Medien fehlt Verantwortungsbewusstsein in der Terrorberichterstattung
Nach einem Terrorakt sind Berichterstattende extrem gefordert. Ein unvorhersehbares Ereignis trifft auf ĂŒberbordendes Interesse an rascher, umfassender und prĂ€ziser Information und Einordnung. Mit einem Tatort in Ăsterreich stechen das School-Shooting in Graz im Juni 2025 und der Terroranschlag in der Wiener Innenstadt im November 2020 hier besonders heraus. Nach solchen Ereignissen werden in den Redaktionen PlĂ€ne, AblĂ€ufe, Ressourcen und Kompetenzen auf den Kopf gestellt. Sorgfalt und Besonnenheit ziehen gegenĂŒber Geschwindigkeit und Reichweite leider oft den KĂŒrzeren.
Dabei stehen Medienschaffenden fĂŒr die Berichterstattung ĂŒber Terrorakte wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zur VerfĂŒgung, Ă€hnlich wie fĂŒr die mediale Darstellung von Suiziden â ein erster Konnex zwischen unterschiedlich wirkenden Taten. Das Gebot einer zurĂŒckhaltenden Suizidberichterstattung ist auch im âEhrenkodex fĂŒr die österreichische Presseâ des Presserats verankert. Medienempfehlungen ĂŒber Suizidberichterstattung einzuhalten, soll Nachahmung, den gut belegten âWerther-Effektâ, vermeiden.
Die meisten Terrorakte werden heute in den sozialen Medien öffentlichkeitswirksam âinszeniertâ. Im Wettlauf um Breaking News lassen sich Medien hier potenziell instrumentalisieren und geben so der Intention von AttentĂ€ter:innen nach Reichweite Raum. Zwar sind es andere Inhalte auf Plattformen, die Jugendliche im Vorfeld radikalisieren können. Dennoch ist die Berichterstattung rund um AnschlĂ€ge Teil dieses Universums. Radikale Gruppen sehen Feindbilder und gĂ€ngige Narrative bestĂ€tigt.
Das Projekt
Welche Auswirkungen hat es auf das Publikum, wie ĂŒber TerroranschlĂ€ge in Medien berichtet wird? Die erste Studie ihrer Art im deutschsprachigen Raum untersucht die Frage, ob Medienberichte Radikalisierung fördern können und wie etablierte Medienempfehlungen eingehalten werden.
Wirkung auf Public Mental Health
Die Forschung zeigt, dass sensationslĂŒsterne Berichte, drastische Beschreibungen der Tat und krude Annahmen ĂŒber BeweggrĂŒnde dreifach schĂ€dlich wirken. Der Medienpsychologe Benedikt Till von der Medizinischen UniversitĂ€t Wien sieht Medien in der Verantwortung: âDiese Art der Berichterstattung kann Menschen traumatisieren und damit Ăngstlichkeit und Depression befördern, sie kann Menschen stigmatisieren, etwa wenn Muslim:innen in einen Topf mit Islamismus geworfen werden, und sie kann zur Imitation von Taten anregen.â
In einem mehrjĂ€hrigen Forschungsprojekt untersuchen Till und die Kommunikationswissenschaftlerin Brigitte Naderer, unterstĂŒtzt vom Wissenschaftsfonds FWF, aktuell erstmals die Wirkung von Terror-Berichterstattung auf das Publikum, und zwar abhĂ€ngig von der Gestaltung. DafĂŒr wurde einerseits analysiert, wie in österreichischen und deutschen Zeitungen in den vergangenen Jahren ĂŒber TerroranschlĂ€ge berichtet wurde. Andererseits wird untersucht, wie diese Artikel wirken, je nachdem, wie sie âverpacktâ sind. Die Forschenden ordneten sie nach drei Kategorien: Erstens sensationstrĂ€chtige Artikel, zweitens solche, die nach den Empfehlungen gestaltet wurden, und drittens Artikel, die mit Geschichten ĂŒber Personen, die sich deradikalisiert haben, auf positive Beispiele fokussieren.
Manöverkritik und Medienanalyse
Terrorakte werden in der internationalen Global Terrorism Database nĂŒchtern dokumentiert. FĂŒr die Inhaltsanalyse haben die Forschenden in Wien die neun Terrorakte mit den meisten Terroropfern in Westeuropa aus den vergangenen zehn Jahren ausgewĂ€hlt, sowohl rechtsextremistisch als auch islamistisch motivierte. âWir haben die Berichterstattung in den je fĂŒnf auflagenstĂ€rksten Tageszeitungen Deutschlands und Ăsterreichs bis sieben Tage nach dem Ereignis erfasst, analysiert und codiert. Insgesamt flossen 1.909 Artikel in diese Inhaltsanalyse einâ, beschreibt Brigitte Naderer.
Das erste Fazit der Inhaltsanalyse: Die Empfehlungen werden (noch) nicht eingehalten: âEs wird generell viel gemacht, von dem abgeraten wird. Boulevardzeitungen veröffentlichen hĂ€ufiger Namen und Fotos von Terroristen oder verwenden stigmatisierende Sprache in Bezug auf psychische Erkrankungen. QualitĂ€tsmedien bieten in lĂ€ngeren Artikeln mehr Hintergrundinformationen an, wodurch Details zu den AnschlĂ€gen thematisiert werden. Nur 0,6 Prozent aller Zeitungsberichte verweisen auf Hilfsangebote, prĂ€ventive Berichte mit Beispielen erfolgreicher Deradikalisierung sind seltenâ, beschreibt die Kommunikationswissenschaftlerin.
