Generation Scroll: Jugendliche zwischen Likes und LebensrealitÀt
Im Durchschnitt verbringen junge Menschen knapp vier Stunden tĂ€glich am Handy. Die meiste Zeit davon in sozialen Medien. Die sogenannten Digital Natives nehmen ĂŒber ihr Smartphone an der Welt teil â es dient zur Kommunikation, zur Unterhaltung, zur Information. IdentitĂ€ten werden ĂŒber Displays entwickelt. Das Smartphone gehört zum Alltag und ist ein stĂ€ndiger Begleiter. Was passiert, wenn man Jugendlichen diese GerĂ€te wegnimmt? Dieses Experiment wagte 2025 ein Oberstufen-Gymnasium im niederösterreichischen GĂ€nserndorf â begleitet von der ORF-Journalistin Lisa GadenstĂ€tter. Daraus entstand die Fernsehdokumentation âDrei Wochen Handyentzug: Das Experimentâ.
Drei Wochen Handyentzug: Das Experiment
Drei Wochen ohne Smartphone. Kein TikTok, kein Instagram, keine Chatgruppen. FĂŒr die 69 teilnehmenden SchĂŒler:innen bedeutete das eine radikale Umstellung. Was zunĂ€chst wie ein pĂ€dagogisches Experiment klingt, entwickelte sich fĂŒr viele Jugendliche zu einer ĂŒberraschenden Erfahrung. Plötzlich waren die Pausen stiller â und gleichzeitig lebendiger. Einige Jugendliche begannen wieder miteinander zu reden, andere griffen zu BĂŒchern oder verbrachten mehr Zeit drauĂen. Manche bemerkten Dinge, die ihnen im digitalen Dauerrauschen sonst entgehen. âIch habe plötzlich wieder Vögel zwitschern gehörtâ, erzĂ€hlt ein SchĂŒler in der Fernsehdokumentation.
Jugendliche und soziale Medien
Kathrin Karsay erforscht die Wirkung digitaler Medien auf Jugendliche mit Fokus auf Gesundheit, Social Media und gesellschaftliche Kommunikation. In ihren Analysen bindet Karsay die Perspektiven von Jugendlichen ein.
FWF-Projekte
Entzugserscheinungen
Doch der Verzicht fiel nicht allen leicht. In den ersten Tagen berichteten mehrere Jugendliche von Unruhe, NervositĂ€t oder Konzentrationsproblemen. 48 SchĂŒler:innen hielten bis zum Ende durch, 21 brachen frĂŒher ab. Einige LehrkrĂ€fte beobachteten sogar Verhaltensweisen, die an Entzugserscheinungen erinnern.
Medien sollen Aufmerksamkeit binden
Solche Reaktionen ĂŒberraschen die Kommunikationswissenschaftlerin Kathrin Karsay von der UniversitĂ€t Wien nicht. Viele digitale Plattformen seien gezielt darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. âViele Funktionen sozialer Medien sind darauf ausgerichtet, Nutzer:innen dauerhaft zu beschĂ€ftigenâ, sagt sie. âDas bedeutet aber nicht automatisch, dass intensive Nutzung gleich Sucht ist.â
âIntensive Nutzung bedeutet nicht automatisch Sucht.â
Neue Freiheit
Nach wenigen Tagen verschwanden die Beschwerden bei vielen Jugendlichen. Stattdessen beschrieben einige ein unerwartetes GefĂŒhl von Freiheit. Sie schliefen besser, verbrachten mehr Zeit mit Familie oder Freund:innen und bemerkten, wie viel Raum das Smartphone sonst in ihrem Alltag einnimmt. Das Experiment zeigt vor allem eines: wie tief digitale Medien mittlerweile in unserem Leben verankert sind. Und wie wichtig eine bewusste Reflexion des eigenen Medienkonsums ist.
Social Media â Orientierung und Feedback
Plattformen wie TikTok, Instagram oder Snapchat sind fĂŒr Jugendliche lĂ€ngst mehr als Unterhaltung. Sie sind Treffpunkt, Informationsquelle und BĂŒhne fĂŒr die eigene IdentitĂ€t. Gerade in der Jugendphase spielen soziale Orientierung und Feedback eine zentrale Rolle. Digitale Plattformen liefern dieses Feedback in Echtzeit: Likes, Kommentare oder neue Follower:innen zeigen unmittelbar, wie Inhalte bei anderen ankommen. âJugendliche befinden sich in einer Phase, in der Zugehörigkeit und RĂŒckmeldung besonders wichtig sindâ, erklĂ€rt Karsay. âSoziale Medien bieten dafĂŒr eine perfekte Infrastruktur.â Die Plattformen ermöglichen es, sich auszuprobieren, Rollen zu testen und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Gleichzeitig entstehen neue Formen sozialer Dynamik. Sichtbarkeit, Reichweite und Zustimmung werden messbar â und können so zusĂ€tzlichen Druck erzeugen.
