Wie eine nachhaltige Agrar- und ErnÀhrungswende gelingen kann
Unsere Gesellschaft steht in vielerlei Hinsicht vor riesigen Herausforderungen â so auch die Lebensmittelversorgung. Vielen ist bewusst, dass sich unsere Art zu leben und zu wirtschaften fundamental verĂ€ndern â also transformieren â muss, um einen lebenswerten Planeten zu erhalten. Es fehlt auch nicht an theoretischen Konzepten, praktischen VorschlĂ€gen oder wissenschaftlich durchgerechneten Modellen. Doch das Wissen ist lĂŒckenhaft und widersprĂŒchlich, und sobald es an die Umsetzung gehen soll, wird es noch schwieriger.
FĂŒr Planungssicherheit braucht es eine gemeinsame Vision, wohin sich die Viehwirtschaft entwickeln soll. Denn die BeharrungskrĂ€fte sind groĂ: Jahrzehntelange Gewohnheiten, gebaute Strukturen, finanzielle AbhĂ€ngigkeiten wirken ebenso systemerhaltend wie Gesetze und Vorschriften oder soziale Normen und Erwartungen. Hinzu kommen Ăngste und Misstrauen, etwa davor, als âEarly Adopterâ am Ende als Verlierer dazustehen oder von anderen Akteur:innen im System ĂŒber den Tisch gezogen zu werden. Um Kosten und Nutzen von VerĂ€nderung fair zu verteilen, braucht es finanzielle und andere Ausgleichsmechanismen, doch diese fehlen.
Eine Möglichkeit, WiderstĂ€nde zu ĂŒberwinden und ins Handeln zu kommen, sind Prozesse, bei denen die Betroffenen mit der Wissenschaft gemeinsam handlungsrelevantes Wissen erarbeiten und mögliche kĂŒnftige MaĂnahmen identifizieren. Der Wissenschaftsfonds FWF startete 2019 das transdisziplinĂ€re Pilotprogramm #ConnectingMinds, um derartige Prozesse zu fördern. UnterstĂŒtzt werden Projekte mit gemischten Teams aus Wissenschaft und Praxis, die schon die Fragestellung gemeinsam entwickeln und bis zur Umsetzung auf Augenhöhe miteinander arbeiten.
Co-Learning oder: das Wissen der Vielen
Ein solches Projekt ist COwLEARNING. Es startete 2022 und entstand in Kooperation von BOKU und VeterinĂ€rmedizinischer UniversitĂ€t Wien, Rinderzucht Austria, ErnĂ€hrungsrat Wien, Netzwerk Kulinarik, der Tierschutzorganisation Vier Pfoten und der Plattform âLand schafft Lebenâ. âWir wollen mögliche VerĂ€nderungen ausloten und Wege hin zu einer nachhaltigen Milch- und Fleischversorgung in Ăsterreich entwickelnâ, umreiĂt Projektleiterin Marianne Penker das Ziel des fĂŒnfjĂ€hrigen Projekts. âWobei wir mit nachhaltig nicht nur ökologische und Aspekte des Tierwohls meinenâ, so die BOKU-Nachhaltigkeitsexpertin. Denn weit reichende VerĂ€nderungen können nur funktionieren, wenn auch ökonomische und soziale Nachhaltigkeit mitgedacht werden. Dazu gehören ein gutes Auskommen fĂŒr die BĂ€uerinnen und Bauern ebenso wie gesunde Nahrungsmittel, die allen Bevölkerungsgruppen zugĂ€nglich sind.
Breaking the Blame Game
Dass es auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit groĂe HĂŒrden zu ĂŒberwinden gibt, zeigte sich bereits in der Konzeptionsphase des Projekts. Die Antragstellung fĂŒr #ConnectingMinds verlĂ€uft zweistufig: Schritt eins ist ein Workshop, in dem die ProjekttrĂ€ger:innen gemeinsam die Fragestellungen fĂŒr den eigentlichen Projektantrag entwickeln und die Art ihrer Zusammenarbeit definieren.
âBei dem Workshop waren zuerst alle sehr reserviertâ, erinnert sich Penker, âund hĂ€tten sich am liebsten gegenseitig die Verantwortung fĂŒr bestehende Probleme zugeschoben.â Schlachthöfe klagten ĂŒber den Preisdruck des Handels; der behauptete, nur zu tun, was die Konsument:innen wollen; die beanstandeten, von der Gastronomie keine Informationen ĂŒber die Herkunft des Fleisches zu bekommen, und so weiter. âDie Haltung â und die gibt es oft bei Transformationsprozessen â ist im Grunde: Wenn sich die anderen nicht Ă€ndern, kann ich auch nichts tunâ, weiĂ Penker, die sich seit Jahrzehnten fĂŒr transformative Lösungen im lĂ€ndlichen Raum engagiert und auch viel Erfahrung mit transdisziplinĂ€rer Zusammenarbeit hat. Deshalb stellte das Team den Projektantrag unter das Motto Breaking the Blame Game. âWir wollten die Akteur:innen ja zusammenbringen, nicht mit dem Finger aufeinander zeigen.â
Drei Szenarien fĂŒr 2050
Ein mittlerweile erreichtes Projektziel war die Entwicklung von drei Zukunftsszenarien fĂŒr eine nachhaltige Viehwirtschaft in Ăsterreich. Diese in das Jahr 2050 zu verlegen, war eine bewusste Entscheidung. âDas ganze System in einem Jahr oder in fĂŒnf Jahren umzustellen, funktioniert nicht, weil die eigene Betroffenheit zu groĂ istâ, erklĂ€rt Penker. âAber wenn wir ĂŒber 2050 nachdenken, wird das Denken frei.â Die Transformationsforschung habe gezeigt, dass Angst eine schlechte Beraterin ist, vor allem, wenn Menschen Mut zur VerĂ€nderung entwickeln sollen. Deshalb setzt COwLEARNING auch auf wĂŒnschenswerte ZukĂŒnfte statt Best- und Worst-Case-Szenarien.
