Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, ist in Zeiten von Social Media schwierig geworden. Claus Oberhauser ist Mitbegründer eines europaweiten Netzwerks, das Verschwörungstheorien auf den Grund geht. © Pädagogische Hochschule Tirol

Die Aussagen des deutschen Lungenfacharztes Wolfgang Wodarg, dass die Maßnahmen gegen das neue Coronavirus Sars-CoV-2 Panikmache seien und deren rasche Verbreitung in den sozialen Netzwerken haben für große Aufregung gesorgt. Sie zeigen deutlich die Kernprobleme rund um Verschwörungstheorien auf, die aus der Corona-Krise hervorgehen: Die vermeintliche Seriosität von Quellen, das Vermischen von Fakten und Fiktion und die Möglichkeit, belegtes Wissen in einen neuen Kontext zu stellen. FWF: Herr Oberhauser: Wie sehen Sie das als Historiker? Claus Oberhauser: Darin besteht in der Corona-Krise tatsächlich eine große Gefahr. Wir begegnen heute einem Gemisch aus Fakten und Fiktion, Seriösem und Unseriösem. Und viel Unseriöses wird durch Stimmen von Wissenschaftlern oder Ärzten zu legitimieren versucht. So wie bei Wodarg: Die Ex-Journalistin und Verschwörungstheoretikerin Eva Herman (z.B. „Das Medienkartell“, „Die Wahrheit und ihr Preis“) hat mit ihm ein Interview geführt, das sich auf Youtube rasch verbreitet hat. Der Umgang damit ist schwierig. In Österreich leistet Mimikama – Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch – diesbezüglich sehr wichtige Dienste. Dort wird beobachtet, welche Falschmeldungen kursieren – auch auf Wodarg wird vom Verein hingewiesen. FWF: Wie kann man sich in diesem Dickicht überhaupt noch zurechtfinden? Oberhauser: Fakt ist, dass sich weltweit enorm viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler intensiv mit dem Coronavirus befassen. Auf viele Fragen gibt es noch keine Antworten. Verschwörungstheoretiker geben vor, sie schon zu haben. Außerdem gehen sie damit ganz bewusst an die Öffentlichkeit. Seriöse Forschende diskutieren Ergebnisse normalerweise zuerst im Expertenkreis.

„Auf viele Fragen gibt es noch keine Antworten. Verschwörungstheoretiker geben vor, sie schon zu haben. “ Claus Oberhauser

FWF: Sind die Corona-Verschwörungstheorien aus historischer Sicht „anders“? Oberhauser: Wenn man dem amerikanischen Politikwissenschaftler Michael Barkun folgt, hat man es mit sogenannten „Super-Verschwörungstheorien“ zu tun. Diese können alle möglichen ideologischen Inhalte haben und sich vermischen. Zu den Hauptbestandteilen zählen zudem Geheimbünde, große Firmen oder Gruppierungen. Die uns bekannten Corona-Verschwörungstheorien fallen da sehr stark hinein. Aktuell beobachten wir einen beispiellosen Wandel: Noch im Februar gingen wir davon aus, dass hinter zeitgenössischen Verschwörungstheorien fast immer eine politische Strategie steckt und das Forschungsinteresse galt daher der Frage: Wie werden Verschwörungstheorien von Populisten genutzt? Bei Corona-Verschwörungstheorien funktioniert dieser Zusammenhang bis dato nicht mehr. Es wird sich aber noch zeigen, wie sich die restriktiven staatlichen Maßnahmen auf das Verschwörungsdenken auswirken werden. FWF: Wie genau unterscheiden sich diese Super-Verschwörungstheorien von anderen Kategorien? Oberhauser: Die gängige Definition für Verschwörungstheorien ist sehr vage und besagt im Kern nur, dass damit etwa ein Ereignis durch eine Verschwörung erklärt werden soll. Genau in dieser Vagheit liegt ihre „Stärke“. Verschwörungstheorien können von jeder Person genutzt werden und lassen sich auf fast alle Ereignisse anwenden. Grundsätzlich unterscheiden wir zwei Richtungen: Verschwörungstheorien im Sinne einer großen Erzählung und ikonische Verschwörungstheorien, wo Bilder und Symbole eine große Rolle spielen, in die Verschwörungstheoretiker viel hineininterpretieren. Letztere sind heute stark vertreten. Auf Videoportalen wie Youtube oder in anderen Social-Media-Kanälen kursieren dann etwa Bilder von Handzeichen. Ein bekanntes Beispiel ist die "Merkel-Raute" der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Handhaltung löste viele Spekulationen über deren Bedeutung aus. Heutzutage mischt sich die große Erzählung mit dem bildlichen Code. FWF: Ist es mit großen Erzählungen, wo eine Gruppe und ein aufzudeckendes Geheimnis zentral sind, bei der Corona-Pandemie nicht eher schwierig? Oberhauser: Das Coronavirus betrifft die ganze Welt. Das ist eine noch nie dagewesene Konstellation. Die Verbreitung von Krankheiten wurde früher mitunter als Auswuchs des Kapitalismus gedeutet und in verschiedenste Ideologien gepresst. Diese gängigen Erklärungsmuster sind nun nicht anwendbar. Viel wird davon abhängen, wie die chinesische Regierung mit Informationen an die Öffentlichkeit tritt. Denn umso ungesicherter offizielle Nachrichten sind, desto eher werden Verschwörungstheorien herangezogen, um Sinngebungsangebote zu liefern.

