KĂŒhe - Braunvieh - auf einer Weide
Innovative Transformationsforschung bringt Wissenschaft und Praxis zusammen, um zukunftsfĂ€hige Lösungen fĂŒr nachhaltige ErnĂ€hrung und BiodiversitĂ€t zu entwickeln. © unsplash+

Unsere Gesellschaft steht in vielerlei Hinsicht vor riesigen Herausforderungen – so auch die Lebensmittelversorgung. Vielen ist bewusst, dass sich unsere Art zu leben und zu wirtschaften fundamental verĂ€ndern – also transformieren – muss, um einen lebenswerten Planeten zu erhalten. Es fehlt auch nicht an theoretischen Konzepten, praktischen VorschlĂ€gen oder wissenschaftlich durchgerechneten Modellen. Doch das Wissen ist lĂŒckenhaft und widersprĂŒchlich, und sobald es an die Umsetzung gehen soll, wird es noch schwieriger.

FĂŒr Planungssicherheit braucht es eine gemeinsame Vision, wohin sich die Viehwirtschaft entwickeln soll. Denn die BeharrungskrĂ€fte sind groß: Jahrzehntelange Gewohnheiten, gebaute Strukturen, finanzielle AbhĂ€ngigkeiten wirken ebenso systemerhaltend wie Gesetze und Vorschriften oder soziale Normen und Erwartungen. Hinzu kommen Ängste und Misstrauen, etwa davor, als „Early Adopter“ am Ende als Verlierer dazustehen oder von anderen Akteur:innen im System ĂŒber den Tisch gezogen zu werden. Um Kosten und Nutzen von VerĂ€nderung fair zu verteilen, braucht es finanzielle und andere Ausgleichsmechanismen, doch diese fehlen.

Eine Möglichkeit, WiderstĂ€nde zu ĂŒberwinden und ins Handeln zu kommen, sind Prozesse, bei denen die Betroffenen mit der Wissenschaft gemeinsam handlungsrelevantes Wissen erarbeiten und mögliche kĂŒnftige Maßnahmen identifizieren. Der Wissenschaftsfonds FWF startete 2019 das transdisziplinĂ€re Pilotprogramm #ConnectingMinds, um derartige Prozesse zu fördern. UnterstĂŒtzt werden Projekte mit gemischten Teams aus Wissenschaft und Praxis, die schon die Fragestellung gemeinsam entwickeln und bis zur Umsetzung auf Augenhöhe miteinander arbeiten.

Co-Learning oder: das Wissen der Vielen

Ein solches Projekt ist COwLEARNING. Es startete 2022 und entstand in Kooperation von BOKU und VeterinĂ€rmedizinischer UniversitĂ€t Wien, Rinderzucht Austria, ErnĂ€hrungsrat Wien, Netzwerk Kulinarik, der Tierschutzorganisation Vier Pfoten und der Plattform „Land schafft Leben“. „Wir wollen mögliche VerĂ€nderungen ausloten und Wege hin zu einer nachhaltigen Milch- und Fleischversorgung in Österreich entwickeln“, umreißt Projektleiterin Marianne Penker das Ziel des fĂŒnfjĂ€hrigen Projekts. „Wobei wir mit nachhaltig nicht nur ökologische und Aspekte des Tierwohls meinen“, so die BOKU-Nachhaltigkeitsexpertin. Denn weit reichende VerĂ€nderungen können nur funktionieren, wenn auch ökonomische und soziale Nachhaltigkeit mitgedacht werden. Dazu gehören ein gutes Auskommen fĂŒr die BĂ€uerinnen und Bauern ebenso wie gesunde Nahrungsmittel, die allen Bevölkerungsgruppen zugĂ€nglich sind.

Teamfoto von 30 Fachleuten aus Wissenschaft und Landwirtschaft auf den Stufen zum Eingang eines HolzgebÀudes
COwLEARNING besteht aus rund 30 Akteur:innen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. In einem fĂŒnfjĂ€hrigen Prozess entwickeln sie Lösungen fĂŒr eine nachhaltige Viehwirtschaft.