In der Untersuchung zeigt sich zudem, dass ĂŒber islamistische und rechtsextremistische Taten unterschiedlich, aber nach Strickmuster berichtet wird, wie Projektleiter Benedikt Till ergĂ€nzt. Bei islamistischen TĂ€tern liegt der Fokus auf der Tat und auf Merkmalen wie Herkunft, Aussehen und kĂ€mpferischer Vorerfahrungen sowie Netzwerken im Hintergrund. Die TĂ€ter (in der Stichprobe gab es keine TĂ€terin) werden simpel als âradikalisiertâ bezeichnet. Bei rechtsextremistischen AnschlĂ€gen wird in der Regel eher von einem EinzeltĂ€ter ausgegangen, ErklĂ€rungen fĂŒr die Tat werden gesucht und in schlechten Erfahrungen, der Biografie und psychischen Problemen gefunden. Das kann etablierte Feindbilder vergröĂern und bedient Klischees und gĂ€ngige Narrative.
Was Interviews mit Betroffenen offenbaren
Um die Wirkung der Berichterstattung zu erforschen, fĂŒhrte das Team qualitative Interviews mit elf jungen MĂ€nnern und Frauen in Deradikalisierungsprogrammen, die also bereits einschlĂ€gig aufgefallen waren. In den GesprĂ€chen offenbarte sich ein weiterer Konnex zwischen Terror und Suizid. Alle befragten Personen berichteten, dass sie vor ihrer Radikalisierung eine psychische Krise durchlebt hatten â mit Themen wie Einsamkeit, Marginalisierung, Mobbing oder Orientierungslosigkeit.
FĂŒr die Umsetzung von Public-Mental-Health-Programmen bedeutet das, Gewicht auf PrĂ€vention und rasches Eingreifen in krisenhaften Situationen zu legen. Denn persönliche Krisen könnten in Suizidgedanken oder in manchen FĂ€llen in der Zugehörigkeit zu radikalen Communitys mĂŒnden. Die Wirkung der Artikelsets beurteilten die Befragten unterschiedlich. Ausschlaggebend war dabei der Stand der eigenen Entwicklung. SensationslĂŒsterne Berichte hĂ€tten sie am Höhepunkt ihrer Radikalisierung eher bestĂ€rkt. Berichte mit Beispielen erfolgreicher Deradikalisierung fielen in ihrer aktuellen Situation auf eher fruchtbaren Boden, in ihrer radikalisierten Phase hĂ€tten sie die Narrative eher âals Verrat empfundenâ.
EinschÀtzung der Bevölkerung erheben
Auch eine quantitative Onlinebefragung zur Wirkung der Berichterstattung ĂŒber Terrorakte auf einen reprĂ€sentativen Querschnitt der Bevölkerung (n = 700) wurde bereits durchgefĂŒhrt. Nach einer Baseline-Messung wurde in mehreren Wellen die Wirkung der spezifisch gestalteten Artikelsets auf Parameter wie Ăngstlichkeit, Depression, Islamophobie oder negative Stereotype gemessen. Diese Daten werden aktuell noch ausgewertet. Geplant ist zudem eine Analyse öffentlicher Diskurse, also die Auswertung von Kommentaren und Diskussionen unter Berichten auf Social Media mit Computational Methods.
Einen starken Magen braucht angesichts des Forschungsthemas das gesamte Team. âManchmal fĂ€llt man vom Glauben an die Menschheit abâ, erzĂ€hlt Brigitte Naderer. Mit regelmĂ€Ăigen Debriefings, Supervision und intensivem Austausch im Team (und gelegentlich Schokolade) wird auf das psychische Wohlbefinden geachtet. FĂŒr Medien bedeuten die ersten Forschungsergebnisse, dass es einen Unterschied macht, wie Taten prĂ€sentiert, welche ErklĂ€rungsmuster mitgeliefert werden und ob konstruktiv berichtet wird. Auch Berichte ĂŒber UnterstĂŒtzung in persönlichen Krisen und psychische Gesundheit sind kein Nice-to-have, sondern ein essenzielles Werkzeug fĂŒr Medienverantwortliche, das im besten Fall dazu beitragen kann, Terrorakte wie jenen in Graz im Juni 2025 zu verhindern.
Zur Person
Der Psychologe Benedikt Till arbeitet in den Bereichen Public Mental Health, SuizidprĂ€vention, Gesundheitskommunikation und Medienpsychologie an der Medizinischen UniversitĂ€t Wien. In seiner Forschung beschĂ€ftigt er sich mit der Rolle der Massenmedien bei der Vermittlung potenziell psychisch belastender Inhalte sowie deren möglichen Auswirkungen, einschlieĂlich der Suizid- und Terrorismusberichterstattung. Das Forschungsprojekt âMedienberichterstattung ĂŒber Terrorismus und ihre Wirkungâ (2023â2029) wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit rund 396.000 Euro gefördert.
Publikationen
Content analysis of Austrian and German newspaper coverage of terrorist attacks in light of recommendations for reporting on mass shootings, in: Media War & Conflict 2026
Exploring media responses to terrorist attacks: A content analysis of portrayed mitigation strategies to terrorism in German and Austrian newspapers, in: European Journal of Communication 2025