âSoziale Medien bieten jungen Menschen die perfekte Infrastruktur fĂŒr Zugehörigkeit. â
Interaktive Nutzung und Scrolling
Dabei ist Social Media nicht gleich Social Media. Forschende unterscheiden hĂ€ufig zwischen interaktiver Nutzung und Scrolling. Interaktive Nutzung umfasst Kommunikation â etwa ĂŒber Messenger oder direkte Interaktionen mit anderen. Diese Form kann soziale Beziehungen stĂ€rken und Austausch erleichtern. Scrolling dagegen bedeutet vor allem Konsum: das Scrollen durch Feeds, das Anschauen von Kurzvideos oder Storys. Gerade diese Form kann dazu fĂŒhren, dass Menschen lange Zeit auf Plattformen verbringen.
Keine vorschnellen Diagnosen
Algorithmen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Sie analysieren Interessen und prĂ€sentieren stĂ€ndig neue Inhalte, die möglichst gut zu den Vorlieben der Nutzer:innen passen. âDiese personalisierten Feeds sind sehr effektiv darin, Aufmerksamkeit zu bindenâ, sagt die Wissenschaftlerin. âMan bekommt immer wieder Inhalte angezeigt, die genau zum eigenen Interesse passen.â Dennoch warnt sie vor vorschnellen Diagnosen. âHohe Nutzungszeiten allein sagen noch nichts ĂŒber problematische Nutzung ausâ, betont die Forscherin. âEntscheidend ist, ob andere Lebensbereiche darunter leiden â etwa Schlaf, Schule oder soziale Beziehungen.â
âEntscheidend ist, ob andere Lebensbereiche leiden â Schlaf, Schule, soziale Beziehungen.â
Gesundheit zwischen Information und Werbung
Neben der Unterhaltung spielen soziale Medien zunehmend auch als Informationsquelle eine Rolle â besonders bei Themen rund um Gesundheit, Fitness oder mentale Belastung. Im Rahmen eines vom FWF geförderten Citizen-Science-Projekts, das vom Kommunikationswissenschaftler Raffael Heiss von der UniversitĂ€t Innsbruck geleitet wird, hat Karsay den Konsum von Gesundheitsthemen junger Menschen zwischen 15 und 25 Jahren analysiert.
Dabei sammelten insgesamt ĂŒber 300 SchĂŒler:innen zwischen 12 und 19 Jahren Daten zu prominenten Gesundheitsinfluencer:innen. Die Ergebnisse zeigen ein gemischtes Bild. Einerseits können diese Inhalte uns inspirieren und uns dazu bringen, unser Gesundheitsverhalten zu hinterfragen. Andererseits fehlt Influencer:innen oft die Expertise im Gesundheitsbereich, sie verfolgen kommerzielle Interessen und propagieren Verhalten und Produkte, die uns mitunter schaden können. Dazu zĂ€hlen etwa NahrungsergĂ€nzungsmittel, die gesunde Menschen gar nicht brauchen.
Werbung als Teil des Lebensstils verkauft
Ăber 40 Prozent der befragten jungen Menschen vertrauen den Influencer:innen und ĂŒber die HĂ€lfte kauft deren empfohlene Produkte. âMehr als die HĂ€lfte der BeitrĂ€ge, die die Jugendlichen untersucht haben, enthielt kommerzielle Inhalteâ, erklĂ€rt Karsay. Oft seien diese jedoch nicht sofort als Werbung erkennbar. Produkte wĂŒrden in persönliche Geschichten eingebettet oder als Teil eines Lebensstils prĂ€sentiert.