Breaking the Blame Game

Dass es auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit große HĂŒrden zu ĂŒberwinden gibt, zeigte sich bereits in der Konzeptionsphase des Projekts. Die Antragstellung fĂŒr #ConnectingMinds verlĂ€uft zweistufig: Schritt eins ist ein Workshop, in dem die ProjekttrĂ€ger:innen gemeinsam die Fragestellungen fĂŒr den eigentlichen Projektantrag entwickeln und die Art ihrer Zusammenarbeit definieren.

„Bei dem Workshop waren zuerst alle sehr reserviert“, erinnert sich Penker, „und hĂ€tten sich am liebsten gegenseitig die Verantwortung fĂŒr bestehende Probleme zugeschoben.“ Schlachthöfe klagten ĂŒber den Preisdruck des Handels; der behauptete, nur zu tun, was die Konsument:innen wollen; die beanstandeten, von der Gastronomie keine Informationen ĂŒber die Herkunft des Fleisches zu bekommen, und so weiter. „Die Haltung – und die gibt es oft bei Transformationsprozessen – ist im Grunde: Wenn sich die anderen nicht Ă€ndern, kann ich auch nichts tun“, weiß Penker, die sich seit Jahrzehnten fĂŒr transformative Lösungen im lĂ€ndlichen Raum engagiert und auch viel Erfahrung mit transdisziplinĂ€rer Zusammenarbeit hat. Deshalb stellte das Team den Projektantrag unter das Motto Breaking the Blame Game. „Wir wollten die Akteur:innen ja zusammenbringen, nicht mit dem Finger aufeinander zeigen.“

Drei Szenarien fĂŒr 2050

Ein mittlerweile erreichtes Projektziel war die Entwicklung von drei Zukunftsszenarien fĂŒr eine nachhaltige Viehwirtschaft in Österreich. Diese in das Jahr 2050 zu verlegen, war eine bewusste Entscheidung. „Das ganze System in einem Jahr oder in fĂŒnf Jahren umzustellen, funktioniert nicht, weil die eigene Betroffenheit zu groß ist“, erklĂ€rt Penker. „Aber wenn wir ĂŒber 2050 nachdenken, wird das Denken frei.“ Die Transformationsforschung habe gezeigt, dass Angst eine schlechte Beraterin ist, vor allem, wenn Menschen Mut zur VerĂ€nderung entwickeln sollen. Deshalb setzt COwLEARNING auch auf wĂŒnschenswerte ZukĂŒnfte statt Best- und Worst-Case-Szenarien.

FĂŒr den Prozess wurde ein – ĂŒber die ProjekttrĂ€ger:innen hinausreichendes – „Stakeholder-Netzwerk“ aus rund 30 Personen entlang der gesamten Versorgungskette fĂŒr Milch und Rindfleisch in Österreich gebildet. Neben Forscher:innen verschiedener Disziplinen kommen BĂ€uerinnen und Bauern, Vertreter:innen aus Zucht- und verarbeitenden Betrieben (Schlachthöfe, Molkereien), Tierwohl-NGOs und Zivilgesellschaft, Handel, Gastronomie sowie aus Interessenvertretungen und Verwaltung zu jĂ€hrlichen Arbeitstreffen.
 

Menschen in einem Besprechungszimmer sitzen einander gegenĂŒber und diskutieren gemeinsam
Bei jĂ€hrlichen Treffen kommt geballtes Wissen zusammen. Neben Forschenden tauschen sich Landwirte, NGOs, Zivilgesellschaft, Handel, Gastronomie und Interessenvertreter:innen aus. © BOKU/Cowlearning

Eigentlich wollen eh alle 


„Es ist wirklich spannend zu sehen, wie Ă€hnlich die Vorstellungen von einer ‚guten‘ Landwirtschaft und nachhaltigen ErnĂ€hrung bei allen Beteiligten sind, sobald nicht mehr das TagesgeschĂ€ft oder die eigene Existenz im Vordergrund stehen“, erzĂ€hlt Projektleiterin Penker. Das zeigt, wie groß der Wunsch nach Nachhaltigkeit eigentlich ist. Sobald Vertrauen aufgebaut ist, werden selbst weitreichende Änderungen denkmöglich – eine Erfahrung, die die Expertin bereits als wissenschaftliche BeirĂ€tin des Klimarats gemacht hat.