„Verschwörungstheorien beziehen sich nun stärker auf den Staat als Sicherheitssystem und auf Überwachung. “ Claus Oberhauser

FWF: Der kollektive Feind ist ein Virus. Wogegen also richten sich Verschwörungstheorien jetzt? Oberhauser: Aktuell vollzieht sich eine Wende. Verschwörungstheorien beziehen sich nun stärker auf den Staat als Sicherheitssystem, die Disziplinierung von Menschen bis hin zur Überwachung und die Frage, ob das alles nach der Pandemie wieder zurückgenommen wird. Verschwörungstheoretiker mutmaßen, dass das Coronavirus eine nationalstaatliche „Erfindung“ sei, um die Menschen unter Cyber-Kontrolle zu bringen. Insgesamt ist es schwierig, Feindgruppen auszumachen. Trotzdem spricht etwa US-Präsident Donald Trump vom ‚Wuhan-Virus‘, die chinesische Regierung betont, dass das Virus importiert wurde und in Europa war mitunter vom ‚italienischen Virus‘ die Rede. FWF: Sind Verschwörungstheorien als eine Reaktion auf etwas Unerklärliches zu verstehen? Oberhauser: In Europa haben Verschwörungstheorien im Zeitalter der Aufklärung eine wichtige Rolle gespielt. Vor allem konservative Elite haben mit verschwörungstheoretischen Thesen auf den Wandel reagiert. Ein Beispiel ist der evangelische Theologe und Schriftsteller Johann August Freiherr von Starck, der eine kleine, aber illustre Gruppe namhafter Experten um sich scharte. Auf diese Gruppe gehen die Verschwörungstheorien rund um die Beteiligung der Illuminatenorden an der Französischen Revolution zurück. Das war ein gezieltes Bemühen, die eigene Expertentätigkeit in den Vordergrund zu rücken und anderen etwas in die Schuhe zu schieben. FWF: Verändern sich Verschwörungstheorien, wenn sie weitergetragen werden? Oberhauser: Ja. Wir wissen das von den Freimaurer-Verschwörungstheorien. Deren Kern hat seine Wurzeln im 18. Jahrhundert in Westeuropa. Dann gelangten sie in die USA, wo sie eine andere Wendung erhielten, nicht zuletzt deshalb, weil US-Präsident George Washington ein Freimaurer war. Während Freimaurer in Europa eher als Kräfte der Französischen Revolution galten, wurde sie in den USA dem Eliten- bzw. Staatsdiskurs zugeordnet. FWF: Wird die Corona-Pandemie den Blick der Forschung auf Verschwörungstheorien verändern? Oberhauser: War es früher noch ein anrüchiges Randthema, wandelt sich das derzeit stark. Immer mehr Forschende erkennen, dass Verschwörungstheorien per se ein interdisziplinärer Forschungsgegenstand sind. Deshalb habe ich mich im Zuge meines letzten FWF-Projekts der COST-Action „Comparative Analysis of Conspiracy Theories“ angeschlossen. Daraus entstand ein europaweites, interdisziplinäres Netzwerk (www.conspiracytheories.eu) von Forschenden, die sich mit Verschwörungstheorien befassen. Im März diesen Jahres erschien ein umfangreiches Handbuch zu Verschwörungstheorien und für Schulen haben wir ebenfalls Materialien entwickelt. FWF: In diesen Unterrichtsmaterialien wird viel Geschichte vermittelt. Gibt es historische Parallelen zu anderen Pandemien? Oberhauser: Verschwörungstheorien ziehen sich durch die Menschheitsgeschichte. Die Schuld an einem Ereignis, einer Krise oder an Veränderungen wird jemandem zugeschoben, der außerhalb der Gemeinschaft steht. Als im Europa des 14. Jahrhunderts die Pest wütete, kursierte eine Vielzahl an Verschwörungstheorien, die die Schuld der jüdischen Bevölkerung zuschoben. Gewaltsame Ausschreitungen waren häufig die Folge. Andere Beispiele sind das HI-Virus und das Ebolavirus. Hinter alldem steht die Grundangst der Menschen vor Krankheit. Auffällig ist zudem, dass durch diese Verschwörungstheorien oft Wissenschaftler in Verruf geraten und sich viel um gescheiterte Experimente oder Geheimexperimente im Auftrag des Staates oder eines Konglomerats von Unternehmen dreht.