FĂŒr den Prozess wurde ein â ĂŒber die ProjekttrĂ€ger:innen hinausreichendes â âStakeholder-Netzwerkâ aus rund 30 Personen entlang der gesamten Versorgungskette fĂŒr Milch und Rindfleisch in Ăsterreich gebildet. Neben Forscher:innen verschiedener Disziplinen kommen BĂ€uerinnen und Bauern, Vertreter:innen aus Zucht- und verarbeitenden Betrieben (Schlachthöfe, Molkereien), Tierwohl-NGOs und Zivilgesellschaft, Handel, Gastronomie sowie aus Interessenvertretungen und Verwaltung zu jĂ€hrlichen Arbeitstreffen.
Eigentlich wollen eh alle âŠ
âEs ist wirklich spannend zu sehen, wie Ă€hnlich die Vorstellungen von einer âgutenâ Landwirtschaft und nachhaltigen ErnĂ€hrung bei allen Beteiligten sind, sobald nicht mehr das TagesgeschĂ€ft oder die eigene Existenz im Vordergrund stehenâ, erzĂ€hlt Projektleiterin Penker. Das zeigt, wie groĂ der Wunsch nach Nachhaltigkeit eigentlich ist. Sobald Vertrauen aufgebaut ist, werden selbst weitreichende Ănderungen denkmöglich â eine Erfahrung, die die Expertin bereits als wissenschaftliche BeirĂ€tin des Klimarats gemacht hat.
So konnten sich â bei allen Unterschieden in den drei Szenarien fĂŒr 2050 (siehe Kasten) âalle Beteiligten ZukĂŒnfte als attraktiv vorstellen, die die Einhaltung planetarer Grenzen, weniger Fleischkonsum, Reduktion der Futtermittelimporte und mehr Tierwohl gewĂ€hrleisten, etwa indem mehr Weidehaltung und teilweise lĂ€ngere Kuh-Kalb-Kontakte ermöglicht werden.
Durch die vielen unterschiedlichen Backgrounds flieĂt eine FĂŒlle an Ideen und praktischer Erfahrung in den Prozess ein. âAuf den Höfen, im verpackungsfreien Supermarkt, auf der veganen AlmhĂŒtte usw. passiert ja schon viel â das ist wie ein Reallabor."
Die drei COwLEARNING-Szenarien
Szenario 1: âLebendiges kulinarisches Erbe â nachhaltig interpretiertâ setzt auf nachhaltige regionale Alm- und Weidewirtschaft und die nachhaltige Weiterentwicklung regionaler Ess- und Genusskultur. Modernste Technik sorgt fĂŒr hochwertige Produkte und Transparenz; der kulinarische Tourismus boomt. FĂŒr einkommensschwache Gruppen werden die höheren Kosten durch gezielte MaĂnahmen wie gemeinsame vergĂŒnstigte Mittagstische oder Sozialhilfe ausgeglichen.
Szenario 2: âSmartes Miteinander â Digitale KreislĂ€ufe fĂŒr nachhaltige Lebensmittelâ: Hier stehen mit digitaler UnterstĂŒtzung regionale Kooperation und das SchlieĂen von StoffkreislĂ€ufen im Vordergrund. Konsument:innen und landwirtschaftliche Akteur:innen stehen âsmartâ miteinander in Kontakt, etwa in Einkaufsgenossenschaften.
Szenario 3: âEin individueller Teller Natur â Wohlbefinden fĂŒr Mensch, Tier und Naturâ fokussiert auf Biotech- und Gesundheitsservices. ErnĂ€hrung wird, auch als PrĂ€ventionsmaĂnahme, auf Basis genetischer Analysen optimiert, unterstĂŒtzt durch spezielle TierzĂŒchtungen oder Produktionstechniken. Landwirtschaft und Gesundheitsunternehmen arbeiten eng zusammen. Der âOne Welfareâ-Ansatz, der das Wohlbefinden von Mensch, Tier und Natur zusammendenkt, sorgt fĂŒr die Nachhaltigkeit des gesamten Ăko- und Versorgungssystems.
