Gruppenbewegungen können manchmal bedrohlich wirken. Doch Emotionen sind ein unterschätzter Teil kluger zwischenmenschlicher Interaktion, wie neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen. © Waldemar Brandt/unsplash

„Ein einzelner Mensch ist intelligent, ein Haufen Menschen sind dumme, hysterische, gefährliche Tiere.“ – Dieses Zitat aus dem Film „Men in Black“ geht auf Aussagen des Philosophen Gustave Le Bon zurück, der als Begründer des Gebiets der Massenpsychologie gilt. Le Bon beschreibt die Transformation der bewussten Persönlichkeit einzelner Menschen zu einer Art Kollektivseele, die sie ganz anders fühlen lässt –, manchmal eben hysterisch und irrational. Der Philosoph Gerhard Thonhauser hat sich in einem vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekt daran gemacht, diese verbreitete Einschätzung zu hinterfragen. Als Modellsituation wählte er das Publikum von Sportveranstaltungen.

Die „Masse“ als Gefahr

Das Nachdenken über Kollektive falle uns generell schwer, sagt Thonhauser. „Mir scheint, dass wir bei Kollektiven immer in eine von zwei Richtungen abdriften – entweder in die Angst vor Massendynamiken, wo die Masse etwas Gefährliches ist, das kontrolliert werden muss, oder aber in eine Begeisterung für Massen und ihr revolutionäres Potenzial, als Ideal herrschaftsfreier Selbstregierung.“ Während Ersteres auf den erwähnten Le Bon zurückgehe, sei Zweiteres vor allem in marxistischen Strömungen präsent. „Es lässt sich gut nachverfolgen, dass relativ viel von unserem Alltagsverständnis, aber auch in der Wissenschaft in eine dieser beiden Richtungen geht“, sagt der Philosoph und ergänzt: „Die Idee des Projekts war, unser Nachdenken über Kollektive an einem beispielhaften System zu untersuchen.“ Thonhausers Wahl fiel auf das Publikum im Sport.

Sportpublikum als Modell

„Der Publikumsbegriff ist für mich interessant, weil in klassischen Öffentlichkeitstheorien, wie zum Beispiel bei Jürgen Habermas, das Bürgerliche Publikum die Leitfigur für die Öffentlichkeit war“, erklärt Thonhauser. „Publikum hat mit Öffentlichkeit zu tun, wie es etwa im englischen Wort Public sichtbar wird, das dieselbe Wortwurzel hat.“ Die Idee des Projekts war laut dem Forscher, im Rahmen dieser Modellsituation Begrifflichkeiten zu entwickeln, mit denen Agierende in Interaktion mit ihrer materiellen und sozialen Umwelt verstanden werden können. Thonhauser hat dafür mit Forschenden verschiedenster Fachrichtungen zusammengearbeitet, die Teil eines deutschen Sonderforschungsbereiches namens Affective Societies sind. „Ein soziologisches Teilprojekt dieses Forschungsbereichs, mit dem ich kooperierte, arbeitete mit ethnographischen Methoden und insbesondere mit Videos, die während Bundesligaspielen und religiösen Großveranstaltungen vom Publikum gemacht wurden“, berichtet Thonhauser. „Ich nahm an manchen Datensitzungen teil, bei denen die Videos gemeinsam analysiert wurden. Dabei zeigte sich, dass es denjenigen, die weniger Ahnung vom spezifischen Feld hatten, häufig schwerfiel, die beobachtbaren Verhaltensweisen nachzuvollziehen. Es bedurfte dann teilweise ausführlicher Erklärungen der Expertinnen und Experten für das jeweilige Feld, bis sich ein Verständnis einstellte.“ Im Rahmen dieser Arbeit habe sich für ihn abgezeichnet, dass auch eine Wende nötig sei, was die Beschäftigung mit Emotionen angeht. „Es gibt die Idee, dass Rationalität und Emotionalität nichts miteinander zu tun haben, und dass Emotionalität für Rationalität hinderlich ist. Diesen Gedanken gilt es zu hinterfragen“, sagt Thonhauser. Emotionen könnten uns etwas über eine Situation sagen und wie es uns dort geht.  „Das ist nicht irrational, sondern normaler Teil unserer Interaktionen. Auch ein vernünftiger Austausch hat eine affektive Basis“, betont der Forscher.

