnutzen und sagen könnte: Wie kann man Metastasenbildung reduzieren oder verhindern?â, erklĂ€rt Manhart.
Die Robustheit des Lebens
Zellbewegung ist nicht nur fĂŒr Krebs relevant. Ăhnliche Prinzipien spielen auch in der Embryonalentwicklung und bei der Wundheilung eine wichtige Rolle. In der Entwicklung mĂŒssen Zellen ihre IdentitĂ€ten annehmen, ihre Aufgaben verĂ€ndern und an die richtigen Orte gelangen. Bei der Wundheilung wandern Zellen des Immunsystems, BlutplĂ€ttchen und andere Zelltypen zur verletzten Stelle. Auch dort muss Bewegung koordiniert sein.
Was Manhart an solchen Prozessen besonders fasziniert, sind die vielen RĂŒckkopplungen und Kontrollmechanismen in lebenden Systemen. Zellen regulieren sich selbst, reagieren auf Störungen, aktivieren Sicherungen. Wenn etwas schieflĂ€uft, gibt es oft weitere Ebenen, die eingreifen. âWie robust diese Regulationsmechanismen sind, ist total ĂŒberraschend.â
âWie robust diese Regulationsmechanismen sind, ist total ĂŒberraschend.â
Forschung aus dem Elfenbeinturm holen
Neben ihrer Forschung engagiert sich Manhart auch in der Vermittlung von Wissenschaft. âEs ist mir sehr wichtig, dass man sich als Wissenschaftler:in der nĂ€chsten Generation und der ganzen Ăffentlichkeit gegenĂŒber die MĂŒhe macht, die eigene Arbeit zu erklĂ€ren und dafĂŒr zu begeisternâ, sagt Manhart. Sie erklĂ€rt komplexe Themen nicht nur Studierenden oder Fachkolleg:innen, sondern auch auĂerhalb der UniversitĂ€t. Sogar ihrem vierjĂ€hrigen Sohn erzĂ€hlt sie bereits, was Zellen sind, wie klein sie sind und warum man sie mit freiem Auge nicht sehen kann.
âWissenschaft ist das beste System, das wir haben, um neues Wissen zu generieren. â
Auch visuell vermittelt Manhart Forschung: Sie nutzt unter anderem Illustrationen und Aquarelle, um wissenschaftliche Inhalte zugĂ€nglicher zu machen. FĂŒr Manhart gehört das zur wissenschaftlichen Arbeit dazu. Forschung solle nicht im Elfenbeinturm bleiben, sagt sie. Und gerade fachfremde Fragen seien oft hilfreich, weil sie den Blick auf das Wesentliche lenken.
In einer Zeit, in der Vertrauen in Wissenschaft nicht selbstverstĂ€ndlich ist, hĂ€lt Manhart es fĂŒr wichtig, sichtbar zu machen, wie sorgfĂ€ltig, kritisch und ĂŒberprĂŒfbar wissenschaftliches Arbeiten funktioniert. âEs ist immerhin trotzdem das beste System zur Wissensproduktion, das wir habenâ, sagt sie.
FĂŒr eine Forscherin, die zwischen mehreren Disziplinen forscht, klingt das logisch. In der Modellierung ĂŒbersetzt sie Biologie in Mathematik. In der Kommunikation ĂŒbersetzt sie Forschung in Bilder, Analogien und ErklĂ€rungen. Beides verlangt Vereinfachung â aber eine Vereinfachung, die das Wesentliche sichtbar macht.
Zur Person
Angelika Manhart ist Mathematikerin an der UniversitÀt Wien und arbeitet im Bereich der mathematischen Biologie. Sie studierte Mathematik und Molekularbiologie und verbindet in ihrer Forschung mathematische Modellierung, Computersimulation und biologische Fragestellungen. In ihrem vom FWF geförderten ASTRA-Projekt untersucht sie, wie sich heterogene Zellgruppen organisieren und durch ihre Umgebung bewegen. Im Fokus steht die kollektive Zellmigration, insbesondere im Zusammenhang mit Krebs und Metastasierung.
Gemeinsam mit Juliane Winkler von der Medizinischen UniversitĂ€t Wien untersucht sie unter anderem Brustkrebszellen, um besser zu verstehen, warum Zellgruppen erfolgreicher metastasieren als einzelne Zellen. Ihre Forschung ist auch fĂŒr Prozesse wie Embryonalentwicklung, Wundheilung und die Selbstorganisation lebender Systeme relevant.