Gesundheitsinfluencer:innen â Teil des sozialen Feeds
Influencer:innen spielen dabei eine zentrale Rolle. Ihre Empfehlungen wirken hĂ€ufig besonders glaubwĂŒrdig, weil sie nahbar erscheinen und ihren Alltag mit ihrem Publikum teilen. âDas Vertrauen, das Influencer genieĂen, unterscheidet sich stark von klassischer Expertenkommunikationâ, sagt Karsay. âViele Jugendliche erleben Gesundheitsinfluencer:innen im Alltag eher als Teil ihres sozialen Feeds denn als Werbefiguren.â
âMehr als die HĂ€lfte der BeitrĂ€ge enthielt kommerzielle Inhalte.â
Mentale Gesundheit: Zwischen Entstigmatisierung und Selbstdiagnose
Besonders bei psychischer Gesundheit tragen soziale Medien dazu bei, ĂŒber Themen zu sprechen, die frĂŒher oft tabuisiert waren. Doch auch hier sieht die Forschung Ambivalenzen. âSocial Media kann helfen, Stigmata abzubauenâ, erklĂ€rt Karsay, die im Rahmen des vom FWF geförderten multinationalen AWARE-Projekts die Darstellung psychischer Gesundheit in sozialen Medien erforscht. âAber komplexe psychische Erkrankungen werden online hĂ€ufig stark vereinfacht dargestellt.â Das könne dazu fĂŒhren, dass Jugendliche ihre eigenen Erfahrungen mit kurzen Online-ErklĂ€rungen nach einer Checkliste an Symptomen vergleichen â und manchmal vorschnell SchlĂŒsse ziehen. âKlinische Begriffe werden zunehmend breit auf Alltagsbefindlichkeiten angewandt â mit Folgen fĂŒr Selbstwahrnehmung und Hilfesuche.â
Red Flags
Worauf sollten Jugendliche also besonders achten bei Inhalten von Gesundheitsinfluencer:innen? Als Red Flags nennt die Wissenschaftlerin: fehlendes Fachwissen, Werbung im Post, ĂŒbertriebene Darstellung eines Produkts oder Lebensstils und ĂŒbertriebene Versprechungen. âWird mir versprochen, dass ich in zwei Wochen 20 Kilo abnehme oder von heute auf morgen volles Haar habe, dann ist das eher unwahrscheinlichâ, nennt Karsay Beispiele. Und was kann man von Gesundheitsinfluencer:innen mitnehmen? Solange es einen inspiriere und motiviere, ĂŒber das eigene Gesundheitsverhalten nachzudenken, sei es durchaus sinnvoll, ihnen zu folgen, so Karsay. âEs gibt Ărzt:innen, die ĂŒber ihr Fachwissen aufklĂ€ren, und Influencer:innen, die Jugendliche zu mehr Sport motivieren, ohne gleich fragwĂŒrdige Körperbilder zu vermittelnâ, nennt sie positive Beispiele.
Körperbilder im digitalen Raum
Ein besonders sensibler Bereich ist die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Plattformen wie TikTok oder Instagram sind voller Bilder und Videos, die oft stark bearbeitet oder gefiltert sind. In einer einzigen TikTok-Session können Nutzer:innen Hunderte Videos sehen â viele davon mit idealisierten Körperbildern. âDas Wissen darĂŒber, dass Bilder bearbeitet sind, schĂŒtzt leider nicht vor sozialem Vergleichâ, sagt Karsay. âMenschen vergleichen sich trotzdem mit dem, was sie sehen.â Dieser Vergleich kann langfristig Auswirkungen auf SelbstwertgefĂŒhl und Körperbild haben. Anders als klassische Werbung tauchen solche Darstellungen nicht nur gelegentlich auf. Sie begleiten Jugendliche stĂ€ndig â auf dem Weg zur Schule, im Bett vor dem Einschlafen oder zwischendurch im Alltag.
âDas Wissen darĂŒber, dass Bilder bearbeitet sind, schĂŒtzt nicht vor sozialem Vergleich.â
Politische Debatten und Altersgrenzen
Angesichts dieser Entwicklungen wird politisch immer wieder ĂŒber strengere Regeln fĂŒr soziale Medien diskutiert. Ende 2025 trat in Australien ein Verbot fĂŒr soziale Medien fĂŒr unter 16-JĂ€hrige in Kraft. In mehreren anderen LĂ€ndern stehen Altersgrenzen oder sogar Verbote fĂŒr jĂŒngere Nutzer:innen zur Debatte. Karsay sieht solche MaĂnahmen differenziert. âVerbote können die Nutzungszeit reduzierenâ, sagt sie. âAber sie garantieren nicht automatisch den gewĂŒnschten Effekt.â AuĂerdem gebe es gesellschaftliche WidersprĂŒche. In Ăsterreich dĂŒrfen Jugendliche bereits mit 16 Jahren wĂ€hlen, informieren sich ĂŒber politische Themen jedoch hĂ€ufig ĂŒber soziale Medien. âWenn wir den Zugang zu Plattformen stark einschrĂ€nken, betrifft das auch politische Informationsprozesseâ, erklĂ€rt Karsay.