So konnten sich – bei allen Unterschieden in den drei Szenarien fĂŒr 2050 (siehe Kasten) –alle Beteiligten ZukĂŒnfte als attraktiv vorstellen, die die Einhaltung planetarer Grenzen, weniger Fleischkonsum, Reduktion der Futtermittelimporte und mehr Tierwohl gewĂ€hrleisten, etwa indem mehr Weidehaltung und teilweise lĂ€ngere Kuh-Kalb-Kontakte ermöglicht werden.

Durch die vielen unterschiedlichen Backgrounds fließt eine FĂŒlle an Ideen und praktischer Erfahrung in den Prozess ein. „Auf den Höfen, im verpackungsfreien Supermarkt, auf der veganen AlmhĂŒtte usw. passiert ja schon viel – das ist wie ein Reallabor."

drei Illustrationen, die nachhaltige Landwirtschaft darstellen, mit KĂŒhen, Drohnen, Bauernhöfen, Vielfalt am Teller
Ein Stakeholder-Netzwerk aus rund 30 Personen entwickelte drei Szenarien fĂŒr 2050. Im Zentrum stehen Wohlbefinden fĂŒr Mensch, Tier und Natur. © BOKU/Cowlearning

Die drei COwLEARNING-Szenarien

Szenario 1: „Lebendiges kulinarisches Erbe – nachhaltig interpretiert“ setzt auf nachhaltige regionale Alm- und Weidewirtschaft und die nachhaltige Weiterentwicklung regionaler Ess- und Genusskultur. Modernste Technik sorgt fĂŒr hochwertige Produkte und Transparenz; der kulinarische Tourismus boomt. FĂŒr einkommensschwache Gruppen werden die höheren Kosten durch gezielte Maßnahmen wie gemeinsame vergĂŒnstigte Mittagstische oder Sozialhilfe ausgeglichen.

Szenario 2: „Smartes Miteinander – Digitale KreislĂ€ufe fĂŒr nachhaltige Lebensmittel“: Hier stehen mit digitaler UnterstĂŒtzung regionale Kooperation und das Schließen von StoffkreislĂ€ufen im Vordergrund. Konsument:innen und landwirtschaftliche Akteur:innen stehen „smart“ miteinander in Kontakt, etwa in Einkaufsgenossenschaften.

Szenario 3: „Ein individueller Teller Natur – Wohlbefinden fĂŒr Mensch, Tier und Natur“ fokussiert auf Biotech- und Gesundheitsservices. ErnĂ€hrung wird, auch als PrĂ€ventionsmaßnahme, auf Basis genetischer Analysen optimiert, unterstĂŒtzt durch spezielle TierzĂŒchtungen oder Produktionstechniken. Landwirtschaft und Gesundheitsunternehmen arbeiten eng zusammen. Der „One Welfare“-Ansatz, der das Wohlbefinden von Mensch, Tier und Natur zusammendenkt, sorgt fĂŒr die Nachhaltigkeit des gesamten Öko- und Versorgungssystems.

Machbarkeitsanalysen zeigen: Die nachhaltige Transformation ist möglich 

Die drei Szenarien wirken fast unrealistisch idyllisch. Doch hinter jeder einzelnen Formulierung stecken aufwendige Berechnungen und „mehrere literatur- und datengestĂŒtzte Prozessschritte. Wir haben die VerĂ€nderungen from farm to fork, also vom Hof bis zur Gabel analysiert“, erzĂ€hlt Penker. Einige der Fragen, die die Forschenden untersuchten, lauteten: Welchen Einfluss haben die vorgeschlagenen VerĂ€nderungen auf CO2- und Methanemissionen; auf Wertschöpfungsketten und auf das Wohlergehen von Mensch und Rind? Und sind die neuen Systeme in Krisenzeiten widerstandsfĂ€hig, zum Beispiel in einer Ölkrise, im Kriegsfall oder wenn die soziale Polarisation weiter zunimmt? Die Berechnungen haben laut Penker gezeigt, dass alle drei Szenarien plausibel und ökologisch stabil, realistisch und auf Österreichs FlĂ€chen erreichbar sind.