„Verschwörungstheorien waren früher ein Elitendiskurs, heute erreichen sie alle Schichten. “ Claus Oberhauser

FWF: Hinzu kommt, dass heute praktisch jede und jeder über soziale Medien Gerüchte verbreiten kann. Wie sehen Sie das im historischen Verlauf? Oberhauser: Früher haben sich Verschwörungstheorien über Romane, polemische Schriften und Zeitungen stark verbreitet. Allerdings waren sie eher ein Elitendiskurs und auf politischer Ebene der Normalzustand. Stigmatisiert wurden Verschwörungstheorien erst viel später. Soziale Medien adressieren nun alle gesellschaftlichen Schichten. Neu ist zudem der hohe Grad an Vernetzung und die Schnelligkeit. Verschwörungstheoretiker können mittels sozialer Medien sehr viele Inhalte liefern und auf alle Ereignisse anwenden. Der deutsche Soziologe Max Weber spricht von der Entzauberung der Welt durch ein positivistisches Wissenschaftsverständnis. Verschwörungstheorien sind die Verzauberung der Entzauberung und ihre Protagonisten spielen das Spiel: „Ich sehe was, das du nicht siehst und das ist ...“ FWF: Kann man zwischen Verschwörungstheorie, echter Verschwörung, Populismus und Aufdeckung eigentlich unterscheiden? Oberhauser: An einer echten Verschwörung sind nur wenige Leute mit einem klaren Ziel beteiligt. Je mehr davon wissen, desto eher gerät das Vorhaben an die Öffentlichkeit und läuft Gefahr, zu scheitern. Populismus ist auf verschwörungstheoretisches Denken ausgerichtet und beide sind sehr wesensähnlich. Die Abgrenzung zur Aufdeckung ist enorm schwierig. Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker, die wie Eva Herman als Aufdecker auftreten und sich in der Gegenöffentlichkeit engagieren, kann man an ihren extremen Denkweisen entlarven: Sie zeichnet ein starkes Bemühen aus, sich gegen die offizielle Erzählung zu stellen. FWF: Wann sollten konkret die Alarmglocken schrillen? Oberhauser: Verschwörungstheoretiker glauben stark an ein monokausales Denkprinzip, und es gibt drei Hauptmerkmale: Erstens: Nichts ist, wie es scheint – Verschwörungstheoretiker glauben nicht an offizielle Berichte oder Erzählungen. Zweitens: Alles ist miteinander verbunden – sie denken, dass im Untergrund oder hinter den Kulissen die Fäden gezogen werden. Und drittens: Es gibt keine Zufälle – sie glauben, dass eine Verschwörung dahintersteckt. Man erkennt Verschwörungstheorien übrigens auch am überbordenden Gebrauch des Begriffs Wahrheit. Auch jetzt etwa, wenn von der Wahrheit über das Coronavirus die Rede ist. FWF: Was können seriöse Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem entgegenhalten? Oberhauser: Sie sind mehr denn je gefordert, ihre Deutungssysteme offen zu legen. Auch die Wissenschaftskommunikation sollte viel mehr darlegen, was Forschende tun, da sonst viel Misstrauen entsteht. In einer aktuellen Studie hat zum Beispiel eine Vielzahl an Forschenden das Gerücht geprüft, ob das neue Coronavirus im Labor entstanden sein könnte und dies widerlegt. Solche Erkenntnisse müssten in der Öffentlichkeit viel präsenter sein. Und als Medienkonsumentin bzw. Medienkonsument sollte man sich die Frage stellen: Würden seriöse Wissenschaftler gerade jetzt ungesicherte Erkenntnisse über WhatsApp teilen?


Claus Oberhauser ist Leiter des Instituts für fachdidaktische und bildungswissenschaftliche Forschung und Entwicklung an der Pädagogischen Hochschule Tirol. Der Historiker und Geschichtsdidaktiker forscht und lehrt auch an der Universität Innsbruck und war als AHS-Professor tätig. Neben Verschwörungstheorien und Geschichte der Diplomatie liegen seine Schwerpunkte u.a. bei politischer Bildung und Globalgeschichte.