Verantwortung der Plattformen
Auch Plattformbetreiber stehen zunehmend in der Kritik. Viele Funktionen sozialer Medien sind darauf ausgelegt, Nutzer:innen möglichst lange auf der Plattform zu halten. Endlose Feeds, automatische Video-Wiedergabe oder personalisierte Empfehlungen sorgen dafĂŒr, dass Inhalte stĂ€ndig weiterlaufen. âDiese Systeme sind bewusst so gestaltet, dass sie Aufmerksamkeit binden und es nahezu unmöglich machen, aufzuhörenâ, sagt Karsay. âDeshalb brauchen wir mehr Transparenz darĂŒber, wie Algorithmen funktionieren.â FĂŒr die Forschung sei auĂerdem ein besserer Zugang zu Plattformdaten wichtig, um reale Effekte genauer untersuchen zu können.
Medienkompetenz statt Kontrolle
Viele Forschende setzen weniger auf Verbote als auf Bildung. Medienkompetenz gilt als entscheidender SchlĂŒssel, um Jugendliche auf den Umgang mit digitalen Plattformen vorzubereiten. âTechnische Lösungen allein reichen nicht ausâ, sagt Karsay. âJugendliche mĂŒssen lernen, Inhalte kritisch zu hinterfragen und kommerzielle Interessen zu erkennen.â Schulen spielen dabei eine wichtige Rolle. Ebenso Eltern, die mit ihren Kindern ĂŒber Inhalte sprechen und digitale Erfahrungen gemeinsam reflektieren können. Strikte Kontrolle funktioniere dagegen selten dauerhaft. Offene GesprĂ€che ĂŒber Inhalte und Erlebnisse seien langfristig wirksamer.
âWir brauchen mehr Transparenz darĂŒber, wie Algorithmen funktionieren.â
Forschung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft
Kathrin Karsay beschĂ€ftigt sich seit vielen Jahren mit der Wirkung digitaler Medien auf Jugendliche. Ihr Fokus liegt besonders auf den Bereichen Gesundheit, Social Media und gesellschaftliche Kommunikation. Ein zentraler Ansatz ihrer Forschung ist die Arbeit mit Jugendlichen selbst. Deren Perspektiven sollen möglichst direkt in wissenschaftliche Analysen einflieĂen. âForschung darf nicht im Elfenbeinturm bleibenâ, sagt Karsay. âSie muss in die Gesellschaft zurĂŒckgetragen werden.â
Bewusster Umgang mit digitalen Medien
Das Experiment in GĂ€nserndorf zeigt letztlich vor allem eines: wie selbstverstĂ€ndlich Smartphones zum Alltag geworden sind â und wie ungewohnt ihr Fehlen wirken kann. Nach drei Wochen griffen die meisten Jugendlichen wieder zu ihren GerĂ€ten. Doch viele berichteten, dass sie ihr Nutzungsverhalten bewusster wahrnehmen. Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger SchlĂŒssel fĂŒr mehr Wohlbefinden. Nicht im vollstĂ€ndigen Verzicht auf digitale Medien, sondern im bewussten Umgang mit ihnen. Denn soziale Netzwerke sind lĂ€ngst Teil der LebensrealitĂ€t junger Menschen. Entscheidend ist daher weniger, ob sie genutzt werden â sondern wie.
Zur Person
Kathrin Karsay ist Assistenzprofessorin (Tenure-Track) am Institut fĂŒr Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der UniversitĂ€t Wien. Nach der Promotion 2018 an der UniversitĂ€t Wien war sie Postdoc in Wien und an der KU Leuven, wo sie von 2021 bis 2023 als Assistant Professor fĂŒr Gesundheitskommunikation tĂ€tig war. In ihrer Forschung untersucht sie gemeinsam mit ihrem Team, wie digitale Medien Gesundheit, Wohlbefinden und IdentitĂ€t prĂ€gen, insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Zudem erforscht sie Strategien fĂŒr einen reflektierten, gesunden Medienumgang, etwa durch bewusste Offlinezeiten und digitale Pausen. Ihre Arbeiten erschienen in fĂŒhrenden Fachzeitschriften, darunter Media Psychology, Communication Research, Social Science & Medicine und Telematics and Informatics.
Aktuell verantwortet sie das multinationale AWARE-Projekt (FWF/SNF/DFG) zur Darstellung psychischer Gesundheit auf Social Media. Sie arbeitet zudem an FWF-Projekten zu Gesundheitsinfluencer:innen und an evidenzbasierten Social-Media-Policys. (CHANSE/FWF)