Im nĂ€chsten und abschließenden Schritt werden Transformationspfade entwickelt, also Anleitungen, wie diese erwĂŒnschten ZukĂŒnfte aus dem Hier und Jetzt erreicht werden könnten. „Damit haben wir fundierte Entscheidungsgrundlagen fĂŒr Politik, Unternehmen und die Zivilgesellschaft an der Hand, die auch in eine nationale ErnĂ€hrungsstrategie einfließen könnten, die es – im Unterschied zu anderen EU-LĂ€ndern – in Österreich noch nicht gibt“, kritisiert die Expertin.

Weitere COwLEARNINGS

Die Projektfortschritte und -ergebnisse werden auf einer gut verstĂ€ndlichen Website veröffentlicht: Außerdem entstand ein „Serious Game“ fĂŒr WhatsApp, das die Inhalte fĂŒr die Zielgruppe junger StĂ€dter:innen spielerisch erfahrbar macht. Es wurde an einem Wiener Gymnasium intensiv gespielt, begleitet von einer Diplomandin der Hochschule fĂŒr Agrar- und UmweltpĂ€dagogik, die die Lernwirkung analysiert.

Den grĂ¶ĂŸten Erfolg des Projekts sieht die Forscherin aber bereits jetzt in den vielen Aha-Erlebnissen wĂ€hrend des Prozesses, die auch schon in internationale Publikationen mĂŒndeten. Genauso wichtig sind die Verbindungen, sogar Freundschaften, die durch die Zusammenarbeit entstehen. „Es ist unglaublich ermutigend, wenn Beteiligte erfahren, dass andere in der Produktionskette so Ă€hnlich denken wie sie, oder etwas wagen. Das allein stĂ¶ĂŸt schon VerĂ€nderung an.“

Um schließlich vom heutigen System in die erwĂŒnschte Zukunft zu kommen, braucht es dieses Transformationswissen. Neben Wissenschaft und Praxis liegt die Expertise fĂŒr eine effektive Umsetzung von Maßnahmen bei Verwaltung, Politik, Recht und Zivilgesellschaft.

Über die Forscherin

Marianne Penker studierte Landschaftsplanung und Landschaftspflege an der BOKU University, wo sie seit 2017 Professorin fĂŒr Landsoziologie und lĂ€ndliche Entwicklung ist. Im Fokus ihrer Arbeit stehen nachhaltige ErnĂ€hrungssysteme vor allem in Europa. Um Transformationsprozesse zu unterstĂŒtzen, setzt Penker seit Jahrzehnten auf transdisziplinĂ€re Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis.

Sie war fĂŒr mehrere Jahre Vorsitzende des UNESCO-BiosphĂ€renkomitees in Österreich und wirkte an einem Sachstandsbericht zur Farm-to-Fork-Strategie der EU mit. 2022 war sie Teil des wissenschaftlichen Beirats der Vision 2028+ fĂŒr Österreichs Landwirtschaft und des österreichischen Klimarats.

Zum Projekt

Im Rahmen des transdisziplinĂ€ren Projekts COwLEARNING wurde ein Netzwerk aus rund 30 Akteur:innen entlang der gesamten Wertschöpfungskette gebildet, das in einem fĂŒnfjĂ€hrigen Prozess zusammen mit der Wissenschaft Transformationspfade zu einer ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltigeren sowie tierwohlgerechteren Milch- und Rindfleischversorgung in Österreich entwickelt.

COwLEARNING ist eine Kooperation von BOKU, VeterinĂ€rmedizinischer UniversitĂ€t Wien, Rinderzucht Austria, ErnĂ€hrungsrat Wien, Netzwerk Kulinarik, Vier Pfoten sowie der Plattform „Land schafft Leben“. Das Projekt lĂ€uft noch bis Februar 2027 und wird vom Wissenschaftsfonds FWF im Förderprogramm #ConnectingMinds mit 1 Million Euro gefördert. Das zusĂ€tzliche Citizen-Science-Projekt COwWEL ermöglicht es, auch ernĂ€hrungsvulnerable Gruppen in den Prozess einzubeziehen.