Thonhauser ist Nationaltrainer

Zu seinem Modellsystem Sport hat Gerhard Thonhauser einen ganz persönlichen Bezug, wie er erklärt: „In meiner Jugend und Studienzeit habe ich jahrelang Fußball gespielt und bin dann zu Ultimate Frisbee gewechselt.“ Bei Letzterem handelt es sich um einen auf Frisbee basierenden Mannschaftssport mit Elementen aus Basketball und American Football. Seit ein paar Jahren ist Thonhauser Trainer des österreichischen Mixed-Nationalteams in diesem Sport. Ultimate Frisbee ist insofern eine besondere Sportart, als sie ohne Schiedsrichter auskommt. Der Fair-Play-Gedanke ist hier besonders stark ausgeprägt, und selbst auf WM-Niveau werden nach einer vermuteten Regelübertretung alle Entscheidungen von den Spielerinnen und Spielern auf dem Platz getroffen. „Das erfordert eine starke Emotionskontrolle, weil man auch in Momenten höchster Anstrengung, in denen es um sehr viel geht – potenziell um einen WM-Titel –, ruhig und auf Augenhöhe mit der gegnerischen Mannschaft kommunizieren muss, um gemeinsam zu verstehen, was in einer Situation geschehen ist, und was die richtige Entscheidung ist.“ Es zeige sich, dass das Publikum dabei ganz ruhig wird, um die Entscheidungsfindung am Feld nicht zu beeinflussen. Thonhauser stellt diese Situation der Dynamik im Fußball gegenüber, dem Sport, den er früher gespielt hat. „Dort ist es ganz normal, dass das Heimpublikum bei Entscheidung gegen das eigene Team pfeift, um das Schiedsrichterteam zu beeinflussen.“ Um Situationen wie diese zu verstehen, seien die bisherigen Denkmuster nicht ausreichend, so der Philosoph. Die Konzentration auf den emotionalen Kontext sei entscheidend.

Konsequenzen für die Politik

Thonhauser betont, dass der Sport hier nur ein Modell ist. Seine Analysen sind auch auf andere Bereiche übertragbar, etwa die Politik. „Mobilisierung findet immer affektiv statt. Wir müssen emotional betroffen sein, um uns zu engagieren“, sagt Thonhauser. Das hieße nicht, dass dieses Engagement deshalb irrational wäre. Es brauche die Konzentration auf die Interaktionen innerhalb der Gruppe, sagt der Forscher. „Um diese zu verstehen, braucht es aber Hintergrundwissen über die jeweilige Emotionskultur.“ Das wurde für Thonhauser in der Kooperation zu Publikumsemotionen im Rahmen von Affective Societies besonders deutlich. Ohne Kenntnis des jeweiligen Kontextes fällt es selbst erfahrenen Forschern schwer, die verschiedenen Gefühlsausbrüche zu verstehen. „Wer zum ersten Mal in einem Fußballstadion ist, wird nicht verstehen, was dort passiert. Das ist nur möglich, wenn man die emotionalen Codes kennt“, schließt Thonhauser mit einem Beispiel aus dem Sport.


Zur Person Gerhard Thonhauser forscht als Praktischer Philosoph an der Technischen Universität Darmstadt. Er interessiert sich besonders für Sozialphilosophie und politische Philosophie, besonders im Hinblick auf die Phänomenologie der Emotionen. Von 2017 bis 2018 war Thonhauser Erwin-Schrödinger-Stipendiat des Wissenschaftsfonds FWF an der Freien Universität Berlin.


Publikationen

Gerhard Thonhauser & Michael Wetzels: Emotional sharing in football audiences, in: Journal of the Philosophy of Sport, 46:2, 224-243, 2019
Bens, Jonas & Diefenbach, Aletta & John, Thomas & Kahl, et al.: The Politics of Affective Societies. An Interdisciplinary Essay, Transcript Verlag 2019
Thonhauser, Gerhard: Shared emotions: a Steinian proposal, in: Phenomenology and Cognitive Sciences 17, 997–1015, 2018