HofĂŒbergabe – der Einfluss von Erbgewohnheiten auf die Entwicklung einer lĂ€ndlichen Gesellschaft wurde in einem FWF-Projekt untersucht. © prachenskemuzeum.cz

Anerbenrecht oder Realteilung – so lauten die beiden Fachbegriffe fĂŒr zwei in der frĂŒhen Neuzeit ĂŒblichen Formen des Besitztransfers zwischen den Generationen. Wurde beim Anerbenrecht der ungeteilte Besitz an einen einzigen Nachkommen vererbt, so erfolgte bei der Realteilung eine Aufteilung unter den verschwisterten Nachkommen. Gravierende EinflĂŒsse auf Heiratsverhalten, Bevölkerungswachstum und die gesellschaftliche Entwicklung galten bisher als logische Konsequenz der jeweiligen Erbgewohnheit –, doch wurden die EinflĂŒsse nie wirklich empirisch untersucht. Historiker Hermann Zeitlhofer von der UniversitĂ€t Wien fĂŒllte diese LĂŒcke anhand einer exemplarischen Studie fĂŒr eine lĂ€ndliche Region im sĂŒdlichen Böhmerwald, deren Ergebnisse nun unter dem Titel „Besitzwechsel und sozialer Wandel“ im Böhlau Verlag erschienen sind.

Besitzergreifend

TatsĂ€chlich wurde in der Fachliteratur bisher zwar nur angenommen, dass Erbgewohnheiten eine prĂ€gende gesellschaftliche Wirkung hĂ€tten, dennoch reichten die darauf aufbauenden Behauptungen weit: so sollte eine ungeteilte Weitergabe des Besitzes zu mehr Abwanderung und zu einer stark polarisierten Gesellschaft gefĂŒhrt haben. Einigen wenigen Erben großer BesitztĂŒmer stĂŒnde unter diesen Bedingungen eine Heerschar an mittellosen Personen gegenĂŒber, die beim Erbe leer ausgegangen waren. Die Realteilung hingegen hĂ€tte durch einen einheitlichen Kleinbesitz der Massen mehr FamiliengrĂŒndungen und so ein starkes Bevölkerungswachstum erlaubt. FĂŒr Zeitlhofer sind dies SchlĂŒsse, die auf nicht belegten Vorannahmen in der Fachliteratur beruhen. „Wie sich anhand der von mir untersuchten Pfarre im sĂŒdlichen Böhmerwald zeigt, greifen diese Schlussfolgerungen zu kurz. Nicht der Besitztransfer per se hatte diese Auswirkungen, sondern erst in Verbindung mit politischen, rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen ergaben sich entsprechende Folgewirkungen“, fasst er die nun als Buch veröffentlichten Ergebnisse seines Projekts zusammen. Zeitlhofer untersuchte dabei insbesondere den Zeitraum zwischen den Jahren 1640 bis 1848. In dieser Zeit herrschte in dem im Untersuchungsgebiet das Prinzip der Unteilbarkeit der GĂŒter bei Besitzweitergabe vor.

Erbe mit Kaufvertrag

Die Ergebnisse, die Zeitlhofer zu seinem ResĂŒmee bewegten, waren dabei durchaus ĂŒberraschend – und stehen im Kontrast zu den aktuell in der Literatur dargestellten Annahmen. So wurden in der untersuchten Pfarre lĂ€ndliche Anwesen prinzipiell – egal ob im Erbfall oder bei einem Verkauf – mittels Kaufvertrag ĂŒbertragen. Eine Unterscheidung zwischen Erbe und Kauf ist im Nachhinein also nicht klar möglich. Aufbauend darauf belegte er, dass die EmpfĂ€ngergruppen bei der Weitergabe von Besitz ĂŒber die Jahrhunderte stark variierten. Waren es im 17. Jahrhundert vordergrĂŒndig Nicht-Verwandte, so waren es ab dem 18. Jahrhundert eher Familienmitglieder. Diese Entwicklung hatte gravierende Auswirkungen auf die Lebenswege der Geschwister, die vom Erbe ausgeschlossen waren. Gelang es ihnen im 17. Jahrhundert noch zu Haus- und Grundbesitz zu kommen, wurde dies aufgrund der zunehmenden Weitergabe innerhalb der Familie im 18. Jahrhundert immer weniger möglich. So waren diese Geschwister oft zu einem lebenslangen Dasein als besitzlose „Inwohner“ (Mieter) gezwungen.

Spektrum statt Polarisierung

Neben den GrundbĂŒchern der untersuchten Pfarre – die alle (!) Besitzerwechsel im Untersuchungszeitraum auflisten – dienten Zeitlhofer zahlreiche Steuerkataster und eine komplette Familienrekonstitution als Datenquellen fĂŒr seine Studie. Insgesamt gelang es ihm so zu zeigen, dass trotz der strikt eingehaltenen Weitergabe von ungeteiltem Besitz in der Pfarre keine stark polarisierte Gesellschaft entstand. Zwar bildete sich neben der gleich bleibenden Anzahl an bĂ€uerlichen Höfen auch eine Gruppe Landloser, doch stellte sich heraus, dass daneben ein durchaus breit gefĂ€chertes Spektrum an Kleinbesitzern entstand. UrsĂ€chlich dafĂŒr waren zahlreiche Möglichkeiten, die einen Landerwerb auch abseits der Erbfolge ermöglichten. Die gesellschaftliche Entwicklung lief also keinesfalls so monokausal ab, wie es die bisherigen Annahmen vermuten hatten lassen.


Zur Person Hermann Zeitlhofer ist Bibliothekar und Historiker an der UniversitĂ€t Wien. Seine Forschungsinteressen umfassen insbesondere die Geschichte des sozialen Wandels, der Migration und des Alters. Die Arbeiten zu der vorgestellten Studie erfolgten im Rahmen des langjĂ€hrigen internationalen Forschungsprojekts "Soziale Strukturen in Böhmen" am Institut fĂŒr Wirtschafts- und Sozialgeschichte der UniversitĂ€t Wien, in dem österreichische, tschechische, britische und deutsche Institutionen zusammenarbeiteten.


Publikation

FWF E-Book Library (Open Access): Besitzwechsel und sozialer Wandel. LebenslĂ€ufe und sozioökonomische Entwicklungen im sĂŒdlichen Böhmerwald, 1640 - 1840. Böhlau Verlag 2014. ISBN 978-3-205-79565-0