Machbarkeitsanalysen zeigen: Die nachhaltige Transformation ist möglich
Die drei Szenarien wirken fast unrealistisch idyllisch. Doch hinter jeder einzelnen Formulierung stecken aufwendige Berechnungen und âmehrere literatur- und datengestĂŒtzte Prozessschritte. Wir haben die VerĂ€nderungen from farm to fork, also vom Hof bis zur Gabel analysiertâ, erzĂ€hlt Penker. Einige der Fragen, die die Forschenden untersuchten, lauteten: Welchen Einfluss haben die vorgeschlagenen VerĂ€nderungen auf CO2- und Methanemissionen; auf Wertschöpfungsketten und auf das Wohlergehen von Mensch und Rind? Und sind die neuen Systeme in Krisenzeiten widerstandsfĂ€hig, zum Beispiel in einer Ălkrise, im Kriegsfall oder wenn die soziale Polarisation weiter zunimmt? Die Berechnungen haben laut Penker gezeigt, dass alle drei Szenarien plausibel und ökologisch stabil, realistisch und auf Ăsterreichs FlĂ€chen erreichbar sind.
Im nĂ€chsten und abschlieĂenden Schritt werden Transformationspfade entwickelt, also Anleitungen, wie diese erwĂŒnschten ZukĂŒnfte aus dem Hier und Jetzt erreicht werden könnten. âDamit haben wir fundierte Entscheidungsgrundlagen fĂŒr Politik, Unternehmen und die Zivilgesellschaft an der Hand, die auch in eine nationale ErnĂ€hrungsstrategie einflieĂen könnten, die es â im Unterschied zu anderen EU-LĂ€ndern â in Ăsterreich noch nicht gibtâ, kritisiert die Expertin.
Weitere COwLEARNINGS
Die Projektfortschritte und -ergebnisse werden auf einer gut verstĂ€ndlichen Website veröffentlicht: AuĂerdem entstand ein âSerious Gameâ fĂŒr WhatsApp, das die Inhalte fĂŒr die Zielgruppe junger StĂ€dter:innen spielerisch erfahrbar macht. Es wurde an einem Wiener Gymnasium intensiv gespielt, begleitet von einer Diplomandin der Hochschule fĂŒr Agrar- und UmweltpĂ€dagogik, die die Lernwirkung analysiert.
Den gröĂten Erfolg des Projekts sieht die Forscherin aber bereits jetzt in den vielen Aha-Erlebnissen wĂ€hrend des Prozesses, die auch schon in internationale Publikationen mĂŒndeten. Genauso wichtig sind die Verbindungen, sogar Freundschaften, die durch die Zusammenarbeit entstehen. âEs ist unglaublich ermutigend, wenn Beteiligte erfahren, dass andere in der Produktionskette so Ă€hnlich denken wie sie, oder etwas wagen. Das allein stöĂt schon VerĂ€nderung an.â
Um schlieĂlich vom heutigen System in die erwĂŒnschte Zukunft zu kommen, braucht es dieses Transformationswissen. Neben Wissenschaft und Praxis liegt die Expertise fĂŒr eine effektive Umsetzung von MaĂnahmen bei Verwaltung, Politik, Recht und Zivilgesellschaft.
Ăber die Forscherin
Marianne Penker studierte Landschaftsplanung und Landschaftspflege an der BOKU University, wo sie seit 2017 Professorin fĂŒr Landsoziologie und lĂ€ndliche Entwicklung ist. Im Fokus ihrer Arbeit stehen nachhaltige ErnĂ€hrungssysteme vor allem in Europa. Um Transformationsprozesse zu unterstĂŒtzen, setzt Penker seit Jahrzehnten auf transdisziplinĂ€re Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis.
Sie war fĂŒr mehrere Jahre Vorsitzende des UNESCO-BiosphĂ€renkomitees in Ăsterreich und wirkte an einem Sachstandsbericht zur Farm-to-Fork-Strategie der EU mit. 2022 war sie Teil des wissenschaftlichen Beirats der Vision 2028+ fĂŒr Ăsterreichs Landwirtschaft und des österreichischen Klimarats.
Zum Projekt
Im Rahmen des transdisziplinĂ€ren Projekts COwLEARNING wurde ein Netzwerk aus rund 30 Akteur:innen entlang der gesamten Wertschöpfungskette gebildet, das in einem fĂŒnfjĂ€hrigen Prozess zusammen mit der Wissenschaft Transformationspfade zu einer ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltigeren sowie tierwohlgerechteren Milch- und Rindfleischversorgung in Ăsterreich entwickelt.
COwLEARNING ist eine Kooperation von BOKU, VeterinĂ€rmedizinischer UniversitĂ€t Wien, Rinderzucht Austria, ErnĂ€hrungsrat Wien, Netzwerk Kulinarik, Vier Pfoten sowie der Plattform âLand schafft Lebenâ. Das Projekt lĂ€uft noch bis Februar 2027 und wird vom Wissenschaftsfonds FWF im Förderprogramm #ConnectingMinds mit 1 Million Euro gefördert. Das zusĂ€tzliche Citizen-Science-Projekt COwWEL ermöglicht es, auch ernĂ€hrungsvulnerable Gruppen in den Prozess einzubeziehen.